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Förderpreise für Sabrina Asche, Luise Marchand und Wenzel Stählin

Die Wüstenrot Stiftung hat gemeinsam mit dem Museum Folkwang vier Förderpreise für Dokumentarfotografie vergeben. Die Preise erhalten in diesem Jahr Sabrina Asche und Luise Marchand, beide HGB Leipzig, Heiko Schäfer, Kunstakademie Düsseldorf, sowie Wenzel Stählin, HGB Leipzig und Kunsthochschule Kassel. Unter 66 Bewerbungen von Absolvent*innen deutscher Kunsthochschulen und fotografischer Ausbildungsstätten wählte die Jury die vier Preisträgerinnen und Preisträger aus.

Sabrina Asche

Sabrina Asche studierte Fotografie in der Klasse für Fotografie und Bewegtbild bei Prof. Tina Bara. In ihrer fotografischen Arbeit „Garments and Garment Workers“, mit der sie unter anderem 2020 ihr Diplom absolvierte, setzt sie sich mit der Rolle von Textilarbeiterinnen in einer globalisierten Welt und ihren Möglichkeiten der Emanzipation auseinander. Die Fotoserie gehörte zu den diesjährigen Nominierungen des August-Sander-Preises. 2018 erhielt sie Arbeitsstipendien vom Goethe Institut Dhaka und Mumbai. Teile der daraus entstandenen Arbeiten sind noch bis Ende Juli in der Galerie des Goethe-Instituts Max Mueller Bhagvan Mumbai im Rahmen der Fotoausstellung „Responses“. In Leipzig werden ihre Fotografien und Druckgrafiken vom 20.06. bis 14.08.2020 in der Ausstellung „WIN/WIN 2020, Ankäufe der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen“ in der Halle 14 Zentrum für zeitgenössische Kunst zu sehen sein. Werke von Sabrina Asche sind u.a. in der Sammlung des Kunstfonds des Freistaates Sachsen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vertreten. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Leipzig und Dhaka.

Die Jury begründete ihre Auszeichnung wie folgt: „Sabrina Asche wird sich im Rahmen des Förderpreises mit der Situation der vielen unsichtbaren Frauen beschäftigen, die in der bengalischen Textilindustrie arbeiten. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im Dhaka District in Bangladesch. Sie hat bereits partizipative Workshops mit Arbeiterinnen in Dhaka organisiert und hierbei Fotografien, Notizen und Interviews gesammelt. Für ihr neues Projekt möchte sie das Material verwenden und es mit Bildern, Videos, Ton und Text verweben. Diese partizipative Arbeitsweise zeichnet die Jury als spannende Reflexion der Autorenrolle einer Fotografin und Erweiterung des dokumentarischen Ansatzes aus.“

Luise Marchand

Luise Marchand absolvierte 2016 ihr HGB-Diplom im Studiengang Fotografie mit Auszeichnung. Sie studierte in der Klasse für Fotografie im Feld der zeitgenössischen Kunst von Prof. Peter Piller, bei dem sie 2017 ihr Meisterschülerstudium anschloss. Seit 2018 war die Medienkunstprofessorin Peggy Buth ihre Mentorin an der HGB (sowie Prof. Peter Piller, bei dem sie ein Gastjahr an der Kunstakademie Düsseldorf verbrachte). Ihr künstlerisches Schaffen dreht sich um Fragen zu den Kulturen am Arbeitsplatz und den darin stattfindenden sozialen Beziehungen. Sie erhielt 2018 den Nationalen Nachwuchspreis des Kunstvereins Hannover. Nahm unter anderem an institutionellen Gruppenausstellungen im Fotomuseum Winterthur, Bethanien Art Center, der nGbK Berlin, dem Künstlerhaus Bremen und im Kunstverein Leipzig teil. Luise Marchand ist Trägerin des Meisterschüler*innen-Preises 2020 der G2 Kunsthalle. Derzeit lebt sie in der Villa Minimo Hannover, für das einjährige Residenzstipendium des Kunstvereins Hannover.

Zum ausgezeichneten Projekt von Luise Marchand schreibt die Jury: „Luise Marchand spürt in ihrem aktuellen Projekt die Übergänge von Work-Life Balance zum Work-Life-Blending nach, indem sie sich als Mitglied eines Kollektivs in Teambuilding-Prozesse einbringt und das Verhalten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen studiert. Sie reflektiert den Traum von Selbstbestimmung und das Gleichgewicht von Beruf und Privatleben, die durch die Digitalisierung im 21. Jahrhundert zu einer greifbaren Realität werden. From Me to We lautet dabei das vollmundige Versprechen, worin jeder Einzelne sich und sein Potenzial einbringt und das zu einer optimalen Gesamtheit führt. Im Prototypen ihrer digitalen Dia-Videoschau From Me to We sah die Jury das Potential einer gesellschaftsrelevanten Auseinandersetzung von Individuum und Gesellschaft."

Wenzel Stählin

Wenzel Stählin absolvierte 2016 sein Diplom an der HGB in der Klasse für Fotografie von Prof. Heidi Specker. 2017 schloss er ein Meisterschülerstudium bei Prof. Bernhard Prinz an der Kunsthochschule Kassel ab. Er war Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und wurde von der Karin und Uwe Hollweg Stiftung Bremen gefördert. Für seine Meisterschülerarbeit erhielt er 2018 den Sonderpreis der CDW Stiftung Kassel. In seiner künstlerischen Praxis befasst sich Wenzel Stählin mit Arbeit am eigenen Körper, einer Verortung von Arbeit und Freizeit in den Feldern privat/ beruflich und dem wirtschaftlichen/ gesellschaftlichen Ideal von Konsum und Wachstum. Die Beoeobachtung seiner Umwelt unter diesen Aspekten ist die Grundlage für unterschiedliche Serien und Techniken. Installativ kombiniert er diese Serien mit verschiedenen Schwerpunkten. Dokumentarische und inszenierte Fotografien existieren in seinen Installationen gleichwertig nebeneinander. Er lebt und arbeitet in Leipzig.

In der Begründung der Jury heißt es: „Wenzel Stählin überzeugte die Jury mit seinen vielseitigen fotografischen und inhaltlichen Zugängen zum Thema des wirtschaftlichen Wachstums und der Arbeit, die unweigerlich damit verknüpft zu sein scheint mit Arbeit am Körper, Arbeit an der Karriere, Arbeit an der eigenen Repräsentation. Sein neues Projekt knüpft an dieses Themenspektrum an und fragt nach einem Arbeitsort, der gegenwärtig eine Neubewertung erfährt – das Büro. Bei Büromessen, an Arbeitsplätzen und im Studio will Stählin der Frage nachgehen, wie Menschen heute produktiv gemacht werden. Der Körper, als kleinste private Einheit, steht dabei im Spannungsfeld zwischen Beruflichem und Privatem, deren klare Abgrenzung voneinander offenbar immer schwieriger zu werden scheint.“

Dokumentarfotografie Förderpreis der Wüstenrotstiftung

Die Dokumentarfotografie Förderpreise werden seit 1994 ausgelobt. Die Wüstenrot Stiftung vergibt die Förderstipendien in langjähriger Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang im zweijährigen Turnus an vier Absolventen*innen deutscher Hochschulen und Akademien. Eine Jury aus Vertretern der Stiftung des Museums sowie weiteren Fachleuten entscheidet über die Vergabe. Die Preise sind mit jeweils 10.000 EUR dotiert. Das Förderprogramm richtet sich an Fotografen*innen, die sich mit Themen der realen Lebenswelt beschäftigen und mit zeitgenössischen Mitteln die Definition des Abbildungscharakters der Fotografie reflektieren. Diese Auseinandersetzung zu unterstützen und ihre Weiterentwicklung zu fördern, ist Anliegen der Förderpreise. Ihre Vergabe ist offen für aktuelle Methoden, Formen und Techniken, die eine dokumentarische Haltung gegenüber der Wirklichkeit einnehmen. In diesem Jahr wurde die Ausschreibung erstmals im Nominierungsverfahren durchgeführt. Hochschullehrer*innen aller deutschen Universitäten und Akademien, die einen explizit dokumentarischen Ausbildungsschwerpunkt haben, wurden aufgerufen, Absolvent*innen zu nominieren. Mit der Bewerbung wurde jeweils eine Dokumentation der Abschlussarbeit sowie ein neues Projektvorhaben eingereicht. Die Preise ermöglichen die Realisierung des eingereichten Projektvorhabens. Nach Ablauf eines Jahres wird aus den Arbeitsergebnissen eine Wanderausstellung mit Begleitkatalog konzipiert. Kuratorin der Dokumentarfotografie Förderpreise 13 ist Christin Müller.

Der Dokumentarfotografie Förderpreis der Wüstenrot Stiftung ist die bedeutendste Auszeichnung dieser Art in Deutschland. Bisher wurden Arbeitsstipendien an 48 junge Fotograf*innen von 18 verschiedenen deutschen Hochschulen und Akademien vergeben.

Die Mitglieder der internationalen Jury waren: Dr. René Hartmann, Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg, Susanne Hefti, Künstlerin und ehemalige Preisträgerin, Zürich, Irene de Mendoza, Artistic Director, Fundación Foto Colectania, Barcelona, Thomas Seelig, Leiter der Fotografischen Sammlung, Museum Folkwang, Essen und Dr. Anna Tellgren, Curator of Photography, Moderna Museet, Stockholm.

Die Jury begründet ihre Auswahl wie folgt: „Die Vielfalt an Themen und Herangehensweisen der eingereichten Bewerbungen für die Förderpreise verdeutlichen ein anhaltend starkes Interesse an der Auseinandersetzung mit dem dokumentarischen Blick. Die prämierten Projektvorhaben zeichnen sich durch innovative Arbeitsweisen aus, bei denen die Sprache des Dokumentarischen reflektiert und erweitert wird. Inhaltlich verfolgen die Projekte der Preisträgerinnen und Preisträger vielschichtige Auseinandersetzungen mit dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft sowie den Vorstellungen von Privatsphäre und Öffentlichkeit in unserer Gesellschaft.“

Aufgrund der aktuellen Corona-Situation wird die feierliche Preisverleihung im Museum Folkwang vorerst nicht stattfinden. Sie soll zu einem späteren Zeitpunkt in einem angemessenen Rahmen nachgeholt werden.