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Das Dekameron 2020: Tag 2

Die Krisen der Krise

Von unserer Küche aus sehe ich jeden Morgen auf unseren Hinterhof hinunter. Er ist ein recht gewöhnlicher Hinterhof, aber jedes Mal, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch war, war immer wieder ziemlich viel los. Mal haben Kinder im Sandkasten gespielt, rumgetobt und gekreischt, junge Leute haben auf den Schaukeln rumgehangen und telefoniert, die Älteren haben hinten in einer Ecke gegrillt und abends glühte noch die eine oder andere Zigarette, die auf der Rückenlehne der Bank geraucht wurde. Für ein paar Nachbar*innen ist der Hinterhof mittlerweile sicherlich eine Erweiterung ihrer Wohnung, eine extra Wand, ein deckenfreies Spielzimmer geworden oder einfach nur ein Zufluchtsort, an dem man kurz seine Privatsphäre hat, Luft schnappen und den Gedanken mehr Freiraum geben kann. Eigentlich würde der Hinterhof jetzt im Frühling so richtig aufblühen, aber wegen der jetzigen Krise fällt das weg. Der einzige, bei dem wirklich etwas aufblüht und bei dem es keine wirkliche Krise zu spüren gibt, ist der eine Baum rechts von der Schaukel.  Er scheint seinen Zufluchtsort nicht verloren zu haben. Oder vielleicht doch?

– Celia Ibanez Lamuno