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Trauer um Prof. Volker Pfüller

Volker Pfüller – Zeichner, Grafiker, Plakatkünstler, Kostüm- und Bühnenbildner von hohem Rang, Hochschullehrer, Poet, Leipziger, geboren am 7. Juni 1939, Schüler von Werner Klemke, Klaus Wittkugel und Arno Mohr, national und international tätig, Mitglied der Alliance Graphique Internationale, eingeladen zum Theatertreffen, vielfach geehrt und ausgezeichnet, zuletzt 2019 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für sein Lebenswerk, gestorben am 23. Oktober 2020.

Er betritt als Grafiker und Illustrator in den späten 60er/ frühen 70er Jahren die Szene in der DDR und fällt mit seiner Handschrift auf. Seine Arbeiten haben ein starkes Aroma, sie sind kantig, expressiv, kein bisschen gefällig, von ungewöhnlicher Farbigkeit und verbinden inhaltliche Aussage mit stilistischer Entdeckerfreude. Er erschließt Quellen wie die expressionistische Zeichnung, Grosz, Beckmann, knüpft an Traditionen des original-lithografischen Plakates der Jahrhundertwende oder des deutschen Sachplakates an und zeigt seine Liebe zur Zeichenkunst jenseits des Akademischen. Die Breite seines grafischen Spektrums frappiert: zeichenhaft aufs Äußerste verknappt und von schmerzhaft gesteigertem Ausdruck, lakonisch oder verspielt, grotesk auf die Spitze getrieben, atmosphärisch beleuchtet oder in grelles Licht getaucht, nuanciert oder kontrastreich aufgeladen, launig oder herb, ironisch anspielungsreich oder direkt, großzügig locker dargeboten oder präzise beschrieben, dabei immer die Unmittelbarkeit des zeichnerischen Ausdrucks wahrend und voller Lust, Kraft und Entschiedenheit.

Volker Pfüller macht Bilderbücher für den Kinderbuchverlag Berlin, illustriert humoristische und satirische Literatur für den Eulenspiegel Verlag, bebildert Klassiker und Gegenwartsliteratur, Abenteuer- und Jugendbücher und zeichnet Magazin-Illustrationen. Später kommen „Die Tollen Hefte“ bei Maro und die Künstlerbücher im Lubok Verlag hinzu.
   Und er arbeitet für das Theater, ist Kostüm- und Bühnenbildner und Grafiker, exemplarisch für Inszenierungen von Alexander Lang am Deutschen Theater Berlin. Seine Methode ist es, den Probenprozess unablässig zeichnerisch zu begleiten und zu beeinflussen, seine Figurinen sind nicht bloße Anweisungen für die Gewandmeister, seine Bühnenbildentwürfe nicht allein Veranschaulichungen für die Theaterwerkstätten, sie sind die lebendige Gestalt der Inszenierung, seine Ausstattungen prägen das Gesicht des Theaters, die Plakate tragen es auf die Straße und dominieren über Jahre hinweg das Stadtbild Ostberlins in den 80ern.
   Umgekehrt sind Eigenschaften des Schauspiels – die dramatische Verdichtung, die Kostümierung, der Pakt mit dem Publikum, das Spiel für Ernst zu nehmen (und umgekehrt), die Künstlichkeit, der erdachte Raum – Mittel, die Volker Pfüllers Bildwelt charakterisieren.
   Und: das Theater bietet ihm die Gelegenheit, bereits ab den frühen 80er Jahren in beiden deutschen Staaten tätig zu sein und z.B. in München oder Hamburg ansteckend zu wirken. Denn neben dem DT, der Volksbühne, dem Maxim-Gorki-Theater kommen beispielsweise die Münchner Kammerspiele und das Thalia Theater Hamburg hinzu, später die Staatsoper Stuttgart, das Stadttheater Heilbronn, das Landestheater Linz, die New Israeli Opera Tel Aviv oder das Teatro del maggio musicale Fiorentino in Florenz.
   Und Köpfe, immer wieder Köpfe. Im Portrait werden Pfüllers enormes bildnerisches Vermögen und die Funktionsweise seiner Kunst beispielhaft deutlich. Die Genauigkeit, die Treffsicherheit, die Freiheit. Die menschliche Physiognomie ist ihm nicht nur Material, Anregung, Anlass für Ausdruck oder Gelegenheit zur Erprobung immer anderer zeichnerischer Möglichkeiten, das Gesicht bietet Anker und Maßstab für Ähnlichkeit, innere Gestimmtheit, Lebendigkeit des Augenblicks, Charakteristik der Person oder Eigenheit der Mimik, um die es ihm geht.

Die Gravitationskraft seines Werkes wirkt stark und macht ihn zum einflussreichen Kollegen und wichtigen Lehrer. Nach seiner Tätigkeit als Professor für Bühnenbild an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee leitet Volker Pfüller von 1997 bis 2005 die Klasse für Illustration an unserem Hause. Man kann – muss! – von ihm lernen: den Text, den Stoff ernst zu nehmen, die Bühne, die man betritt, zu erkennen, sich der Bedingungen für die eigene Arbeit zu vergewissern und die genaue Beobachtung lustvoll zur Form werden lassen. Sein Zugriff ist intellektuell und handwerklich. Er verlangt, sich für die Technik und die Zusammenhänge zu interessieren. Er führt eine selbstbewusste Haltung vor, den eigenen Überzeugungen verpflichtet mit dem Anspruch, ein oft kollektives Arbeitsergebnis maßgeblich mitzubestimmen. Darin wird sein Selbstverständnis als angewandt arbeitender Künstler deutlich. Er lehrt, eigenen Interessen (der Interpretation, der Form, des künstlerischen Ausdrucks) Raum zu geben und zu versuchen, ihnen zum Durchbruch zu verhelfen. Als Lehrenden muss man sich ihn zugewandt und kritisch, aufmerksam und fordernd, auch streng vorstellen, zugleich als einen empathischen Begleiter und warmherzigen Menschen.

Viele der erfolgreichsten Illustratorinnen und Illustratoren hierzulande sind seine Schüler. Viele Kolleginnen und Kollegen, die heute an deutschen Kunsthochschulen lehren, sehen ihn als ihren Lehrer. Viele sitzen auf seinen Schultern, von wo aus sie einen guten Blick haben.
(Nachruf: Thomas Mattheus Müller)

Zum Tod von Volker Pfüller ist auch ein Interview mit Prof. Thomas M. Müller bei MDR Kultur erschienen.