Warum ist es geschehen?
Der Entwurf von Jochen Gerz für das Holocaustdenkmal in Berlin

Gedanken zur Idee und ihren Kritikern, sowie zum Entwurf von Peter Eisenman, Der Entwurf von Jochen Gerz
von Kathrin Pohlmann

Literatur


»Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, meine Arbeit zu erläutern. Ich bin mir bewusst, dass ich kein traditionelles Kunstwerk, keine Skulptur und auch keine Museumsinstallation im Außenraum vorschlage. Ich weiß auch, dass ich Ihnen zumute, den Rahmen der ästhetischen Erfahrung zu verlassen und sich auf etwas einzulassen, das in der Kunst bisher eine untergeordnete Rolle spielt: Zeit.«
So leitet Jochen Gerz am 14.11.1997 seine Rede an die Jury des Denkmals für die ermordeten Juden Europas ein und weist damit bereits auf den konzeptuellen Kernpunkt seines Entwurfes hin. Dieser gründet sich auf dem Gedanken kein Monument im klassischen Sinn erbauen zu wollen, sondern eine stete und prozessuale Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu fordern.
Gerz’ Entwurf sah die Teilung des zur Verfügung stehenden Fläche in zwei Abschnitte vor: Zwei Drittel würden demnach einen optisch beinahe leerer Raum ausmachen, bestehend aus einer flachen Stahlbetonoberfläche und 39 Lichtmasten, an deren Spitze in den 39 Sprachen der ermordeten Juden Europas das Wort »Warum« leuchten würde. Das Gelände wäre begehbar und der Boden sollte sich im Laufe der Zeit mit eingravierten Texten überziehen, die die Antworten der Besucher auf die Frage »Warum ist es geschehen« beinhalteten. Doch dazu später.
Das Informationszentrum »Das Ohr«
Ein Drittel des Platzes sollte ein von der iranischen Architektin Nasrine Seraji entworfenes Informationszentrum beherbergen. Das sogenannte »Ohr« sah folgende drei Räume vor:
Der erste sogenannte Raum der Erinnerung sollte die europäische Heimstatt für Steven Spielbergs Shoa Oral History Foundation werden. Diese Stiftung ist im Begriff eine Videosammlung mit Interviews aller noch lebenden jüdischen KZ-Überlebenden zu erstellen.
Schon werden erste Parallelen zu der aktuellen Verwirklichung des Eisenman-Entwurfs deutlich, welcher schließlich nach mehreren Überarbeitungen ebenfalls ein Informationszentrum und auch die Shoa Oral History Foundation integriert. Bei Gerz wäre dieser Raum ausgestattet mit komfortablen Sitzgelegenheiten und Kissen am Boden, sowie 24 Monitore n und 80 Kopfhörern, wobei jeder Besucher in Ruhe und für sich die Interviews einsehen könnte.
Von dem Raum der Erinnerung wäre man in den Raum der Antworten gelangt, vielleicht der wichtigste Raum im Gebäude, betrachtet man den erwünschten aktiven und kommunikativen Charakter. Hier sollten Gespräche und Diskussionen mit geladenen Gästen und Stipendiaten einer eigens dafür gegründeten Denk- und Mahnmalstiftung stattfinden. Die Stipendiaten sollten als Volontäre in Berlin tätig sein und aus Israel oder von internationalen jüdischen Universitäten oder Institutionen stammen. Ausgestattet wäre der Raum mit Tischen und Stühlen, Pulten mit offenen Büchern und wandfüllenden Regalen. Die offenen Bücher hätten dem Betrachter zur Verfügung gestanden um Gedanken auf die Frage »Warum ist es geschehen« zu notieren, welche schließlich nach einer Auswahl auf 120 Zeichen gekürzt in den Boden des Platzes graviert worden wären. Die sich so im Laufe der Zeit füllenden Bücher wären chronologisch geordnet zur Einsicht in den Wandregalen archiviert worden.
Der dritte und letzte Raum, gedacht als Raum der Stille oder auch der Meditation wäre rund und dunkel, mit einer einzigen Bank an einer der Wände und einem kleinen Fenster an der Decke. Das einzige Geräusch wäre das eternal e, eine nur in schwachen Wellen wahrnehmbare Komposition des amerikanischen Komponisten La Monte Young.
Nach der im ersten Raum vorgesehenen Dokumentation bzw. Information in Form der persönlichen Interviews mit den Überlebenden, wäre man im Raum der Antworten aus der passiven Betrachterrolle hinausgeschlüpft und hätte sich einer eingehenderen Auseinandersetzung mit der Thematik aussetzen können, und zwar individuell oder im Gespräch mit anderen Besuchern oder den Stipendiaten. Die Selbstreflexion und das in Bezugsetzen von Geschichte, Gegenwart und der eigenen Person sollte Kernanliegen dieses Raumes, wenn nicht gar des ganzen Gerz’schen Entwurfes sein.


Die Antworten


Nach Gerz’ Berechnung, könnte die Beschriftung des Platzes mit den Antworten bei einer gewissen Besucherzahl pro Tag, bis zu zwei Generationen dauern und würde deshalb prozessualen Charakter haben und sich gleichzeitig in einem überschaubaren Rahmen bewegen. Was mir an diesem Gedanken gefällt, ist, daß die ersten, die heutigen Antworten von Zeitgenossen des zu Gedenkenden und deren unmittelbarer Nachfolgegeneration stammen könnten. Wobei natürlich diese sowohl Täter als auch Opfer einschließen würde. Die Angst – auch die der Jury –, dass dies als Propagandafläche für Altnazis, wie auch Neonnazis genutzt werden könnte, wie auch als selbsterlöserische Rechtfertigungsmöglichkeit oder philosophischen Spekulationsraum, halte ich für übertrieben und unangebracht.
Sicherlich liegt in der Frage »Warum ist es geschehen?« die Unmöglichkeit sie zu beantworten. Gerz geht es ja auch nicht um eine allgemeingültige Antwort, als vielmehr um die Auseinandersetzung mit der Frage an sich und die eigene Reflexion. Ein, leider nicht im Entwurf vorgesehenes, detailliertes Auswahlsystem der Antworten, wäre ein Mittel die Verewigung möglicher faschistischer oder zweideutiger Aussagen zu verhindern. Dass dies gleichzeitig Zensur bedeutet und die Frage aufkommen läßt, wer entscheidet und warum, welche Antworten oder Auszüge aus den Büchern schließlich in den Boden graviert würden, ist schade, aber hätte eine sicher spannende Debatte herbeiführen können, die die Hauptproblematik des Entwurfs – die fortwährende Befragung – bereits in das Licht der Aufmerksamkeit hätte stellen können, die sicher auch bei Verwirklichung des Entwurfs stets lebendig geblieben wäre.
Der prozessuale Charakter des Denkmals
Der Entwurf käme der »nur teils ironisch zu verstehenden Forderung von James E. Young zu Beginn der Debatte um das Berliner ›Denkmal für die ermordeten Juden Europas‹, die Debatte selbst zum Mahnmal zu erklären.« erstaunlich nahe. Denn nicht die Fragen werden sich ändern, sondern die sich immer weiter distanzierende Sicht auf die Vergangenheit und wenn schon wir unsere Großeltern nicht verstehen können, so sollte uns doch am Herzen liegen, daß unsere Enkel einst uns verstehen können. Gerz’ Entwurf, der so sehr die Zeit sprechen lassen will, wäre ein dankbares Zeitdokument, um eben dies möglich zu machen. Wie sehr werden sich die Antworten im Laufe der Jahrzehnte ändern? Werden sie sich überhaupt ändern? Unterscheidet sich nicht schon unser Denken über das Geschehene von dem unserer Großeltern, den Zeitgenossen und deren Kindern? Werden unsere Kinder noch betroffen sein können oder wollen? Will ich dass sie es sind?
Betrachtet man die Frage auch immer im Bezug auf die Gegenwart, so beginnt der Prozess der Selbstreflektion genau an der richtigen Stelle. Wir geben im täglichen Tun bereits Antworten und dessen müssen wir uns bewusst sein, wollen wir vermeiden, dass sich die Frage in Zukunft gegen uns selbst richtet. Gerade darin liegt die Stärke des Gerz’schen Entwurf, dass er ganz eindeutig vorwärts und nicht rückwärts gerichtet ist. Die Angst der Jury und Kritiker ist letztlich ihre Angst mögliche Antworten auf heutige Geschehnisse nicht geben zu wollen bzw. sich ihnen nicht zu stellen. Wir, die wir derart verständnislos tun, sollten vielleicht unsere eigenen Fragen formulieren, welche wiederum eine andere Art der Antwort bedeuten könnten.


Die Kritik der Jury


Sicher hat der Entwurf auch seine formalen Schwächen, worauf sich u.a. auch die Begründung der Jury für seine Nicht-Realisierung bezieht. Gleich voranstellen möchte ich jedoch, dass diese Kritik in meinen Augen zu schwach begründet ist, vor allen Dingen, da der Eisenman-Entwurf mehrmals überarbeitet worden ist. Warum stand die Möglichkeit einer formalen Neuüberlegung nicht dem Entwurf von Jochen Gerz zu?
Die Jury empfand so z.B. die Stahlmasteninstallation mit der Leuchtschrift »Warum« als eine unfreiwillige Annäherung an einen Handelspavillon mit Fahnenstangen und jeweiliger Landessprache statt der Landesflagge an der Spitze. Eine solche Assoziation mag der Entwurf eventuell hervorrufen, aber steht die Bedeutung der Frage »Warum« über allem und demnach konträr zu der Repräsentationssymbolik von Fahnenmasten. Zudem sehe ich in der allgegenwärtigen unübersehbaren Präsenz der Frage jene Stärke und auch zeitgemäße Provokation, die zum einen ins Gedächtnis ruft und in ihrer Einzigartigkeit (jeder Sprache), wie auch Gemeinschaft (alle Sprachen zusammen) Bedeutung für jeden erfährt. Da der Platz an einer sehr prominenten Stelle in Berlin, zwischen Regierungsgebäuden und Brandenburger Tor angesiedelt ist, verstärkt nur ihren aktuellen und grundlegenden Charakter. So lässt sich die Frage vielfach deuten und bleibt dennoch im Bewusstsein um die Bedeutung des Platzes, nämlich Ort eines zentralen Mahnmals für die ermordeten Juden Europas zu sein, ein mahnendes Zeichen in Form der Frage. So wird beispielsweise das Stelenfeld Eisenmans des Nachts einem Betonfriedhof gleichen (wenn nicht sogar auch tagsüber), wohingegen die Installation von Gerz ihre ganze Kraft entwickeln kann und schier unübersehbar wird. Da wird nichts zubetoniert oder eine emotionale Annäherung an Geschehenes versucht, sondern eine vermeintlich ganz einfache Frage ins Gedächtnis gerufen, mit Hilfe dieser wir als Kinder die Welt entdeckten, uns haben erklären lassen.
Nun stehen wir wieder da wie Kinder und fragen, nur wird da niemand kommen können und uns die Frage beantworten. Da müssen wir jeder Einzelne selbst durch und Gerz macht uns das in seinem Entwurf deutlich.
Auch Eisenmann spielt mit dem individuellen Empfinden des Einzelnen und versucht mit seinem Stelenfeld den Betrachter in eine Nachahmung von Einsamkeit und Isoliertheit zu verbannen, die eine Annäherung an das Empfinden der Opfer des Holocaust darstellen soll. Dass dies nicht als anmaßend betrachtet wird, scheint mir unbegreiflich und auch die optische Annäherung an ein Gräberfeld mit offen liegenden Betonsärgen will wohl niemanden stören. Deutschland gedenkt in Stein und grau und in unübersehbarer Hässlichkeit, soll dass das Zeichen für die Wunde sein? Ein inmitten der Stadt gebautes Betonfeld? Wann hören wir auf uns in selbst geschaffener Hässlichkeit wiederzuerkennen bzw. wann beginnen wir etwas dagegen zu tun? So soll nach der mehrjährigen Debatte um die Verwirklichung eines zentralen Mahnmals, der Diskussionen um den Sinn eines solchen zentralen Ortes, der Sinn nun diese graue Betonwüste sein? Deutschland tut sich damit selbst keinen Gefallen und den Überlebenden des Holocaust, die diesen Ort besuchen wollen, ebenfalls nicht. Man stelle sich den Spaziergang eines Überlebenden inmitten des Stelenfeldes vor, wobei Emotionen wachgerufen werden sollen, die er nie erleben wollte.


Systematischer Ideenklau?!

Enttäuscht über die Juryentscheidung, bin ich zudem, wie auch Jochen Gerz, empört über die Politik des Auswahlverfahrens bzw. dessen Endphase, inmitten derer Eisenman mehrmalig die Chance hatte seinen Entwurf zu überarbeiten. Dass die „Verbesserungen“ Grundgedanken und Ideen des Gerz’schen Entwurfes beinhalten ist nicht nur unverhohlen frech, sondern auch medienpolitisch unverständlich. Trotz der eindeutigen Ideenübernahme eines anderen Entwurfs, entstand darüber keine Debatte, weder in der internen Kommission, noch in der Presse. Schließlich war es Gerz selbst, der einen öffentlichen Brief an die FAZ schickte, betitelt mit »Sytematischer Ideenklau« (FAZ vom 29.01.1999). Neben kleineren formalen Ähnlichkeiten beider Entwürfe, macht Gerz ganz eindeutig klar, woher die Ideen für das erst in einem überarbeitetem Entwurf Eisenmans hinzugefügte Informationszentrum, sowie die Integration der Shoa Oral History Foundation, als auch die Gründung einer vom Bundestag abhängigen Stiftung für das Mahnmal stammen. Dass diese offensichtlichen Parallelen in Presse und Öffentlichkeit nicht für Zündstoff gesorgt haben, ist seltsam, könnte eventuell jedoch auf die fadenscheinige Behutsamkeit bezüglich der Thematik Holocaust zurückzuführen zu sein. Was ich jedoch nicht verstehe, ist, warum über die Realisierung oder Nicht-Realisierung eines zentralen Mahnmals breitflächig diskutiert werden kann und die letztliche Realisierung, die schließlich auch nach einer Rechtfertigung verlangt, derart unkritisch von statten geht. Ich meine, wenn am Anfang noch die Frage »Brauchen wir überhaupt ein zentrales Mahnmal?« stand, so scheint sich mit der positiven Beantwortung die Frage nach dem »Wie« in Luft aufgelöst zu haben, als hätte es die erste Debatte nie gegeben. Und ich dachte das »Ja« fordert eine es rechtfertigende Umsetzung, bezüglich der Fairness und konstruktiven Auseinandersetzung mit inhaltlicher, sowie künstlerischer Qualität.
Das zentrale Mahnmal wird es geben, in Form des Stelenfeldes von Eisenman und einem unterirdischen Informationszentrums. Die Frage »Warum ist es geschehen?« wird es auch geben, denn sie ist nicht zu tilgen oder zu ignorieren. Nur manchmal wünschte man sich, dass sie nicht in sprachlose Betroffenheit mündet, sondern in konstruktive Reflexion und diskursive Auseinandersetzung.
»Der Entwurf von Gerz könnte das Unmögliche ermöglichen, nämlich daß Täter an ihre Opfer erinnern und das Erinnern zum Mahnmal für die Zukunft werden läßt.« (Haase, 1998)

 

 

 

Literatur
- Jochen Gerz, Res publica : das öffentliche Werk 1968–1999 , (Ausst.-Kat.), Ostfildern 1999.
- Jochen Gerz, Sytematischer Ideenklau, FAZ-Feuilleton vom 29.01.99, Nr.24, S. 43.
- Armin Haase, Die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal spiegelt den Zustand der Gesellschaft, Kunstforum Band 140, S. 492, 1998.
- James E. Young, Nach-Bilder des Holocaust in zeitgenössischer Kunst und Architektur, Hamburg 2002.
- Deutschlandfunk Politische Literatur 3.6.2002 über James E. Young, Beitrag von Guido Graf, http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-lit-pol/513.html.
- Rede an die Jury des Denkmals für dir ermordeten Juden Europas (14.11.1997) von Jochen Gerz http://www.dickinson.edu/departments/germn/glossen/heft4/gerzrede.html.
http://www.forum-holocaust