Die Neuen Wache als zentrale Gedenkstätte im wiedervereinigten Deutschland
von Kathrin Landa

- Die Mahnmaldiskussion in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg
- Das politische Verfahren Kohls und die Reaktionen
- Kritik an der Denkmalsinschrift »Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft«
- Die Pieta von Käte Kollwitz: Geeignet als Mahnmal?
- Braucht das wiedervereinigte Deutschland ein zentrales Denkmal?
- Eigene Position
- Literatur


»Kriegsopfergedenken und Kriegsbereitschaft hatten in der Vergangenheit, vor dem zweiten Weltkrieg, viel miteinander zu tun; die Toten des letzten Krieges mussten als Ansporn zum nächsten dienen. Sie waren die Vorbilder, denen man nacheifern, also nachsterben sollte«(1). Die Denkmäler für die Toten glichen eher Siegesmälern. Man wollte so die Niederlage vergessen machen. Gleichzeitig dienten Denkmäler auch der Selbstinszenierung des Staates. Die Neue Wache wurde sowohl von der Regierung Hitlers als auch von der DDR vereinnahmt, um die militärische Stärke und die eigene Macht zu demonstrieren. Der sozialistische Staat ehrte durch die Wachablösung und das Wappen an der Rückwand nicht nur seine toten Helden, sondern auch sich selbst. Andrea Günther ist im vorherigen Abschnitt auf die Neue Wache nach 1945 und ihre Umgestaltung zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus detailliert eingegangen. Im Folgenden werde ich nun auf die Mahnmaldiskussion in der BRD nach dem zweiten Weltkrieg und die Umgestaltung der Neuen Wache durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung eingehen.


1. Die Mahnmaldiskussion in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg


Nach dem zweiten Weltkrieg begann langsam eine Umorientierung im Umgang mit Gedenkstätten: das Ausmaß der Niederlage war derart erschütternd, dass ein glorifizierendes Heldengedenken und eine ideologisierte Trauer für Viele nicht mehr möglich waren. Das Eingestehen der eigenen Schuld machte die Frage schwierig, wie man an die Katastrophe erinnern sollte. Durch diese Erkenntnis, die, außer einige Vertreter der rechten Lager, wohl die Mehrheit der Deutschen teilen, war die Denkmalsdiskussion in Westdeutschland geprägt.
Laut Bernhard Schulz ist es bemerkenswert, dass »nach dem Zweiten Weltkrieg und in starkem Kontrast zum ersten die gesellschaftliche Energie den (Über)Lebenden und nicht den Toten galt«(2). Dies bedeutet, dass in der ersten Zeit der BRD die Diskussion um Mahn- und Denkmäler vor dem Hintergrund der sozialpolitischen Ereignisse wie zum Beispiel der Eingliederung der Vertriebenen zurücktrat. Die Vergangenheit war lange kein öffentliches Thema. So gab es in dieser Epoche keine nationale, gesamtstaatliche Gedenkstätte. Ganz zu schweigen von Triumphstätten, als welche die Memorialanlagen auch in der Geschichte häufig verwendet wurden. Der verlorene Krieg verbot jeden Hinweis auf den Heldentod. Durch den Regierungswechsel von der sozial-liberalen zur bürgerlichen Koalition 1982 kam die Denkmaldiskussion in Gang: es wurde stetig über eine Bonner Gedenkstätte nachgedacht. Dabei ging es z.B. auch um die symbolische »Heimholung« der gefallenen Eroberungskrieger, indem man ein »Mahnmal als Gedenkstätte für die Millionen deutscher Soldaten« forderte, woraufhin jetzt auch wieder Stimmen nach einer »nationalen Ehrenstätte« laut wurden. Bei einigen schwand also die Zurückhaltung.
Dem gegenüber gab es aber auch Stimmen, die ein Mahnmal forderten, dass sich nicht nur auf die Opfer und Toten des deutschen Volkes beziehe, sondern auf die Gesamtheit der internationalen Opfer. Doch zum Teil aus pragmatischen Gründen wurde auf die nationale Unterscheidung bestanden, damit man, zum Beispiel bei Staatsbesuchen, Ehrbezeugungen entgegen nehmen konnte. Jedoch stellte Richard von Weizsäcker in seiner Rede vor dem Bundestag vom 8. Mai 1985, dem Tag der Befreiung, eindeutig klar, dass ein Heldengedenken bezüglich des zweiten Weltkrieges nicht möglich war: »Der Wunsch dem Tod von Millionen irgendeinen Sinn zu unterlegen, denn sie dürfen nicht umsonst gestorben sein, verbot sich angesichts der Verbrechen, zu deren Durchführung und Verdeckung auch die Wehrmacht instrumentalisiert worden war«.
Das Vorhaben der Errichtung einer westdeutschen Gedenkstätte in Bonn wurde durch die deutsche Wiedervereinigung überholt. Danach fiel die Wahl des Ortes für die zentrale Gedenkstätte auf die »Neue Wache« Schinkels. Zum einen verwies dieser Bau auf die deutsche Geschichte, zum anderen war er bereits der Bevölkerung als Mahnmal bekannt. Jedoch kam Kritik an der Art und Weise auf, wie Helmut Kohl im Alleingang die Ausstattung des Raumes nach seinen Vorstellungen bestimmte. Die Innenausstattung Tessenows von 1931, zum Beispiel der Boden, wurden weitgehend restauriert und beibehalten, in die Mitte des Raumes wurde eine Kopie der Statue Mutter mit totem Sohn (siehe Punkt 4.) gesetzt, zu deren Füssen die Inschrift »Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft« (siehe Punkt 3.) installiert wurde.


2. Das politische Verfahren Kohls und die Reaktionen


Dieter Bartetzko kritisiert in seinem Artikel, mit welcher Eile und Ignoranz ein fertiges Konzept für die Gedenkstätte präsentiert wurde, die die Trauer und Einsicht eines ganzen Volkes repräsentieren sollte(3). Kohl entschied im Alleingang unter Ausschluss des Bundestages und des Bundespräsidenten. Das heißt Hearings, Diskussionen und gemeinsame Beschlüsse wurden umgangen. Dieser Vorgang erinnert nicht an ein demokratisches Wahlsystem, sondern an eine Diktatur, in der die Entscheidungen von oben kommen. Friedrich Dieckmann nimmt diese Handlungsweise jedoch in Schutz: er schreibt, dass Kohl aus der endlosen und ergebnislosen Diskussion um die Bonner Gedenkstätte (siehe Punkt 1.) gelernt hätte und dass die Wurzeln für diesen Alleingang »kaum in dem Bedürfnis nach denkmalpolitischer Geschmacksdiktatur«(4) zu finden seien.
In seiner Einweihungsrede am 14.11.1993 betonte Kohl die Wichtigkeit des Denkmals als Symbol des wiedervereinigten Deutschlands auf der Basis der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes: »Die Erinnerung an den Tod von Millionen unschuldiger Menschen mahnt jeden einzelnen von uns, immer und überall aktiv für unsere freiheitliche Demokratie einzutreten«.
Es ist anzunehmen, dass Kohl nach der Wiedervereinigung schnell handeln wollte, also noch in seiner Amtszeit ein Symbol für ein Werk verwirklichen wollte.


3. Kritik an der Denkmalsinschrift »Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft«


Einer der Hauptvorwürfe gegen die von Kohl gewählte Inschrift, die sich zu Fuße der Statue befindet, war der Mangel an Präzision, die Schwammigkeit ihrer Aussage. Die Zeile benannte weder die Opfer, noch definierte sie, welche Kriege gemeint waren, noch klärte sie, was überhaupt mit Gewaltherrschaft gemeint war. Dr. Ilja Seifert (PDS) kritisiert z.B. in ihrer Rede vor dem Bundestag 1993, dass Kohl in dieser »unverbindlichen Formel« einen zufällig verunglückten, beliebigen Teilnehmer der Wannsee-Konferenz mit den systematisch vernichteten Juden gleichsetze: »Bringen Sie doch bitte die Größe auf, Herr Bundeskanzler und die Regierung, sich eindeutig zum Antifaschismus zu bekennen und nicht unverbindlich allen Toten angeblich die gleiche Ehre zu erweisen.« Man kann dies auch als Mittel sehen, die geschichtlichen Ereignisse vernebeln zu wollen, das Geschehene durch die unklaren Worthüllen entkonkretisieren zu wollen. Die Unverbindlichkeit der Aussage wirkt mit Sicherheit auf einige indirekt Betroffene verletzend. Bundeskanzler Helmut Kohl erwiderte auf die Kritik, man würde sich mit einer allzu genauen Wortwahl in die Irrgärten der deutschen Geschichte begeben.
Dieckmann weist auf Kritik über die Wortstellung der Inschrift hin(5) Kritisiert wurde, dass zuerst die Gefallenen auf den Schlachtfeldern und dann die Ermordeten in den Konzentrationslagern genannt wurden. Dass Hitler ohne die vorherige Ausschaltung der Oppositionellen keinen Krieg hätte führen können, war ein weiteres Argument der Kritik.


3.1 Was bedeutet der Begriff »Gewaltherrschaft«?

»Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtssprechung ausgeübt« so steht es im Grundgesetz, Artikel 20 (2). Die Staatsgewalt dient also auch zur Erhaltung der Demokratie. So kann dieses Wort in verschiedenem Kontext in seiner Bedeutung variieren. Präziser wäre also zu schreiben: »Den Opfern von Staatsgewalt, die losgelöst ist von der Judikative; den Opfern der Rechtlosigkeit und des staatlich verübten Terrors(6).
Da hier das Wort »Gewaltenherrschaft« nicht genau definiert ist, bleibt unklar, welche Herrschaft gemeint ist. Dadurch findet eine Gleichsetzung verschiedener Regierungsepochen, eine Vermischung und Vereinheitlichung, statt: das Dritte Reich und die DDR werden beispielsweise durch das gleiche Wort vereinend dargestellt. Dadurch taucht die Frage auf, ob es vertretbar ist, das Dritte Reich und die DDR auf eine Ebene zu setzten.


3.2 Die Definierung der Opfergruppen


In der DDR waren die Opfer klar definiert. Es waren vor allem die Sowjetsoldaten, die auf deutschem Boden gefallen waren, die ermordeten Hitlergegner und die KZ-Insassen. Nicht als Opfer galten die russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die immer noch als Vaterlandsverräter galten und teilweise in deutschen Lagern starben, sowie die deutschen Soldaten.
Schwieriger war die anfängliche Situation in Westdeutschland, als es um die Bonner Gedenkstätte ging. (Siehe Punkt 1.1) Jedoch im späteren Westdeutschland entstand Klarheit durch Weizsäckers Rede vom 8.5.1985:

»Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in den deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben. Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in der Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind. Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer politischen und religiösen Willen sterben mussten. Wir gedenken der erschossenen Geiseln. Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten… wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.«


Die SPD forderte in der Debatte im Bundestag am 14. Mai 1993, dass ein Teil von Weizsäckers Rede, in der alle Opfergruppen des Naziregimes deutlich benennt, in die Inschrift übernommen werden sollte. Letztendlich wurden zwei Tafeln am Eingang installiert: auf der einen wurde die Geschichte der Neuen Wache knapp dargestellt, auf der anderen wurden Teile von Weizsäckers Rede wiedergegeben.
Ein weiteres Problem ergab sich jedoch aus der Tatsache, dass einige Juden es geschmacklos fanden, dass ihre Vorfahren zusammen mit den Soldaten, deren Handlungen dazu beigetragen haben, das Leiden in den Vernichtungslagern zu verlängern, gedacht werden sollte. Daraus entspann sich die Diskussion, ob einzelner Opfergruppen wie z.B. den Juden, aufgrund der Härte ihrer Vergangenheit gesondert gedacht werden solle. Deshalb ist die Debatte um die Neue Wache direkt mit der um das Holocaust-Mahnmal verbunden, ja sozusagen deren Vorspiel.
(siehe auch Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas)

4. Die Pieta von Käte Kollwitz: Geeignet als Mahnmal?

Kohl wählte die 1937/38 von Käte Kollwitz erschaffene, nur 30 Zentimeter große Bronzefigur Mutter mit totem Sohn als Vorlage und ließ diese mehr oder weniger originalgetreu von dem Bildhauer Harald Haake kopieren. Die so entstandene Bronzestatue vergrößert das Original im Maßstab 1:4. In seiner Rede vor dem Bundestag 1993 begründet Kohl die Wahl der Statue folgendermaßen: »Käthe Kollwitz näherte sich der Tragödie unseres Jahrhunderts auf dem Weg, der jedem von uns verständlich ist: vom einzelnen Menschen und seinem Schicksal her.«
Er wolle nicht, anders als in der Geschichte des Kriegerdenkmals, dass der tote Soldat im Mittelpunkt stehe, sondern die Mutter, Hinterbliebene, Witwe. Gegen die anonyme Trauer um einen beliebigen Soldaten soll also der ganz intime, individuelle Schmerz um den persönlichen Angehörigen treten.


4.1 Formale Kritikpunkte


In seinem offenen Brief an den Bundeskanzler kritisiert Walter Jens im Namen der Akademie der Künste, dass durch die unautorisierte Vergrößerung der Originalfigur von Käte Kollwitz die Authentizität der Künstlerhandschrift verloren gehe. Nach diesem Präzedenzfall bestehe die Gefahr, so Kritiker, dem Kopieren von Werken verstorbener Künstlern keine Grenzen mehr setzen zu können. Auch sei es zu bedauern, dass nicht zeitgenössische Kunst unsere jetzige Trauer in der Gedenkstätte widerspiegelt, sondern auf eine Künstlerin aus der Vergangenheit zurückgegriffen wird. Dies könnte eine Flucht in die Vergangenheit darstellen, »wobei die eigentlich wichtige Auseinandersetzung mit der Gegenwart verdrängt werde«(7).


4.2 Inhaltliche Kritikpunkte


Die kopierte Figur steht als unfreiwilliges Gütesiegel und Manifestation von inhaltlich schwammigen Unverbindlichkeiten, so die Kritik.
Die Figur rufe im Betrachter eine Opferidentifikation hervor, die zu unterschwelliger Sentimentalität und subtiler Selbstverklärung führe. Silke Wenk untermauert diese These, indem sie den Wunsch nach Identifikation mit den Opfern feststellt. Das Deutsche Volk will sich also lieber mit den Opfern als mit den Tätern identifizieren. Die »Mutter mit Sohn« sei jenseits von Schuldfähigkeit was den Wunsch, selbst Opfer zu sein hervorrufe. Dieses Streben gehe aus dem Wunsch nach einer ungebrochenen nationalen Identität hervor.(8) Rainer Koselleck führt als Kritikpunkt an, dass es bei dem Gedenken eben nicht nur um das Trauern um die Opfer gehe, sondern auch um das Mahnen an die Gräueltaten der Täter, was sich eindeutig nicht in der Figur erkennen lässt. Das Mahnmal solle nicht nur an das Massensterben, sondern auch an das Massenmorden erinnern.(9) Die Linke wirft Kohl vor, er wolle die konservativen, mehr auf den Soldatentod hin orientierten Kräfte ansprechen, da man den toten Sohn eindeutig mit einem toten Soldaten assoziiere.
Demgegenüber gibt es jedoch auch die Meinung, die Kunst der Kollwitz sei ein »Rettungsversuch am Menschenbild inmitten einer Epoche der Menschenverachtung«.(10) Stölzls Meinung nach sei das Werk der Kollwitz geprägt dadurch, die Menschen aufrütteln, sie politisch motivieren zu wollen und passe deshalb gut zu diesem Anlass.


4.3 Mutter und Sohn


Sieht man in der Plastik ganz konkret die Trauer einer Mutter um ihren verlorenen Sohn, so wirft auch dies einige kritische Fragen auf: Koselleck gibt zu bedenken, dass die im ersten Weltkrieg dominante Trauer der Mütter um ihre gefallenen Söhne im zweiten Weltkrieg durch die Trauer um die Opfer von Hitlers Vernichtungsmaschinerie verdrängt wird. Im zweiten Weltkrieg starben Mütter und Söhne gleichzeitig. Außerdem genüge die Darstellung einer Mutter-Sohn Beziehung nicht, um an das Massenmorden zu erinnern. »Hinter der sichtbar überlebenden Mutter rufen Millionen vernichteter (…) und verschwundener Frauen: und wer gedenkt unser?«(11).Meiner Meinung nach fehlt hier aber das notwendige Abstraktionsvermögen. Die von Kollwitz dargestellte Trauer, ist wohl einfach die Trauer, die jemand empfindet, wenn ein sehr geliebter Mensch tot ist, sei es ein Freund, ein Partner oder eben, wie in diesem Fall, ein Familienangehöriger.


4.4 Die Pieta als Symbol des Christentums


Koselleck kritisiert an der Figur die Nähe zu Maria mit dem toten Christus. Er meint, die christliche Vorstellung, am Ende aller Trauer stehe die Erlösung, sei in diesem Kontext deplaziert. Ein weiteres Argument gegen die Auswahl dieser christlich konnotierten Plastik ist, dass sie nicht das Judentum vertritt. Mehr noch: »hinter der Trauer um den Leichnam Christi lauern jene seit dem späten Mittelalter bösartig visualisierten Juden die den Gottessohn ermordet haben«.(12) Zudem habe »das maschinell und fabrikmäßig betriebene Töten einen Tod hervorgebracht, der jede symbolische oder realistische Figuration einer Pieta hinter sich lässt«.

5. Braucht das wiedervereinigte Deutschland ein zentrales Denkmal?

»Ein Denkmal, zentral und deutsch« so Wenk, »will Zeichen nationaler Identität sein.« Teil dieses Identitätsbewusstseins ist sicherlich die Einheit Deutschlands. Indem Kohl nur wenige Monate nach der Wiedervereinigung die Gedenkstätte einweihte, wollte er den Osten und den Westen Deutschlands im gemeinsamen Andenken an die Toten zusammenführen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt zeichneten sich deutliche Probleme des Einigungsprozesses ab. Der Streit um die Neue Wache gehöre zu den Spätfolgen des Einigungsprozesses, »entbrannt auf dem Feld der Symbole«(13), so Halbach. Er sieht die Einheit als obrigkeitsstaatliche Maßnahme, woraus keine gemeinsamen neuen Werte entstanden seien. Die Frage, was dieses neue Deutschland sei, bliebe unbeantwortet, also könne man auch keine Symbole, wie die Neue Wache, dafür schaffen. Zudem ist ein ungebrochenes Nationalbewusstsein problematisch in einem Land, das keine Grundlage dafür bietet. Ausschließlich stolz zu sein auf das Vaterland ist angesichts der Gräueltaten Hitlers, die im Namen dieses Landes begangen wurden, nicht mehr möglich.

6. Eigene Position

Andererseits geht es in dem zentralen Denkmal weniger um Glorifizierung als um trauerndes Erinnern. Hierzu will ich ein Zitat von der CSU-Abgeordneten Dr. Roswitha Wisniewski nennen: »Nur wer sich erinnert ist fähig, die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten». Vielleicht stellt also das zentrale Denkmal weniger ein Zeichen nationaler Identität als ein gemeinsames Symbol des Bedauerns dar. Auch das große Bedürfnis in der Bevölkerung, den Soldaten und Zivilisten zu gedenken, spricht für eine zentrale Gedenkstätte. Als die Neue Wache nach dem zweiten Weltkrieg wegen ihres desolaten Zustandes geschlossen war, schoben Bürger Blumenkränze durch die Gitter. Ein Denkmal dient eben auch der Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses und die Menschen, so denke ich, haben das Bedürfnis, die dunkle Epoche des Dritten Reiches zu verarbeiten.

 

 

 

(1) Günter de Bruyn in: Christoph Stölzl (Hg.), Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S.227.
(2) Bernhard Schulze in: Christoph Stölzl (Hg.), Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993 S.173.
(3) Christoph Stölzl (Hg): Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S.192.
(4) Friedrich Dieckmann in: Christoph Stölzl (Hg.), Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S. 208.
(5) Friedrich Dieckmann: Die falsche Versöhnung, IN: Die Zeit, 47.
(6) nach Friedrich Dieckmann in: Christoph Stölzl (Hg.), Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S. 204.
(7) Korn in: Robert Halbach (Hg.), Nationaler Totenkult: Die Neue Wache, Berlin 1995, S.101.
(8) Silke Wenk, Ein »Altar des Vaterlandes« für die neue Hauptstadt?, Frankfurt a. M. 1996, S.11.
(9) Reinhart Koselleck: o. A.
(10) Christoph Stölzl (Hg.), Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S. 196.
(11) Reinhart Koselleck: o. A.
(12) Reinhart Koselleck: Bilderverbot. in: Christoph Stölzl (Hg), Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S. 200.
(13) Robert Halbach (Hg.), Nationaler Totenkult: Die Neue Wache, Berlin 1995, S. 71.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Quelle: Halbach, 1995, S.71.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Quelle: Halbach, 1995, S.71.

 

Literatur
- Dieckmann, Friedrich: Die falsche Versöhnung, in: Die Zeit, 47
- Halbach, Robert (Hg.): Nationaler Totenkult Die Neue Wache. Berlin, 1995
- Hinz, Thorsten: »ein Geheimnis bleibt der Tod« Die Neue Wache in Berlin im Spiegel neuer Umbrüche. www.webarchiv-server.de/pin/archiv1/46010b33.html
- Kohl, Helmut: zur Einweihung der Zentralen Gedenkstätte der BRD in der neuen Wache am 14.11.1993.www.bund.de/Hintergrund/Protokoll/Nationaler-Gedenk-u.Feiertag/Volkstrauertag-.5516.htm
- Stölzl, Christoph (Hg): Die neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte. Berlin, 1993
- www.courses.psu.edu/nuc_e/405_g9c/berlin/denkmaeler/neuewache.html