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22.1.01: Internet
Literatur
 

[Die Themen gruppieren sich ganz von selbst. Die Reihenfolge bleibt noch zu bestimmen. Und beim "PC als Pausenfüller oder Gameboy" bin ich noch nicht ganz sicher, paßt aber von den vier Themenblöcken am besten hierher.]

 

Referate

* Jan Thomaneck:
Geschichte des Internet I: Was bleibt von den Idealen bei der Entstehung des WWW während der gegenwärtigen Mutation zum Welt Weiten geWerbegebiet?

* Jan Sledz:
Geschichte des Internet II

* Kilian Schellbach:
Geschichte des Internet III

* Rolf Sommer:
Wer war Jon Postel?

* Merian Teutsch:
Wer ist Vint Cerf?

* Bianca Gröger:
Der PC: Pausenfüller oder Rückentwicklung zum Gameboy

 

 

Internet

Das Internet ist mediengeschichtlich eine Anomalie. Übliche Modelle der Medien- wie allgemein der Technikgenese laufen vom Labor über die Entwicklung hin zur Anwendungsreife bis zur gesellschaftlichen Implementierung entweder als staatliche Militär- oder Verwaltungskommunikation, als wirtschaftliches Kontroll- und Steuerungsinstrument oder als Massenprodukt der Individualkommunikation oder Massenmedien. Anders hingegen im Falle von akademischen Datennetzen. Hier gab es in den ersten Jahren keine Trennung zwischen Erfindern, Entwicklern und Anwendern.

Die Informatik hat im Netz nicht nur ihren Forschungsgegenstand, sondern zugleich ihr Kommunikations- und Publikationsmedium. Es ist gleichzeitig Infrastruktur und Entwicklungsumgebung, die von innen heraus ausgebaut wird. Innovationen werden von den Entwickler-Anwendern in der Betaversion (d.h. ohne Garantie und auf eigene Gefahr) in die Runde geworfen, von den Kollegen getestet und weiterentwickelt. Darüber hinaus stellt sie den anderen, zunehmend computerisierten Wissenschaften die gleiche Infrastruktur zur Verfügung. Der Zugang zu Rechenressourcen, der Austausch innerhalb einer weltweiten Community von Fachkollegen, das Zur-Diskussion-Stellen von Pre-Prints, die Veröffentlichung von Konferenzreferaten und Datenbanken im Internet -- all dies gehört seit den achtziger Jahren zu den täglichen Praktiken in der Physik und Astronomie, der Informatik selbst und zunehmend auch in den 'weicheren' Wissenschaften. Schließlich ist das Weiterreichen der Grundwerkzeuge an die Studenten Teil der wissenschaftlichen Lehre. Da das Netz, anders als die meisten Laborgeräte, keinen eng definierten Anwendungsbereich hat, sondern eben Medium ist, kommen hier auch studentische private und Freizeitkulturen auf -- eine brisante Mischung aus Hi-Tech und Hobbyismus, Science und Science Fiction, Hackern und Hippies.

Die Geschichte des Internet läßt sich grob in drei Phasen einteilen: in der Frühphase ab Mitte der sechziger Jahre werden die Grundlagen gelegt, die Technologie demonstriert und zur Anwendungsfähigkeit entwickelt. Zeitgleich mit dem Wechsel von der militärischen zur akademischen Forschungsförderung Ende der Siebziger beginnt das Wachstum und die internationale Ausbreitung des Internet. In dieser Zeit gedieh das, was gemeinhin mit der 'wilden Phase' des ursprünglichen Internets assoziiert wird: eine 'Gabentausch'-Ökonomie für Software und Information, eine Graswurzel-basierte Selbstorganisation, emergierende Communities und der Hacker-Geist, der jede Schließung, jede Beschränkung des Zugangs und des freien Informationsflusses zu umgehen weiß. 1990 wird das ARPAnet abgeschaltet, und es beginnt die kommerzielle Phase des Internet.



Frühphase

In den späten fünfziger Jahren leitete J.C.R. Licklider eine Forschungsgruppe beim US-Rüstungslieferanten Bolt, Beranek and Newman (BBN), die auf einer PDP-1 eines der ersten Time-Sharing-Systeme bauten. Computerhersteller und die meisten Vertreter des Informatik-Establishments waren der Ansicht, daß Time-Sharing eine ineffiziente Verwendung von Computer-Ressourcen darstelle und nicht weiter verfolgt werden solle. Lickliders Argument war umgekehrt, daß Rechner für eine Echtzeit-Interaktion (für "kooperatives Denken mit einem Menschen") zu schnell und zu kostspielig seien, weshalb sie ihre Zeit zwischen vielen Nutzern aufteilen müssten. Licklider war auch der Architekt des MIT Projekts MAC (Multiple-Access Computer oder Machine-Aided Cognition oder Man And Computer). 1962 wechselte er von BBN zur Advanced Research Projects Agency (ARPA) des US-Verteidigungsministeriums, wo er Leiter des Command and Control Research wurde, das er in Information Processing Techniques Office (IPTO) umbenannte.(1)

Seine Erfahrungen mit Time-Sharing-Systemen erlaubten es ihm, eine Neudefinition vom Computer als Rechenmaschine zum Computer als Kommunikationsgerät vorzunehmen. Als Leiter des ARPA-Forschungsbereiches war er nun in die Lage versetzt, diesen Paradigmenwechsel in der Netzplanung zur Wirkung zu bringen.

"The ARPA theme is that the promise offered by the computer as a communication medium between people, dwarfs into relative insignificance the historical beginnings of the computer as an arithmetic engine...

Lick was among the first to perceive the spirit of community created among the users of the first time-sharing systems... In pointing out the community phenomena created, in part, by the sharing of resources in one timesharing system, Lick made it easy to think about interconnecting the communities, the interconnection of interactive, on-line communities of people, ..."(2)

Zeitgleich findet ein telekommunikationstechnische Paradigmenwechsel von leitungsorientierten zu paketvermittelten Konzepten statt. Er geht auf parallele Arbeiten von Paul Baran an der RAND Corporation(3) und von Donald Watts Davies am National Physical Laboratory in Middlesex, England zurück. Die Zerlegung von Kommunikationen in kleine Datenpakete, die, mit Ziel- und Absenderadresse versehen, 'autonom' ihren Weg duch das Netzwerk finden, war Voraussetzung für die verteilte, dezentrale Architektur des Internet. Sie war auch der Punkt, an dem die Geister der Computer- und der Telekommunikationswelt sich schieden.

Die Telefonbetreiber der Zeit waren durchaus an Datenkommunikation und, nachdem nachgewiesen war, daß Paketvermittlung nicht nur überhaupt möglich war, sondern die vorhandene Bandbreite viel wirtschaftlicher nutzt als Leitungsvermittlung, auch an dieser Technik interessiert, doch ihre vorrangigen Designkriterien waren flächendeckende Netzsicherheit, Dienstequalität und Abrechenbarkeit. Diese sahen sie nur durch ein zentral gesteuertes Netz mit dedizierter Leitungsnutzung für jede einzelne Kommunikation gewährleistet. Die Telcos vor allem in England, Italien, Deutschland und Japan unterlegten daher den unberechenbaren Paketflüssen eine 'virtuelle Kanalstruktur'. Auch in diesem System werden Pakete verschiedener Verbindungen auf derselben physikalischen Leitung ineinandergefädelt, aber nur bis zu einer Obergrenze, bis zu der die Kapazität für jede einzelne Verbindung gewährleistet werden kann. Außerdem ist dieses Netz nicht verteilt, sondern über zentrale Vermittlungsstellen geschaltet. Die Spezifikationen dieses Dienstes wurden im Rahmen der Internationalen Telekommunikations-Union verhandelt und 1976 unter der Bezeichnung X.25 standardisiert. Die Bundespost bot ihn unter dem Namen Datex-P an. Damit ist der Gegensatz aufgespannt zwischen einem rhizomatischen Netz, das aus einem militärischen Kalkül heraus von einzelnen Knoten dezentral wuchert, und einer hierarchischen, baumförmigen Struktur, die zentral geplant und verwaltet wird.

Doch zurück zum Internet. Die ARPA-Forschungsabteilung unter Licklider schrieb die verschiedenen Bestandteile des neuen Netzes aus. Das Stanford Research Institute (SRI) erhielt den Auftrag, die Spezifikationen für das neue Netz zu schreiben. Im Dezember 1968 legte das SRI den Bericht "A Study of Computer Network Design Parameters" vor. Zur selben Zeit arbeitete Doug Engelbart und seine Gruppe am SRI bereits an computer-gestützten Techniken zur Förderung von menschlicher Interaktion. Daher wurde entschieden, daß das SRI der geeignete Ort sei, ein Network Information Center (NIC) für das ARPAnet einzurichten. Die DARPA-Ausschreibung für ein Network Measurement Center ging an die University of California in Los Angeles (UCLA), wo Leonard Kleinrock arbeitete, der seine Doktorarbeit über Warteschlangentheorie geschrieben hatte. Ebenfalls im UCLA-Team arbeiteten damals Vinton G. Cerf, Jon Postel und Steve Crocker.

Den Zuschlag für die Entwicklung der Paketvermittlungstechnologien, genauer eines Interface Message Processors (IMP), erhielt BBN. Dort arbeitete u.a. Robert Kahn, der vom MIT gekommen war und auf den ein Großteil der Architektur des Internet zurückgeht. Die IMPs (Vorläufer der heutigen Router) hatten die Aufgabe, die niedrigste Verbindungsschicht zwischen den über Telephonleitungen vernetzten Rechnern (Hosts) herzustellen. Die ersten IMPs wurden im Mai 1969 ausgeliefert.

Der Startschuß zum Internet fiel im Herbst 1969, als die ersten vier Großrechner in der UCLA, im SRI, der University of Californiy in Santa Barbara (UCSB) und der University of Utah miteinader verbunden wurden.(4)

Bereits ein halbes Jahr vorher war das erste von Tausenden von Request for Comments-Dokumenten (RFC)(5) erschienen, die die technischen Standards des Internet spezifizieren. Diese Standards werden nicht im Duktus eines Gesetzes erlassen, sondern als freundliche Bitte um Kommentierung. Steve Crocker, Autor des ersten RFC, begründete diese Form damit, daß die Beteiligten nur Doktoranden ohne jede Autorität waren. Sie mußten daher einen Weg finden, ihre Arbeit zu dokumentieren, ohne daß es schien, als wollten sie irgendjemandem etwas aufoktroyieren, eine Form, die offen war für Kommentare. RFCs können von jedem erstellt werden. Sie sind als Diskussionspapiere gedacht, mit dem erklärten Ziel, die Autorität des Geschriebenen zu brechen.(6) Meist technische Texte wird in ihnen auch die Philosophie (z.B. RFC 1718) und Geschichte (RFC 2235) des Netzes und seiner Kultur aufgezeichnet und zuweilen sogar gedichtet (RFC 1121). Die freie Verfügbarkeit der Spezifikationen und der dazugehörigen Referenzimplementationen waren ein Schlüsselfaktor bei der Entwicklung des Internet. Aus dem ersten RFC ging ein Jahr später das Network Control Protocol (NCP) hervor, ein Satz von Programmen für die Host-Host-Verbindung, das erste ARPANET-Protokoll.

1971 bestand das Netz aus 14 Knoten und wuchs um einen pro Monat,(7) darunter Rechner der verschiedensten Hersteller (DEC-10s, PDP8s, PDP-11s, IBM 360s, Multics, Honeywell usw.). Nach Fertigstellung des NCP und Implementiationen für die verschiedenen Architekturen entstanden jetzt die höheren Dienste Telnet (RFC 318) und FTP (File Transfer Protocol, RFC 454). Ray Tomlinson (BBN) modifizierte ein eMail-Programm für das ARPANET und erfand die 'user@host'-Konvention. Larry Roberts schrieb einen Mail-Client dafür.

Das Netzwerk konnte sich sehen lassen, und so war es Zeit für eine erste öffentliche Demonstration, die 1972 auf der International Conference on Computer Communications in Washington stattfand. Im Keller des Konferenzhotels wurde ein Paketvermittlungsrechner und ein Terminal Interface Processor (TIP) installiert, der anders als ein IMP den Input von mehreren Hosts oder Terminals verarbeiten konnte. Angeschlossen waren 40 Maschinen in den ganzen USA. Zu den Demonstrationen gehörten interaktive Schachspiele und die Simulation eines Lufverkehrskontrollsystems. Berühmt wurde die Unterhaltung zwischen ELIZA, Joseph Weizenbaum's künstlich-intelligentem Psychiater am MIT, und PARRY, einem paranoiden Programm von Kenneth Colby an der Stanford Uni. Teilnehmer aus England, Frankreich, Italien und Schweden waren dabei. Vertreter von AT&T besuchten die Konferenz, verließen sie jedoch in tiefer Verwirrung.

Im selben Jahr starteten Projekte für Radio- und Satelliten-gestützte Paketvernetzung, letztere mit Instituten in Norwegen und England. Bob Metcalfe umriß in seiner Doktorarbeit an der Harvard Uni das Konzept für ein Local Area Network (LAN) mit multiplen Zugangskanälen, das er Ethernet nannte. Am Xerox PARC entwickelte er das Konzept weiter, bevor er später 3COM gründete.

ARPANET, SATNET und das Radionetz hatten verschiedene Schnittstellen, Paketgrößen, Kennzeichnungen und Übertragungraten, was es schwierig machte, sie untereinander zu verbinden. Bob Kahn, der von BBN an die DARPA ging, und Vint Cerf, der jetzt an der Stanford Uni unterrichtete, begannen, ein Protokoll zu entwickeln, um verschiedene Netze miteinander zu verbinden. Im Herbst 1973 stellten sie auf einem Treffen der International Network Working Group in England den ersten Entwurf zum Transmission Control Protocol (TCP) vor.

Im Jahr darauf wurde TCP zeitgleich an der Stanford Uni, BBN und dem University College London (Peter Kirstein) implementiert. "So effort at developing the Internet protocols was international from the beginning." (Cerf(8)) Es folgten vier Iterationen des TCP-Protokollsatzes. Die letzte erschien 1978.

1974 startete BBN Telenet, den ersten öffentlichen paketvermittelten Datenkommunikationsdienst, eine kommerzielle Version des ARPANET. Aufgrund der DARPA-Förderung besaß BBN kein exklusives Recht am Quellcode für die IMPs und TIPs. Andere neue Netzwerkunternehmen forderten BBN auf, ihn freizugeben. BBN sträubte sich zunächst, da der Code ständig verändert würde, doch gab ihn 1975 frei.



Wachstum

Mit der Forschungsförderung für die Implementierung von TCP hatte die DARPA ihre initiale Mission erfüllt. 1975 wurde die Verantwortung für das ARPANET an die Defense Communications Agency (später umbenannt in Defense Information Systems Agency) übertragen. BBN blieb der Auftragnehmer für den Betrieb des Netzes, doch militärische Sicherheitinteressen wurden jetzt wichtiger. Zusätzlich zur DARPA förderte auch die National Science Foundation (NSF) die Forschung in Informatik und Netzwerken an rund 120 US-amerikanischen Universitäten. Weitere Einrichtungen, wie das Energieministerium und die NASA starten eigene Netzwerke. Anfang 1975 verfügte das ARPANET über 61 Knoten.(9) Die erste Mailinglist wurde eingerichtet. Zusammen mit den RFCs werden Mailinglisten zum wichtigsten Mittel der offenen Kooperation der technischen Community. In der beliebtesten Liste dieser Zeit diskutierte man jedoch über Science-Fiction. Der Jargon File, ein Wörterbuch der Hacker-Kultur, zusammengestellt von Raphael Finkel, wurde zum ersten Mal publiziert, natürlich im Netz.

UUCP (Unix to Unix Copy) wurde 1976 an den AT&T Bell Labs entwickelt und als Teil der Unix Version 7 verbreitet. Einrichtungen, die sich keine Standleitung leisten konnten, ermöglichte UUCP, über Dial-up-Telefonleitungen Daten mit Rechnern am ARPANET auszutauschen.

Das neue netzwerkverbindende TCP wurde im Juli 1977 erstmals in einem aufwendigen Versuchsaufbau demonstriert. Die Übertragungsstrecke begann mit einem mobilen Paketsender in einem fahrenden Auto auf dem San Francisco Bayshore Freeway, lief zu einem Gateway bei BBN, über das ARPANET, über eine Punkt-zu-Punkt-Satellitenverbindung nach Norwegen, von dort via Landleitung nach London, zurück über das Atlantic Packet Satellite Network (SATNET) ins ARPANET und schließlich zum Informatikinstitut der University of Southern California. "So what we were simulating was someone in a mobile battlefield environment going across a continental network, then across an intercontinental satellite network, and then back into a wireline network to a major computing resource in national headquarters. Since the Defense Department was paying for this, we were looking for demonstrations that would translate to militarily interesting scenarios."(10)

Seit Mitte der Siebziger wurden Experimente zur paketvermittelten Sprachübertragung durchgeführt. TCP ist auf zuverlässige Übertragung ausgelegt. Pakete, die verloren gehen, werden erneut geschickt. Im Falle von Sprachübertragung ist jedoch der Verlust einiger Pakete weniger nachteilig als eine Verzögerung. Aus diesen Überlegungen heraus wurde 1978 TCP und IP getrennt. IP spezifiziert das User Datagram Protocol (UDP), das noch heute zur Sprachübertragung verwendet wird.(11)

Damit wird 1978 das ARPANET-Experiment offiziell beendet. Im Abschlußbericht heißt es "This ARPA program has created no less than a revolution in computer technology and has been one of the most successful projects ever undertaken by ARPA. The full impact of the technical changes set in motion by this project may not be understood for many years."(12) Einer der Pioniere erinnert sich an die entscheidenden Faktoren:

"For me, participation in the development of the ARPANET and the Internet protocols has been very exciting. One important reason it worked, I believe, is that there were a lot of very bright people all working more or less in the same direction, led by some very wise people in the funding agency. The result was to create a community of network researchers who believed strongly that collaboration is more powerful than competition among researchers. I don't think any other model would have gotten us where we are today." (Robert Braden in RFC 1336(13))



Institutionalisierung

Um die Vision eines freien und offenen Netzes fortzuführen, richtete Vint Cerf 1978 noch vom DARPA aus das Internet Configuration Control Board (ICCB) unter Vorsitz von Dave Clark am MIT ein. 1983 trat das Internet Activities Board (IAB) (nach der Gründung der Internet Society umbenannt in Internet Architecture Board) an die Stelle des ICCB.

Für die eigentliche Entwicklungsarbeit bildeten sich 1986 unter dem IAB die Internet Engineering Task Force (IETF)(14) und die Internet Research Task Force (IRTF). Anders als staatliche Standardisierungsgremien oder Industriekonsortien ist die IETF -- "by law and strong custom" -- ein offenes Forum. Mitglied kann jeder werden, indem er eine der etwa hundert aufgabenorientierten Mailinglisten subskribiert und sich an den Diskussionen beteiligt. "In theory, a student voicing a technically valid concern about a protocol will deserve the same careful consideration, or more, as a man from a multibillion-dollar company worrying about the impact on his installed base."(15) Alle Arbeit (mit Ausnahme des Sekretariats) ist unbezahlt und freiwillig.

Die Entwicklungsarbeit innerhalb der IETF gehorcht einem begrenzten Anspruch. Die Ergebnisse müssen ein anstehendes Problem möglichst direkt und, gemäß einer Hacker-Ästhetik von Eleganz, möglichst einfach und kompakt lösen. Sie müssen mit den bestehenden Strukturen zusammenarbeiten und Anschlüsse für mögliche Erweiterungen vorsehen. Da es keine scharf umrissene Mitgliedschaft gibt, werden Entscheidungen nicht durch Abstimmungen getroffen. Das Credo der IETF lautet: "We reject: kings, presidents and voting. We believe in: rough concensus and running code."(16) Wenn sich ein interessantes Problem und genügend Freiwillige finden, wird diskutiert, ablauffähiger Code auch für alternative Lösungsansätze geschrieben und solange getestet, bis sich ein Konsens herausbildet. Wenn dies nicht geschieht, das Verfahren auf unlösbare Probleme stößt oder die Beteiligten das Interesse verlieren, kann ein Standard auch vor seiner Verabschiedung stecken bleiben. Standards und ggf. Code werden in jeder Phase der Entwicklung im bewährten RFC-Format für jeden Interessierten zugänglich veröffentlicht. Das führt dazu, daß sie frühzeitig von einer Vielzahl von Anwendern unter den unterschiedlichsten Bedingungen getestet werden und diese breiten Erfahrungen in den Entwicklungsprozeß eingehen, bevor ein Standard offiziell freigegeben wird. Die Standards sind offen und frei verfügbar. Anders als im ISO-Prozeß können von den an der Standardisierung Beteiligten keine Patente erworben werden, und anders als die ISO finanziert sich die IETF nicht aus dem Verkauf der Dokumentation von Standards. Der kontinuierlichen Weiterentwicklung dieses Wissens steht somit nichts im Wege.

1988 legte der außer Kontrolle geratene Morris-Wurm 6.000 der inzwischen 60.000 Hosts am Internet lahm.(17) Daraufhin bildet die DARPA das Computer Emergency Response Team (CERT), um auf zukünftige Zwischenfällen dieser Art reagieren zu können.

Die 1990 von Mitch Kapor gegründete Electronic Frontier Foundation (EFF) ist keine Internet-Institution im engeren Sinne, doch als Öffentlichkeits- und Lobbyingvereinigung zur Wahrung der Bürgerrechte im Netz hat sie in den USA eine bedeutende Rolle gespielt.

Als Dachorganisation für alle Internet-Interessierten und für die bestehenden Gremien wie IAB und IETF gründeten u.a. Vint Cerf und Bob Kahn 1992 die Internet Society (ISOC).(18)

Im Jahr darauf etablierte die NSF das InterNIC (Network Information Center), das bestimmte Dienste in seinem Aufgabenbereich an Dritte ausschrieb, nämlich Directory- und Datenbankdienste an AT&T, Registrierungsdienste an Network Solutions Inc. und Informationsdienste an General Atomics/CERFnet.



Netzwerkforschung

Auf Initiative von Larry Landweber erarbeiteten Vertreter verschiedener Universitäten (darunter Peter Denning und Dave Farber) die Idee eines Informatik-Forschungsnetzes (CSNET). Ein Förderungsantrag an die NSF wurde zunächst als zu kostspielig abgelehnt. Auf einen überarbeiteten Antrag hin bewilligte die NSF 1980 dann fünf Millionen Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren. Das Protokoll, das die verschiedenen Subnetze des CSNET verbindet, ist TCP/IP. 1982 wurde beschlossen, daß alle Systeme auf dem ARPANET von NCP auf TCP/IP übergehen sollen -- obgleich davon nur einige hundert Computer und ein Dutzend Netze betroffen waren, keine einfache Operation (RFC 801).

CSNET und ARPANET wurden 1983 verbunden, doch US-amerikanische Wissenschaftler klagten, daß die Supercomputern des Landes nicht zugänglich seien. Astrophysiker mußten nach Deutschland reisen, um einen in den USA hergestellten Supercomputer verwenden zu können. Im Juli 1983 gab daraufhin eine NSF-Arbeitsgruppe einen Plan für ein National Computing Environment for Academic Research heraus, der drei Jahre später in das NSFnet münden sollte.

Die Supercomputer-Krise führte dazu, daß die NSF eine neue Abteilung für Advanced Scientific Computing mit einem Etat von 200 Millionen Dollar über fünf Jahre etablierte. Kontrakte für die Einrichtung von Supercomputer-Zentren gingen an verschiedene Universitäten. Diese Zentren wurden durch das NSFNet verbunden, das 1986 mit einem landesweiten 56 Kbps-Backbone startete, der auf Grund des großen Bedarfs bald auf T1 (1,544 Mbps) erweitert wurde. Die Aufträge zur Verwaltung des Backbones gingen an Merit, MCI und IBM, das die Router-Software entwickelte. Um den NSFnet-Backbone herum entwickelten sich eine ganze Reihe NSF-geförderter regionaler Netzwerke. Von Anfang 1986 bis Ende 1987 stieg die Gesamtzahl der Netzwerke am Internet von 2.000 auf beinah 30.000. 1989 nimmt das NSFNet dann den Betrieb von T3-Leitungen (44,736 Mbps) auf. Bob Kahn und Vint Cerf planen bereits ein Versuchsnetz mit 6 Gigabit.



Neue Architekturen, Protokolle und Dienste

Neben TCP/IP wurden weiterhin proprietäre Protokolle eingesetzt (wie DECNet oder NetBEUI von Microsoft und IBM, die es nur Rechnern desselben Herstellers erlauben, miteinander zu sprechen), aber es enstanden auch neue offene Protokolle. Das wichtigste darunter ist das BITNET (das Because It's Time NETwork), das 1981 als ein kooperatives Netzwerk an der City University of New York startete und die erste Verbindung an die Yale University legte. Zu den Eigentümlichkeiten von BITNET gehört z.B., daß es die Dateiübertragung per eMail realisiert. 1987 überschritt die weltweite Zahl der BITNET-Hosts 1.000.

TCP/IP wurde zum de facto Standard, doch die Anerkennung als offizieller Standard blieb ihm verwehrt. Ein Irrweg in der Netzwerkentwicklung begann, als die International Standards Organization (ISO) ab 1982 ein Referenzmodell für einen eigenen verbindungsorientierten Internetzwerk-Standard namens Open Systems Interconnection (OSI) entwickelte. Im Gegensatz zum bottom-up-Prozeß der Internet-Community beruht das Standardisierungsverfahren der ISO auf einem vertikalen, mehrschichtigen Prozeß aus Vorschlägen, Ausarbeitungen und Abstimmungen, der zwischen den nationalen Standardisierungsorganisationen, den Arbeitsgruppen und schließlich dem Plenum der ISO hin- und hergeht. Dabei sollen alle Interessen berücksichtigt werden. Der Standard soll in einem theoretischen Sinne vollständig sein. Er soll zugleich rückwärtskompatibel und abstrakt genug sein, um zukünftige Entwicklungen nicht zu verbauen. Durch die begrenzte Zirkulation in den am Verfahren beteiligten Institutionen werden Standards auch nur begrenzt getestet, bevor sie verabschiedet werden. Ist ein Standard endlich verabschiedet, ist er von der Technologie oft genug schon überholt. OSI hat sich nie sehr weit von den Papierkonzepten in den praktischen Computereinsatz hinein entwickelt und gilt heute als gescheitert, doch bis in die Neunziger dekretierten die Forschungs- und Technologiebehörden vieler Ländern, darunter Deutschland und Japan, daß OSI das offizielle und damit das einzige Netzwerkprotokoll sei, in das Forschungsmittel fließen. Selbst die US-Regierung schrieb noch 1988 vor, daß alle Rechner, die für den Einsatz in staatlichen Stellen angekauft werden, OSI unterstützen müssen und erklärte TCP/IP zu einer 'Übergangslösung'.

1983 beschloß das US-Verteidigungsministerium, das Netz in ein öffentliches ARPANET und das vertrauliche MILNET aufzuteilen. Nur 45 der 113 Host-Rechner blieben im ARPANET übrig. Die Zahl der an diese Hosts angeschlossenen Rechner war natürlich viel größer, vor allem durch den Übergang von Time-Sharing-Großrechnern hin zu Workstations in einem Ethernet-LAN. Jon Postel wies den einzelnen miteinander verbundenen Netzen erst Nummern zu, dann entwickelte er zusammen mit Paul Mockapetris und Craig Partridge das Domain Name System (DNS),(19) mit einem ersten Name-Server an der University of Wisconsin, der Namen in Nummern übersetzt. Gleichzeitig empfahl er das heute übliche user@host.domain-Adressierungsschema. Das neue Adressensystem institutionalisierte sich 1988 mit der Internet Assigned Numbers Authority (IANA), deren Direktor Postel wurde.

1981 begann Bill Joy an der Berkeley University mit einem Forschungsauftrag der DARPA, die TCP/IP-Protokolle in die dort gepflegte freie Version des Betriebssystems Unix zu integrieren. Sie wurden im August 1983 in der BSD-Unix-Version 4.2 veröffentlicht. Die Betriebssysteme von Computer und Netz waren verschmolzen. Nicht zuletzt deshalb begannen viele Computer-Unternehmen, wie z.B. das von Joy mitgegründete Sun Microsystems, BSD zur Basis ihrer Workstations zu machen. Die freie Software 4.2BSD verbreiteten sich rasch. Tausende von Entwicklern in der ganzen Welt übernahmen es und legten so die Grundlage für das heutige globale Internet.

1977 waren mit dem Tandy TRS-80 und dem Commodore Pet die ersten Computer für den Privatgebrauch auf den Markt gekommen und Steve Wozniak und Steve Jobs kündigten den Apple II an. Der IBM-PC folgt 1981 und kurz darauf die ersten IBM PC-Clones. Durch die billigen Kleinstrechner und ihre Fähigkeit, per Modem zu kommunizieren, betritt eine neue Generation von Nutzerkulturen die Informatik- und Netzwelt.

Die Integration von TCP/IP und lokalen Ethernets trieb die Ausbreitung des Internet voran.(20) Ethernet-Karten wurden auch für PCs verfügbar. Anfang der Achtziger entwickelten Studenten von Professor David Clark am MIT, den ersten TCP/IP-Stack für MS-DOS. Der Quellcode für PC/IP und einige einfache Netzapplikationen verbreiteten sich rasch und inspirierte viele andere, den PC für das Internet zu erschließen. Da DOS nicht multitasking-fähig ist, konnte PC/IP nur eine einzige Verbindung (ein Socket) unterstützen. Für einige Anwendungen (wie Telnet) stellt die Beschränkung kein Problem dar, FTP dagegen benötigt zwei Verbidungen gleichzeitig, einen Kontroll- und einen Datenkanal. Phil Karn, damals bei den Bell Labs beschäftigt, begann 1985 einen neuen TCP/IP-Stack zu schreiben, bei dem er Multitasking innerhalb der Applikation realisierte, ein waghalsiger Trick, aber er funktionierte. Für CP/M entwickelt, portierte Karn den Code bald auf DOS und, da er ein leidenschaftlicher Amateurfunker ist, überarbeitete er ihn außerdem für die Verwendung über Packet-Radio. Unter dem Namen seines Rufzeichens KA9Q(21) gab er den Code für nichtkommerzielle Verwendung frei.(22)

1979 entstand das USENET, das zu einem Internet-weiten schwarzen Brett werden sollte. Steve Bellovin schrieb dazu einige Shell-Skripte, die es einem Rechner erlauben, über UUCP Nachrichten auf einem anderen Rechner abzurufen. Technisch ist das USENET ein frühes Beispiel für Client-Server-Architekturen. Sozial bildet es einen öffentlichen Raum, in dem jeder lesen und schreiben kann, zu Themen, die so ziemlich alles unter der Sonne umfassen.(23)

Eine andere Form von kooperativem sozialem Raum, der zusätzlich synchrone Kommunikation ermöglicht, sind Multi-User Dungeons (MUD). Als Spielumgebungen entstanden, werden sie später auch für Bildungs- und Diskussionszwecke Verwendung finden. Das erste von ihnen, das MUD1, schrieben ebenfalls 1979 Richard Bartle und Roy Trubshaw an der University of Essex. 1988 kommt mit dem Internet Relay Chat (IRC) von Jarkko Oikarinen ein weiteres synchrones Kommunikationsformat hinzu.

Parallel zum Inernet kamen lokale Diskussionsforen, Bulletin Board Systems (BBS) auf, zunächst als alleinstehende PCs mit einer oder mehreren Einwahlverbindungen. Mit Hilfe von Telefonleitungen und X.25 vernetzen sich auch diese Kleinrechner, z.B. zum FidoNet, 1983 von Tom Jennings entwickelt. 1985 gründet Stewart Brand das legendäre BBS Whole Earth 'Lectronic Link (WELL) in San Francisco. Kommerzielle BBSs wie CompuServe und AOL folgten. Auch diese separaten Netze richten Ende der Achtziger Gateways zum Internet ein, über die sie eMail und News austauschen können (Fidonet z.B. 1988, MCIMail und Compuserve 1989).

Um auch Nicht-Universitätsangehörigen Zugang zum Internet zu ermöglichen, entstanden eine Reihe von Freenets. Das erste, das Cleveland Freenet, wurde 1986 von der Society for Public Access Computing (SoPAC) in Betrieb genommen.

Die Masse der im Internet verfügbaren Informationen wird immer unüberschaubarer. Der Bedarf nach Navigations- und Suchwerkzeugen führte zu neuen Entwicklungen an verschiedenen Forschungseinrichtungen. Am CERN stellte Tim Berners-Lee 1989 Überlegungen zu einem verteilten Hypertext-Netz an, aus dem das World-Wide Web (WWW) werden wird. Ähnliche Verknüpfungen bieten die im folgenden Jahr gestarteten Dienste Archie (von Peter Deutsch, Alan Emtage und Bill Heelan, McGill University) und Hytelnet (von Peter Scott, University of Saskatchewan). 1991 kamen Wide Area Information Servers (WAIS, von Brewster Kahle, Thinking Machines Corporation) und Gopher (von Paul Lindner und Mark P. McCahill, University of Minnesota) dazu, und die erste Version von Berners-Lees WWW wird freigegeben. Im Jahr darauf entsteht am National Center for Supercomputing Applications (NCSA) der erste Web-Browser Mosaic. Ebenfalls 1992 veröffentlich die University of Nevada Veronica, ein Suchwerkzeug für den Gopher-Raum. Im selben Jahr startet der Bibliothekar Rick Gates die Internet Hunt, ein Suchspiel nach Informationen, bei dem auch diejenigen aus den veröffentlichten Lösungsstrategien lernen konnten, die sich nicht selber beteiligten.

1990 wurde die erste fernbedienbare Maschine (über SNMP) ans Netz gehängt, der Internet Toaster von John Romkey. Bald folgten Getränkeautomaten, Kaffeemaschinen und eine Fülle von Web-Kameras.

Die offene Architektur des Internet macht es möglich, jede Kommunikation an allen Knoten zwischen Sender und Empfänger abzuhören. Die Antwort darauf lautet Kryptographie, doch die galt als militärisch-staatliches Geheimwissen. Das erste für Normalsterbliche zugängliche Kryptographie-Werkzeug war PGP (Pretty Good Privacy), 1991 von Philip Zimmerman freigegeben.

Neben Texten fanden sich auch schon in den Achtzigern Bilder und Audiodateien im Netz, doch ihre Integration hatte mit dem WWW gerade erst begonnen. Die ersten regelmäßigen 'Radiosendung' im Netz waren die Audiodateien des 1993 von Carl Malamud gestarteten Internet Talk Radio, Interviews mit Netzpionieren. Weiter ging der Multimedia-Backbone (MBONE), über den 1992 die ersten Audio- und Video-Multicasts ausgestrahlt wurden. Anfangs konnten sich daran nur wenige Labors mit einer sehr hohen Bandbreite beteiligen, doch bald wurden die hier entwickelten Werkzeuge auch für den Hausgebrauch weiterentwickelt. CUSeeMe bot Video-Conferencing für den PC. Das Streaming-Format RealAudio (1995) machte es möglich, Klanginformationen on demand und in Echtzeit im Netz abzurufen. Multimediale Inhalte können mit MIME (Multimedia Internet Mail Extensions -- RFC 1437) seit 1993 auch in eMails verschickt werden.



Internationalisierung

In Europa gab es Anfang der Achtziger bereits erste auf Wählverbindungen und UUCP basierende Netze, wie z.B. das 1982 etablierte EUnet (European Unix Network) mit Knoten in Holland, Dänemark, Schweden, und England. In Deutschland kannte man das Internet höchstens aus dem Kino ("War Games"), wie sich einer der deutschen Internet-Pioniere, Claus Kalle vom Rechenzentrum der Universität Köln, erinnert.(24) Großrechner kommunizierten über das teure Datex-P. Das erste Rechnernetz, das über einen eMail-Link in die USA und dort über ein Gateway ins Internet verfügte, war das 1984 gestartete EARN (European Academic Research Network). Natürlich wurde auch bald mit TCP/IP experimentiert -- die RFCs, die man sich per eMail über EARN beschaffen konnte, machten neugierig -- doch das Klima war für TCP/IP nicht günstig. Als 1985 der Verein zur Förderung eines Deutschen Forschungsnetzes e.V. (DFN-Verein) gegründet wurde, vertrat er ausschließlich die OSI-Linie. "In Deutschland und Europa war man damals vollkommen davon überzeugt und förderte auch politisch und finanziell, daß die Protokolle der OSI-Welt in Kürze weit verfügbar und stabil implementiert seien, und damit eine Basis für die herstellerunabhängige Vernetzung existieren würde."(25)

Die ersten Verbindungen von Rechnern außerhalb der USA laufen über UUCP. 1984 wurde z.B. das JUNET (Japan Unix Network) establiert, und eine erste Botschaft von "Kremvax" sorgte für Aufregung, da seither auch die UdSSR an das USENET angeschlossen war.

Die Inititiative für ein IP-Netz in Deutschland ging 1988 von der Universität Dortmund aus. Es hatte im Rahmen des europaweiten InterEUnet-Verbundes eine Anbindung erst über Datex-P, dann über eine Standleitung nach Amsterdam und von dort aus an das US-amerikanische Internet. Die Informatik-Rechnerbetriebsgruppe (IRB) der Universität Dortmund betrieb einen anonymous-ftp-Server. "Besonders förderlich war es, mit den recht frischen Kopien der GNU- und anderer Public-Domain-Pakete (emacs, gcc, ISODE usw.) zu arbeiten. Auch war auf diesem Wege erstmalig Zugang zu Netnews und Internet-Mail möglich, so daß man sich auf dem Laufenden halten konnte."(26) Eine ähnliche Initiative gab es am Informatik-Lehrstuhl von Professor Zorn an der Universität Karlsruhe, die zum Aufbau des XLINK (eXtended Lokales Informatik Netz Karlsruhe) führte, das ebenfalls eine Verbindung in die USA zum NYSERNet anbot.

Das OSI-Regime des DFN lockerte sich nach und nach. Das X.25-basierte Wissenschaftsnetz (WiN) sollte gleich von seinem Start an auch TCP/IP-Hosts unterstützen.(27) Die europäischen Netzanbieter schlossen sich 1989 auf Initiative von Rob Blokzijl am National Institute for Nuclear Physics and High-Energy Physics in Amsterdam zum RIPE (Reseaux IP Europeens) zusammen, um die administrative und technische Koordination für ein paneuropäisches IP-Netzwerk zu gewährleisten. Zur Konsolidierung der bereits existierenden europäischen IP-Netze begannen 1991 einige Netzbetreiber, eine europäische IP-Backbone-Struktur namens EBONE zu planen und aufzubauen.

1992 begannen dann auch Initiativen wie der Individual Network e.V. (IN) mit dem Aufbau alternativer Verfahren und Strukturen zur Bereitstellung von IP-Diensten. Auch das IN nahm im Weiteren aktiv an der Gestaltung der deutschen IP-Landschaft teil. Nicht zuletzt die Netnews-Verteilung wäre ohne die IN-Mitarbeit nur schleppend vorangekommen.

Der Zuwachs der internationalen IP-Konnektivität läßt sich an der Anmeldung von Länder-Domains ablesen. 1988 kamen Kanada, Dänemark, Finland, Frankreich, Island, Norwegen und Schweden dazu. Im November 1989 sind insgesamt 160.000 Hosts am Internet. Australien, Deutschland, Israel, Italien, Japan, Mexico, Holland, Neuseeland und Großbritannien schließen sich an.

1990 kommen Argentinien, Österreich, Belgien, Brazilien, Chile, Griechenland, Indien, Irland, Südkorea, Spanien und die Schweiz dazu. 1991 sind es Kroatien, die Tschechische Republik, Hong Kong, Ungarn, Polen, Portugal, Singapur, Südafrika, Taiwan und Tunesien. 1992 überschreitet die Zahl der Hosts die eine-Million-Marke. Immer kleinere Länder und Territorien wie Zypern, die Antarktis, Kuwait und Luxemburg melden Länder-Domains an. 1997 kommen noch eine Reihe von Inselnationen und Protektorate hinzu, so daß heute die gesamte Weltkarte auf den Adreßraum des Internet abgebildet ist.



Kommerzialisierung

Das Entstehen eines kommerziellen Internet-Anbietermarktes anzuregen und zu fördern, war eines der Ziele der NSFNet-Initiative. Zu den ersten Nutznießern gehörten Performance Systems International (PSI), Advanced Network and Systems (ANS - von IBM, MERIT und MCI gegründet), Sprintlink und CERFNet von General Atomics, das auch das San Diego Supercomputer Center betrieb. Die kommerziellen ISPs sollten Ende der Achtziger den Erhalt und Ausbau des Internet von den Universitäten und Forschungbehörden übernehmen.

Dadurch entstand auch ein bedeutender Markt für Internet-basierte Produkte. Len Bozack, ein Stanford-Student, gründete Cisco Systems. Andere, wie 3COM, Proteon, Banyan, Wellfleet und Bridge gingen ebenfalls in den Router-Markt.

Die erste Internet-Industriemesse, die Interop in San Jose 1988, zog 50 Aussteller und 5.000 Besucher an.

1991 hob die NSF das bis dahin bestehende Werbeverbot (die acceptable use policy) in der öffentlichen Netzinfrastruktur auf. Damit war der Weg frei dafür, daß sich sich General Atomics (CERFnet), PSI (PSInet) und UUNET Technologies, Inc. (AlterNet) in Kalifornien zum ersten CIX (Commercial Internet Exchange) zusammenschlossen, um den ungeeingeschränkten Verkehr zwischen den kommerziellen Netzen zu organisieren.

Auch in Deutschland begann Anfang der Neunziger die Privatisierung der universitären Infrastruktur. Das Drittmittelprojekt EUnet der Informatik-Rechnerbetriebsgruppe der Uni Dortmund wurde Ende 1992 zur GmbH. Im Jahr darauf wurde auch das XLINK-Projekt an der Uni Karlsruhe zur Tochter der NTG, ihrerseits Tochter von Bull.(28)





Wende ab 1990

Ein Wendepunkt läßt sich am Übergang von den 80er zu den 90er Jahren ausmachen. Das ARPANet wird 1990 offiziell abgeschaltet. Die NSF verlagert die Netzwerkförderung von einer direkte Finanzierung der akademischen Backbone-Infrastruktur hin zur Bereitsstellung von Etats, mit denen die Universitäten sich Konnektivität von kommerziellen Anbietern einkaufen.

Mit der schwindenden Rolle der NSF im Internet endete auch die Verbindlichkeit der Acceptable Use Policy. Zunächst behutsam, dann in einem unhaufhörlichen Strom setzten die Werbebotschften im Netz ein. Die im CIX zusammengeschalteten Netzanbieter vermarkteten das Internet als Business-Plattform. Über die Gateways der kommerziellen BBSe kamen Nutzerkulturen, die es gewohnt waren, für Informationen zu bezahlen und ihrerseits die Kanäle hemmungslos für gewerbliche Zwecke zu verwenden. Einen berüchtigten Konflikt löste die Anwaltsfirma Canter & Siegel aus Arizona aus, als sie 1994 Massen-eMails (Spam) zur Bewerbung ihrer Green-Card-Lotteriedienste ins Internet schickte. Die Netzbewohner reagierten heftig und unterbanden diesen Mißbrauch, indem sie ihrerseits die Firma massenhaft mit eMail eindeckten.

Ab 1990 wurden gezielte Anstrengungen unternommen, kommerzielle und nichtkommerzielle Informationsdiensteanbieter ins Netz zu holen. Unter den ersten befanden sich Dow Jones, Telebase, Dialog, CARL und die National Library of Medicine.

1991 trat das WWW seinen Siegeszug an. Mehr als 100 Länder waren an das Internet angeschlossen, mit über 600.000 Hosts und fast 5.000 einzelnen Netzen. Im Januar 1993 waren es über 1,3 Millionen Rechner und über 10.000 Netzwerke.

US-Präsident Clinton und Vize Al Gore gaben im Februar 1993 unmittelbar nach ihrem Amtsantritt auf einem Town Meeting im Silicon Valley eine Erklärung über ihre Technologiepolitik ab, in der das Internet bereits eine zentrale Rolle spielte. Damit lösten sie eine Art Vorbeben aus, in einer geopolitischen Situation, in der die USA sich in einer Wirtschaftskrise befanden, Europa im Aufschwung und Japan an der Weltspitze. Die eigentliche Schockwelle ging über die Welt hinweg, als am 15. September des Jahres Al Gore die National Information Infrastructure Agenda for Action verkündete, in der er Netzwerke nicht nur selbst zu einer Multi-Milliarden-Dollar-Industrie, sondern zu einer Grundlageninfrastruktur für Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Kultur erklärte.(29) Das Bewußtsein, in einem Schlüsseltechnologiesektor hinter den USA herzuhinken, löste allerorten hektisches Treiben aus. Spätestens damit beginnt die kommerzielle Erschließung und die Massenbesiedlung des Internet.

Für die neuen Generationen von Nutzern gibt es nur eine Information, die frei und möglichst weit zirkulieren soll, und das ist Werbung. Alle andere Information ist für sie Ware. Um nun in diesem promiskuitiven Milieu eine Information (z.B. Börsendaten, Lehrmaterial, Musikstücke) derjenigen und nur derjenigen zugänglich zu machen, die dafür bezahlt hat, müssen in das Internet zusätzliche, aufwendige Schutzmechanismen, Zonen mit Zugangskontrollen und kryptographisch abgesicherte Copyrights Control Systems eingezogen werden. Die sog. Rechteindustrie (Bertelsmann, Sony, Time-Warner usw.) arbeitet seit etwa 1994 nach Kräften daran, ihre Waren über das Netz verkaufbar zu machen und technisch abzusichern.(30) Nichts demonstriert die neue Qualität des Internet besser, als die erste Cyber-Bank, First Virtual, die 1994 ihren Betrieb aufnimmt.

Microsoft hatte das Internet zunächst verschlafen. Bill Gates erwähnte in der Erstausgabe seines 1995 erschienen Buches "The Road Ahead" das Internet mit keinem Wort. Kurz darauf schwenkte er den Ozeanriesen Microsoft auf Internet-Kurs. Noch im selben Jahr erschien die erste Version des MS Internet Explorers. Nachdem die Kopplung von Hard- und Software gebrochen war, löste das Web die Verbindung von jeweils spezifischer Software und Information auf. Microsoft Network (MSN) war dagegen ein Versuch, erneut eine solche Kopplung zu legen: ein geschlossenes Format, in dem Firmen kostenpflichtige Informationen und Dienstleistungen anbieten konnten -- sofern sie eine Startgebühr von $ 50.000 und einen Anteil aller Einnahmen an MS zahlte. Es handete sich um eine verspätete Immitation der geschlossenen BBSe wie Compuserve oder AOL, die bereits durch das WWW überholt waren, das es jedem erlaubte, gebührenfrei Informationen anzubieten.

Domain-Namen waren bislang nichts als eine Mnemotechnik gewesen, die die darunterliegenden numerischen IP-Adressen handhabbarer machten. Durch den Einzug großer Unternehmen mit ihren geschützten Warenzeichen werden sie zu einem aggressiv umstrittenen Territorium. Der erste prominente Streit darüber, ob Domain-Namen geistiges Eigentum sind, war MTV Networks gegen Adam Curry. Etwa im Mai 1993 hatte Curry, ein MTV-Video-Jockey, auf eigene Faust und Kosten ein Informationsangebot unter mtv.com gestartet. In Gesprächen mit führenden Angestellten von MTVN und deren Mutterfirma Viacom New Media hieß es, MTV habe kein Interesse am Internet, hindere ihn aber auch nicht an seinen Aktivitäten. Also baute Curry sein Informationsangebot weiter aus, u.a. mit einem Schwarzen Brett, auf dem sich Musiker und Vertreter der Musikindustrie miteinander unterhielten. In den von ihm moderierten Fernsehprogrammen wurden eMail-Adressen wie "popquiz@mtv.com" eingeblendet. Im Januar 1994 forderte MTVN Curry förmlich auf, die Verwendung von mtv.com einzustellen. Dennoch verwiesen MTV-Sendungen weiterhin auf diese Adresse und ein führender Angestellter bat Curry im Februar, bestimmte Informationen in seiner Site aufzunehmen. Inzwischen hatten MTVN und AOL einen Vertrag abgeschlossen, um einen kostenpflichtigen Dienst anzubieten, der u.a. ein Schwarzes Brett für Musik-Profis beinhalten sollte, das dem von Curry auffällig glich. MTVN verklagte Curry u.a. wegen Verstoßes gegen Trademark-Ansprüche auf Freigabe der Domain mtv.com. Currys Versuche, den Streit gütlich beizulegen, scheiterten und er kündigte. Letztzendlich kam es doch zu einer außergerichtlichen Einigung, bei der Curry mtv.com an MTV aufgab.(31) Die Situation war typisch für die Zeit um 1993-94: große Unternehmen, auch aus der Medienbranche, ignorierten oder unterschätzten die Bedeutung des Internet, während innovative Einzelpersonen durch ihr persönliches Engagement populäre und kostenlose Informationsangebote aufbauten, nur um zusehen zu müssen, wie ihnen ihre Arbeit vom Rechtssystem abgesprochen wird. Nachdem in zahlreichen Urteilen entschieden war, daß Domain-Namen dem Warenzeichenregime unterliegen, setzte ein reger Handel ein. CNET beispielsweise kaufte 1996 die URL 'tv.com' $ 15.000. 'business.com' wurde 1997 für $ 150.000 verkauft und zwei Jahre später für bereits $ 7,5 Millionen weiterverkauft.

Bis 1995 ist die kommerzielle Backbone-Infrastruktur in den USA soweit errichtet und untereinander verschaltet, daß der NSFNET-Backbone-Dienst eingestellt werden kann.(32) Im selben Jahr gehen eine Reihe von Internet-Unternehmen an die Börse, am spektakulärsten das auf der NCSA-Browser-Technologie errichtete Netscape mit dem drittgrößten NASDAQ-IPO-Wert aller Zeiten.

Im Gefolge der Wirtschaft halten auch die Rechtsanwälte Einzug ins Internet. Als Teil der Verrechtlichung unternimmt auch der Gesetzgeber Schritte zu seiner Regulierung. 1996 wird in den USA der umstrittene Communications Decency Act (CDA) verabschiedet, der den Gebrauch von 'unanständigen' Wörtern im Internet verbietet. Einige Monate später verhängt ein Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Anwendung dieses Gesetzes. 1997 erklärt das höchste US-Gericht den CDA für verfassungswidrig. Dennoch wird in dieser Zeit der vermeintlich rechtsfreie Raum des Internet in die gesetzlichen Regularien von Kryptografie über Urheberrecht bis zu den Allgemeinen Geschäftsbedingungen einbezogen.

In vielen Ländern greifen Gerichte und staatliche Behörden in den Cyberspace ein. China verlangt, daß ISPs und Nutzer sich bei der Polizei registrieren. Ein deutsches Gericht entscheidet, daß Compuserve den Zugang zu Newsgroups, die sich im weitesten Sinne mit Sexualität beschäftigen, unterbinden muß. Da Compuserve sein weltweites Informationsangebot in seiner Zentrale in Ohio vorrätig hält und es technisch nicht nach einzelnen Länder differenzieren kann, schaltet es die Newsgroups für alle Nutzer ab, was eine vor allem amerikanische Protest- und Boykottwelle gegen Deutschland auslöst. Saudi Arabien beschränkt den Zugang zum Internet auf Universitäten und Krankenhäuser. Singapur verpflichtet politische und religiöse Inhalteanbieter, sich staatlich registrieren zu lassen. Neuseeland klassifiziert Computer-Disketten als 'Publikationen', die zensiert und beschlagnahmt werden können. Amerikanische Telekommunikationsunternehmen nehmen Anstoß an Internet-Telefoniediensten und fordern das Parlament auf, die Technologie zu verbieten.

Auch die Selbstorganisation der technischen Entwicklung der Internet-Grundlagen verändert ihren Charakter. Saßen in den jährlichen Treffen von IETF-Arbeitsgruppen Mitte der Achtziger höchstens 100 Personen, sind es jetzt nicht selten 2-3.000. Entsprechend sind sie kein kollektives Brainstorming mehr, sondern dichtgedrängte Abfolgen von Präsentationen. Die eigentliche Arbeit findet immer häufiger in kleinen geschlossenen Gruppen, den Design-Teams, statt. Während die mehr als zwanzig Jahre alte Technologie des Internet erstaunlich stabil skaliert, stoßen die Community-Strukturen an ihre Grenzen. Auch die Zusammensetzung der Arbeitsgruppen verändert sich. "Seit den späten 80er Jahren hat sich der Anteil akademischer Mitglieder in der IETF stetig verringert -- und das nicht nur, weil die Zahl der Unternehmen immer mehr anstieg, sondern auch, weil immer mehr Gründungsmitglieder in die Wirtschaft wechselten."(33) Das kollektive Streben nach der besten Lösung für das Internet als ganzes, so Jeanette Hofmann, droht, von den Interessen konkurrierender Unternehmen unterlaufen zu werden, die ihre jeweiligen Produkte durchsetzen wollen. Schließlich führen die schiere Größe, die nachrückende Generation von Ingenieuren und das Gewicht der gewachsenen Struktur dazu, daß die Standardentwicklung dazu neigt, konservativer und mittelmäßiger zu werden. Hofmanns Fazit: Die IETF sei auf dem besten Weg, eine Standardisierungsorganisation wie jede andere zu werden. "Das Internet und seine Gemeinde sind in der Normalität angekommen. Irgendwann werden sich die Väter unter der wachsenden Zahl gleichberechtigter Mitglieder verloren haben -- und mit ihnen ein Teil der Ideen und Prinzipien, die die Entstehung des Internet umgaben."(34)





The Beginning of the Great Conversation

Welche Bedeutung hat nun die hier geschilderte Entwicklung des Internet für die Wissensordnung digitaler Medien allgemein und für die freie Software im besonderen? Das Netz der Netze ist offen, verteilt, dezentral und heterogen. Im Gegensatz zum zentralistischen Telefonsystem beruht es auf lokalen Peering-Abkommen zwischen geographisch benachbarten Netzen. Das Internet ist offen, weil es von Beginn an auf den verschiedensten Rechnerarchitekturen implementiert wurde, weil es auf jede Netzwerk-Technologie (Radio, Satelliten, ISDN, Frame Relay, ATM) aufsetzen kann,(35) und weil es seinerseits andere Protokolle (AppleTalk, Novell IPX, DECNet) gekapselt transportieren kann. Offen ist es auch von Beginn an für internationale Zusammenarbeit. Offen ist es schließlich, weil die öffentliche Förderung (durch die US-Wissenschaftsbehörden ARPA und NSF und mit Verzögerung auch durch die entsprechenden Behörden anderer Länder) eine proprietäre Schließung der Forschungsergebnisse verhinderte. Der antikommerzielle Geist in dieser öffentlichen Infrastruktur der Wissenschaftsgemeinde wurde in der Acceptable Use Policy der NSF kodifiziert, die bis Ende der achtziger Jahre jegliche kommerzielle Nutzung, wie Werbung oder Verkauf von Waren und Dienstleistungen im Internet, untersagte. Es ging um Grundlagenforschung, in einem Gebiet, in dem viele Leute kooperieren mußten, durchgeführt an Universitäten und in seinem ersten Jahrzehnt noch ohne militärische(36) und wirtschaftliche Anwendung. Aus all diesen Faktoren erwuchs eine kooperative Community, die das Netz trägt und von ihm getragen wird.

Aus dieser Zeit und aus diesem Wissensmilieu stammt der Grundsatz der Wissensordnung digitaler Medien, den einige Unverdrossene auch heute im Zeitalter der dot-com-economy aufrecht erhalten: Information wants to be free. Die besondere Qualität dieser Umgebung ergibt sich aus der Zweiwegkommunikationsstruktur und der Archivfunktion des Netzes. Die schlichte Tatsache, daß jeder Teilnehmer einzelne oder Gruppen beliebiger Größe von anderen Teilnehmern ansprechen kann und daß viele der öffentlichen Äußerungen nachlesbar und referenzierbar bleiben, führt zu dem was John Perry Barlow als "The End of Broadcast Media and the Beginning of the Great Conversation" bezeichnet hat. "If it is suddenly possible to spread ideas widely without first shoving them through some centrally operated and intensely capitalized industrial engine -- whether a complex of book binderies or 50,000 watt transmitters -- ... freedom of expression will belong not only to those who buy ink by the barrel or transmitter power by the kilowatt. No longer will anyone have to confine their expressions to ideas congenial to the media lords and their advertisers."(37)

Kommunikationsmittel, die in vergleichbarer Form nur großen Unternehmen und gutbesoldeten staatlichen Stellen verfügbar waren (z.B. Video-Conferencing), erlauben es jetzt Individuen, ad hoc oder kontinuierlich zusammenzuarbeiten. Daraus ergeben sich für einzelne Gruppen wie für das Internet insgesamt Strukturcharakteristika, die Helmut Spinner für die vielversprechenste nichttechnische Neuerung der aktuellen Wissensordnung hält. "Es sind die weiten aber trotzdem flachen Informationsnetze, die erstmals in der Geschichte das traditionelle 'Organisationsgesetz' durchbrechen, demzufolge Größenwachstum unvermeidlich mit Abschließung nach außen und Hierarchiebildung im Innern verbunden ist, vom Sportverein über den Wirtschaftsbetrieb bis zum Großreich."(38)

Das Internet entwickelt sich selbst im Modus der offenen Kooperation und wird zur Möglichkeitsbedingung für eine inkrementelle Wissensentwicklung durch Tausende auf der ganzen Welt verteilter Individuen, ohne Management- und andere Overhead-Kosten, in einer direkten Rückopplungsschleife mit den Anwendern. Damit ist es auch die essentielle Möglichkeitsbedingung für das Phänomen der freien Software.


 

 

Fußnoten

1. Zu Licklider s. David S. Bennahums Webseite http://www.memex.org/licklider.html, wo sich auch Licks Texte "Man-Computer Symbiosis" (1960) und "The Computer as a Communications Device" (1968, zusammen mit Robert Taylor) finden.

2. ARPA draft, III-24 und III-21, zitiert Hauben/Hauben 1996, Chapter 6

3. s. http://www.rand.org/publications/RM/baran.list.html, besonders "On Distributed Communications Networks" (1964)

4. ein Diagramm dieses ersten 4-Knoten-ARPAnets s. http://www.computerhistory.org/exhibits/internet_history/full_size_images/1969_4-node_map.gif

5. Erster RFC: "Host Software" von Stephen D. Crocker über die Kommunikation zwischen IMP und dem bereits vorhandenen Host-Rechner; ftp://ftp.denic.de/pub/rfc/rfc1.txt

6. "The content of a NWG [Network Working Group] note may be any thought, suggestion, etc. related to the HOST software or other aspect of the network. Notes are encouraged to be timely rather than polished. Philosophical positions without examples or other specifics, specific suggestions or implementation techniques without introductory or background explication, and explicit questions without any attempted answers are all acceptable. The minimum length for a NWG note is one sentence. These standards (or lack of them) are stated explicitly for two reasons. First, there is a tendency to view a written statement as ipso facto authoritative, and we hope to promote the exchange and discussion of considerably less than authoritative ideas. Second, there is a natural hesitancy to publish something unpolished, and we hope to ease this inhibition." (Steve Crocker, RFC 3 - 1969)

7. für eine zuverlässige Internet-Chronologie s. Robert Hobbes Zakon, Hobbes' Internet Timeline, http://www.isoc.org/guest/zakon/Internet/History/HIT.html; eine weitere ausgezeichnete bebilderte Chronologie vom Computer Museum, Moffett Field, California: http://www.computerhistory.org/exhibits/internet_history/

8. Cerf 1993

9. Karte s. http://www.computerhistory.org/exhibits/internet_history/full_size_images/1975_net_map.gif

10. Cerf 1993

11. Cerf 1993

12. ARPANET Completion Report, January 3, 1978, zit. nach

http://www.computerhistory.org/exhibits/internet_history/internet_history_70s.page

13. Malkin 1992

14. http://www.ietf.org/

15. Alvestrand 1996: 61

16. Dave Clark, IETF Credo (1992), http://info.isoc.org:80/standards/index.html

17. http://www.mmt.bme.hu/~kiss/docs/opsys/worm.html

18. http://www.isoc.org

19. die generischen Top-Level Domains sind .gov, .mil, .edu, .org, .net, .com. und das wenig gebrauchte .int für internationale Organisationen. Domains außerhalb der USA erhalten einen Ländercode aus zwei Buchstaben nach ISO-Norm, z.B. .de, .nl, .jp.

20. 1981 brachte Metcalfes 3COM UNET auf den Markt, ein Unix TCP/IP-Produkt, das auf Ethernet läuft.

21. der Quellcode ist abrufbar unter http://people.qualcomm.com/karn/code/ka9qos/

22. vgl. Baker 1998

23. Zur Kultur des USENET siehe ausführlich Hauben/Hauben 1996

24. C. Kalle, Wizards 7/1999

25. C. Kalle, Wizards 7/1999. Da OSI maßgeblich von Europa und Japan vorangetrieben wurde und als 'Gegenentwicklung' zum US-amerikanischen TCP/IP galt, stand es in einem blockpolitisch aufgeladenen Feld.

26. C. Kalle, Wizards 7/1999

27. Zu den Auseindandersetzungen zwischen dem offiziellen OSI-Lager und der wachsenden Zahl von TCP/IP-Verfechtern in Deutschland, s. Kalle, Wizards 7/1999

28. Kalle, Wizards 7/1999

29. Im selben Jahr richtete die US-Regierung als erste einen Web-Server ein (http://www.whitehouse.gov/).

30. vgl. Stefik 1996

31. Offener Brief von Adam Curry auf der "'Lectric Law Library"-Liste vom 10. Mai 1994, http://www.lectlaw.com/files/inp10.htm; MTV v. Adam Curry case from 867 F.Supp. 202., United States District Court, S.D. New York, Oct. 28, 1994; http://www.loundy.com/CASES/MTV_v_Curry.html

32. Merit's History. The NSFNET Backbone Project, 1987 - 1995, http://www.merit.edu/merit/archive/nsfnet/transition/

33. Jeanette Hofmann, Wizards 7/1999

34. Jeanette Hofmann, Wizards 7/1999

35. Eines der Hauptziele des Projekts war, wie Cerf es beschreibt, "IP on everything." (Cerf 1993)

36. Erst Ende 1978 begannen sich die operativen Streikräfte dafür zu interessieren. "In 1979 we deployed packet radio systems at Fort Bragg, and they were used in field exercises... In 1980, it was decided that TCP/IP would be the preferred military protocols." (Cerf 1993)

37. Barlow 1996

38. Spinner 1998: 9

 

 

Literatur

J.R.Licklider. Zwei Aufsätze -- Man- Computer Symbiosis (1960) and The Computer as a Communications Device (1968, co-authored with Robert Taylor)

RFC 1180: TCP-IP Tutorial, Network Working Group, T. Socolofsky, C. Kale, January 1991

TCP/IP FAQ; Frequently Asked Questions (1999-09) Part 1 of 2 | Part 2 of 2