Christian Boltanski
The Missing House (Grosse Hamburger Strasse, Berlin-Mitte)
von Lysann Buschbeck

- Das fehlende Haus
- Das Abwesende wahrnehmen
- 1+1+1+1+1+1+1...
- Eigene Position
- Literatur


Das fehlende Haus


»The Missing House« des französischen Künstlers Christian Boltanski (geb. 1943) entstand 1990 im ehemaligen Scheunenviertel in Berlin und ist dort bis heute auf der Großen Hamburger Straße 15/16, zu sehen. Zum Beginn des Jahrhunderts lebten in diesem Viertel Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten zusammen. Die Große Hamburger Straße wurde oft Toleranzgasse genannt. Vor dem 2. Weltkrieg lebten dort vor allem viele aus dem Osten eingewanderte Juden. Nicht weit von hier befand sich auch der älteste, jüdische Friedhof, der aber auf Anweisung der Gestapo 1943 vernichtet wurde. Kurz vor Kriegsende wurde das Haus Nr. 15/16 in der Großen Hamburger Straße von Bomben getroffen und brannte völlig nieder. Noch heute klafft an dieser Stelle eine Lücke zwischen zwei angrenzenden Häusern, die bei dem Bombenangriff verschont blieben.
Auf seinen Spaziergängen stieß Christian Boltanski, der gerade als Gastprofessor an der Hochschule der Künste tätig war, immer wieder auf die zwischen diesen beiden Häusern entstandene Wunde. So begann Christian Boltanski 1990 zu recherchieren. Wer hatte zur Zeit der Zerstörung im Haus gelebt? Er ermittelte die Namen, die Geburtsdaten und Berufe der Bewohner des Hauses, wann sie hier eingezogen waren und wer das Haus schon vor dessen Zerstörung verlassen musste. So erfährt man zum Beispiel vom Holzmakler G. Seefeld, der schon 1933 ausgezogen ist, oder der Geflügelhändlerin H. Budzislawski, die das Haus schon 1942 verlassen hat, obwohl es zu dieser Zeit kaum einen guten Grund dafür gab. Deportation und Emigration zwangen aber sehr viele Menschen ihre Häuser zu verlassen. Die gefundenen Informationen (Name, Beruf, Ein- und Auszugsdatum) wurden auf eine weiße Metallplatte geschrieben, die durch ihre Gestaltung auch an Todesanzeigen erinnerte, wie man sie aus Zeitungen kennt. Die beschrifteten Metallplatten befestigte man an den Brandmauern der zu beiden Seiten angrenzenden Häuser, auf der jeweiligen Höhe der ehemaligen Etagen des zerstörten Hauses. So markiert Boltanski jene Lücke und ruft sie dem Betrachter als bestehende Leerstelle ins Bewusstsein zurück.


Das Abwesende wahrnehmen

(siehe auch
»Gemeinsame Aspekte bei Christian Boltanski und Naomi Tereza Salmon«)

Aleida Assmann erinnert in einem Text über Boltanskis The Missing House an den engl. Renaissancephilosophen Francis Bacon, der davon ausgeht, dass der menschliche Geist für das Negative, Abwesende weniger aufnahmefähig ist. Das geht soweit, dass der Blick auf das Abwesende immer wieder durch etwas Anwesendes verstellt wird, das sich vor das Abwesende schiebt. Der Holocaust konfrontiert uns mit einer so großen Leere, dass sich die Frage stellt, wie man mit dieser Lücke, dem was fehlt, überhaupt umgehen oder es bearbeiten kann. Die Gefahr besteht vor allem darin, diese Leerstelle zu leugnen, das Fehlende durch etwas Neues, Repräsentatives, ersetzen zu wollen. Die Präsenz von etwas Neuem aber würde die Lücke nur schließen und damit unsichtbar machen.

1+1+1+1+1+1+1...

Boltanski macht in »The Missing House« die Lücke jedoch fühlbar. Durch das Nennen der Namen, der Berufe und Geburtsdaten werden die unterschiedlichen Lebensgeschichten vorstellbar und wiederbelebt. Er zeigt dem Betrachter keine aufrüttelnden Bilder, lässt diese aber durch die wenigen Informationen entstehen. Gleichzeitig schafft er einen Identifikationsraum, weil wir alle durch unseren Namen, das Geburtdatum und den Beruf bezeichnet und registriert werden. Aus Millionen von Kriegsopfern greift Boltanski diejenigen heraus, die hier lebten und gibt ihnen ihre Namen zurück. Er entreißt sie der Anonymität der Statistik. Aus Zahlen, Material, Objekten werden Individuen und Subjekte die uns ähnlich sind. Boltanski erklärt: »Meine Überlegungen gehen dahin, dass, wenn man eine Menschenmenge hat, diese Menge aus Individuen besteht. Das ist äußerst wichtig für mich. Wenn Politiker über Krieg sprechen erwähnen sie Zahlen, zum Beispiel: 3000 sind gefallen, aber das ist nur die halbe Wahrheit: Einer von diesen Soldaten spielte gerne Fußball, einer war frisch verheiratet, einer war gerade 19 Jahre alt geworden u.s.w. Sehen sie nicht 3000, sondern 1+1+1+1+1+1+1... alle mit ihren individuellen Lebensumständen und ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen.«


Eigene Position

Christian Boltanski hat mit »The Missing House« das Verschwundene sichtbar gemacht und gezeigt, dass, wenn wir an den Holocaust erinnern, eben nichts gezeigt werden kann und die Ermordung von 6 Millionen Juden die Lücke so unvorstellbar groß klaffen lässt, dass es keine Möglichkeit gibt sie darzustellen, vielmehr muss es darum gehen auf jede dieser Lücken zu zeigen und sie zu markieren, sich an das Verschwundene als Verschwundenes zu erinnern. Durch seine Arbeitsweise, das Sammeln von Informationen, wird außerdem klar, dass Erinnerung ohne Wissen nicht möglich ist. Auch Christian Boltanski wurde aufgefordert sich am Wettbewerb für das Holocaustmahnmal zu beteiligen. Er lehnte dies ab mit der Begründung, dass mit »The Missing House« dieses Mahnmal schon existiert. Anders als in dem jetzt realisierten zentralen Mahnmal, dem »Stelenfeld« von Eisenmann, arbeitet Boltanski mit einem authentischen Ort und mit den Namen der Menschen die wirklich dort lebten. Durch die wenigen Hinweise, erlaubt er dem Betrachter, eigene Vorstellungen zu entwickeln. In dem Entwurf von Eisenmann passiert meiner Meinung nach das, wovor Francis Bacon in seinem Text warnt: das Anwesende schiebt sich vor das Abwesende. Das Mahnmal konfrontiert uns nicht mit dem was geschah, die große Leere wird gefüllt mit etwas Neuem, dass eher sich selber repräsentiert. Mahnen und Erinnern werden in den Hintergrund gedrängt.


 

 

 

 

 

 

 

 

 


Schnappschuss in der Großen Hamburger Straße 15/16, Berlin

 

Literatur
- Eike Geisel: Im Scheunenviertel. Bilder, Texte und Dokumente, Berlin 1981.
- Aleida Assmann: Erinnerungsräume, München 1999.
- Peter Rautmann: Nicolas Schatz, Passagen: Kreuz- und Quergänge durch die Moderne, Regensburg 1998.