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27.11.00: Gutenberg-Galaxis
Literatur
 
 
 

Papier
Die Modernisierung Europas wurde im 15. und 16. Jahrhundert durch die Ausweitung der
Papierproduktion erheblich beschleunigt. Der preiswerte und in großen Mengen verfügbare
"Zauberstoff" Papier bahnte dem Buchdruck sowie den neuen grafischen Massenmedien
Holzschnitt und Kupferstich den Weg.
 

"Daß von dem selben Holze sowohl Königsthrone als Nachtstuhldeckel
gemacht werden, sowohl das Papier, welches mit Liebesbriefen beschrieben
und von schönen Frauen geküßt wird, als auch Arschwische herkommen: ein
Umstand, der den gescheitesten Astrologen um seinen Verstand bringen
könnte".
Nach Giambattista Basile, 1575-1632


Seit mehr als 2000 Jahren gibt es Papier. Der dauerhafte und preisgünstige Beschreibstoff aus gestampften Leinenlumpen und Leim wurde im zweiten oder ersten Jahrhundert vor Christus im Südwesten Chinas erfunden. Vom achten Jahrhundert an verbreiteten sich Gebrauch und Herstellung nach Europa. Die erste Papiermacherzunft entstand 1293 in Fabriano (Italien). Hier gewann die Papierproduktion auch ihre großtechnische Reife. Entscheidend waren die Einführung des Drahtsiebs, eines wassergetriebenen Lumpenstampfwerkes und der Übergang von pflanzlichem zu tierischem Leim. Von Fabriano aus hat sich wohl auch das Wasserzeichen in ganz Europa verbreitet. Auf den Spuren der Lombarden fanden die Papiermacher aus der Mark Ancona, der Lombardei und dem Piemont schließlich den Weg über die Alpen nach Frankreich und ins Reich. Die ersten Papiermühlen nördlich der Alpen standen in der Champagne rund um die Messe und Residenzstadt Troyes.

Im Reichsgebiet wurde das erste Papier Ende des 14. Jahrhunderts in Schopfheim bei Basel hergestellt. Später folgten Nürnberg, Besançon, Ravensburg und Freiburg im Üchtland. Die meisten der im Bodenseeraum und der Schweiz tätigen Spezialisten stammten aus Casale di Torino (Piemont). Darunter war auch die berühmte Papiermacherfamilie Gallician. Im 15. Jahrhundert beginnt der Aufstieg der "Papierlandschaft" Lothringen. Die mit ihren sauberen und wasserreichen Bächen für die Papierherstellung bestens geeignete Region am Westabhang der Vogesen entwickelte sich zu einem leistungsstarken Papiermühlenrevier. Bis zu 40 Fabrikationsstätten versorgten Lothringen, das Elsass, die Schweiz, den Niederrhein und die Niederlande. Zentrum der Papierherstellung war die Moselstadt Epinal.
 
Die Fertigkeit der Papierherstellung breitete sich zwischen dem ersten und  dem vierzehnten Jahrhundert vom Ursprungsland China bis nach Europa aus. 

Bild: Irsigler, SFB 235 
 

Wie das Tuchgewerbe genoss auch die Papiermacherei in Lothringen besondere herrschaftliche Förderung. In Metz, Epinal und anderen Städten gab es eine im Handel sehr aktive Führungsschicht, die nicht nur über die notwendigen Mittel zur Einführung des neuen Gewerbes, sondern auch über feste Handelsbeziehungen und Absatzmöglichkeiten für das Papier verfügte. Über Pacht- und Verlagsverträge nahmen Patrizier und Kaufleute Einfluss auf die Papierproduktion und den Papierhandel. Sie sorgten für den Bezug der Rohstoffe Leinenlumpen, Leim, Draht und Filz. Wie im italienischen Fabriano (und später in Paris und Krakau) bildete sich auch in Epinal eine zunftähnliche Organisation der Papiermacher. In den meisten anderen Städten zählte die Papierherstellung zu den freien, "nicht zünftigen" Gewerben. 
 

Damals in Europa. Auf Spurensuche zwischen Maas und Rhein. Eine Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft
http://www.dfg.de/damals/

Das Papier aus Lothringen fand seine wichtigsten Abnehmer in den Messe-, Universitäts- und Druckerstädten an Rhein, Maas und Schelde. Aus diesen Zentren wiederum bezog man einen großen Teil der Rohstoffe für die Papierherstellung. Bedarf entstand nicht erst durch die Verbreitung des Buchdrucks und der neuen Bildmedien Holzschnitt und Kupferstich. Schon zuvor war der Papierverbrauch in Schreibstuben, Schulen, Universitäten, Kanzleien und Verwaltungen enorm. Auch zum Einpacken von Waren oder zur Herstellung der beliebten Spielkarten benötigte man Papier. Viele Lothringer Mühlen stellten vornehmlich Papier für solche gewerbliche Nutzung her. Epinaler Spielkarten wurden seit dem 16. Jahrhundert ein bekannter und begehrter Markenartikel.

Beim Absatz von großformatigem Druckpapier bekamen italienische Papiermacher ab 1460/70 Konkurrenz durch die Familie Gallician in Basel und lothringische Hersteller. Papier mit dem bekannten Epinaler TurmWasserzeichen findet sich schon in einer Auflage von Gutenbergs "Catholicon" (1471/72). Der Nürnberger Drucker und Verleger Anton Koberger ließ sein berühmtes Bibelwerk in Basel auf Epinaler Papier drucken. Im 16. Jahrhundert waren vogesische Papiermacher sogar die Hauptlieferanten der erfolgreichen Baseler Drucker. Ihre Liefervereinbarungen schlossen sie auf den Frankfurter Messen ab, damals "Drehscheibe" des internationalen Papierhandels. Große Formate mit höchster Qualitätsstufe verarbeiteten die Drucker von Germania-, Europa- und Weltkarten. Für kurze Zeit erlangte die von Martin Waldseemüller geleitete Schule für Kosmographen und Kartenmacher, das Gymnasium Vosagense in Saint Dié, überragende Bedeutung. Auf Waldseemüllers Weltkarte von 1507 erscheint  zum ersten Mal der Name "America".
 
Eine Papiermacherin präsentiert sich in einem Kleid aus Produkten ihrer Handwerkskunst. 

Bild: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Damals in Europa. Auf Spurensuche zwischen Maas und Rhein. Eine Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft
http://www.dfg.de/damals/

Die revolutionäre Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg hätte ohne preisgünstiges und in großen Mengen verfügbares Druckpapier nicht den durchschlagenden Erfolg gehabt. Nur mit Pergament wären nämlich die Vorteile des neuen Verfahrens - Zeitgewinn und höhere Auflagen -nicht zu erzielen gewesen. Die rasche Zunahme der Fähigkeiten Lesen und Schreiben ließ den Markt für neue Medien wachsen und machte die Massenproduktion von Lesestoff notwendig. Holzschnitte, Kupfer und Stahlstiche alles Erfindungen des 15. und 16. Jahrhunderts, erlaubten bisher unbekannte Verbindungen von Text und Bild, die auch der zeitgenössischen Kunstproduktion enorme Impulse gaben. Albrecht Dürer zum Beispiel brachte eine große Zahl von Holzschnitten und Kupferstichen auf den Markt und erwarb damit trotz der relativ bescheidenen Stückpreise ein beachtliches Vermögen. Als er 1520 in die Niederlande reiste, führte er Abzüge fast aller seiner Arbeiten mit, die er verkaufte oder potentiellen Kunden schenkte.
 
 
 

Die Gutenberg-Galaxis

Den Medienhorizont, der in Europa in der Rennaissance mit der Erfindung von Druckerpresse und beweglichen Lettern aufkommt, und die intellektuelle, kulturelle, soziale Struktur, die er formatierte, nannte McLuhan die Gutenberg Galaxis.
 

McLuhan:


Das Buch war das erste auf moderne Weise massenproduzierte Industriegut und damit das erste Medium, das Massen produzierte. Die killer application des frühen 16. Jahrhunderts war Luthers Reformation, die nicht nur Kanal und Botschaft, sondern auch den Code revolutionierte, indem sie von Latein auf Landessprache umschaltete. Druckerzeugnisse waren außerdem der Schlüssel für die Entstehung völlig neuer Vorstellungen von Gleichzeitigkeit. Die ‘homogene und leere Zeit' (Benjamin) von Uhr und Kalender bildet die Matrix, auf der der Roman, anders als das monolineare Epos, seine parallelen, gleichzeitigen Erzählstränge auffädeln kann. Noch deutlicher wird die ‘zeitigende' Funktion im Falle der Zeitung. Die Ereignisse, die in ihr zusammenkommen, haben gemein, daß sie ‘neu' sind und daß ihre Akteure, auch wenn sie eine Zeitlang aus der Zeitung verschwinden, wie die Figuren eines Romans sicherlich wieder auftauchen werden. Erzeugt sie auf der einen Seite offene parallele Serien, so synchronisiert sie auf der anderen in der Lektüre eine Nation.

"Dieser Massenzeremonie   von Hegel stammt der Satz, daß dem modernen Menschen die Zeitung als Ersatz für das Morgengebet dient   ist eine Paradox zu eigen. Sie wird in zurückgezogener Privatheit vollzogen, in der ‘Löwenhöhle des Kopfes', aber jedem Leser ist bewußt, daß seine Zeremonie gleichzeitig von Tausenden (oder Millionen) anderer vollzogen wird, von deren Existenz er überzeugt ist, von deren Identität er jedoch keine Ahnung hat. Darüber hinaus wird diese Zeremonie unablässig über das ganze Jahr hinweg in täglichen oder halbtäglichen Intervallen wiederholt. Kann man sich ein anschaulicheres Bild für die säkularisierte, historisch gebundene und vorgestellte Gemeinschaft denken?" [Benedict Anderson 1996: 41]
Zeitgleich mit Wort und Sache der Zeitung tauchen im 16. Jahrhundert auch die ‘Zeitgenossen' auf. Eine ‘Genossenschaft in der Zeit' ist ein Daseinsgefühl, das nur in der Homogenität denkbar ist, die durch die Standards der Mercator-Karte und des christlichen Kalenders geschaffen wird. ‘Zeitgenössische' Literatur meint noch die eines Landes, doch die Homogenisierung macht an Grenzen nicht Halt, so daß Goethe 1827 schreiben kann: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu mitwirken, die Epoche zu beschleunigen."

Wie Humanismus und Renaissance eine Mehrzahl von Zeiten (er-)fand, die sie auf einer gleichförmigen Skala anordneten, so entdeckten sie auch eine Relativität von Kulturen, die sie auf einer Skala der Rationalität anordneten. Tzvetan Todorov ist die Rekonstruktion der Doppeldeutigkeit der Figur des Christóbal Colón zu verdanken. Er war verankert in einem Weltbild, das auch zu seiner Zeit bereits anachronistisch war, das aber ihm, im Unterschied zu seinen ‘moderneren' Zeitgenossen den Mut zu seinem ungeheuerlichen Unternehmen gab. Todorov zufolge war er noch halb in der heiligen Schrift unterwegs und schon halb zwischen den Zeichen, die er mit seinen navigatorischen Fähigkeiten aus der Natur las. Auch seine Haltung zu den Fremden, die er antraf, schwankt zwischen zwei Polen. Mal assimiliert er sie als identisch, hört sie seine Sprache sprechen und sieht sie als der Bekehrung fähig; oder aber er betrachtet sie als ungleiche, inferiore Wesen, die deshalb unterworfen werden müssen. Die Debatte über Gleichheit und Verschiedenheit ["Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit, die Gleichheit zur Identität; dies sind die beiden großen Figuren, die den Raum der Beziehung zum anderen unentrinnbar eingrenzen." [Todorov 1985: 177]] wird erst später in Europa ausgetragen werden, doch finden sich die beiden Ideologien der Christianisierung und der Sklaverei bereits bei Colón. "Diese elementaren Ausdrucksformen der Erfahrung mit dem Anderssein beruhen beide auf dem Egozentrismus, auf der Gleichsetzung der eigenen Werte mit den Werten allgemein, des eigenen Ichs mit dem Universum; auf der Überzeugung, daß die Welt eins ist." [Todorov 1985: 56]

Diese Einheit der Werte erlaubt es, die Vielheit in homogene Matrizen einzutragen. Das einfachste Ordnungsprinzip ist eine Binäropposition. Die Weltkarte Großbritanniens am Ende des 17. Jahrhunderts kannte neben sich selbst und Ähnlichem, also den anderen europäischen Königshäusern, nur ein einziges Außen unter dem Sammelbegriff ‘Indien'. Dieses fiel vom Selbst als Zentrum aus nach Himmelsrichtungen auseinander in die West-Indies und die East- Indies. Im 18. Jahrhundert wurde diese koloniale Machttopologie dann endgültig in das Gesicht des Globus eingeschrieben, als nämlich der Nullmeridian nach den kanarischen Inseln, Rom, Jerusalem, Paris, St.Petersburg und anderen Setzungsversuchen in Greenwich zur Ruhe kam. Im Gegensatz zum ‘natürlichen' Äquator ist die Festlegung des Nullmeridians eine willkürliche, also, wie Sobel schreibt, eine "rein politische" Entscheidung. [Sobel 1996: 3 f.; vgl. auch Pynchon 1997]

Diese machtlogische Grundordnung des Globus' füllen die neuen Natur- und Kulturwissenschaften mit   nicht weniger politischen   detaillierten Matrizen ein, die die Pluralität von Völkern, Regionen, Religionen, Sprachen und Monumenten ordnen. Universität, Landkarte, Museum und Zensus erzeugen auf Totalität ausgelegte Klassifikationsraster, die das Einzelne zählbar machen und zu der Annahme führen, "daß die Welt aus replizierbaren Dingen im Plural besteht. Das Partikulare galt immer schon als provisorischer Stellvertreter einer Serie..." [Anderson 1996: 185f.]
 

In der Gutenberg-Galaxis entwickelt sich die ganze Bandbreite von typographischen Elementen und Operationen, die jede literate Person heute für selbstverständlich hält. Während die frühesten mit Holzschnitt gedruckten Bücher noch mittelalterlichen Manuskripten ähnelten, markierte Aldus Manutius' Erfindung des Taschenbuchs zur Massenverbreitung von griechischen und römischen Klassikern das Ende des handschriftlichen Denkens. Das gedruckte Buch begann, sein eigenes Medienformat hervorzubringen, das schließlich Gesellschaft formatierte, indem es Massenliteralität ermöglichte, das Denken auf die Reihe brachte, und damit Logos, Logik, Kausalität, Wissenschaft, Wahrheit und Geschichte durchsetzte.

Ästhetische Elemente wie die beiden Satztypen Antiqua und Grotesk, auf denen bis heute beinah alle abendländischen Druckschriften beruhen, wurden ebenfalls im Renaissance-Italien eingeführt. Zur gleichen Zeit taucht die Titelseite auf, als der Ort, an dem sich das Autor-Subjekt sowie der Drucker-Verleger einschreiben. Um es dem Leser/Schreiber zu erlauben, innerhalb des gedruckten Horizonts zu operieren, wurden Suchwerkzeuge wie Pagination, Index und Fußnoten eingeführt. Letztere verkoppeln den Leser aus dem vorliegenden Buch in den vollständigen Textkorpus der Bibliothek und verwandeln Bücher in Hypertexte avant la lettre.

Die Gutenberg Galaxis setzt sich zusammen aus Wörtern, die etwas bedeuten, die ihrerseits aus Buchstaben bestehen, die dies nicht tun. Die Auflistung der symbolischen Welt in einer sinnlosen alphabetischen Ordnung (in Enzyklopädien, Katalogen, Wörterbüchern, Bibliographien etc.) ermöglichte zwei wichtige Operationen des Gutenberg Horizonts: Treffwortsuche und Stöbern (Browsing). (Noch jede automatische Suchoperation in der elektronischen Matrix, die meisten Indizierungansätze für Bild- und Klangdaten eingeschlossen, ist daher strikt Gutenbergianisch.) Für terminologische, wenn auch noch nicht technische, Operationen auf Signifikanten selbst, wurde der typographische Operator Anführungszeichen eingeführt. Diese Gutenbergianische Erfindung erlaubte es, den Sachbezug von Wörtern und den Wortbezug von Wörtern auseinanderzuhalten und damit den funktionellen Unterschied der Sätze 'Engel haben ein Wesen' und 'Engel haben fünf Buchstaben' erstmals zu fassen. Diese Operationen bereiten den Grund für 'Prozesse des Abhebens der Zeichen', des 'Take off' all dessen, "was an der Schrift über den Rand von Alltagssprachen hinaussteht" (Kittler), das uns in die Turing Galaxis führen wird.

Ein letzter Aspekt der Gutenberg Galaxis muß erwähnt werden. Die Bibliothek ist permanent, d.h. sie wächst ständig. Sie verfügt nicht über ein System der Eleminierung, keine 'strukturelle Amnesie' (Goody/Watt).

Diese Aussage bedarf zweier Einschränkungen:

"Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung ..."
Wilhelm von Humboldt, um 1830

Und: Natürlich gibt es in jeder medialen Übertragung einen Verlust aufgrund von Rauschen.

Doch: Gegenüber Manuskripten haben Bücher mit einer hohen Druckauflage eine bessere Chance zu überleben, nachgedruckt und zitiert zu werden, im wachsenden Zeichenspeicher präsent zu bleiben. Wie später die Nachrichtentechnik lehrt, ist Redundanz die offensichtlichste Strategie sicherzustellen, daß eine Botschaft ihren Empfänger erreicht. Doch die Erkenntnis, daß die Säure im Papier alle ab Mitte des 19. Jahrhunderts gedruckten Bücher, also zwischen 70 und 90% unserer Bibliotheksbestände, zu Staub zerfallen läßt, hat uns katastrophisch zu Bewußtsein gebracht, daß Zeichen weiterhin an physikalische Träger gekoppelt sind. Auch elektronische Datenträger nehmen ihre Inhalte mit ins Reich des Vergessens, wenn das Material 'altert' oder die letzte Maschine, die ihr Datenformat lesen könnte, verschrottet wird. Dennoch gilt, daß, während der Wissenshorizont der ars memoria und des Manuskripts von jedem Sprecher und Schreiber umgewälzt werden konnte, eine heutige Autorin auf einem Ozean von Gedrucktem schwimmt, und - sofern sie sich an die (am strengsten: akademischen) Regeln der Literalität hält - sich darin verankern muß, ohne je hoffen zu dürfen, Grund zu fassen.

Ein allerletzter Aspekt: Obgleich es zutreffen mag, daß die wichtigste Operation auf einem Text ist, ihn zu lesen und zu verstehen, so ist es gleichermaßen wahr, daß die häufigste Operation das Nichtlesen eines Textes ist - eine weitere Gutenbergianische Operation, die uns in der Turing Galaxis erhalten bleibt.
 
 
 

Druckgeschichte in China / Japan

Gutenbergs Innovation war nur eine Nach-Erfindung einer 400 Jahre zuvor in China eingeführten Technik: Typendruck.

Holzziegeldruck von ganzseitigen Texten und Bildern in China datiert aus dem 7. Jahrhundert (also 600 Jahre früher als im Westen). Mit beweglichen Lettern, zuerst aus gebranntem Ton, dann aus Holz, Metall und Keramik, wurde ab Mitte des 11. Jahrhunderts (also 400 Jahre vor Gutenberg) gedruckt. Mehrfarbdruck tauchte um das 12. Jahrhundert auf. Dem ging eine lange Geschichte von Stempeln, Schablonen für Textildesign, Abreibungen von Steininschriften (die einen spiegelverkehrten Abdruck ergaben, also offensichtlich nicht zur Vervielfältigung gedacht waren) und von Siegeln voraus, von denen einige in ihrer hölzernen, rechteckigen Form und der großen Zahl von Schriftzeichen bereits Druckziegeln glichen.

Holzziegeldruck ist eine mechanische Reproduktion von Handschrift. Das Manuskript wird vom Autor selbst oder von einem professionellen Kalligraphen auf einen dünnen Papierbogen transkribiert, der umgekehrt auf einen mit Reispaste überzogenen Holzrohling gelegt wird. Mithilfe einer Bürste wird die Tinte auf den Block übertragen und das Papier nach dem Trocknen abgerieben. Schließlich wird das Holz um die Zeichen weggeschnitzt, um erhabene, spiegelverkehrte Drucktypen zu erhalten.

Einen wichtigen Einfluß auf die Entwicklung der Drucktechnik in der frühen T'ang-Periode hatte der Buddhismus, der damals seine Hochzeit erlebte. Der Buddhismus lehrt, daß die Vervielfältigung von heiligen Texten, vor allem der dharani (magische Wirkformeln), Heil und Vergeben der Sünden bewirke. Dharani waren auch in Korea und Japan die ersten gedruckten Texte.(1)

Im 8. Jahrhundert erreichte die Technik Japan. 764 ordnete Kaiserin Shôtoku die Herstellung von einer Million dreistöckiger hölzerner Miniatur-Pagoden an, die auf die zehn führenden Tempel des Landes verteilt wurden. In jeder befand sich ein Stück Papier, auf das ein dharani gedruckt war.(2) Wie eine Vorahnung auf den größten Printmarkt der Welt verstand die Kaiserin bereits ganz am Anfang der neuen Vervielfältigungstechnologie das ihr innewohnende Maß. Eine vergleichbar gewaltige Druckauflage ist erst mit modernen Druckmaschinen wieder erzielt worden. Allerdings ist davon auszugehen, daß für die drei verschiedenen kurzen dharani-Texte mehrere Platten geschnitten wurden. Und vor allem addressierte Shôtokus Drucksache kein menschliches Lesepublikum, sondern Götter.

Einige der dharani sind im Hôryûji Tempel erhalten und galten als älteste überlieferte gedruckte Texte der Welt, bis 1966 in Korea ähnliche wortmagische Formeln gefunden wurden, die zwischen 704 und 751 gedruckt worden waren. Das älteste erhaltene gedruckte Buch in Japan ist eine Lotus-Sutra datiert 1080. Die Druckkunst wurde zunächst in großen Tempeln in Nara und Kyoto gepflegt und für buddhistische Texte und chinesische Klassiker eingesetzt.(3)
 
 
Die älteste Massendrucksache der Welt

Hyakuman-shoto

Nach der Niederschlagung einer Rebellion 764 befahl Kaiserin Shotoku (718-770) der Herstellung von einer Million (hyakuman) Miniaturpagoden. In jeder befand sich ein Stück Papier, auf das ein dharani (magische Wirkformeln) gedruckt war. Heute sind noch etw 300 im Tempel Horyuji erhalten.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Japan. A History in Books, S. 10


 
Drei der heute noch erhaltenen dharani. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Japan. A History in Books, S. 11


 
Bildnis des Francisco de Xavier, erste Hälfte 17. Jh.

Mit dem Vordringen des Christentums entstanden vor allem auf Kyushu und in Osaka Bilder mit christlichen Motiven, angefertigt von japanischen Christen im Stil der europäischen Malerei. Das Bildnis des Francisco de Xavier ist unterzeichnet mit Gyojin Kanjin, doch wer dieser Maler war, ist unbekannt.
 

Die Gesellschaft Jesu war gerade erst (1540) gegründet worden, und ihre Mitglieder standen im vollen Eifer der Gegenreformation. Der erste ihrer Missionare in Japan war der spanische Jesuit Franz Xavier (1506-52), der 1549 freundlich aufgenommen wurde und eifrige Anhänger fand. Ihm folgte 1579 der Italiener Alessandro Valignano (1539-1606), Direktor der Jesuitenmission in Ostasien. Wie Xavier sah er in den Japanern ein kultiviertes und einsichtiges Volk, das er auf die gleiche Stufe mit den Europäern stellte. Die Missionare hatten Japanisch zu lernen und sich den japanischen Sitten so weit als möglich anzupassen. Sie richteten ihre Bekehrungen auf die Machtelite und gewannen Konvertiten unter Daimyô (Lehensherren) und Samurai. Christliche Daimyô schickten Gesandtschaften nach Rom, und einige zwangen ihre Untertanen, die fremde Religion anzunehmen. Die Jesuiten errichteten 1576 eine Kirche in Kyoto und ein Kolleg in Katsusa auf Kyûshû, in dem 1590 eine Gutenbergianische Druckpresse in Betrieb genommen wurde. Die Portugiesen führten Brot und Tabak ein (die noch heute mit ihren portugiesischen Wörtern bezeichnet werden), Kartoffeln, Ölmalerei und Kupferstich; außerdem Feuerwaffen, die bald in großer Zahl in Japan hergestellt wurden, und Innovationen im Burgenbau. 
 

Eiko Saito, Die Frau im alten Japan, S. 116

Typendruck in Japan

Im Jahr 1590 brachten zwei in Portugal ausgebildete japanische Jesuiten eine Gutenbergianische Druckerpresse in das Kolleg in Katsusa auf Kyûshû. Zunächst verwendeten sie lateinische Drucktypen aus einer Bleilegierung, die sie aus Europa mitgebracht hatten, um die ersten romanisierten Bücher in Japan zu drucken. Bald darauf wurden japanische Zeichen aus Holz geschnitten und schließlich in Metall gegossen. Gedruckt wurden japanische Übersetzungen katholischer doktrinärer und erbaulicher Literatur, sowie Klassiker der westlichen und japanischen Literatur, darunter Aesops Fabeln und das Heike Monogatari, insgesamt mehr als 50 verschiedene Werke. Außerdem wurde an dem Kolleg auch Kupferplattendruck gelehrt. Die Presse zog zusammen mit dem Kolleg einige Male um, bevor sie 1614 vor der sich verschärfenden Christenverfolgung nach Macao in Sicherheit gebracht wurden.(4) Nach der Abschließung des Landes und der Konsolidierung der neuen Zentralregierung der Tokugawa hatte die Drucktechnik der Christen keine weiteren Auswirkungen.

Zeitgleich erreichte die chinesische Kunst des Typendrucks Japan auf anderem Wege. Von 1592 bis 1595 versuchte Toyotomi Hideyoshi vergeblich, Korea zu erobern. Von dem Feldzug brachte er u.a. Drucktechniker und ihre bronzenen Typensätze mit. Diese Form der Typographie wurde am Hof, bei verschiedenen Daimyô und in Tempeln eingesetzt und führte zu einer spektakulären verlegerischen Aktivität. In den 60 Jahren bis etwa 1650 wurden 430 Ausgaben gedruckt, darunter zum ersten Mal japanische Klassiker wie das Ise Monogatari. Nach 1650 trat die Typographie wieder hinter den Holzschnittdruck zurück.(5) 
 
 
Typendruck in Japan

Als sich Tokugawa Ieyasu 1614 zur Ruhe setzte, ordnete er die Veröffentlichung des "Daizo Ichiran shu" an. Es dauerte 3 Monate um 125 Exemplare mit Hilfe von Kupfertypen zu drucken. Die verwendeten Typen wurden von Koreanern 1606 gefertigt und werden heute als Kulturschatz von der Toppan Printing Co. verwahrt. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Japan. A History in Books, S. 55


 
Tenkai-ban Typen

Der Priester Tenkai (1536-1643) von der Tendai-Sekte war eine zentrale Figur in der religiösen Verwaltung des frühen Tokugawa-Shogunates. Er gründete Kan'eiji in Ueno, Edo, wo er auch eine Druckerei etablierte. 1637 begann er, die "Daizokyo", eine Sammlung buddhistischer Sutren, mit Hilfe von beweglichen Lettern zu drucken. Das Projekt dauerte 12 Jahre. Bis zu diesem Zeitpunkt waren "Daizokyo" auf Chinesisch aus China importiert worden. Der Tenkai-ban war der erste vollständige Druck in Japan. Für den letzten Teil des Werkes kehrt man wieder zum Holzschnitt zurück. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Japan. A History in Books, S. 57


 
Yuimakitsu Shosetsukyo
Tenkai-ban, 1638
 

The Oriental Library
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Japan. A History in Books, S. 57


 

Der Buchmarkt der Edo-Zeit

In der Edo-Zeit explodierte die Buchproduktion. Tempel gaben Großauflagen von buddhistischen Texten heraus. Das Schogunat ließ u.a. neo-konfuzianische Bücher für den Schuluntericht drucken. Vor allem aber wuchs in den Städten eine literale bürgerliche Schicht und mit ihr ein säkularer Buchmarkt.

Die Tempel transferierten ihr Know-how offenbar aktiv an kommerzielle Verleger, die auch Druckblöcke von den Mönchen erwarben. Das alte, religiöse Druckzentrum Kyoto mit seiner Infrastruktur von Holz- und Papierindustrie wurde zum Ursprung des säkularen Verlagswesens. Ende des 17. Jahrhunderts gab es in Kyoto etwa einhundert Verlagshäuser.(6)

Das urbane Lesepublikum fand Geschmack an illustrierten Erzählungen, realistischeren Darstellungen des Alltagslebens und erotischen Werken. Japanische und chinesische Klassiker wurden erstmals über die kleine Gruppe des Hofadels und der Aristokratie hinaus zugänglich. Unter wohlhabenden Städtern kam die Mode auf, sich in Dichtervereinigungen, den Hanazonoren, zusammenzuschließen und alljährlich Sammlungen mit sorgfältig ausgeführten Bilddrucken und kyôka-Gedichten als Privatdrucke herauszugeben.

Als neue Literaturgenres kamen, häufig in Fortsetzungen verlegt, Romane und Erzählungen von bürgerlichen Städtern und Samurai auf. Zu den berühmten Autoren dieser Zeit zählen Chikamatsu Monzaemon (1653-1724), Jippensha Ikku (1765-1831) und der erste Bestseller-Autor Japans Ihara Saikaku (1642-93).
 
 
Der Druckmarkt der Edo-Zeit

Jippensha Ikku (1765-1831)
"Hizakurige"
(Auf Schusters Rappen)
erschien serialisiert ab 1802

Humoristische Erzählung über die Reise zweier lebenslustiger, aber etwas trotteliger Edo-ko nach Kyoto.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

übers. Thomas Satchell
Tuttle, Rutland, Vermont & Tokyo 1992


 
Ihara Saikaku (1642-93)
Koshoku gonin onna
(Fünf Frauen, die die Liebe liebten)
1686
 

Der Osakaner Kosmopolit beschreibt den 'Weg der bürgerlichen Städter'. Er war der erste Besteller-Autor einer neuen Art von Literatur. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

übers. Theodore de Bary
Tuttle, Rutland, Vermont & Tokyo 1996

Populäre Enzyklopädien, erbauliche Erzählungen in Silbenschrift (kanazôshi), Balladen, Bücher über Flora und Fauna, Lehrbücher für Ikebana und Schach, medizinische und andere populärwissenschaftliche Werke gehörten ebenfalls zu den Steady-Sellers.(7)
 
 
Sittenbücher

"Die Hohe Schule für Frauen", Ausgabe von 1733

Im Text der aufgeschlagenen Seite wird die Frau belehrt, ihrem Mann gehorsam zu sein. Soche illustrierten Ausgaben der "Hohen Schule" waren Ende der Edo-Zeit sehr weit verbreitet. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Eiko Saito, Die Frau im alten Japan, S. 130


 
Flugzettel der Behörden

Um die Kindstötung einzudämmen, hielt Teranishi Jujiro, Beamter in Iwaki in der Nordprovinz Tohoku, die Praxis in einer Zeichnung fest und ließ das Blatt zur Abschreckung verteilen, erreichte aber kaum Besserung. Ausführende des mabiki in den verarmten Dörfern war die Hebamme, die Mädchen gleich nach der Geburt erstickte, indem sie dem Säugling den Mund zuhielt, hier dargestellt als Dämon.
 

Edo-Zeit
 

Eiko Saito, Die Frau im alten Japan, S. 128


 
Landkarten

Ishikawa Ryusen
handkolorierte Holzschnittkarte von Japan
Edo 1691
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Lutz Walter, Japan mit den Augen des Westens gesehen, Abb. 65

Der farbige Holzschnittdruck entwickelte sich zu einer der großen Künste Japans. Zunächst kopierten japanische Drucker chinesische Kunstbücher und erotische Drucke, doch die ukiyoe, die "Bilder aus der fließenden Welt", ab dem frühen 18. Jahrhundert übertrafen bald in ihrer Kunstfertigkeit die der chinesischen Lehrmeister.
 
 
Aus der Serie Tosei-yuri-bijin-awase
(Schöne Frauen im Vergnügungsviertel)
von Torii Kiyonaga
 
 

Toyama-kinenkan-Museum
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Eiko Saito, Die Frau im alten Japan, S. 143


 
Nachrichten über seltsame Dinge

"Holländer im 'Kangetsu'"

Die Holländer, die sich in Nagasaki aufhielten, veranstalteten dort gern Gelage mit den Prostituierten des Freudenviertels Maruyama. Im Restaurant "Kangetsu", das die Abb. zeigt, trafen sich Ende der Edo-Zeit auch die shishi, die "mutigen Männer" aus der Kriegerklasse, zu geheimen Verabredungen. 
 

Städtisches Museum Nagasaki
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Eiko Saito, Die Frau im alten Japan, S. 149


 
Erotik

1744-47
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Kazuhiko Fukuda (ed.), "...", Tokyo 1991, S. 30

Die in der Frühzeit des kommerziellen Buchdrucks nicht getrennten Tätigkeiten von Verleger, Herausgeber, Drucker und Buchhändler beginnen im 17. Jahrhundert auseinanderzutreten. Reine Buchgeschäfte und ein reger Handel mit Büchern kommen auf. Edo, das heutige Tokyo, übernahm die Führungsrolle im Verlagswesen von Kyoto und Osaka ab etwa 1730.(8) Neben den drei größten Städten gab es nur noch in Nagoya eine Anzahl von Verlegern.(9)

Verleger schlossen sich ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert für den gemeinsamen Großeinkauf von Papier und Holzblöcken zusammen. Mit der Zirkulation von Büchern zwischen Kyoto, Osaka und Edo und der Zunahme von Raubdrucken war ein weiteres Motiv die gegenseitige Zusicherung von Verwertungsrechten der Verleger (Autorenrechte spielten keine Rolle). Daraus entstanden die ersten offiziellen Verlagsgilden (honya nakama) in Kyoto 1716 mit nicht weniger als 200 Mitgliedern und kurz darauf in Edo und Osaka.(10)

Die Gilden übten auch die Vorzensur auf Staatsfeindlichkeit und Unzüchtigkeit hin aus. Im Zweifelsfall wurde das Material dem machi bugyô oder Stadtmagistrat vorgelegt, der gegenüber der Zentralregierung die letzte Verantwortlichkeit trug. Zensurbestimmungen der Zentralregierung wurden ab Mitte des 17. Jahrhunderts erlassen, ohne große Wirkung zu erzielen. 1722 folgte ein Gesetz über die Veröffentlichung von Büchern, das ein Impressum mit Angabe des Autors und des Verlegers vorschrieb. Verstöße können nicht sehr strikt verfolgt worden sein, denn weiterhin erschien eine große Zahl von undatierten und anonymen Büchern.(11)

Die Gilden gaben Listen erhältlicher Bücher für unabhängige Buchhandlungen heraus. Eine Liste aus dem Jahr 1670 enthält 3.900 Titel, aus 1692 7.200 Titel, und aus 1696 7.800 Titel von 400 Verlegern. Auch wenn es sich dabei nur um ein schwaches Indiz über den tatsächlichen Umfang des Buchmarktes handelt, da die Veröffentlichungen 'unlizenzierter' Verleger nicht aufgeführt werden, deutet die Verdopplung der Zahl der gehandelten Titel in nur zwanzig Jahren auf eine rasches Wachstum.(12)
 
 
Sugoroku

"Wie kommt ein Mädchen zum Erfolg?"
(Joshi kyokun shusse sugaroku)

Würfelspiel mit Rauswerfen. Die Spielfelder sollen dem Mädchen was es für den Erfolg lernen soll: Nähen, Teezeremonie, Blumenstecken, koto- und shamisen-Spiel, japanischer Tanz, Besuch einer höheren Mädchenschule, Tempelbesuch und anderes mehr. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Eiko Saito, Die Frau im alten Japan, S. 163


 
Karuta -- Spielkarten
 
 

ca. 1950er Jahre 

Auf Auflagenzahlen kann man in den meisten Fällen nur indirekt schließen. Die Einwohnerzahl von Kyoto und Osaka lag im 18. Jahrhundert zwischen 3 und 400.000, in Edo bei einer Million. Die Literalitätsrate in der Edo-Zeit aufgrund von privaten und Tempelschulen und Unterrichtsstätten des Bakufu und der Daimyô wird auf 40-50% unter Männern und 15% unter Frauen geschätzt.(13) Technisch sind, wie ein Experiment zeigte, von einem Kirschholzblock mindestens 10.000 Drucke möglich, bevor ein Verschleiß einsetzt. Tsien nennt eine Zahl von 15.000 Seiten und weitere 10.000, wenn der Holzblock geringfügig restauriert wird.(14)

Forrer führt eine Schätzung an, derzufolge in der Mitte der Edo-Periode Bücher von allgemeinem Interesse mit einer Erstauflage von 2-3000 Exemplaren gedruckt wurden und populäre Romane in 10.000 Exemplaren. Bestseller erzielten Neuauflagen in Abständen von wenigen Jahren.(15) Die Leserschaft erweiterte sich durch die vor allem außerhalb der großen Städte verbreitete Praxis, Bücher von Hand zu kopieren. Eine weitere Möglichkeit billig zu lesen waren kommerzielle Leihbüchereien (kashihonya), die sich vor allem im 18. Jahrhundert im ganzen Land verbreiteten.
 
 

Warum keine Tyopgraphie?

Die chinesische Innovation, die durch Gutenberg in Europa ein neues Zeitalter einleitete, war in Japan, wie gesagt, bekannt und fand in China und Korea und zwischen 1590 und 1650 auch in Japan breite Anwendung. Der Bedarf nach Gedrucktem nahm mit dem seit Ende des 17. Jahrhunderts ständig wachsenden säkularen Buchmarkt zu. Man könnte also vermuten, daß ein wirtschaftlich-technischer Druck bestand, der die bereits eingeführte 'rationalere' Technik verbreiten und stabilisieren würde. Dennoch verschwand die Typographie in Japan wieder, und zwar vollständig. Bis zur Einführung westlicher Druckpressen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde fast ausschließlich Holzziegeldruck verwendet.

Die naheliegende Erklärung dafür ist, daß sich der große Zeichenbestand des Japanischen nicht für den Typendruck eigne.(16) Tausende von Zeichen, jeweils mehrere Typen für häufig vorkommende Zeichen und Typen in verschiedenen Größen machen einen Setzkasten mit einem gewaltigen Umfang nötig. Zahlen für die in Japan verwendeten Typensätze sind nicht bekannt, doch Tsien nennt 200.000 für das Chinesische nicht ungewöhnlich.(17) Für die Erstellung eines Zeichensatzes war somit eine gewaltige Anfangsinvestition notwendig. Dem standen die geringen Kosten für Holzblöcke und Arbeitskräfte entgegen. Ein Meister-Holzschneider konnte seine Produktion erhöhen, indem er nur die Feinarbeiten selbst machte und größere Flächen von Gesellen mit dem Beitel entfernen ließ. Für das Auswählen der richtigen Typen und das Einsortieren in den Setzkasten nach dem Druckvorgang dagegen waren geschulte Arbeitskräfte mit erheblichen linguistischen Fertigkeiten notwendig.

Ein Wettlauf zwischen Typensatz und Holzschnitt hätte wohl ergeben, daß, alle Arbeitsgänge eingeschlossen, die Zeitersparnis gering war. Der Hauptvorteil von Metalltypen gegenüber Holzdruck ist die höhere Druckauflage. Diese setzt einen großen Lesermarkt voraus, der ja in der Edo-Periode gegeben war. Allerdings kommt der Vorteil nur zum Tragen, wenn die große Auflage in einem Arbeitsgang gedruckt wird. Sind die Typen erst wieder in den Setzkasten einsortiert, verdoppelt sich der Aufwand für neuerlichen Satz und Korrekturen. Holzstöcke dagegen können aufbewahrt und eine Neuauflage von einigen Dutzend Exemplaren bei Bedarf gedruckt werden, was der üblichen Verlagspraxis in China wie in Japan entsprach. Die Blöcke stellten also einen bleibenden Wert dar. Sie wurden verkauft, neueditiert, dabei Änderungen vorgenommen, z.B. der Namen des früheren Verlegers gelöscht oder Gedichte aus Abbildungen entfernt. Die Blöcke wurden restauriert und standen über Generationen zur Verfügung.

Nicht zuletzt sprechen ästhetische Gründe für den Holzschnitt. Mit standardisierten Typen war eine künstlerische Kalligraphie oder die Handschrift des Autors nicht wiederzugeben. Ein Holzschnitt nach dem Manuskript des Autors reduzierte außerdem die Möglichkeit von Fehlern beim Satz und beim Korrekturlesen. Illustrationen können im selben Arbeitsgang und auf demselben Druckstock frei mit Text gemischt werden. Ein Holzblock bietet eine ebene Druckfläche, die anfangs mit beweglichen Lettern noch nicht erzielt werden konnte. Schließlich nahmen Metall- und Tontypen die verwendeten wasserhaltigen Druckfarben nicht gut an, was wiederum zu einem uneinheitlichen Druckbild führte.

Zusammenfassend läßt sich ein tiefgreifender Wandel der japanischen Gesellschaft in der Zeit der Abschließung konstatieren, in dem die Druckkunst eine wichtige Rolle spielte. Das Druckmonopol der Tempel geht zuende, kommerzielle Verleger beherrschen das Feld seit dem 17. Jahrhundert, denen meist auch die regierungsamtlichen Druckaufträge für Bildungstexte und Klassiker übertragen wurden. Die neue Kunst bedient ein gebildetes urbanes Lese- und Publikationsinteresse aller Klassen. Die Zirkulation von Büchern ist der westlichen Gutenbergianischen Publikationswelt der Zeit mindestens ebenbürtig. Doch führt die Druckvorlagenherstellung nicht zur Einführung eines diskreten typographischen Zeichensatzes. Die mechanische Reproduktion von Wort und Bild treibt nicht die Abstraktion von der schreibenden Hand voran.
 
 
Nach der Öffnung des Landes kommen Rotationspresse und Tageszeitungen. Die ukiyo-e-Holzschnitte bleiben bis zur Jahundertwende populär und wenden sich neben klassischen Themen auch den Neue Wegen des Westens zu. Durch neue synthetische Farben werde sie greller denn je.

Straßenszene auf der Ginza, Tokyos Prachtstraße bis heute.


 
Zwei Bucheinbände vom Ende des 19. Jhs. 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Rotierendes Lesepult

aus der Chinesischen Enzyklopädie von 1726,
eine Nachzeichnung aus Ramelli (1588)
 


 
Gebrochene Schrift

aus der Gutenberg-Bibel


 
Adobe Fette Fraktur

 
Wilheml Klingsor Fraktur

 
Antiquaschriften

 
Titel des Privilegs, erteilt durch Fürst Leopold III. Friedrich Franz, Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Oranienbaum, Abt.D C 9e Nr. 2I 02
aus: http://www.rewi.hu-berlin.de/FHI/98_08/czych_t.htm

 
Titel des Gründungsheftes der Allgemeinen Buchhandlung, Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Oranienbaum, Abt. D C 9e Nr.2I 008
aus: http://www.rewi.hu-berlin.de/FHI/98_08/czych_t.htm

 
Fußnoten

1. Tsien 1985: 9

2. Ebd.: 337

3. Sugimoto/Swain 1989: 184 f.; Forrer 1985: 57 ff.

4. Sugimoto/Swain 1989: 185 f.

5. Tsien 1985: 342; Forrer 1985: 60 f.

6. Forrer 1985: 66

7. Ebd.: 71

8. Ebd.: 70

9. Ebd.: 82

10. Ebd.: 72

11. Ebd.: 73

12. Ebd.: 68

13. Ebd.: 76 f.

14. Tsien 1985: 201; s.a. Forrer 1985: 74 ff.

15. Forrer 1985: 79 ff.

16. Eine andere naheliegende Erklärung kann für diese Zeit und für Japan nicht überzeugen: Als der Buchdruck zum ersten Mal in China erfunden wurde, "übte er dort keinen größeren, geschweige denn revolutionären Einfluß aus weil es dort eben keinen Kapitalismus gab." [Anderson 1996: 225] 

17. Tsien 1985: 220
 
 


 
Literatur

McLuhan, Gutenberg-Galaxis

Gieseke

Eiko Saito, Die Frau im alten Japan

Lutz Walter (Hg.), Japan mit den Augen des Westens gesehen. Gedruckte europäische Landkarten vom frühen 16. bis zum 19. Jahrhundert, Prestel München, New York 1993