Toni Schmale | Christoph van Bartsch + Arnela Mujkanović: 1+1+1 ARSCHBOMBE, 2010
Als Prolog der Ausstellung kann die gemeinsame Installation dreimeterfünfzig von Toni Schmale und Christoph Bartsch verstanden werden, bestehend aus einem Holzsprungbrett, das aus dem Galeriefenster in den Innenhof ragte und zu einer Sitzbadewanne im Hof angeordnet wurde. Diese Installation, eine manifeste Einladung zur ›Arschbombe‹, verweigert jedoch den ›befreienden‹ Sprung aufgrund der zu klein geratenen Wasserbehältergröße.
Das Thema Gender verarbeitet Toni Schmale vorwiegend in den Medien Performance, inszenierte Fotografie und Installation. In der Ausstellungsreihe ZWEIPLUSEINS diente der Künstlerin der Galerieraum als Podium für ein Arrangement, bei dem Requisiten und Dokumentationsstücke ihrer zwei jüngsten Performances zusammengefügt wurden. Vor allem die Überreste der mit Johannes Grammel realisierten Performance SUCK THIS – GoGo Buffet wirken assoziativ. Die vor und hinter einer Laminatstellwand mit Loch angehäuften Geleekugeln und Schokoküssen lassen zusammen mit den an der Stellwand leger beigefügten Silikonhosen in Gesäßform den funktionalen Charakter erahnen. Die kompositorische Vermischung der Relikte mit denen der Performance am Stephansplatz in Wien mit Paula Pfoser setzt die Arbeiten zusammen in einen neuen Kontext, der ganz eigene Bezüge und Sichtweisen zulässt. Die überdimensionierte Silikonzunge gegenüber einer Fotografie, auf welcher die Künstlerin mit jener Zunge ihren Genitalbereich berührt – eine letzte Geste einer Verwirrung stiftenden visuellen Struktur. Einer Struktur, die nicht eine hermeneutische Ästhetik des geschlossenen, objekthaften Kunstwerkes nostalgisch hervorruft, sondern vielmehr eine Praxis in Frage stellen will, die mithilfe materieller Überreste performative Praktiken zu dokumentieren und rekonstruieren sucht.
Der gegenwärtige Wiederaufbau und die damit einhergehende Wiederverherrlichung, während oder nach dem Krieg gesprengter Bauwerke stellen einen Vorgang dar, der unausweichlich die gesamtgesellschaftliche Erinnerungskultur beeinflusst. Christoph Bartsch verdeutlicht diesen Sachverhalt und stellt ihn zur Diskussion. Schon in seinen installativen, partizipatorischen Projekten und seinen Videoarbeiten thematisierte er, wie sich gesellschaftliche Entwicklungen in die Landschaft einschreiben.
Auf einem Leuchtbild mit Spiegelrahmen häufen sich in einer Fotocollage aus Hochgebirgen und Wasseroberflächen Fragmente von populären, gesprengten und zerstörten, bereits wiederaufgebauten oder zur Rekonstruktion vorgesehenen Gebäuden an sowie Abbildungen verschiedener zeitgemäßer Wohn- und Funktionalarchitekturstücke. Im Vordergrund am Strand genießen Menschen unbekümmert ihre Freizeitaktivitäten, während die Macher in ihrem Namen und ›nur der Zukunft willen‹ einen Grundstein legen. Den schönen Schein der repräsentativen Kitschästhetik unterstützen in das Leuchtbild integrierte Naturklänge.
Die Frage nach dem Sinn der Wiederauferstehung dieser Reliquien, ihrem Nutzen und den hintergründigen Motiven solcher Unternehmen, ist das, was Bartsch dabei interessiert. Die Frauenkirche in Dresden mag ein anziehendes, ästhetisches Mehrzweckobjekt sein, jedoch ist ihre Funktion als Kirche längst verloren gegangen. Da sie nur im Gedächtnis der Gegenwart besteht, ist ihre Geschichte nicht im eigentlichen Sinn rekonstruierbar, sondern eine den aktuellen Bedeutungszusammenhängen geschuldete Konstruktion.
Als gemeinsamer Nenner für die scheinbar divergenten Interventionen von Schmale und Bartsch lässt sich das Zusammenziehen von Vergangenheitsfragmenten bzw. von unterschiedlich gesinnten Reliquien subsumieren. Desintegrierte Einheit wieder zur ursprünglichen Form zu bringen ist ein müßiges, oft fragwürdiges, ja zugegebener Weise ein unmögliches Unterfangen. Ähnlich wie eine Arschbombe in eine zu klein geratene Sitzbadewanne.
Arnela Mujkanović