Peter Weibel

Intertextuelle künstlerische Kompetenz


Die technische Transformation der künstlerischen Praktiken seit ca. 150 Jahren bedeutet eine Kehre der Kunst und eine Kunst der Kehre. In einem Netz der Heterogenität wird Kunst zu einem Metadiskurs, zu einer Schnittstelle zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Die immer wieder aufflackernden Versuche seit 1960, den Kunstbegriff zu erweitern und innerhalb dieses erweiterten Kunstbegriffes den Künstler als Philosophen, Anthropologen, Ethnologen, Biologen, Linguisten, Mathematiker, Archäologen, Elektroniker, Ingenieur etc. zu identifizieren, haben das Operationsfeld der Kunst stark erweitert und die Methodenvielfalt enorm erhöht. Eine Folge davon ist die Tendenz, Kunstgeschichte durch kulturelle Studien zu ersetzten. Sowohl der Markt, wie auch die etablierte Academia versuchen historische Praktiken dogmatisch zu konservieren und die erweiterte Kunstpraxis wieder auf traditionelle Formen einzuschränken, wie dies besonders in den 80er Jahren zu beobachten war. Angesichts der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die am Ende dieses Jahrhunderts wesentlich davon geprägt ist, daß die Printmedien und die Elektronischen Medien einen globalen Medienraum errichten, der die klassische sinnliche Realität überformt, ist Kunst als Metadiskurs, der intertextuell arbeitet, die einzige kritische Diskursmöglichkeit, um das heterogene Gewebe der Medienwelt, das ein Patchwork aus einer Vielzahl von Makro- und Mikrodiskursen ist, analytisch zu durchdringen. Die intertextuelle Analyse der medialen Konstruktion von Wirklichkeit in der Gegenwart setzt übrigens die Arbeit der Avantgarde der 60er Jahre fort, die sich mit der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit auseinandersetzte.