Micha Ullman
Das »Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung«
im Vergleich mit dem »Mahnmal für den Wiener Judenplatz«
von Rachel Whiteread
von Jana Müller
-
Micha Ullman
- Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung
(Berlin 1995)
- Rachel Whiteread
- Mahnmal für den Wiener Judenplatz
(Wien 1996–2000)
- Vergleich – Die Bibliothek
- Literatur
Die Bibliothek, das Buch, ist das Thema mit dem Micha Ullman und Rachel
Whiteread sich beschäftigt haben, um der vom »Volk des Buches«
zurückgelassenen Leere eine Darstellung zu geben. Nach jüdischem
Glauben verkörpert das Buch Werte wie Überlieferung und Beständigkeit
angesichts der Vertreibung und Diaspora(1); es
wird als symbolische Zufluchtstätte für den Bestand Jüdischer
Tradition betrachtet. Nicht das Bild, sondern das Wort war das zentrale
Medium für die Überlieferung der Geschichte jüdischen
Leids.
»Gräbt man ein Loch, erweitert man den Himmel.«(2)
– Micha Ullman
Micha Ulman ist 1939 in Tel Aviv geboren. Er lebt
und arbeitet in Stuttgart und Ramat Ha Sharon.
»In Ramat Ha Sharon, nicht weit von zuhause, als es dort noch
unbebaute, offene Felder gab, habe ich viele Tage damit verbracht, in
der Erde zu graben. Viele Elemente und Motive, die man in meiner Arbeit
findet, stammen tatsächlich daher. In der Bilderhauerei hat mich
immer die Frage fasziniert, wie man mit dem Fehlenden, den nicht existierenden
arbeitet, mit dem ›Nichts‹. Ein Loch ist eine Grundform,
eine Urform, die beides umfasst, Werk und Werkstoff, und letztlich kommt
man zu einem bildnerischen Ergebnis, dessen Essenz die Abwesenheit ist.«(3)
Über dreißig Jahre lang entwickelt Micha Ullman sein Werk
als einen kontinuierlichen Arbeitsprozess, in dem er Gruben aushub,
Kluften öffnete, Spuren sichtbar machte und an verschiedenen Orten
Zeichen des Verlustes setzte. Seine Grabungen sind Narben, sie symbolisieren
die Zeichen der Abwesenheit. Die Löcher die Ullman gräbt,
fordern den Zuschauer auf, die Lücke die vor ihm steht zu füllen.
So hob der Künstler 1972 im arabischen Dorf Messer, sowie im Nahe
liegenden Kibbuz Metzer zwei Gruben aus und füllte sie anschließend
mit der Erde aus der jeweils anderen Grube. Mit dieser Aktion vollzog
er gleichsam das Ritual der Blutsbrüderschaft. 1990 durchlöcherte
und vernarbte er mit einheimischen polnischen Arbeitern, eine Straße
in der Nähe des ehemaligen jüdischen Ghettos von Lodz. Von
den ungefähr 205 000 über die Jahre 1939 -1940 in das Ghetto
verschleppten Menschen überlebten insgesamt geschätzte 5000.
Auf dem Berliner Bebelplatz schuf er 1995 ein Grab für eine Bibliothek,
für die tausenden von Büchern, die an dieser Stelle 1933 von
dem Naziregime verbrannt wurden waren.
Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung
(Berlin 1995)
In der Mitte des Bebelplatzes (damals Opernplatz) verbrannten am 10.
Mai 1933 nationalsozialistische Studenten rund 30000 Bücher von
Hunderten von Autoren. Es verbrannten Bücher von politischen Autoren
wie August Bebel, Eduard Bernstein, Hugo Preuß und Walter Rathenau,
von Wissenschaftlern wie Albert Einstein und Sigmund Freud, von Dichtern
wie Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Stefan Zweig und Ricarda Huch.
Dies sollte den Höhepunkt einer von Propagandaminister Joseph Goebbels
angeordneten »Aktion wider den undeutschen Geist« bilden.
In den Plänen der NSDAP war dieses Ereignis schon lange vorgesehen.
Die praktische Vorbereitung begann mit der Plünderung von Bibliotheken
durch Studenten ab Mitte April, vorbereitet mit dem Aushang von »12
Thesen wider den undeutschen Geist«, der in der Universität,
aber auch in der Stadt verbreitet wurde. Die Bücher, die im Studentenhaus
in der Oranienburger Straße 18 gesammelt waren, wurden von Berliner
Fuhrunternehmen transportiert – durch das Brandenburger Tor. Zu
den »Feuersprüchen« wurden die Bücher auf den
Scheiterhaufen geworfen.
Nicht nur in Berlin, sondern in fast allen deutschen Universitätsstädten
flammten Scheiterhaufen auf. Die Bücherverbrennungen sollten die
geistige Gleichschaltung der öffentlichen Meinung und der Universitäten
und die Verfolgung andersdenkender Intellektueller bezwecken.
Der Bebelplatz ist ein einmaliger Ort, weil er zu einen internationalen
Symbol geworden ist. Die Sprache der Aktion der Bücherverbrennung
vom 10. Mai 1933 war symbolisch. Dieses Symbol brannte sich in das Gedächtnis
der Menschen ein. Auch die Bibliothek ist ein Symbol. Dieses Symbol
ist zugleich so real, dass man sie benutzen könnte. Dennoch bleibt
sie leer.
»Erinnerung ist völlig unabhängig von der Gegenwart.
Die Erinnerung sieht man nicht, man kann sie nur spüren, wissentlich
erleben. Der Bebelplatz ist ein Ort des Wissens. Was man sieht in dem
Denkmal, ist sehr wenig. Der Ort ist leer, auch die Bibliothek. Weil
es so ist, geht der Blick nach innen. Es gibt Raum für das, was
man weiß, oder das, was man sehen oder wissen will.«(4)
Ullman beschreibt seine Bibliothek als eine camera obscura, wie eine
Kamera mit dem Glas als Film. In dem Glas spiegeln sich die Umgebung,
Wolken und Menschen. Die Entwicklung passiert bei jedem im Kopf. Auf
einer einfachen, in die Steine gelassenen Metalltafel, in der Nähe
des Mahnmals, ist ein Zitat von Heinrich Heine (1820) zu lesen: »Wo
man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.«
Stefanie Endlich schreibt in ihrem Essay Empfindliche Balance,
das Micha Ullmans Bibliothek einen wichtigen Teil in dem internationalen
künstlerischen Diskurs einnimmt. Anders als das Denkmal für
die ermordeten Juden Europas in Berlin lenkt die Bibliothek den Blick
nicht auf den Endpunkt der Vernichtung und des Völkermordes, sondern
auf die Anfänge die tief im Alltag und Gesellschaft verwurzelt
waren.
Vor allem das Thema der Leere, des sichtbar gemachten Nicht-Mehr-Vorhandenseins,
ist einer der zentralen Gedanken der jüngeren Gedenkkunst. Weitere
Beispiele sind der Aschrottbrunnen von Horst Hoheisel, The Missing House
von Christian Boltanski, Der verlassene Raum von Karl Biedermanns oder
auch die Voids im Jüdischen Museum von Daniel Libeskind.
Endlich unterteilt Ullmans Mahnmal in zwei Räume, den Negativraum
und der abstrakt erfahrbaren Raum. Im Bild der leeren Bibliothek, Negativraum,
verbinden sich Verlust und Präsenz. Die Bücher werden im Kopf
des Betrachters existent, als Gegenstände und als intellektueller
Kontext. Der Negativraum kann als Grabes-Metapher empfunden werden,
als Schacht und Erdöffnung, oder als Schutzraum, der vor dem menschlichen
Zugriff verschlossen bleibt. Die nächtliche Beleuchtung ist als
Energiezentrum deutbar oder als ewiges Licht, wie wir es von Totengedenken
her kennen. Den Raum, den Ullman als camera obscura bezeichnet ist für
Endlich der abstrakt erfahrbaren Raum. Die Glasplatte ist ein Spiegel
für das Wechselspiel von innen und außen, öffentlich
und privat, Vertrautheit und Fremdheit, Realität und Phantasie.
Die Glasplatte erscheint sehr fragil, sie ruft beim betreten Ängste
hervor, das Gleichgewicht zu verlieren, einzubrechen und in die Tiefe
zufallen.
Micha Ullmans Grabungsarbeit an diesen historischen Ort, kann als symbolische
Freilegung von Geschichte gedeutet werden.
Die Bibliothek auf den Bebelplatz wurde im Juli 2002 in seiner Gestalt
tangiert, um sie bald maßgeblich zu verändern. Es wurden
Bauarbeiten begonnen, die vor sehen, dass unter dem gesamten Platz,
also direkt um das Mahnmal herum, die zweigeschossige Anlage einer Tiefgarage
mit 450 Stellplätzen gebaut wird. Es gab 2001 heftige, kontroverse
geführte Debatten und zahlreiche öffentliche Proteste, die
sich für den Erhalt dieses wirkungsvollen Mahnmals aussprachen,
d.h. in unveränderter Form. Also genauso, wie es der Künstler
ortsspezifisch konzipiert und, nach eingehenden Recherchen der gesamten
vorgefundenen urbanen Situation, auch kontextbezogen realisiert hat.
»…Manchmal ist es nur wichtig, was es an einem Ort gibt,
sondern vielmehr um das, was es nicht gibt und was wir nicht sofort
sehen. Das Unten – das Versteckte – das Unsichtbare ist
nicht weniger als das Oben – das Sichtbare. Deshalb appelliere
ich an Sie, den Ort in Ruhe zu lassen.«(5)
»Es ist mein Anliegen, die menschliche Wahrnehmung der Welt umzudrehen
und das Unerwartete aufzuzeigen.« – Rachel Whiteread(6)
Die Bildhauerin Rachel Whiteread ist 1963 in London
geboren. Sie lebt und arbeitet in London.
Die künstlerische Methode von Rachel Whiteread besteht darin, Negativ-Abgüsse
ihrer Umwelt herzustellen. Sie macht die Abwesenheit eines ursprünglichen
Objektes zum entscheidenden Thema ihrer Arbeit. Das Ungreifbare wird
von ihr materialisiert, die Lufträume unterhalb oder innerhalb
all jener alltäglichen Gegenstände, die für unser Leben
essentiell und selbstverständlich sind. Hier nur einige Beispiele
aufgeführt. Ghost ist der Abguss eines britisch-viktorianischer
Wohnzimmers, 1990 entstanden. »House« ist der Abguss eines
kompletten Hauses in London East End, die Arbeit wurde zwischen 1993
und 1994 verwirklicht. Während dem Auslandstipendium 1998 in New
York entsteht »Water Tower«.
Mahnmal für den Wiener Judenplatz
(Wien 1996–2000)
Das am Judenplatz in Wien errichtete Mahnmal von Whiteread ist im Gedenken
an die 65.000 österreichischen Opfer des Holocaust von 1938 bis
1945 errichtet worden. Die Bodenfliesen, die rund um das Mahnmal eingelassen
sind, geben die Namen jener Orte wieder, an denen österreichische
Juden während der NS-Herrschaft zu Tode kamen. Zwar bildet dieses
Bauwerk heute das zentrale Element des Judenplatzes, doch von Bedeutung
sind auch die Mauerreste einer 1421 zerstörten Synagoge, die jetzt
unter dem gebauten Kunstwerk liegen und im Gegensatz zu dem Innenraum
der Bibliothek besichtigt werden können. Zugänglich sind sie
über einen unterirdischen Gang, der in ein Gebäude am Judenplatz
mündet. Dabei handelt es sich um ein Gebäude aus der Barockzeit,
welches früher den Misrachi, einer religiösen jüdischen
Vereinigung gehörte und heute ein Museum beherbergt, in dem das
Leben der Juden in Wien mit Originaldokumenten und Computerrekonstruktionen
gezeigt wird.
Im Gegensatz zu allen früheren Arbeiten von Rachel Witheread, ist
das Holocaust Mahnmal kein Abguss eines gefundenen Objektes, existierenden
Raumes oder einer bestehenden Situation. Das Mahnmal stellt eine nach
außen gekehrte und hermetische abgeschlossene Bibliothek dar,
der Inhalt der Bücher bleibt verborgen, ihr Rücken unsichtbar.
Die Flügeltüren, die Möglichkeit eines Kommens und Gehens
andeuten, sind verriegelt. Die Regale sind mit scheinbar endlos viele
Ausgaben ein und desselben Buches bestückt, die für die große
Zahl der Opfer und ihre Lebensgeschichte stehen. Ein Buch, welches verschlossen
bleibt.
Das Denkmal soll ein Ort sein, wo jeder die Toten auf seine Weise ehren
kann. Witheread hofft auch, das die Besucher das Denkmal berühren
werden, so wie sie auch religiöse Bauten berühren. Der Ort
will nicht selbst Geschichten erzählen, sondern die Aufmerksamkeit
auf die Geschichte der ermordeten Juden lenken.
»…Doch nicht das Buch als solches wird zum ersatzweisen
Objekt der Erinnerung, sondern der Raum zwischen dem Buch und uns. Witheread
geht es weniger um die Bilder der Zerstörung des Holocaust, sondern
vielmehr um die furchtbare Leere, welche diese Zerstörung hinterließ.
Das Mahnmal, eine Verkörperung einer nicht greifbaren Leere. Sie
stellt einen Hohlraum im Herzen der Stadt Wien dar…«(7)
Vergleich – Die Bibliothek
Was in der Bibliothek von Ullman fehlt, stellt Whiteread in ihrer Bibliothek
dar, die Bücher. Whiteread gibt dem Hohlraum von Uhlmanns Mahnmal
eine Materialität. Der Innenraum einer Bibliothek wird dargestellt.
Der Innenraum, der uns beim Betrachten des Mahnmals auf dem Bebelplatz,
so oder so ähnlich einfallen könnte.
»Ein Phantasiegebilde« – das sagt Whiteread selbst
über ihr Mahnmal. Der Hohlraum steht in seiner Fülle mitten
auf dem Judenplatz. Man kann ihn nicht übersehen. Doch wenn wir
das Mahnmal anfangen »zu lesen«, kehrt diese bekannte Leere
zurück. Die Bücher bleiben verschlossen. Ihre angebliche Materialität
löst sich auf.
(1) Diaspora (griechisch »Zerstreuung«)
bedeutet »Gebiet, in dem die Anhänger einer Konfession (auch
Nation) gegenüber einer anderen in der Minderheit sind.«
oder auch »eine konfessionelle (auch nationale) Minderheit. (nach
Duden, Fremdwörterbuch)
(2) Saphira Sarit, Eine kleine Chronik über Gräben und Tische,
www.achshav-now.de/ullman/katalog.pdf
(3) ebenda.
(4) Micha Ullman zitiert nach: Stefanie Endlich: Empfindliche Balance,
in: Akademie der Künste: Anmerkungen zur Zeit, Heft 37 / »Grund
zu erinnern«. Protest für den Erhalt des Mahnmals zur Bücherverbrennung
von Micha Ullman, Berlin 2003, S.25-29.
Die Debatte ist in dem Heft 37, Akademie der Künste, Grund zu Erinnern,
ausführlich dargestellt.
(5) Micha Ullman, Offener Brief zur Gefährdung des Mahnmals »Bibliothek«
durch eine Tiefgarage vom 23.04.2001.
(6) Rachel Whiteread, Transient Spaces, Katalog: Deutsches Guggenheim,
2001/02.
(7) James E. Young: Nach-Bilder des Holocaust in zeitgenössischer
Kunst und Architektur, Hamburg 2002, S. 21.