Die Neue
Wache (Unter den Linden, Berlin-Mitte)
Vor der Gedächtnisstätte für die Gefallenen des 1. Weltkriegs
zum »Grabmal des Unbekannten Soldaten« der DDR (1930–1993)
Andrea Günther
-
Bau der Wache und Nutzung als Wachgebäude 1816–1918
- Die Neue Wache als Gedenkstätte
für die Gefallenen des Weltkrieges
- Umgestaltung und Nutzung der Neuen
Wache während des Nationalsozialismus
- Die Neue Wache nach 1945 und ihre
Umgestaltung zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus
- Literatur
Bau der Wache und Nutzung als Wachgebäude
1816–1918
Die neue Wache wurde zwischen 1816 und 1818 von Karl Friedrich Schinkel
erbaut. Sie diente als neue Königswache für den preußischen
König Friedrich Wilhelm II., der im Kronprinzenpalais residierte
und das alte Wachgebäude durch einen repräsentativen Neubau
ersetzen und an Berlins Hauptstraße »Unter den Linden«
errichten ließ. Die Neue Wache gehört zu den bedeutensten
klassizistischen Bauwerken des 19. Jh. in Deutschland.
Karl Friedrich Schinkel verlieh dem relativ kleinen Baukörper durch
klare Formen, wuchtige Eckrisalite und den strengen dorischen Säulenportikus
eine Monumentalität, die selbst der Konkurenz der benachbarten
Gebäude von Zeughaus und Universität standhalten konnte.
Auf das Vorbild für seinen Entwurf verwies Schinkel selbst: »Der
Plan dieses ringsum ganz freiliegenden Gebäudes ist einem römischen
Castrum ungefähr nachgeformt, deshalb die vier festeren Ecktürme,
und der innere Hof (...)«.
In Bezugnahme auf die Erfolge der preußischen Armee in den Befreiungskriegen
ist das antikisierende Tympanonfeld durch ein Relief der Siegesgöttin
Victoria geziert, die sich in einer Kampfszene einem siegreichen Helden
zuwendet. Ebenfalls als Glorifizierung der siegreichen preußischen
Armee und ihrer Repräsentanten sind die Denkmäler der Generäle
Scharnhorst und Bülow anzusehen, welche das Wachgebäude seitlich
flankieren.
Die Bedeutung der Neuen Wache als Siegesmonument wurde nach dem Erfolg
im deutsch-französischem Krieg 1870/71 erneuert, indem zwischen
den erbeuteten Haubitzen aus den Befreiungskriegen eine weitere französische
Kanone als Kriegstrophäe des deutsch-französischen Krieges
aufgestellt wurde.
Während des 19. Jh. fanden im Inneren der Neuen Wache keine Veränderungen
statt. Es wurde davor lediglich ein Gitter aufgestellt das die Wache
von der Straße abgrenzte und hinter dem dieWachablösung des
Militärs vollzogen wurde. Als Haupt- und Königswache diente
das Gebäude bis zum Ende der Monarchie im Jahre 1918.
Die
Neue Wache als Gedenkstätte für die Gefallenen des Weltkrieges
Mit dem Ende der
dt. Monarchie 1918 verlor die Wache ihre militärische Funktion,
die sie seit 1818 als Haupt-und Königswache erfüllt hatte.
Während der folgenden 12 Jahre von 1918-1930 wurde die weitere
Nutzung des Gebäudes kontrovers diskutiert. Im Jahre 1924 wurde
erstmals die Nutzung der Neuen Wache als Kriegerdenkmal erwogen. Vor
allem die konservativen Kreise der Weimarer Republik bemühten sich,
an die glorifizierte preußische Vergangenheit anzuknüpfen.
Dieser Gedanke spiegelt sich in vielen nach 1918 entstandenen Kriegerdenkmälern
wieder, in denen die Ehrung der Gefallenen weniger als Warnung vor dem
Krieg als durch die Verherrlichung des Heldentodes zum Ausdruck kam.
Im Oktober 1929 fand eine Ausstellung zum zehnjährigen Bestehen
des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge in der Neuen
Wache statt. Durch diese Ausstellung wurde die Neue Wache zum ersten
Mal für die Berliner Bevölkerung mit dem Gedanken der Kriegerehrung
besetzt. Schließlich fiel 1930 die Entscheidung, die Neue Wache
zur Gedächtnisstätte für die im Weltkrieg gefallenen
Soldaten umzugestalten. Im Zuge dessen wurde im Frühjahr 1930 von
der preußischen Regierung und der Reichsregierung der gemeinsame
Wettbewerb für die Umgestaltung der Neuen Wache in eine Gedächtnisstätte
ausgeschrieben.
Zum Wettbewerb wurden die in Berlin arbeitenden Architekten Peter Behrens,
Erich Blunk, Hans Grube, Ludwig Mies van der Rohe (Abb.4), Hans Poelzig
(Abb.6) und Heinrich Tessenow eingeladen. Die Auswahl der geladenen
Architekten dokumentiert, das auf ein hohes Niveau des Wettbewerbs Wert
gelegt wurde. Um der Einseitigkeit vorzubeugen wurden sowohl Repräsentanten
des konservativen Bauens wie Blunck und Grube beteiligt, als auch Vertreter
der Moderne wie Peter Behrens und Ludwig Mies van der Rohe.
Die Ausschreibung sah vor: »... das Innere der von Schinkel erbauten
Wache mit verhältnismäßigen geringen Kosten zu einer
würdigen Gedächtnisstätte umzugestalten.
Das in organischer Beziehung zum Äußeren zu entwickelnde
Innere soll einen schlichten, weihevollen Eindruck gewähren; es
soll die Möglichkeit bieten Kränze niederzulegen und bei größeren
Veranstaltungen feierlich Umzug zu halten. Im übrigen soll der
Charakter der Stätte durch ein Denkzeichen oder in sonst einer
geeigneten Weise betont werden.
Dem Wesen der Aufgabe und dem Ernst der Zeit entsprechend, wird man
sich im allgemeinen auf die Wahl einfacher architektonischer Mittel
zu beschränken haben. Aus Achtung vor dem hohen Kunstwert der Schöpfung
Schinkels müssen Veränderungen, die diesen Wert beeinträchtigen,
vermieden werden; im Hinblick auf die neue Zweckbestimmung etwa notwendig
erscheinende Änderungen an den Tür-und Fensteröffnungen
der drei Nebenfronten und an der Gestaltung des Vorplatzes müssen
dieser Forderung entsprechen ...«.
Die Mehrzahl der Gutachter sprach sich für die Verwirklichung des
Entwurfs »1914-1918« von Heinrich Tessenow aus. (siehe Abb.3)
Tessenow hatte sich bei der Umgestaltung des Innenraums für einen
geschlossenen kubischen Raum entschieden. Der Gedenkraum wurde durch
ein rundes Oberlicht beleuchtet. Im Zentrum des Raumes unter dem Oberlicht
stand ein Monolith aus schwarzem schwedischem Granit. Auf dem monumentalen,
altarartigen schwarzen Monolithen ruhte ein Eichenkranz. Das eiserne
Kreuz, das Tessenow über dem Eingang zur Gedächtnisstätte
angebracht hatte, sowie der Eichengranz boten einen unmittelbaren Bezug
zu den gefallenen preußischen Militärangehörigen, derer
in der Wache gedacht werden sollte. Im Motiv des Eichenkranzes findet
sich neben der Idee des Gedenkens an die Toten auch die Interpretation
des Kranzes als Siegeszeichen. Vor dem Monolith wurde eine Bronzeplatte
eingelassen mit der Inschrift »1914/1918« in Bezug auf die
Kriegsjahre. In dem sonst dämmrigen Raum, erfuhr das Denkzeichen
durch die Beleuchtunginszenierung eine zusätzliche Überhöhung.
Der geforderte weihevolle Charakter wurde von Tessenow in einer emotionalen
Stimmungsarchitektur umgesetzt. Tatsächlich wollte er mit seiner
Gedächtnisstätte einen Raum schaffen, der mit dem Altarraum
einer Kirche vergleichbar war.
Umgestaltung und Nutzung der Neuen Wache
während des Nationalsozialismus
Bei der Umgestaltung
der Wache hatte Tessenow ausgeführt, daß trotz der Verwendung
schlichter architektonischer Mittel, er dem Gedenkraum insgesamt übersteigerte
Proportionen zugrunde gelegt habe. Diese übersteigerten Proportionen
bildeten den Rahmen für die weihevolle Inszenierung des ebenfalls
übergroßen Denkzeichens.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde die Wache
weiterhin als Gedächtnisstätte genutzt, was dokumentiert,
dass die von Tessenow verwirklichte Denkmalskonzeption den Anforderungen
der Nazis an Denkmalsbauten entsprach. Der wichtigste Eingriff in das
Erscheinungsbild der Wache nach 1933 war die Aufstellung eines Eichenholzkreuzes
an der Rückwand des Gedenkraumes. Neben der Aufstellung des Kreuzes
erfuhr die Neue Wache durch die Anbringung von zwei mächtigen Eichenkränzen
an den seitlichen Ecktürmen auch in dem äußeren Erscheinungsbild
eine Veränderung.
Durch das Holzkreuz wurde die Gedenkstätte zusätzlich in eine
Verbindung zu den zahlreichen Kriegergräbern des Ersten Weltkrieges
gebracht, deren einziger Schmuck oft nur ein einfaches Holzkreuz war.
Die Aufstellung des Kreuzes sollte aber auch in Zusammenhang mit dem
Versuch der Nationalsozialisten gesehen werden, sich die Instution der
evangelischen Kirche dienstbar zu machen.
Welche Interpretation das christliche Symbol bei den Nationalsozialisten
beigemessen wurde, verdeutlicht sich in den Ausführungen von Max
Arendt der in der »Kriegsgräberfürsorge« 1943
schrieb: »Soldatentod ist nicht Opfertod im religiösen Sinne,
Soldatentod ist pflichtmäßiger oder freiwilliger kämpferischer
Einsatz aller Kraft für die völkische Gemeinschaft. Soldatengräber
sind nicht Orte stiller Trauer, sie sind die Wurzelstöcke nie versiegenden
Kampfes- und Siegeswillens. Als solche müssen sie gehütet
und gewahrt werden. Diesen Gedanken Ausdruck zu verleihen, vermag nur
in etwa das ragende Hochkreuz als Zeichen der Kraft, die den Tod überwindet
wenn es siegesstolz gen Himmel ragt...«
Dieser Siegesanspruch fand auch 1933 in der offiziellen Umbennung zum
»Ehrenmal« seinen Ausdruck. An die Stelle des stillen Gedenkens
der im Weltkrieg Gefallenen, trat die Verherrlichung des Soldatentodes.
Der betonte militärische Caharakter wurde noch verstärkt in
dem die beiden Schutzpolizisten in Zivil, die die Wache bis 1933 gesichert
hatten, bereits im März 1933 durch eine ständige militärische
Doppelwache ersetzt wurden. Besonders beliebt bei Schaulustigen war
die effektvoll inszenierte Wachablösung des »Wachregiments
Berlin« an Sonntagen, Dienstagen und Freitagen. (siehe Abb.11)
Die
Neue Wache nach 1945 und ihre Umgestaltung zum »Mahnmal für
die Opfer des Faschismus und Militarismus«
Die Neue Wache wurde
noch während der letzten Kriegswochen durch Bomben schwer beschädigt.
Das Dach war eingestürzt, ebenso ein Teil des Portikus. Das Innere
war ausgebrannt und der Granitmonolith hatte sich in der Hitze der Flammen
verformt.
Die Wiederherstellung oder notwendige Sicherung des Baus unterblieb
vorerst. Lediglich der Trümmerschutt, der den Boden der Wache bedeckte,
wurde abgeräumt. (Abb.13)
Heinrich Tessenow sprach sich allerdings gleich unmittelbar nach dem
Krieg dafür aus die Neue Wache in dem zerstörten Zustand zu
belassen, da sie derart für die Geschichte spräche. 1950 stürzten
weitere Teile der ungesicherten Eingangshalle ein. Danach erfolgten
einige provisorische Reperaturen, zu umfassenden Bauarbeiten kam es
erst ab 1957. Diese waren nicht selbstverständlich. Denn es gab
auch Stimmen, so aus der Berliner FDJ, die den Abriß forderten.
Glücklicherweise setzten sich besonnenere Kräfte durch. Die
Nutzungsvorschläge reichten von einem Goethe- oder Schinkelmuseum
bis hin zu einem Nationalpantheon der Kultur und Wissenschaft.
In der Diskussion um die Errichtung eines »Mahnmals für die
Opfer des Faschismus« unmittelbar nach dem Krieg spielte die Neue
Wache noch keine Rolle. Es war zunächst unvorstellbar, die Ehrung
an einen Ort zu verlegen, der eben noch eine bedeutsame Rolle in der
Selbstdarstellung des NS-Systems gespielt hatte. Doch ließ sich
das Totengedenken an dieser Stelle weder veleugnen noch verbieten. Die
Bevölkerung legte Blumen und Kränze nieder und schob sie bei
geschlossenen Toren durch die Gitter.
Die SED-Führung genehmigte 1951 zwar die bauliche Wiederherstellung,
die Einrichtung eines Denkmals aber wurde verweigert. Erst fünf
Jahre später war mit der wachsenden Rolle der Ideologie im gesellschaftlichen
Leben auch das Bedürfnis der neuen Herrschaftselite, eigene Gedächtnisformen
zu begründen, erstarkt. Die SED fühlte sich mittlerweile in
der Lage, sich dazu auch der überkommenen Gedenktradition zu bemächtigen
und sie in ihre Zwecke zu integrieren. Im September 1956 beschloß
der Magistrat von Berlin die Nutzung der Wache als »Mahnmal für
die Opfer des Faschismus und der beiden Weltkriege«. Um die Gestaltung
des Ehrenmals den politischen Ansprüchen der sozialistischen DDR
anzupassen, wurde das von den Nationalsozialisten angebrachte Kreuz
an der Rückwand des Gebäudes entfernt. Statt dessen wurde
1960 eine bronzene Inschrift angebracht, welche die Widmung des Ehrenmals
bezeichnete: »Den Opfern des Faschismus und Militarismus«.
Im Mai 1960 wurde die Neue Wache mit militärischem Zeremoniell
als »Mahnmal der Opfer des Faschismus und Militarismus«
eingeweiht. Ab dem 1. Mai 1962 bezogen vor dem Mahnmal wieder Wachsoldaten
ihre Posten, was bis zum Ende der DDR beibehalten wurde. Das Problem,
dass der Opfer des Militarismus durch ein militärisches Schauspiel
gedacht wurde, erfuhr eine dialektische Lösung, indem behauptet
wurde, die alten Traditionen wären nun mit neuem Sinn und Inhalt
erfüllt worden.
Eine völlige Vereinnahmung der Neuen Wache durch den Staat gelang
aber auch jetzt nicht. Daher wurde ein grundlegender Umbau beschlossen,
der die Konsolidierung und das neue Selbstbewußtsein des »ersten
sozialistischen Staates auf deutschem Boden« demonstrierte. In
einer Bauzeit von lediglich 6 Wochen wurde der Tessenow Innenraum durch
Lothar Kwasnitza umgestaltet. Die Eröffnung fand am 6. Oktober
1969, am Vortag des 20. Jahrestages der DDR statt.
Der markanteste Eingriff bestand in der Entfernung des geschmolzenen
schwarzen Granitmonolithen, der bei seiner Demontage in mehrere Teile
zerbrach. Das Zentrum der Denkmalsanlage bildete nun ein leicht eingetiefter,
mit grünem Mamor getäfelter Bereich in dem ein kubischer Glaswürfel
mit ewiger Flamme stand, als »Symbol der Opfer«. Vor dem
Flammenkubus wurden die Gräber des unbekannten Soldaten und des
unbekannten Widerstandskämpers angelegt. Die Urne des unbekannten
Soldaten wird mit Erde von den Schlachtfeldern des 2. WK umgeben und
die Urne des Widerstandskämpfers mit Urnen gefüllt mit Erde
aus Konzentrationslagern. Die Stirnwand erhielt als Blickfang eine Steinintarsie
des Staatswappens der DDR. Mit dem Bildprogramm und der Terminierung
war das stille, persönliche Totengedenken jetzt tatsächlich
durch die staatliche Zeremonie verdrängt worden. Das Schauspiel
der Wachablösung und vor allem der Große Wachaufzug an jedem
Mittwoch riefen diesen veränderten Charakter immer wieder in Erinnerung.
Doch trotz der Eingriffe durch Kwasnitza wurde die Neue Wache nicht
zum typischen DDR Denkmal, da auf die Aufstellung figürlicher Skulpturen,
wie sie an anderen Denkmalskomplexen der DDR üblich waren, hier
verzichtet wurde. Gerade diese Einmaligkeit veranlaßte die Berliner
Denkmalpflege nach der deutschen Einheit vehement für die Erhaltung
der Wache in ihrem 1969 zuletzt verändertem Zustand zu plädieren.
Doch bereits 1990 wurde die Steinintarsie mit dem Staatswappen der DDR
von der Rückwand der Wache entfernt.