Reinhard Matz und Rudolf Herz
Zwei
Entwürfe zum Holocaust-Mahnmal
von Cindy Schmiedichen
-
Entwurf von 1995 – Leerstelle
- Entwurf von 1997– Überschrieben
- Vergleich der beiden Entwürfe
- Fazit
Der Konzeptkünstler
Rudolf Herz und der Fotograf Reinhard Matz setzen sich beide in ihrer
künstlerischen Arbeit mit dem Thema Erinnerung, genauer mit Formen
der Erinnerung, wie sie in Denkmälern und Gedenkstätten manifestiert
sind, auseinander. In diesem Zusammenhang beschäftigen sie sich
mit dem individuellen Bewusstsein und dem kollektiven Gedächtnis.
In interdisziplinärer Orientierung verbinden sie Kunst und Wissenschaft
miteinander, wobei Recherchen, Dokumentationen, politische Reflexionen
und Bilder von Geschichte und Politik unmittelbarer Bestandteil der
künstlerischen Arbeit darstellen. Die zweifache Wettbewerbsteilnahme
für das »Denkmal für die ermordeten Juden Europas«
war ihre erste projektbezogene Zusammenarbeit. Im Folgenden werden beide
Entwürfe kurz vorgestellt. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht
jedoch der zweite Entwurf, der aufgrund seiner Kontroverse gegenüber
den Wettbewerbsvorgaben und der Hinterfragung traditioneller Denkmalskunst
grosse Aufmerksamkeit erregte, und zu einer intensiven Diskussion im
Kontext der Mahnmalsdebatte führte.
Entwurf von 1995 – »Leerstelle«
In ihrem ersten Entwurf »Leerstelle« thematisieren sie die
Unvorstellbarkeit der Verfolgung und Ermordung der europäischen
Juden und das damit verbundene Problem einer künstlerischen Darstellung,
indem sie ein Zeichen der Leere vorschlagen. Eine riesig dimensionierte
Negativform von 80 Meter Länge, 60 Meter Breite und 50 Meter Tiefe
soll auf dem vorgegebenen Grundstück ausgehoben werden. Die abfallenden
Wände sind aus dunkel eingefärbtem Beton. Der Boden ist mit
anthrazitfarbenem Schotter belegt. Der Leerraum ist durch eine 5 Meter
hohe Mauer komplett umschlossen, wodurch kein Einblick gewehrt wird.
Ein grossteils unterirdisch verlaufender, gebogener Tunnel bildet den
Zugang zu einer Plattform. Wenn man diese 40 Meter über dem Boden
und 10 Meter unter dem Terrain frei schwebende Fläche betritt,
steht man bereits über dem Abgrund. Das Mahnmal ist so konzipiert,
dass die städtebauliche Umgebung nicht sichtbar wird. Auf der Mauer
zur Ebertstrasse steht in mehreren europäischen Sprachen die Zeile:
gejagt, gefoltert, erschlagen, verbrannt, erschossen, gehenkt, vergiftet,
erstickt, vergast – Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.
An dieser Stelle besteht die Möglichkeit Blumen und Kränze
niederzulegen. Das Grundstück, welches die Mauer umgibt soll sich
im Laufe der Zeit zu einem frei zugänglichen Park entwickeln, sodass
das Mahnmal in eine kontrastierende, lebendige Alltagsnutzung gebettet
wird.
Mit dem Entwurf »Leerstelle« erreichten Rudolf Herz und
Reinhard Matz die Wettbewerbsendrunde und wurden daraufhin zu der zweiten
Wettbewerbsausschreibung von 1997 eingeladen.
Entwurf von 1997 – »Überschrieben«
Aufgrund der Diskussionen, die durch die erste Wettbewerbsausschreibung
ausgelöst wurden, in Bezug auf die Problematik des vorgesehenen
Geländes, die Infragestellung eines monumentalen Bauwerkes und
dem Scheitern herkömmlicher Denkmalskunst ziehen Herz und Matz
radikale Schlussfolgerungen für ihren zweiten Wettbewerbsvorschlag.
Mit ihrem Entwurf »Überschrieben« haben sie sich den
Prämissen des Wettbewerbs verweigert und bieten einen überraschend,
neuen Ansatz. Die Entwicklung ihres Konzeptes beschäftigt sich
mit der Problemstellung, wie man eine lebendige Erinnerung ermöglichen
kann, und wie die Kunst sich gegenüber traditioneller Denkmalskonzeption
verhält.
Der erste Teil ihres Entwurfes sieht vor, das vorgesehene Grundstück
in Berlin Mitte zu veräussern und mit dem Verkaufserlös eine
Stiftung zu finanzieren zur Unterstützung in der Gegenwart verfolgter
Minderheiten. Über die konkrete Verwendung des Geldes, soll es
jährlich eine öffentliche Diskussion geben. Nur eine Bronzetafel
erinnert am ursprünglich vorgesehenen Ort an den Wettbewerb und
erläutert das Gesamtkonzept ihres Mahnmalvorschlages.
Im zweiten Teil ihres Entwurfes schlagen sie vor, an Stelle eines repräsentativen
Denkmals, einen Autobahnkilometer auf der A7 bei Kassel zu pflastern.
Eine Schilderbrücke kündigt von beiden Seiten das »Mahnmal
für die ermordeten Juden Europas« an. Die Geschwindigkeit
wird auf 30 km/h begrenzt. Weiterhin ist vorgesehen, das Texttafeln
an den Autobahnraststätten wenige Kilometer südlich und nördlich
des Mahnmals über die historischen Geschehnisse im Nationalsozialismus
informieren, sowie weiterführende Literatur über den Holocaust
und das Mahnmalprojekt angeboten wird.
Herz und Matz äussern sich zu der Wahl der Autobahn wie folgt:
»Wir gehen davon aus, dass heute nur die permanente Infragestellung
eines weithin anerkannten Symbols die erwünschte Lebendigkeit eines
Denkmals auf längere Zeit hin ermöglichen kann. Zu den wenigen,
gemeinschaftsstiftenden nationalen Symbolen in der Bundesrepublik zählt
die Autobahn. Sie eignet sich dadurch in besonderer Weise für Projekte
kollektiver Erinnerung.«(1)
Das Thema der nationalen Identität, sowie die kritische Auseinandersetzung
mit gesellschaftlichen Formen der Erinnerung und Verdrängung waren
Angelpunkte der Auseinandersetzung, die Herz und Matz mit ihrem Entwurf
führten. Auf der Suche nach einer Form die eine lebendige Erinnerung
ermöglicht, schlagen sie ein Mahnmal vor, welches in das Alltagsleben
eingreift und beziehen sich dabei auf ein Symbol des deutschen Selbstbewusstseins,
in das sie ein Störmoment mit memorativer Funktion einbauen. Der
Angriff auf ein nationales Symbol findet sich ebenfalls in dem Mahnmalentwurf
von Horst Hoheisel wieder, in welchem er vorschlägt das Brandenburger
Tor zu sprengen. James E. Young schreibt dazu: »In mancher Hinsicht
ist die deutsche Autobahn ein keineswegs geringeres Nationalsymbol und
Monument als das Brandenburger Tor selber – ein Symbol für
das überragende technische Können und die zielstrebige Dynamik
der Deutschen.«(2)
Sowohl die Stiftung als auch der Autobahnkilometer sind als Vorschläge
zu sehen, die das Gedenken in soziale Abläufe einbindet, wodurch
die ästhetische Komponente in der sozialen aufgehoben wird.
Durch die Stiftung soll das Bewusstsein der Situation von Verfolgten
wach gehalten werden, indem sie sich um Hilfe für »Heute«
Verfolgte kümmert. Sie stellt eine zukunftsorientierte Unterstützung
und einen Eingriff in Politik und Gesellschaft dar. Der gepflasterte
Autobahnkilometer ist als erinnerungsanregendes Mahnmal gedacht. Beide
Teile des Entwurfs gehören zusammen und ergänzen einander.
Vergleicht man den ersten Entwurf »Leerstelle« mit dem zweiten
»Überschrieben« lassen sich Parallelen in den Überlegungen
die Herz und Matz in Bezug auf die Mahnmalsproblematik führten
feststellen. Jedoch sind auch wesentliche Unterschiede, und eine radikale
Entwicklung auf der Suche nach einem Vorschlag gegen die monumentale
Erstarrung von Denkmälern zu finden. Bereits in ihrem ersten Entwurf
beschäftigen sie sich mit dem Problem, dass es unmöglich scheint,
eine gestalterische Lösung für das Mahnmal zu finden. Rudolf
Herz sagt dazu: »Unser erster Entwurf ging in die Richtung der
Negation von Gestaltung: Nichts weiter als ein leerer Raum, ein Loch
– wobei dies natürlich auch wieder Gestaltung miteinschliesst,
aber im Versuch, sie soweit wie möglich zurückzudrängen,
um eine Problematik aufzuzeigen, die mit Wahrnehmung zu tun hat, mit
dem Ermessen von Raum und Grösse, wo Wahrnehmung selbst zum Problem
und der Betrachter auf sich selbst zurückgeworfen wird.«(3)
In ihrem zweiten Entwurf spitzen sie die Infragestellung einer gestalterischen
Lösung zu. Wo der erste Vorschlag noch eine präzise, ästhetische
Gestalt aufweist, verzichten sie in ihrem zweiten Entwurf auf jede Form
von Gestaltung. In den Mittelpunkt rückt die soziale Funktion des
Mahnmals, indem das Gedenken an den Holocaust in den Alltag übergeht.
Aleida Assmann sieht in dem Entwurf von Herz und Matz einen Vorschlag,
der die Bedingungen schafft für eine Kollektive mémoire
involontaire, das heisst eine kollektive, passive Erinnerung, welche
»die problematische Unterstellung eines kollektiven Unbewussten
erforderlich macht. … Anders als alle jene Entwürfe, die
mit der Kraft des Symbolischen arbeiten und sich auf die Wirkung von
Formen und Gestalten verlassen, umgeht dieser Beitrag gänzlich
diese Dimension der Sinn-Konstruktion, des Abbildens, Verweisens und
Bedeutens.«(4)
Weiterhin sind beide Entwürfe als sinnliche Gedankenexperimente
zu verstehen. Bereits mit ihrem ersten Vorschlag »Leerstelle«,
werfen Herz und Matz die Frage auf, wie viel der deutschen Gesellschaft
die Realisierung, eines solchen »aussergewöhnlichen Zeichens«
(Herz/Matz) wert sei. Der Aushub der Leerstelle wäre bautechnisch
zwar zu realisieren, allerdings nur mit unabsehbarem finanziellem Aufwand.
Die Kosten überstiegen den Bereich, wo das Ganze als eine symbolische
Geste abgetan werden könnte. Auch der zweite Entwurf zielt nicht
vorrangig auf eine Realisierung hinaus, sondern stellt ebenfalls einen
Test auf die Bereitschaft der Gesellschaft dar, »jenseits alibihafter
Monumente die Erinnerung an die Verfolgung und Vernichtung der europäischen
Juden wach zu halten.«(5) Wie auch in dem
Vorschlag von Horst Hoheisel wird durch den Verzicht auf ein Stück
der eigenen Identität, durch den Eingriff in ein nationales Symbol
die Erinnerungsbereitschaft getestet. Die darüber angefachten Diskussionen
sind ein wichtiger Teil des Konzeptes, denn in der Art wie sich über
den Entwurf verständigt wird, welche Argumente und Einwände
angebracht werden, zeigt sich, so Rudolf Herz in einem Interview mit
der taz das ganze Problem: »Ist der Holocaust das Unerträgliche
oder unsere Form der Erinnerung?«(6) Der
Entwurf »Überschrieben« ist in diesem Sinne als ein
Experiment zu sehen, in welchem die Bereitschaft und die Fähigkeit
ein derartiges Denkmal zu wollen und zu diskutieren zur Debatte steht.
Ginge man von der Realisierung des Vorschlages aus, so kann man in dem
gepflasterten Autobahnkilometer einen Störmoment sehen, der das
Denken anregen soll und das Erinnern weiterleben lässt. Auch durch
die Stiftung und die alljährlich geführten Debatten würde
die Erinnerung keine endgültige Lösung, wie zum Beispiel durch
ein monumentales Bauwerk, erhalten, sondern eine Lebendigkeit und ständige
Weiterführung in Gegenwart und Zukunft. »Natürlich wird
ein solches Mahnmal nicht ohne starken Widerstand gebaut werden, doch
auch dies ist Teil seines Ziels: Erinnerung ist niemals ein Schlusspunkt,
sondern eine endlos befahrene Strasse. Die deutsche Erinnerung an Europas
ermordete Juden ist keine Antwort auf das, was einmal die ›Judenfrage‹
genannt wurde, sondern ein immerwährender Prozess, ein andauernder
Kampf zwischen den wettstreitenden nationalen Trieben, auf einer nationalen
Scham aufzubauen oder seine Scham zusammen mit der Erinnerung zu begraben.«(7)
Fazit
Der Entwurf »Überschrieben«
stellt ein Mahnmal dar, welches immer wieder aufs Neue ein gesellschaftlicher
Störfall bleibt, der in das Leben eingreift, um sich nicht früher
oder später ins eigene Gegenteil, nämlich ins Bild der Integration
des Gedenkens zu verwandeln.
Es gibt viele Punkte an diesem Entwurf die auf Kritik gestossen sind,
wie zum Beispiel der Zwang des Erinnerns und Gedenkens, die vielleicht
negativen Gefühle die bei den Autofahren geweckt werden, das Abverlangen
eines Opfers, und doch darf behauptet werden, dass sich die Auseinandersetzung
mit dem Idee gebliebenen Vorschlag lohne. Der Entwurf von Rudolf Herz
und Reinhard Matz stellt eine Kritik an den Wettbewerbsvorgaben und
somit an der traditionellen Denkmalskunst dar, aber eben nicht bloss
Kritik sondern auch eine gedankliche und künstlerische Weiterführung.
Es ist ein Vorschlag der die Möglichkeit einer anderen Form des
Gedenkens eröffnet, der die Notwendigkeit der Dynamisierung und
Lebendigkeit des Gedenkens zum Inhalt hat, der das Gedenken in den Alltag
in das Hier und das Jetzt transportiert, und somit »die Hinterfragung
der Kategorie ›Normalität‹ nicht nur im deutschen Kontext,
sondern in Zusammenhang mit jeglicher Alltagserfahrung einer Welt, in
welcher der Rückfall in die Barbarei keine abstrakte Drohung mehr,
sondern eine reale Möglichkeit darstellt, zum Gegenstand kontemplativer
Reflexion zu erheben vermöchte.«(8)
(1) Rudolf Herz
und Reinhard Matz: Zweiter Entwurf: Überschrieben (1997), in: Matthias
Reichelt (Hg.), Zwei Entwürfe zum Holocaust-Denkmal, Nürnberg
2001, S. 39–50, hier S. 47.
(2) James E. Young: Erinnerung ist eine endlos befahrene Straße,
in: Reichelt, Zwei Entwürfe …, S. 74–81. S. 79.
(3) Rudolf Herz zitiert nach Heinz Schütz: Das monumentale Dilemma.
Ein Gespräch mit Rudolf Herz und Reinhard Matz, in: Reichelt, Zwei
Entwürfe …, S. 59–70, hier: S. 68.
(4) Aleida Assmann: Erinnerung als Stolperstein, in: Reichelt, Zwei
Entwürfe …, S. 87–90, hier: S. 88.
(5) Rudolf Herz und Reinhard Matz: Zweiter Entwurf: Überschrieben
(1997), in: Reichelt, Zwei Entwürfe …, S. 39–50, hier
S. 49.
(6) Herz Rudolf, in: ebenda, S. 55.
(7) James E. Young: Erinnerung ist eine endlos befahrene Straße,
in: Reichelt, Zwei Entwürfe …, S. 74–81. S. 81.
(8) Moshe Zuckermann. Was hat die Autobahn damit zu tun? in: Reichelt,
Zwei Entwürfe …, S.131–136, hier: S. 136.
Literatur
- Peter Friese,
Dirk Halfbrodt (Hg.): Herz (Ausst.-Kat.), Nürnberg 1997.
- Matthias Reichelt (Hg.): Zwei Entwürfe zum Holocaust-Denkmal,
Nürnberg 2001.
- Rudolf Herz: Kunst der Erinnerung. In: Volkhard Knigge (Hg.): Verbrechen
erinnern, München 2002, S. 359–367.
- Matthias Reichelt: Rudolf Herz. Künstlerische Bildstörung.
In: Kunstforum International, Bd. 169, 2004, S.156–173.