Martin Kreim: Geschichte Polens


First Installation: 24.03.98 Last update: 09.05.1998


Inhaltsverzeichnis:

1. Die Besiedlung Polens

2. Die Piastendynastie

3. Die Christianisierung Polens

4. Boleslaw der Tapfere (Chrobry) - Der 1. König Polens

5. Der Verlust der Königskrone in den Jahren 1033 - 1105

6. Das Zeitalter der Teilung Polens in Provinzen -Die Jahre 1106 - 1181

7. Die Gründung des Deutschen Ordens 1198und die Jahre bis 1309

8. Die Lösung Schlesiens von Polen

9. Pommerellen (Kleinpommern)

10. Jagellonen-Dynastie um 1385 - 1569

11. Renaissance und Reformation

12. Die drei Teilungen Polens

12.1. Die erste Teilung
12.2. Die zweite Teilung
12.3. Die dritte Teilung

13. Polen im Zeitalter Napoleons

14. Der Wiener Kongreß

15. Der Erste Weltkrieg

15.1. Die Jahre 1905 - 1914
15.2. Die Jahre 1914 - 1918
15.3. Nachkriegszeit 1919 - 1939

16. Der Zweite Weltkrieg

17. Das kommunistische Polen in den Jahren 1947 - 1955

18. Die Zuspitzung der wirtschaftlichen Krise in den Jahren 1956 - 1980

19. Die ersten Streiks in Polen - Die Jahre 1980 bis zur Gegenwart

Literaturverzeichnis

1. Die Besiedelung Polens

Die erstmalig auftauchende Bezeichnung "Polen" wird im 10./11.Jh von ausländischen Chronisten benutzt und bedeutet auf deutsch so viel wie: Felder.
Die ersten menschlichen Spuren kann man auf polnischem Gebiet aus der Zeit des Paläolitikums (Steinzeit ca vor 180 000 Jahren) finden.
Seit etwa 1.600 Jahren v.u.Z. bewirkte ein Zustrom von Menschen aus den Dnepr- und Donaugebieten, daß an Stelle verstreuter verschiedenartigen Lebensformen, hier eine recht einheitliche Kultur entstand. Es ist die Trzciniec-Kultur, die in den meisten Gebieten Polens heimisch wurde und somit den Grund der darauffolgenden sogenannten Lausitzer Kultur bildete (1300-400 v.u.Z.).
Gleichzeitig, also gegen Ende des 1.Jahrtausends v.u.Z., gelangte ein slawischer Zweig des indoeuropäischen Stammes zwischen Wisla und Oder und verdrängte die dort lebenden Bewohner.
Die slawischen Stämme zerfielen in zwei Gruppen: in die westlichen Slawen (westlich von Wolhynien und den Dnestrquellen) und in die östlichen Slawen (Dnestr). Das Westslawentum wurde 1.- von Pommerschen Kultur beeinflußt und 2.- von der keltischen Kultur beeinflußt, die von den Westslawen im Laufe des 4. u. 3. Jahrhunderts v.u.Z. nach Schlesien und Kleinpolen gebracht wurde.
Im 1.Jahrhundert v.u.Z. ist bereits der Fluß Wisla auf römischen Karten eingetragen. Der Handel, vor allem mit Bernstein und Sklaven blühte. Die ersten 4 Jahrhunderte unserer Zeitrechnung werden auch als römische Epoche bezeichnet.
In dieser Zeit beginnt der Zerfall der Urgemeinschaft, die durch die Territorialgemeinschaft ersetzt wurde und die ersten primitiven politischen Organisationen beginnen sich zu herauszubilden. Das wurde noch durch den Druck fremder Stämme beschleunigt.
Im 4. - 6. Jahrhundert kommt es zu einer Bewegung der Slawen in die Territorien südlich der Karpaten und in das Elbegebiet.Schon im 8. und 9. Jahrhundert unterhielten die Gebiete des späteren Polens ständige Kontakte mit vielen Ländern des frühmittelalterlichen Europas (mit Franken, Skandinavien und der Ruß).
 

2. Die Piastendynastie

Im 7. bis 9. Jahrhundert war die Differenzierung der Gesellschaft auf polnischem Boden rasch vorangeschritten. Ein staatlicher Mittelpunkt von längerer Dauer entstand etwa Ende des 9.Jahrhunderts auf dem Gebiet Großpolens, das von dem Stamm Polanen besiedelt war. Der Hauptort der Polanen, Gniezno, wurde vermutlich Anfang des 8.Jahrhunderts erbaut. In dieser mächtigen Burgsiedlung herrschte die Piastendynastie.
Die Polanen erweiterten ihre Gebiete bedeutend, indem sie das Land zwischen Warta und Pilica bzw. der oberen Bzura eroberten und die Gebiete der Pommerellen, Masowien, Pomorze Gdanske ihrem Staat einverleibten. Die Vereinigung der oben genannten Gebiete wurde durch die Einheitlichkeit der wichtigsten kulturellen, ethnischen und sprachlichen Merkmale erleichtert.
Als Nachfolger seiner Vorfahren und uns der erste bekannte piastische Fürst (wahrscheinlich aus der 3. Generation ) ergreift 960 Mieszko die Macht über das Polanen Land (960 -992).

3. Die Christianisierung Polens

Im Jahr 966 folgt der Landesherr Polens dem Beispiel anderer slawischer Völker, sowie Ungarn und Skandinavien, die im 8. -10. Jahrhundert christlich getauft wurden. Polens Taufe (966) wurde durch die Ehe Mieszkos mit der böhmischen Prinzessin Dobrawa (965) erleichtert.
Das Jahr 966; der Taufakt stellt einen entscheidenden Moment in der Polnischen Geschichte dar. Es war ein Begin des Konsolidierungsprozesses, die Macht des Fürsten verbindet sich eng mit dem Kirchenapparat. Schon 968 erhielt das Piastenland einen Missionsbischof (er lies sich in Posen nieder).
Durch seine zweite Ehe mit der Tochter des deutschen Markgrafen, kann Mieszko ab 974 an den kaiserlichen Hoftagen teilnehmen und ab 986 galt er als Lehnsmann des Kaisers Otto des I. (Ob er weiter einen Tribut zahlen mußte, zu dem er sich nach einem zufälligem Zusammenstoß mit der Streitmacht des deutschen Markgrafen Gero, dem Kaiser verpflichtet hatte, wissen wir nicht)
990 festigt Mieszko die Verbindung zwischen dem Papsttum und Polen dadurch, daß er sein Land dem heiligen Petrus schenkte (d.h. dem Papst unterstellte). So fügte er, durch die Bindung an Kaiser und Papst, sein Land und damit das spätere polnische Volk in die vom römischen Christentum bestimmte westliche Welt ein.

4. Boleslaw der Tapfere (Chrobry) - Der 1. König Polens

Nach Mieszkos Tod (992) riß der älteste Sohn Boleslaw der Tapfere (Chrobry) das gesamte piastische Patrimonium an sich und so erreichte die piastische Macht unter seiner Herschaft ihr ersten Höhepunkt.
(Boleslaw Chrobry kaufte den Leichnam des verstorbenen böhmischen Bischofs Vojtech, in der deutschen Literatur als Adalbert bezeichnet, und ließ ihm in Gniezno beisetzen. Adalbert wurde zum Märtyrer erklärt und man erhob ihm zum Heiligen. So wurde durch die piastische Propaganda um den Kult des heiligen Adalbert, geschickt ein Glanz auf den Herrscher gestrahlt.)
Im Jahr 1000 kam der 19jährige Kaiser Otto der III. (starb 1002) mit großem Gefolge als westliches Oberhaupt der Christenheit und als Pilger zum Grab seines Freundes Adalbert, mit dem Wunsch die Reliquien des Märtyrers zu besitzen. (Er bekam eine Nachbildung der heiligen Lanze des Reiches.) Boleslaw gründet in Polen ein Erzbistum und mehrere Bistümer, was große politische und kulturelle Bedeutung hatte, denn er festigte damit die Einheit und Souveränität des Staates.
Während seiner Herrschaft, nahm Boleslaw der Tapfere das Milzener Land, die Lausitz und Meißen (1002) in Besitz und eroberte Böhmen. (Die drei große Kriege gegen die Ansprüche des deutschen Kaisers Heinrich des II. ;1004-1005, 1007-1013, 1015-1018; endeten erfolgreich für Polen mit dem Frieden von Bautzen. 1018 gelingt ihm durch den Feldzug in die Ruß, die berühmte Einnahme Kiews und die Angliederung der Tscherwenischen Burben (1018). Die Piasten-Familie ging durch Heiraten Verbindungen mit zahlreichen Familien ein und so errang der junge Staat einen bedeutenden Platz unter den europäischen Mächten (mit den Premisliden /Tch., Arpaden /Ung., Wettinern /D., Purikdynastie /Ruß., Erik v. Schweden, sogar mit der Nichte von Otto III..
Am Ende seines Lebens nutzte Boleslaw der Tapfere die unsichere Situation im Deutschland aus und krönte sich 1025 zum (1.) König.

5. Der Verlust der Königskrone in den Jahren 1033 - 1105

Nach Boleslaws Tod konnten seine Söhne die errungene Stellung die er erreichte nicht wahren, mußten die Krone (2. König=Boleslaws Sohn Mieszko II) abgeben und sich dem Kaiser wieder unterordnen (1033). 1038 überfiel Böhmen das Piastenland, entführte die kostbaren Reliquien des heiligen Adalbert und besetzten Schlesien. Ein heidnischer Volksaufstand verjagte die christliche Oberschicht und vernichtete die Kirche. Trotzdem erwies sich das, was Mieszko und Boleslaw geschaffen hatten als dauerhaft.
1050 gewann Kasimir der 'Erneuerer' sein Land, zuletzt auch Schlesien, mit der Unterstützung seiner Verbündeten zurück. Die Solidarität der christlichen Fürsten hatte es ihm ermöglicht, das Patrimonium der Piasten wiederherzustellen. Er hatte als seinen Hauptsitz Krakau gewählt, damit verlagerte sich das Schwergewicht Polens für mehr als 500 Jahre an die obere Weichsel, nach Kleinpolen (Krakowien und das Land Sandomir).
Zu Weihnachten 1076 versuchte sich zum drittenmal ein Piast die königliche Krone aufzusetzen. Als der Kaiser Heinrich IV. sich zum Gang nach Kanossa rüstete, ließ sich Boleslaw II. genannt der Kühne, ältester Sohn des 1058 verstorbenen Fürsten Kasimir, zum (3.) König krönen.
Der Streit zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt spielte sich nicht nur auf deutschem Boden ab, sondern griff auch nach Polen. Bald nach der Hinrichtung des Bischofs von Krakau verlor Boleslaw II infolge eines Aufstandes seine Krone.

6. Das Zeitalter der Teilung Polens in Provinzen ( Die Jahre 1106 - 1181 )

Boleslaws Nachfolger setzten das Werk der Christianisierung fort, strebten aber nicht mehr nach dem Königstitel. Boleslaw III genannt Schiefmund (1106 - 1138) gewann Pommern zurück und lies es 1135 christianisieren. Den Versuch eines Kompromisses zwischen dem Absolutismus der Dynastie der Piasten und der Dezentralisierung, die von den Feudalherren angestrebt wurde, sollte das Testament von Boleslaw III. darstellen. Auf diese Art sollten die Bruderkriege um die Macht beenden werden. Das Testament trat gleich nach Boleslaws Tod 1138 in Kraft.
Nach diese Senioratsverfassung sollte der jeweils Älteste des gesamten Hauses 'Senior' der Inhaber der Herrschaftsrechte (hinsichtlich Verwaltung, Gericht, Münze und Heerführung) sein und als unmittelbaren Besitz Krakowien, das südliche Großpolen und die Oberhoheit über Pommern erhalten. Das übrige Polen: Großpolen, Kleinpolen Schlesien und Masowien sollte unter die anderen Piasten aufgeteilt werden.
Das Fehlen einer Zentralgewalt schlug sich im Schicksal der Elbslawen nieder; Westpommern wurde zur Huldigung des Kaisers Friedrich Barbarossa (1181) gezwungen.
So begann in Polen das Zeitalter der Teilung in Provinzen. Wenn diese Territorien trotz ihrer Schwäche unabhängig blieben, so lag es u.a. daran, daß die Nachbarn Polens, das Römisch-Deutsche Kaiserreich und das Großfürstentum Kiew ebenfalls einen ähnlichen Auflösungsprozeß durchmachten und infolgedessen machtlos waren. Die für Europa charakteristische Zeit der feudalen Zersplitterung sollte auf Polnischem Boden fast 200 Jahre dauern.
Diese Zeit war gleichzeitig eine Zeit der wirtschaftlichen Wandlungen, die gesellschaftliche Veränderungen hervorbrachten. Es war ein Jahrhundert des Fortschritts, den man am demographischem Wachstum messen kann. Während die Bevölkerung Polens im Jahre 1000 nicht mehr als 1,25 Mill. Einwohner ausgemacht haben dürfte, ist aus den Registern des heiligen Stuhls (über die Abgaben des Peterspfennigs in Polen) zu ersehen, daß die Einwohnerzahl in der ersten Hälfte des 14 Jahrhundert 2 Mill. ergab. Dieser Zuwachs wurde hauptsächlich durch bessere ökonomische Bedingungen hervorgerufen und setzte mit Sicherheit im 12. Jahrhundert ein.
Anfang des 12.Jhd wurden an den Krakauer und Pariser Schulen hervorragende Schriftsteller ausgebildet. U.a. auch der Meister Wincenty dessen Chronik zu den Erscheinungsformen des europäischen Humanismus gehört. Der liturgische Gesang brachte die ältesten (jüngst in Handschriften wiederentdeckten) Musikwerke Polens hervor.

7. Die Gründung des Deutschen Ordens 1198 und die Jahre bis 1309

Seit Anfang des 13. Jahrhunderts betrieben deutsche Zisterzienser des großpolnischen Klosters Lenko (nordöstlich von Posen) eine erfolgreiche Mission bei den heidnischen Preußen (baltischer Stamm im Bereich des späteren Ostpreußen). Da sich die Preußen wehrten, versuchten die Piasten die Christianisierung mit Gewalt durch Kreuzzüge, durchzuführen. Dazu hatten sie auch die päpstliche Erlaubnis vom Innozenz III. bekommen. Diese Versuche sind gescheitert, darum bat Herzog Konrad von Masowien (der seit der Aufhebung der Senioren Verfassung ganz selbständig war) den Großmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza um Hilfe. 1230 kam der Vertrag von Kruschwitz zu Stande, mit welchem dem Orden (der Orden hatte sein Schwergewicht im Palästina) das eroberte Land der Preußen übereignet werden sollte. 1234 wurden die Preußen getauft und das Land durch die päpstliche Bulle von Rieti dem Orden übertragen. In dem eroberten Land wurden aus Sicherheitsgründen mehrere Burgen gebaut und es entstanden zumeist mit deutschen Siedlern neue Dörfer und Städte. 1309 wurde der Hochmeistersitz des Ordens von Venedig in die neuerbaute Marienburg verlegt.
 
 

8. Die Lösung Schlesiens von Polen

Durch die im 13. Jh. stark zunehmende Einwanderung von Deutschen wurde Schlesien immer enger mit Deutschland verbunden, ohne daß Schlesiens Verbindung zu Polen deshalb abriß. Die Städte waren durch ihre Sprache, Handel und vielfach auch durch die rechtlichen Kontakte mit dem Oberhof von Magdeburg verbunden. Immer mehr Fürsten suchten sich an Böhmen anzulehnen. Im Jahre 1342 huldigte auch der Bischof von Breslau für sein Bistum, das sich um die Neiße erstreckte, dem König von Böhmen. Manche Teilgebiete kamen auch unmittelbar unter böhmische Herrschaft.
In der erster Hälfte des 13. Jh. entstand der Christenheit eine unheimliche Bedrohung durch den Aufstieg des Mongolischen Reiches. Die Söhne des Dschingis Khan vernichteten mit ihren tatarischen Kriegern 1240 die Stadt Kiew und 1241 griffen sie Ungarn an. Ein Teil des Mongolenheeres durchzog dabei Polen. Chmielnik (nordöstlich von Krakau), Sandomir, Breslau und Krakau gingen in Flammen auf. Danach zogen sich die Mongolenfürsten zurück.
An die Stelle der vernichteten polnischen Städte wurden neue Großstädte mit ca. 500-1000 Häusern, mit neuem Städtegrundriß und mit neuen Bewohnern angelegt. Die neu gebauten Städte Krakau, Breslau und Posen erhielten deutsches, zumeist Magdeburger Stadtrecht und waren vorwiegend von Deutschen bewohnt.
Die Fürstentümer der Piasten wurden im 13. Jh. durch ständige Teilungen immer kleiner. Zum Fürsprecher einer Wiedervereinigung Polens unter der Bedingung völliger Selbstbestimmung machte sich der Herzog Wladislaw Lokietek.

9. Pommerellen (Kleinpommern)

Anfangs des 13. Jh. beanspruchten die Brandenburger das Land Pommerellen für sich. Sie stehen in Danzig den Polen unter der Führung von Wladislaw Lokietek gegenüber und der Herzog Wladislaw Lokietek ruft erneut den Deutschen Orden zu Hilfe. Die Ritter des Ordens Kamen, vertrieben die Brandenburger aus der Stadt Danzig, dann aber auch die Polen aus der Burg (1308) und nahmen gang Pommerellen in Besitz.
In mehreren Etappen vereinigte Wladislaw Lokietek bis 1314 die zwei Hauptprovinzen Malopolska und Wielkopolska, festigte seine Position gegenüber den Böhmen, der Luxemburgischen Dynastie, der Mark Brandenburg und des Deutschen Ordens und ließ sich 1320 auf dem Wawel zum König krönen (4.König).
Auf den Thron folgte ihm sein Sohn Kazimierz (5.König). Ihm gelang es auf diplomatischem Wege, mit dem Friedensvertrag von Namyslow sowie auf militärische Art (1340-1366), bedeutende Gebiete der Halitschen Ruß anzugliedern, Wolhynien wurde zwischen Polen und Litauen aufgeteilt. König Kazimierz verfügte über großes Talent als Diplomat und Politiker und umgeben von einer Gruppe von Ministern gelang es ihm, das Programm der inneren Vereinigung Polens durchzusetzen, indem er das Verwaltungs-, Währungs-, und Steuersystem sowie das Rechts- und Gerichtswesen vereinheitlichte und vervollkommnete. Er realisierte ein umfassendes Bauprogramm, daß die Errichtung von Burgen, Befestigungsanlagen und Kirchen vorsah. 1349 kam es zu einer Emigrationswelle der Juden aus Deutschland, er brachte ein Gesetz heraus, welches die Juden schützte und so konnte sich in Polen die größte jüdische Gemeinde der Welt entwickeln. Ende des 14.Jh. wandte sich Kazimierz von der Westpolitik ab und richtete seine Aufmerksamkeit in Richtung Osten.
König Kazimierz bezeigte reges Interesse am wirtschaftlichem Leben, an Kultur, Wissenschaft und Bildung. Der Krakauer Universität gab König Kazimierz nach italienischem Vorbild eine juristische Orientierung. Auf dem Gebiet der Philosophie befasste sich die Universität intensiv mit Ethik und mit Gesellschaftslehre. Nach Polen wurde, hauptsächlich aus Mitteleuropa, aber auch aus Italien, Burgund und aus dem Moselgebiet, die romanische Kultur übertragen.

10. Die Jagellonen-Dynastie um 1385 bis 1569

1385 erfolgte der Zusammenschluß Polens und Litauens. (Jagiello, nahm den Vornamen Wladislaw an und nach seiner Vermählung mit Jadwiga wurde er König von Polen) Durch Vermählung der Fürstenhäuser Polens und Litauens entstand ein Königreich, das sich gegen die benachbarten Tataren, das wachsende Interesse Moskaus an Ausdehnung Richtung Westen und der Expansion des Deutschen Ordens wehren konnte.
Zu einer entscheidenden Auseinandersetzung und zugleich einer der größten Schlachten des Mittelalters kam es am 15.Juli 1410 auf den Feldern von Grunwald (Tannenberg), wo die polnisch-litauische Armee das Ordensheer zerschlug. Ganz Preußen fiel kampflos in die Hand des Siegers. Durch Seuchen, kriegerische Ausfälle der Ritter, eines Entlastungsangriffs des livländischen Ordenszweiges gegen Litauen und die drohende Haltung von König Sigismund von Ungarn, wurden die Belagerer gezwungen, sich im September 1410 wieder zurückzuziehen.
Wenige Woche später hatte der Orden sein gesamtes Gebiet wieder in Händen. Am 1. Februar 1411 wurde bei Thorn der Thorner Frieden abgeschlossen.
1413 wird die Eigenstaatlichkeit Litauens durch die Tagfahrt von Horodlo und die Erneuerung der polnisch-litauischen Union bestätigt. Die familiäre Verbundenheit der sozialen Oberschicht verband die beiden Länder bis ins 19.Jh miteinander.
Der Tod des litauischen Großfürsten Witold, der vergeblich auf seine Krönung wartete, rief in Litauen Bürgerkrieg hervor. Auf Veranlassung des Kaisers Sigismund griff der Deutsche Orden auf Seiten der Unionsfeinde in den Krieg ein, wurde aber geschlagen und mußte 1430 mit Polen und Litauen den Frieden von Kujawisch Brest abschließen. Der Frieden schloß Ansprüche von dritter Seite aus (Kaiser, Papst), damit war der Orden von seinen Schutzmächten getrennt und hatte aufgehört, eine Großmacht darzustellen.
Nach dem Dreizehnjährigen Krieg (1454-1466), den der Deutsche Orden gegen seine eigenen Vasallen (die Städte und dem Adel, weil sie die Oberhoheit des polnischen Königs Kazimierz Jagellonczyk anerkannt hatten) führte, öffnete sich wieder der Zugang zum Meer. Das beschleunigte die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Die Jagiellonen bauten ihre Macht weiter nach Westen aus. Die böhmische Krone errangen sie durch politische Schachzüge im Jahr 1479, nach den Religionskriegen mit den Hussiten; die Krone Ungarns folgte 1491. Diese Staatsverbindungen hatten aber kein langen Halt.
Im 14. und 15. Jhd. entstanden umfangreiche polnische Übersetzungen, u.a. die ganze Bibel für Königin Zofia sowie andere religiöse, darunter hussitische Texte. Die prächtigsten gotischen Bauwerke entstanden innerhalb des damaligen polnischen Staates in Krakow (Universität u. Stadttore), Gniezno.und in Gdansk, wobei die Gdansker Marienkirche vielleicht der schönste gotische Bau in Pommerellen ist.

11. Renaissance und Reformation (Blühende Zeit f. Bauwesen, Wissenschaft, Lehre, /Kopernikus)

1493 wurde das Parlament, genannt Sejm gegründet, der allein Gesetze verabschieden konnte und somit ein wichtiges Kontrollorgan der Monarchie wurde.
1525 beschloß der Großmeister des Deutschen Ordens (der D.O. war zu dieser Zeit am Ende) die neue lutherische Lehre anzunehmen (Sein Staat unterstand zwar Polen, in inneren Angelegenheiten aber, war er autonom). Da in Polen damals eine in Europa beispielslose Toleranz gegenüber anderen Religionen herrschte, fand die neue Lutherische Lehre in Danzig sowie in den Städten des Königspreußens viele Anhänger.
1526 gab Bernard Wapowski die erste, in Maßstab 1:1.000.000 gehaltene und auf viele Messungen gestützte Landkarte Polens heraus. Sein Freund Nicolaus Copernicus, Bürger von Torun und Kanoniker in Warmia, schuf ein neues Weltbild. Copernicus übersetzte poetische Werke vom Griechischen ins Lateinische, entdeckte die Greshamschen Gesetz noch vor Gresham, war als Arzt und Wissenschaftler, vor allem aber als Mathematiker und Astronom tätig.
Sebastian Petrycy übersetzte die Werke Aristoteles und schuf so eine polnische philosophische Terminologie. Adam Bursius veröffentlichte philosophische Fragmente von Cicero.
Der letzte Jagiellone Zygmund August, der keine Erben hinterließ, bemühte sich in den letzten Jahren seines Lebens um ein Bündnis gegen die wachsende Macht Moskaus. Das Ergebnis seiner Verhandlungen war die Union von Lublin im Jahr 1569, in der Polen, Königspreußen Livland (später Lettland) und Litauen zu einem Staat vereinigt wurden. In gleichem Jahr wurde das Parlament nach Warschau verlegt und zur Hauptstadt ernannt.
Nach Zygmund Augusts Tod wurde der König vom gesamten Adel, ob reich oder verarmt, gewählt. Es war die Schaffung der sogenannten Adelsrepublik. Dies war ein demokratischer Fortschritt, denn 10 % der Bevölkerung hatten Stimmrecht, andererseits bedeutete es die Stärkung des Feudalsystems in der polnischer Gesellschaft. Der Adel bestand auch auf seinem Recht auf Widerstand. Dieses Recht erlaubte dem Adel einem König zu stürzen, der beim Adel in Ungnade gefallen war. Außerdem mußte alle zwei Jahre das Parlament zusammentreten und die Adligen ratifizierten ihrerseits alle vom König beschlossenen Steuern, Kriegserklärungen und Verträge mit dem Ausland.
Im 16. Jhd. brachten italienische Architekten die Renaissance nach Polen und begannen mit dem Umbau des Wawels in Krakau, mit dem Wiederaufbau des Rathauses in Poznan und es erfolgte der Baubeginn des Königschlosses von Warschau. In Krakauer Universitätskreisen waren außer guten Philologen auch weiterhin gute Mathematiker tätig. Am Jesuitenkolleg in Kalisz wurden Untersuchungen der Sonnenflecken und eine wichtige Verbesserung des astronomischen Fernrohrs vorgenommen.
1587 - 1668 ist die Zeitspanne, in der die Drei Wahlkönige der schwedischen Wasa-Dynastie die Außenpolitik bestimmten.
1618 erwarb Johannes Sigismund von Hohenzollern das Herzogtum Preußen (Erbe des Kurfürstentums Brandenburg).
Zu dieser Zeit herrschte in Europa infolge von religiösen und dynastischen Konflikten der Dreißigjährige Krieg, aus dem es Polen gelangt, sich herauszuhalten.
1648 wurde der dritte Wasa, Jan II. Kazimierz, gewählt. In diesem Jahr erhoben sich die Kosaken in der Ukraine, die sich mit dem russischen Herr verbunden hatten und eroberten gemeinsam Ostpolen bis Lwow. Diese Ablenkung nutzten die Schweden um in Polen einzufallen, was als Schwedische Sinflut bekannt wurde.
1657 gründeten die Hohenzollern den Staat Brandenburg-Preußen (später Preußen verkürzt).
In den Kriegen hatte Polen nicht nur Gebiete verloren, sondern seine Bevölkerung war um mehr als die Hälfte, auf ca. 4 Mill., reduziert worden.
Für die weitere Entwicklung war wesentlich, daß 1652 zum ersten Mal vom Liberum Veto (Vetorecht) im Parlament Gebrauch gemacht wurde. Dieses Recht diente sehr schnell der Durchsetzung eigener Interessen und Polen war bald an dem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr regierbar war. Das führte zum endgültigem Kollaps der Politik.
Einziger internationaler Erfolg in dieser Zeit (zweite Hälfte des 17. Jh.) war die Schlacht von Chocim, wo Jan Sobietski 1673 die osmanischen Türken auf dem Balkan besiegte und daraufhin (zur Belohnung) zum polnischen König gewählt wurde. Er war auch 1683 für die erfolgreiche Verteidigung von Wien verantwortlich, durch die die Türken endgültig aus Europa vertrieben wurden. Diese Heldentaten hatten aber einen hohen Preis für Polen. Der König hatte keine Zeit um sich um die Innen- und Außen- Politik zu kümmern, Polens Militär war erschöpft und der zukünftige Gegner Polens, Österreich, konnte sich erholen. Schließlich entfernten sich durch die Anarchie in der Innenpolitik Polen und Litauen voneinander.
Sobietskis Nachfolger war der sächsische Kurfürst August Wettin, bekannt als August der Starke, aber er war auch ein schwacher Herrscher (den Beinamen "Starke" bekam er weil er über 300 Kinder zeugte).
1701 forderte ihn Friedrich III. von Brandenburg-Preußen heraus, in dem er das Herzogtum Preußen zum Königreich erklärte und sich in Königsberg krönen ließ. Die Hohenzollern hatten 1720 einen Großteil von Pommern erworben, ihre Gebiete miteinander verbunden und bemühten sich, die Polen von der Ostsee zu vertreiben.
August der Starke zog inzwischen gegen Schweden in den Krieg um Livland zu erobern, wurde aber geschlagen. Für kurze Zeit wird von Schweden Stanislaw Leszczynski auf den Thron gesetzt 1704-1710.
1710 halfen die Rußen August (Wettin) dem Starken wieder auf den Thron zurück und Polen wurde zu einem Klientelstaat Rußlands. 1740 begann Friedrich der Große den Schlesien Krieg, der 1763 zu Ende ging und die Preußen (bis auf ein kleines Gebiet) die ganze Provinz beherrschten und somit auch den gesamten Außenhandel Polens kontrollierten.
Ideen kultureller Veränderungen und einer politischen Wiedergeburt vertraten viele Schriftsteller und Politiker. Unter ihnen erlangte der "wohltätige Philosoph", König Stanislaw Leszczynski, auch in Westeuropa höchsten Ruhm und große Anerkennung. 1765 wurde in Warszawa - neben den vielen bereits in Polen bestehenden Hof-, Schul- und anderen Theatern - ein Nationaltheater eröffnet. Seine Entwicklung und sein Anteil am Leben des Landes waren besonders mit der Persönlichkeit Wojciech Boguslawskis verbunden, der Theaterdirektor, Schauspieler und Schriftsteller zugleich war.
 

12. Die drei Teilungen Polens

Die russische Polenpolitik wurde durch einen Aufstand der Konförderation von Bar 1768-1772 beendet. (Es war die Antwort auf den sich immer steigernden politischen Druck Rußlands)
 

12.1. Die erste Teilung

Als Kompromiß beschlossen die Russen, einen preußischen Plan für die Teilung Polens zu unterstützen. Durch einen Vertrag im Jahr 1772 verlor Polen fast 30% seines Gebiets. Rußland bekam Gebiete an der Düna und am Dnjepr (Weißreußen), Österreich erhielt das südliche Kleinpolen (südlich an der Weichsel - später Galizien genannt) und Rotreußen, die Preußen das Ermland, Westpreußen (ohne Danzig und Thorn) und den Netzedistrikt.
Danach leitete Polen ein radikales Reformprogramm in die Wege. 1791 gab sich Polen die erste kodifizierte Verfassung Europas und die zweit modernste nach den Vereinigten Staaten. Sie beinhaltete den Begriff der Volkssouveränität und aus dem Rat der 18 Senatoren und 18 Landboten bildeten sich die Kommissionen für Äußeres, Inneres, Heerwesen, Rechtswesen und Finanzen. Selbständiger war die Erziehungskommission und das erste Kulturministerium Europas. Die Regierung erhielt ein Kabinett, das dem Sejm Rechenschaft schuldig war.
 

12.2. Die zweite Teilung

Das war den Russen zuviel und sie überfielen Polen, nachdem sie den Preußen Gdansk in Aussicht stellten.
Trotz des Widerstand unter Tadeusz Kosciuczko (einem Helden aus dem amerikanischem Unabhängigkeitskrieg), kommt es zur zweiten Teilung Polens (1793). Mit der zweiten Teilung wurde auch die Verfassung aufgehoben. Diesmal annektierten die Russen die restlichen Gebiete von Weiß- und Rotreußen, die Preußen gewannen Wielkopolska, Gebiete in den Masuren und Thorn und als Hauptgewinn Danzig. Die Österreicher hielten sich zurück.
1794 rief Kosciuszko zum nationalen Aufstand auf und siegt überraschend gegen die Russen in der Schlacht von Raclawice. Sein Heer bestand damals überwiegend aus mit Sensen bewaffneten Bauern, die er vorher durch ein Manifest zu freien Männern erklärte. Dieser Aufstand wurde aber am 4.11.1794, nachdem die Russen die Warschauer Vorstadt Praga erstürmten und dabei 12 000 Wehrlose erschlugen oder ertränkt hatten, niedergeschlagen.

12.3. Die dritte Teilung

Mit der dritten Teilung verschwand Polen von der Landkarte. Rußland bekam die Gebiete östlich von Bug und Niemen (Memel), Österreich bekam als Kompensation für das an Frankreich verlorene Belgien, den Hauptteil Kleinpolens (Westgalizien). Preußen schloß sich dem russisch-österreichischen Teilungsvertrag an und erhielt den Rest Polens (Neuostpreußen, Neuschlesien) einschließlich Warschaus, welches die anderen Mächte wegen ihrer Aufsässigkeit nicht haben wollten. In einem Zusatzvertrag einigten sich die Teilungsmächte 1797, auch den Namen "Polen" abzuschaffen.
 

13. Polen im Zeitalter Napoleons

Exilpolen mit verschiedenen Oppositionsgruppen sahen eine Hoffnung für die Befreiung und Unabhängigkeit Polens in dem revolutionären Frankreich. Die Hoffnungen konzentrierten sich schließlich auf Napoleon Bonaparte der 1799 die Macht übernahm. Es wurden 3 polnische Legionen als Teil des französischen Heeres aufgestellt (für die Kosciuscko den Oberbefehl ablehnte, weil er Napoleon für größenwahnsinnig hielt und ihm unterstellte, Polen für seine eigene Zwecke zu benutzen).
1806 griff Napoleon Preußen an und im Frieden von Tilsit (Juli 1807) mußte Preußen seinen Gewinn aus der 2. und 3. Teilung Polens sowie den Netzedistrikt abtreten.
Napoleon schuf daraus zwei Vasallenstaaten: das Herzogtum Warschau (2,6 Mil. Bew.) und die Freie Stadt Danzig. Nachdem Österreich von Napoleon besiegt war (1809) mußte dieses das gewonnene Westgalizien an das Herzogtum wieder abtreten.
Napoleons mißlungener Marsch auf Moskau war für die Polen genauso katastrophal wie für die Franzosen. Nachdem die Russen das Herzogtum Warschau besetzt hatten, trieben sie gemeinsam mit den Preußen Fürst Poniatowski mit seinen Truppen in die selbstmörderische Niederlage bei Leipzig. Die auswegslose Lage in der sich Poniatowski befand, widerspiegelte auch die auswegslose Lage der gesamten polnischen Nation.
 

14. Der Wiener Kongreß

Anfang 1815 drohte wegen der polnischen Frage ein bewaffneter Konflikt auszubrechen, doch dann kam ein Kompromiß zustande.
Man berief den Wiener Kongreß (1814-1815) ein. Preußen verzichtete auf das südliche Sachsen und erhielt dafür den westlichen Teil des Herzogtums Warschau (mit Posen, Gnesen, Thorn). Die Wiener Schlußakte von 9.6.1815 legte dann die Grenzen fest, die im wesentlichen bis 1914 Bestand hatten. Der Hauptteil des Herzogtums Warschau wurde als Königreich Polen (Kongreß-Polen), Besitz des russischen Kaisers auf ewig, bezeichnet. Der Westen kam als Großherzogtum Posen an die Preußen. Krakau wurde freie Stadt unter dem gemeinsamen Schutz von Rußland,Österreich und Preußen. So blieb die polnische Frage praktisch weiter ungelöst und Krakau wurde so zur symbolischen Hauptstadt einer verschwundenen Nation.
Kongreßpolen, unter der Verwaltung von Adam Czartoryski, war der liberalste Teil des Russischen Reiches mit mäßigem Wohlstand. Es behielt auch sein eigenes Parlament, Verwaltungs- und Schulsystem.
Ein Aufstand im November 1830, in deren Mittelpunkt ein Anschlag auf den Bruder des Zaren stand. Der Fakt, daß das polnische Parlament Zar Nikolaus als König von Polen ablehnte, da er die Wiederherstellung der polnischer Verfassung und die Vereinigung mit Litauen verweigerte, führte dazu, Zar Nikolaus am (25.1.1831) offiziell als polnischen König abzusetzten. Daraufhin erfolgte eine russische Invasion.
Am Ende des Folgejahres waren die Polen geschlagen und ihre Verfassung wurde außer Kraft gesetzt. Viele Polen gaben jede Hoffnung auf nationale Souveränität auf und kurz darauf setzte die erste große Auswanderungswelle, vor allem nach Amerika, ein. Ebenso mißlang ein Aufstand gegen Österreich im Jahre 1846, das bedeutete auch das Ende der Unabhängigkeit von Krakau. Dieser Rückschlag war einer der Gründe für Polens Passivität bei den Revolutionen, die 1848-49 fast ganz Europa überzogen.
Der letzte große Aufstand gegen die Russen (1863-64) wurde zwar schon von Litauen und Galizien unterstützt, waren aber von vornherein zum Scheitern verurteilt, da es kein stehendes polnische Heer gab. Nach seinem Mißerfolg wurde Kongreßpolen aufgelöst und als Provinz "Weichselland" an Rußland angeschlossen.
Gegen Ende des Jahrhunderts entstanden auch in Polen verschiedene neue politische Parteien und Bewegungen. Die wichtigsten waren: die PPS (Polnische Sozialistische Partei), die in den Städten des russischen Teil Polens tätig war; die Nationalistische Liga, deren Machtbasis in den Rangprovinzen lag; die Bauernbewegung von Galizien; und die Christdemokraten, die unter den schlesischen Katholiken dominierten.
Als größte polnische Gelehrte nach Kopernikus, erhielt Marie Curie-Sklodowska (die in Paris tätig war), zweimal den Nobelpreis. Großen Anteil hatten die Polen als Erbauer von Eisenbahnlinien und Brücken in den Ländern Nord- und Südamerikas. Eine technische Spitzenleistung von Kazimierz Gzowski war die Konstruktion der International Bridge in Kanada, einer Brücke über den Niagara, die Kanada mit den Vereinigten Staaten verband.
Im Bereich der Literatur zogen berühmte Persönlichkeiten die Aufmerksamkeit auf sich: Adam Mickiewic, in Frankreich besonders Wilhelm Apolinary Kostrowicki, mehr als Guillaume Apollinaire bekannt, und in England Joseph Konrad (Jozef Teodor Konrad Korzeniowski). Als Meister des historischen Berichts wurde Henryk Sienkiewicz bekannt, der für sein Roman "Quo vadis?" 1905 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Anfang des 20. Jhd. wurde der Virtuose (Pianist) und Komponist Ignacy Paderewski zum berühmtesten Polen der Welt. Das größte Gut aber hinterließ seinem Volk und der Welt, Frederyk Chopin, mit seinen Werken.

15. Der 1. Weltkrieg

15.1. Die Jahre 1905 - 1914

Infolge der Niederlagen im Krieg gegen Japan (1904-05) brachen im Russischen Reich Unruhen aus, die schnell revolutionären Charakter annahmen. Die Wahlen zur 1. russischen Duma (1906) wurden von der PPS boykottiert. Nach Vorbild der russischen Sozialdemokraten gründete Pilsudski (Vorsitzender der PPS) Kampfgruppen und unternahm mit ihnen (1906-08) Überfälle auf staatliche Kassen und Attentate auf hohe russische Beamte und Offiziere.
Das österreichische Galizien entwickelte sich zu einem halbautonomen polnischen Staatswesen mit polnischen Beamten und einem polnischen Bildungswesen. Hier gründeten die Polen Schützenverbände für die Schulung künftiger Revolutionäre, die ab 1914 in Polen führend wurden.
Die feindselige Haltung, die Rußland seit 1908 gegen Österreich wegen dessen Balkanpolitik einnahm, hatte zur Folge, daß die österreichischen Behörden die polnischen, gegen Rußland gerichteten, Revolutions- und Kriegsvorbereitungen duldeten.
 

15.2. Die Jahre 1914 - 1918

Der Ausbruch des 1.Weltkriegs belebte zwar die Hoffnungen der polnischen Aktivisten, trotzdem folgten etwa 3 Mill. Polen ihren Befehlen und als russische, bzw. österreichische und deutsche Soldaten kämpften sie gegeneinander.
Am 6.8.1914 überschritt eine Kompanie aus dem galizischen Schützenverband die österreichisch-russische Grenze und begann damit, einen Krieg Polens gegen Rußland. Zehn Tage später bildete sich in Krakau das polnische Oberste Nationalkomitee mit dem Ziel, in Anlehnung an Österreich einen polnischen Staat zu schaffen. Im Sommer 1915 eroberten die Mittelmächte Kongreßpolen und einen Teil Litauens. Damit fiel die Hoffnung der Nationaldemokraten auf eine Wiedervereinigung Polens mit russischer Hilfe. Es entstand eine Gruppe Aktivisten, die Polen durch eine Anlehnung an Deutschland und Österreich wiederherstellen wollte.
Österreich strebte ein Kongreßpolen an, um dieses an die Donaumonarchie anzugliedern.
Die deutsche Führung beabsichtigte dagegen, einen Grenzstreifen (von Oberschlesien bis Ostpreußen) abzutrennen und mit Deutschen zu besiedeln.
1916 beschlossen Deutschland und Österreich, ein von ihnen abhängiges Königreich Polen zu errichten.
Nach dem Sturz des Zaren versprach die neue russische Provisorische Regierung am 30.3.1917 den Polen fast völlige Unabhängigkeit (nur militärisch sollte der neue Staat mit Rußland verbunden werden).
15.8.1917 entstand in Lausanne das Polnisches Nationalkomitee, welches bis Ende 1917 von den westlichen Alliierten und den Vereinigten Staaten als Vertretung Polens anerkannt wurde.
Im Oktober 1917 setzten die Mittelmächte, als Gegengewicht zu Lausanne, in Warschau einen polnischen Regenschaftsrat und eine Regierung ein, die weitreichende Kompetenzen hatte.
Am 7.11.1917 siegte in Rußland die bolschewistische Revolution. Danach erklärte Lenin in einer "Deklaration der Rechte der Völker Rußlands" ein Recht auf Selbstbestimmung bis hin zur Abtrennung und Bildung von selbständigen Staaten.(In der Hoffnung, daß die für die nächste Zukunft erwartete proletarische Weltrevolution die Grenzen der Nationalstaaten ohnehin belanglos machen würde).
Am 3.3.1918 mußte Sowjetrußland in Brest-Litowsk den von den Mittelmächten diktierten Frieden unterschreiben und verzichtete dabei u. a. auf Polen, Litauen und Kurland.
Schon am 22.1.1917 hatte der amerikanische Präsident Wilson sich vor dem Senat für die Schaffung eines geeinten, unabhängigen und selbstständigen Polens ausgesprochen.
Am 9.11.1918 wurde im besiegten Deutschland die Republik ausgerufen. Nach dem Waffenstillstand (vom 11.11.) wurde Pilsudski als Staatsoberhaupt Polens vereidigt.
Das neue Polen besaß kein exakt umrissenes Gebiet. Anfangs bestand es aus der deutschen und der österreichischen Besatzungszone, deren Mittelpunkte Warschau, Lublin und Westgalizien und einen Monat später Wielkopolska waren. Infolge der Pariser Konferenz erhielt Polen den polnischen Korridor, einen Streifen Land mitten durch Königspreußen und damit einen Zugang zur Ostsee. Mit diesem Beschluß war Ostpreußen vom restlichen Deutschland abgeschnitten und Danzig, das überwiegend deutsch bevölkert war, erhielt den früheren Status als Stadtstaat zurück. Die endgültigen Grenzen Polens wurden aber erst im Laufe der drei folgenden Jahre festgelegt.

15.3. Nachkriegszeit 1919 - 1939

Der polnisch-sowjetische Krieg im Jahr 1919-20 beeinflußte am nachdrücklichsten den Verlauf der Landesgrenzen. Polen eroberte einen beträchtlichen Teil der östlichen Gebiete des alten polnisch-litauischen Unionsgebietes, und dieser Erwerb wurde mit dem Vertrag von Riga 1921 bestätigt.
Andere Grenzstreitigkeiten wurden mit Hilfe von Volksentscheiden geregelt, die der neugegründete Völkerbund durchführte. Der wichtigste Volksentscheid wurde um Schlesien durchgeführt. Die Deutschen gewannen so knapp, daß dies eine Aufteilung der Provinz rechtfertigte. Polen erhielt den größten Teil des Ballungsraumes von Katowice, um dem Land eine solide industrielle Grundlage zu verschaffen.
1922 lehnte Pilsudski ab, an den Präsidentschaftswahlen teilzunehmen, da dieses Amt seine Meinung nach mit zu wenig Macht ausgestattet war, um die Instabilität in Polen zu bekämpfen. Der Gewinner der Wahlen, Gabriel Narutowicz, wurde von Nationalisten verfolgt und ermordet. Danach herrschten in Polen mehrere instabile Regierungen. (Wachsende Inflation & Unzufriedenheit in der Schicht von Heeresoffizieren)
Im Mai 1926 initiierte Pilsudski einen Militärputsch, nachdem das Sanacja-Regime seine Arbeit aufnahm und Pilsudski der Oberbefehlshaber bis zu seinem Tod 1935 im Staat war.
Nach Hitlers Annexion Österreichs im Jahr 1937 und Teilen der Tschechoslowakei unterschrieb sein Außenminister Ribbentrop und dessen sowjetischer Kollege Molotow 1939 den berüchtigten Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen der Sowjetunion und dem nationalistischen Deutschland. Eine Geheimklausel sah eine vollständige Teilung Polens entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San vor.
 

16. Der Zweite Weltkrieg

Am 1.September 1939 fiel Hitler in Polen ein, und annektierte die freie Stadt Danzig. Sechzehn Tage später zogen die Sowjets in den Ostteil des Landes ein, dabei beriefen sie sich auf die im Hitler-Stalin-Pakt vereinbarte Teilung. (Die Alliierten, die sich verpflichtet hatten, Polen zu verteidigen, reagierten nicht sofort und in der ersten Oktober Woche kapitulierte Polen.)
Millionen von Zivilisten, darunter fast alle polnischen Juden, wurden in den Konzentrationslagern der Deutschen ermordet, zur gleichen Zeit wurden Gefangene der Sowjets nach Osten in den Gulag verschleppt.
Als die Nationalsozialisten den Pakt von 1939 brachen und im Juni 1941 die Sowjetunion überfielen, mußte der polnische Widerstand, angeführt von der Heimatarmee nicht länger an zwei Fronten Kämpfen, denn daraufhin ging Stalin ein Bündnis mit Sikorski ein.
Nach dem Sieg im Stalingrad einigte sich Stalin auf der Konferenz in Teheran im November 1943 mit Großbritannien und den USA über die künftigen Einflußsphären in Europa. Dabei setzte er durch, daß Polen nach dem Krieg dem sowjetischen Lager zugeschlagen wurde. Ebenso bestand er darauf, daß die Sowjetunion, die 1939 annektierten Gebiete behalten durfte.
Während der Befreiung Polens 1944 setzten die Sowjets eine polnische Regierung ein. Die Möglichkeit, eine echte polnische Herrschaft wiederherzustellen, hing weitgehend vom Warschauer Aufstand gegen die Deutschen ab. So mußte die Heimatarmee, als die Sowjets schon vor Warschau standen, handeln. Während des anschließenden Blutbades blieb die Rote Armee abwartend in ihren Stellungen. Die Aufständischen wurden Anfang Oktober geschlagen und Warschau wurde ganz zerstört.
Der Krieg auf polnischem Boden ging im April durch ein Waffenstillstand zu Ende. Insgesamt starben 25% der Bevölkerung Polens und das gesamte Land wurde verwüstet, die Industrie war lahm gelegt.
Die Verluste im Osten, darunter Lwow und Vilnius, beides Zentren der polnischen Kultur, verursachten in den folgenden zwei Jahren, daß sich Millionen von Menschen von einem Ende des Landes zu anderem aufmachten. Als Ausgleich bekam Polen nach einer Unterbrechung von 700 Jahren Pommern, das industriell wertvolle Schlesien, sowie die Stadt Danzig (später Gdansk benannt) wieder zurück.
Auf Grund des militärischen und politischen Diktats der Besatzungsmacht ergriffen die polnischen Kommunisten die Macht. Zu dieser Zeit war die politische Opposition zersplittert und schwach und um der Verhaftung zu entkommen verließen viele Oppositionelle 1947 das Land wieder. Es wurde die Polnische Arbeiterpartei unter Generalsekretär Wladislaw Gomulka gegründet.
In den Wahlen 1947 wurde der politische und wirtschaftliche Weg für Polen festgelegt. Die Kommunisten und Sozialisten anfangs im Demokratischem Block vereint, verschmolzen gezwungener Maßen zur PZPR = Vereinigte Polnische Arbeiterpartei.
 

17. Das kommunistische Polen in den Jahren 1947 - 1955

Die polnische Geschichte der Jahre zwischen 1947 und 1955 muß man vor dem Hintergrund des beginnenden kalten Krieges betrachten. Nach der Berlin - Blockade 1948, der Gründung der NATO 1949 und der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland betrachtete die Sowjetunion ein stabiles kommunistisches Polen als Grundkomponent der eigenen Verteidigung.
Die Außenpolitik wurde von Moskau bestimmt, so daß Polen auch dem Warschauer Pakt beitrat, in der Innenpolitik blieb den Polen aber noch ein gewisser Handlungsspielraum. Es wurden auch in Ungnade gefallene Politiker nicht hingerichtet, wie im restlichen Osteuropa und gegen die Oppositionellen wurde nicht so brutal vorgegangen, wie in den übrigen osteuropäischen Staaten. 1952 bekräftigt eine neue Verfassung die führende Rolle der PZPR, die Macht lag jetzt beim Politbüro, im Zentralkomitee und in der neugebildeten Wirtschafts- und Verwaltungsbürokratie. Die katholische Kirche blieb in einem gewissen Umfang politisch und kulturell unabhängig.
Die Verstaatlichungen sollten durch den ersten Dreijahresplan und den darauf folgenden Sechsjahresplan beschleunigt werden. Es folgte der Aufbau einer bedeutender Eisen- und Stahlindustrie, einem intensiven Abbau in den schlesischen Bergwerken und die Schaffung einer ungeheuren Schiffbauindustrie an der Ostseeküste. Die Kollektivierung der Landwirtschaft erwies sich jedoch als undurchführbar, das Programm wurde langsam gebremst und zuletzt stillschweigend aufgegeben. Bedeutend war in dieser Zeit, daß zum ersten mal in der Geschichte Polens, eine Industriearbeiterklasse in den Städten geschaffen wurde.
 

18. Die Zuspitzung der wirtschaftlichen Krise in den Jahren 1956 - 1980

Genau wie in Ungarn gab es auch in Polen 1956 die erste große politische Krise. (Die Intellektuellen forderten grundsätzliche Änderungen und die Bevölkerung stand den Exzessen des Stalinismus immer ablehnender gegenüber.)
Im Juni 1956 gingen die Arbeiter in Poznan für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne auf die Straße. Der Protest eskalierte und bei dem Zusammenstoß mit dem Machtapparat kamen 80 Menschen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Das spaltete die Partei, und die Vertreter der harten Linie drängten den Verteidigungsminister General Rokossowski, die Führung zu übernehmen. Schließlich setzte sich Gomulka mit seinen überzeugenden Reformversprechen durch. Dies hatte fast die Invasion der Kräfte der Warschauen Paktes provoziert.
1970 erkannte die BRD die bestehenden Grenzen Polens an. Einige Tage später wurden die Preise für Lebensmittel enorm angehoben und es breiteten sich Proteste ausgehend von der Ostseeküste aus, so daß man von einem nationalem Aufstand sprechen konnte. Es wurde nach freier Presse und freien Gewerkschaften verlangt. Nach der Aussöhnung mit Deutschland öffnete sich für Polen der Zugang zu den westlichen Finanzmärkten, wo sie hohe Kredite aufnahmen.
1978 wurde der Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla zum Papst Johannes Paul II. gewählt. Er wurde für die Polen zum Symbol der kulturellen Identität Polens und des internationalen Einflusses.
 

19. Die ersten Streiks in Polen - Die Jahre 1980 bis zur Gegenwart

Als 1980 erneut die Lebensmittelpreise um 100% stiegen, trat unter der Leitung des Elektrikers Lech Walesa die Gdansker Werft in den Streik, dem sich Intellektuelle und Aktivisten der Opposition anschlossen. Sie verlangten die Abschaffung der Parteiprivilegien, die Freilassung der politischen Gefangenen, Pressefreiheit, Streikrecht, freie Gewerkschaften, offene Diskussion über die Wirtschaftskrise und im Fernsehen übertragenen katholische Messen. Aber wie man 1968 gelernt hatte, betonte die Opposition daß sie: "weder beabsichtigt, die Grundlagen der Sozialistischen Republik in unserem Land, noch seine Stellung in internationalen Beziehungen zu bedrohen".
Nach dem Gdansker Abkommen vom August 1980 treten der freien Gewerkschaft Solidarnosc über 75% der 12,5 Mil. Arbeitnehmer Polens bei.
1981 verschärfte sich die Wirtschaftskrise, da die Solidarnosc aber keinen aktiven Einfluß auf die Wirtschaft besaß, konnte sie diese nur zum Stehen bringen. So wird nach endlosen Streikwellen im Dezember 1981 das Kriegsrecht eingeführt und die Solidarnosc wurde verboten. Erst nach dem zweiten Besuch des Papstes (1983) wurde das Solidarnosc-Verbot aufgehoben. Die Verschuldung des Landes hatte eine astronomische Summe von 39 Mill. US-Dollar erreicht, die gesamte Produktion wurde durch Unruhen behindert und die Löhne sanken.
1988 erkannte Jaruzelski seine politische Niederlage und die Niederlage der Partei und akzeptierte eine Machtteilung. Dieser Machtverzicht wurde nur durch die politische Wende von Politikern wie Gorbatschow im Kreml möglich.
In den Wahlen 1989 erlitten die Kommunisten eine Niederlage und die Solidarnosc gewann jeden Sitz, um den sie sich beworben hatte, es folgte eine von der Solidarnosc gebildete Regierung.
Die PZPR stimmte in Januar 1990 über die eigene Auflösung ab, sie spaltete sich in zwei sozialdemokratische Strömungen.
Die Regierung verkündete ein Sparprogramm, das weitaus strenger war,als alles was das kommunistische Regime vorher je verordnet hatte. Damit konnte zwar die Inflation unter Kontrolle gebracht werden, aber der Lebensstandard ist weiter gefallen und die Arbeitslosigkeit stieg an.


Literaturverzeichnis:



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