4.1. Joachim Blank/Karl-Heinz Jeron: without addresses

Auszug aus der Pressemappe:

Ausgehend von Roland Barthes Text zur Orientierung in der Stadt Tokio bedeutet ein erster Besuch dieser Stadt den Beginn, sie zu schreiben: Tokio hat keine Adressen. Dadurch wird die visuelle Erfahrung und nicht, wie gewohnt, deren Repräsentation zu einem entscheidenden Element der Orientierung. Orientieren heißt sich bewegen. Bewegung läßt Wegesysteme entstehen. Wegesysteme, die uns bei diesem Projekt interessieren, sind ungeplante, zweidimensionale Strukturen, die sich auf einer immateriellen Oberfläche einschreiben. Es gibt keine übergeordnete Wegeführung, die den Besuchern die Richtung vorgibt.

Die Besucher der Website hinterlassen Spuren, die sich zu Pfaden erweitern und Wege erzeugen. Sie schreiben sich ein. Die Gesamtheit der Besuche bildet die Struktur, das Wegesystem. Die sich selbstschreibende Website hat keine Adressen, keinen Index. Der einzelne Besucher erhält keine Kenntnis über den gesamten Aufbau der Website.

Die Startseite aktiviert neben dem ersten Dokument zwei Applikationen. Die erste Applikation öffnet ein einfaches Texteingabefeld in einem eigenen Fenster. Hier erhält der Besucher die Möglichkeit, den Vorgang des Einschreibens zu starten. Er/sie wird aufgefordert: "Sag mir, wer du bist ?".

 

Der eingegebene Text wird als Suchmuster für eine Online- Recherche im Internet benutzt. Aus dem Ergebnis der Recherche wird eine individuelle HTML-Seite erzeugt. Der Besucher hinterläßt eine Spur in "without addresses". Das Abfrageergebnis wird durch verschiedene Layoutvorlagen gestalterisch manipuliert. Dabei wird Text handschriftlich repräsentiert und Bilder werden in Graustufen umgewandelt.

Die zweite Applikation erzeugt eine Karte aus den HTML-Seiten, die durch Punkte repräsentiert werden.

 

Die HTML-Seiten der Besucher sind auf der Karte in einer zeitlichen Abfolge angeordnet. Der Besucher wählt Punkte an, um sich bereits generierte Seiten anzusehen. Diese Bewegung erzeugt Wege beziehungsweise Verbindungen zwischen den Punkten. Dadurch entsteht erst eine Struktur. Sie wird in Echtzeit erweitert und der persönlich gewählte Weg wird visualisiert. Über die Karte bewegt sich der Besucher durch die Website. Die zweidimensionale Karte, bestehend aus Knoten und Verbindungen ist die einzige Instanz zur Orientierung im virtuellen Raum von "without addresses"

Nach Eingabe des eigenen Namens erstellt eine Suchmaschine eine "handschriftliche" Seite aus den Informationen des WWW über die eingegebene Person. Nach einiger Zeit erscheint dannn eine zweite Landkarte (Map), auf der verschiedene Punkte zu sehen sind, die vom Benutzer angeklickt werden können. Danach öffnet sich eine Homepage, die aus den Ergebnissen der Online-Recherche zusammengestellt wurde:

Ein weiteres Beispiel zeigt eine Seite der Stadt Hannoversch Münden

Dabei wird eine Art Authentizität der Handschrift oder des Lebenslaufes erprobt oder suggeriert. In Wirklichkeit aber ist alles ein Produkt intelligenter Agenten oder Suchmaschinen. die "handschriftlichen" Seiten haben mit Authentizität und Handschrift nicht das geringste zu tun. sie spiegeln sie nur vor, aber mit der Frage der Ortlosigkeit, der Desrientierung, des scheinbaren Ortes, der scheinbaren Identität, des Existierens ohne Adresse, aber doch räzise auffindbar: Tokio!

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