Hans Dieter Huber
Die digitalen Obdachlosen. Kunsthistoriker und das Internet.


I

Bei diesem Aufsatz handelt es sich um einen "kritischen Bericht" über die Art und Weise, wie Geisteswissenschaftler in Deutschland mit einem neuen, leistungsfähigen Medium umgehen bzw. wie sie es ignorieren. So vertrat der Heidelberger Historiker Eike Wollgast, einer der Lehrstuhlinhaber des Historischen Institutes, die Ansicht, daß Diskussionslisten im Internet für die "weniger Fleißigen und Begabten" seien. Dabei gehe viel Zeit verloren. "Ich bin Einzelgänger und Individualist beim Arbeiten", so Wollgast. (Zitiert nach Annette Vorpahl: Unendliche Geschichte. Im Internet unterhalten Historiker zahllose 'discussion lists'/Deutsche Kollegen tun sich schwer : in : Süddeutsche Zeitung vom 8.5.1995, S.44) Für Einzelgänger ist das Medium sicherlich nicht geeignet. Denn es ist ein intensives Kommunikationsmedium und wer nicht gerne kommuniziert, wird damit in ähnliche Probleme geraten wie mit dem Telefon. Die Erfahrungen erinnern stark an die Abneigung vieler Kunsthistoriker, sich mit der Kunst des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Heute dagegen gilt es unter jüngeren Kollegen als chic, ein zeitgenössisches Thema als Garnierung des kunsthistorischen Repertoires anbieten zu können. Das wird mit dem Internet in ein paar Jahren nicht anders sein.

Mit der Entwickung des World Wide Web, einer neuen Benutzeroberfläche des Internet, in die zum ersten Mal farbige Standbilder, Videosequenzen und Audiomaterial integriert werden konnten, wurden die bis dahin ausschließlich textorientierten und sinnesfeindlichen Internetoberflächen wie Bitnet, Telnet und Gopher zu einer sinnlich ansprechenden, multimedialen Oberfläche entwickelt. Im Internet vollzog sich ein allgemeiner Wandel von einer schriftbasierten "Sprachkultur" zu einer visuellen "Bildsprache". Das WWW baute dabei auf das von Bill Atkinson Anfang der achtziger Jahre für Apple Macintosh entwickelte Hypercard-Prinzip auf, das die netzwerkartige Verbindung einzelner "Karten" eines "Stapels" mittels beliebig vieler aktiver und einfach zu programmierender Schaltflächen erlaubte, die man mit der Maus anklicken konnte. Damit war zum erstenmal in der Geschichte des Computers eine assoziativ handhabbare, nicht hierarchisch strukturierte Verknüpfung zwischen einzelnen Ereignissen ("Karten") möglich, die vom Benutzer selbst zusammengestellt, sortiert, programmiert und durch "clicking and mousing" gesteuert werden konnte.

Ich habe selbst 1988 im Zusammenhang mit den Forschungsarbeiten zu meiner Habilitation ein Hypercard-Datenbanksystem in diesem System angelegt, das biographische Angaben zu historischen Personen der Renaissance, Daten zu Bildern und deren Standorten sowie Sekundärliteratur sammelte und miteinander verknüpfte. (Siehe hierzu Hans Dieter Huber: Erkenntnis und Wirkung von Bildern; in: Apple Computer in Forschung und Lehre, München: Apple Computer GmbH 1989, S.87-88)

Von Anfang an konnten Bilder, Töne, Texte, Mal- und Zeichennotizen in eine einzige Software- Oberfläche integriert werden. Die Entwicklung von HTML basiert auf dem seit 1986 existierenden ISO-Standard SGML, d.h. ist eine mögliche Anwendung dieses Standards. HTML ist völlig unabhängig von der grafischen Benutzeroberfläche und macht daher die einzelnen Web-Pages unabhängig von der Hardware-Plattform. Man könnte daher vielleicht sagen, dass Hypercard und SGML zwei Grundideen waren, die in ihrer Kombination zu den verschiedenen Web-Browsern geführt haben. Die Idee der Entwicklung der Hypertext Markup Language (HTML) stammte von Tim Berners-Lee, dem heutigen Direktor des W3-Con-




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sortiums, damals am Europäischen Forschungszentrum für Teilchenphysik (CERN), der dieses Konzept im März 1989 mit der Absicht vorlegte, es als neue, komplexere Form des Informationsaustausches innerhalb des CERN zu verwenden. Einige Monate später begann das National Center for Supercomputing Applications (NSCA) mit der Softwareentwicklung zum World Wide Web. Ihr Produkt war die Software Mosaic. In der ersten Hälfte des Jahres 1993 wurde die erste Version dieser Benutzeroberfläche den Internet-Benutzern zugänglich gemacht. Eine weitere, verbesserte Softwareoberfläche, die heute allgemein im WWW benutzt wird, wurde dann durch Netscape den Internetbenutzern zur Verfügung gestellt. Die gelungenen Kombinationsmöglichkeiten von Text, Ton, Bild, Layout und Zeitabläufen trugen rasch zur explosionsartigen Verbreitung von World Wide Web-Seiten bei.

Die Bedienung ist denkbar einfach. Durch Anklicken aktiver Schaltflächen können Bilder geladen werden, Verbindungen zu anderen Seiten oder Anbietern im Internet hergestellt werden, Software kostenlos per Datenfernübertragung auf den heimischen Bildschirm übertragen werden, der Bildschirminhalt ausgedruckt oder e-mail versandt werden. Es spielt keine Rolle mehr, ob diese Software in USA, Großbritannien, Canada oder in Europa lokalisiert ist. Mit der Benutzeroberfläche Netscape wurde ferner das Senden und Empfangen von e-mail (elektronische Post) möglich, die Teilnahme an elektronischen Diskussionsforen (sog. discussion lists) und an sog. newsgroups. Die neueste Beta-Version von Netscape 2.0 bietet vor allem eine verstärkte Zusammenarbeit mit Hilfsapplikationen sowie durch den Einbau der Progammiersprache Java neue Anwendungsmöglichkeiten der elektronischen Live-on-line-Gestaltung von Bildern, Texten, Tönen und multimedialen Ereignissen. Sie wird sicherlich zu einem, zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht übersehbaren Innovationsschub des WWW führen.

Das Internet ist aber kein einheitliches, homogenes Netz, sondern es besteht aus vielen verschiedenen Einzelnetzen wie Fidonet, Bitnet, Telnet, Gopher oder World Wide Web. Peter Klau: Das Internet .Weltweit vernetzt. Eine praxisnahe Einführung in das größte Computernetzwerk der Welt, Vaterstetten b. München: IWT Verlag 1994, führt auf S.306 36 internationale Netze auf, wobei eWorld und T-Online fehlen. Von besonderer Bedeutung sind daher die Übergänge zwischen den einzelnen Netzen, die sog. Gateways. Sie ermöglichen den problemlosen Übergang eines Benutzers von einem System ins andere. Interessant ist dabei, daß die ganzen Probleme der Systemkompatibilität im Internet keine große Rolle mehr spielen. Es ist im Prinzip völlig gleichgültig, ob der benutzte Rechner ein MS-DOS PC, ein IBM, ein Mac, ein Amiga, eine Sun Workstation oder ein Unix-Rechner ist. Ferner kann heute jeder PC-Besitzer mittels Modem und Telefonleitung mit bis zu 57600 baud/sec am Internet teilnehmen. Man braucht also sein geheiztes Arbeitszimmer nicht mehr zu verlassen, kann coole Musik beim Netsurfen hören und ein paar gute Getränke neben sich stehen haben.


II


Das Internet wäre also ein ideales Arbeitsinstrument für Kunstwissenschaftler, wenn sie sowieso beim Forschen den ganzen Tag und die halbe Nacht am Schreibtisch verbringen. Leider wird diese Möglichkeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt von Kunsthistorikern so gut wie überhaupt nicht genutzt. Ich möchte gerne dieGegenprobe machen. Wer als Kunsthistoriker regelmäßig oder gelegentlich das Internet für seine kunsthistorische Arbeit nutzt, möchte mir bitte eine e-mail senden. Wen man auch fragt, kaum jemand nutzt dieses neue Medium zur Recherche, zur wissenschaftlichen Forschung oder zur öffentlichen Selbstdarstellung. Für alle drei Dinge ist das Internet hervorra-




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gend geeignet. Während also selbst die Generation der kunsthistorischen Nachwuchswissenschaftler sich als digitale Analphabeten entpuppen, trifft man in der Generation der KIDS, also der 20-22-jährigen KunstgeschichtsstudentInnen auf erstaunliche Karrieren und Fähigkeiten. So haben manche 21-jährige perfekt gestaltete home pages auf dem Netz liegen, über deren Qualität nur jeder halbwegs diplomierte Informatiker staunen kann. (z.B. die homepagevon Peter W. Franke in Saarbrücken. Von Seiten des Lehrpersonals an den Universitäten muß dieser Ausgrenzung unbedingt gegengesteuert werden und diese außergewöhnlichen Fähigkeiten des kunsthistorischen Nachwuchses in der kunsthistorischen Ausbildungssituation thematisiert werden.


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Der Gegenstand dieses Aufsatzes besteht also darin, in einem traditionellen Printmedium auf den gegenwärtigen Stand der Dinge in Sachen Kunstgeschichte und Internet hinzuweisen, also eine erste vorläufige und (natürlich unvollständige) Sichtung der vorhandenen Möglichkeiten vorzunehmen. Die zweite Funktion dieses Aufsatzes liegt darin, auf das neue Medium aufmerksam zu machen und zur verstärkten Auseinandersetzung anzuregen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es einige Einzelgänger, die unbedingt Kontakt miteinander aufnehmen und zusammenarbeiten sollten. Für diese Zwecke wurde eine weltweit zugängliche, kunsthistorische Diskussionsliste in Heidelberg eingerichtet, die sich speziell mit Fragen und Entwicklungsmöglichkeiten kunstwissenschaftlicher Forschung im Internet auseinandersetzen soll. Die Diskussionsliste Art History and the Internet, kurz AHANET genannt, liegt in Heidelberg. Sie kann durch Senden einer e-mail an die Adresse LISTSERV@URZINFO.URZ.UNI-HEIDELBERG.DE kostenlos abbonniert werden. Dazu muß im Textfeld der e-mail lediglich der Befehl SUBSCRIBE AHANET eingegeben werden.

Bevor nun der gegenwärtige Zustand des Mediums in Sachen Kunstwissenschaft beschrieben werden kann, muß man erstens darauf hinweisen, daß das Netz dezentralisiert organisiert ist bzw. sich weitestgehend selbst organisiert. So muß man die wichtigsten oder interessantesten Verbindungen (sog. links) entweder selbst recherchieren oder sich von ein paar guten Freunden mit den besten Adressen versorgen lassen. Bereits an diesem Beispiel erkennt man sofort, wie wichtig eine intensive kommunikative Zusammenarbeit und Kooperation ist. Denn es gibt keine Adreß-oder Telefonbücher, so etwas wie die Gelben Seiten der Kunstgeschichte, keine Auskunft, wo man etwas fragen könnte. Immerhin weist die von Christine Maxwell und Czeslaw Jan Grycz herausgegebene neueste Ausgabe der Internet Yellow Pages. Das Adreßbuch für jeden Datenreisenden, Haar b. München 1995, S. 340f. unter der rubrik "Kunstgeschichte" immerhin glatte zwei Einträge (!!) auf. Diesem Zustand mußte daher unbedingt Abhilfe geschaffen werden durch die Einrichtung einer Virtual Library des Kunsthistorischen Instituts in Heidelberg, welche die wichtigsten, auf elektronische Weise zugänglichen Kunsthistorischen Institute, Fachbibliotheken, Datenbanken, Diskussionslisten, Newsgroups, EJournals, Projekte, usw. enthält und für den Fachbenutzer bereithält. Viele der dort zusammengetragenen Adressen und links wurden von Hans Dieter Huber, von Christine Hauschel, Heidelberg im Rahmen ihrer Magisterarbeit und von Thorsten Scheerer, Berlin zusammengetragen.

Die Recherchen dieses Aufsatzes sind daher in die Bereiche Kunsthistorische Institute, Online-Bibliotheken, WWW-Server zu kunsthistorischen Verbindungen, Diskussionslisten und News Groups untergliedert. Recherchen zum Thema Museen im Netz, einzelnen Künstlern und feministischer Kunstwissenschaft im Netz sollen Gegenstand eines späteren Aufsatzes bilden.




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Wenn man die Kunsthistorischen Institute in Deutschland auf ihre Medienpräsenz im Internet überprüft, dann eröffnet sich hier ein ganz trauriges Kapitel der gegenwärtigen Kunstgeschichte. Während mittlerweile jede Universität Deutschlands einen mehr oder weniger gut aufgebauten WWW- oder Gopher-Server betreibt, in dem man meistens nach Fakultäten und Instituten untergliederte Seiten findet, ist die Kunstgeschichte in weiten Bereichen des Internet völlig inexistent. Von etwa 60 Kunsthistorischen Instituten haben nur ganze 8 Institute eine Seite im Internet. Diese ist dann auch noch in den meisten Fällen kein besonderer visueller Genuß. Sie enthalten oftmals nur fragmentarische und veraltete Informationen und laden nicht gerade ein, dieses Medium intensiver zu benutzen. Die meisten Seiten wirken langweilig und bürokratisch. Der derzeit wohl interessanteste WWW-Server ist der desKunsthistorischen Institutes Heidelberg , der neben Kurzbiographien des Lehrpersonals ein aktualisiertes Vorlesungsverzeichnis, ein Verzeichnis der Publikationen, der Forschungsschwerpunkte sowie deutsche und englische abstracts der an diesem Institut geschriebenen Magister- und Doktorarbeiten enthält. Das Besondere ist darüber hinaus seine Sammlung von Verbindungen zu anderen kunsthistorisch relevanten sites, die sich in die Rubriken What´s New?, Kunsthistorische Institute; Online-Bibliotheken; Literatursuche im Internet, Konferen-




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zen, Symposien, Museen, Diskussionslisten, Newsgroups, EJournals, KünstlerInnen und links zur Feministischen Kunstwissenschaft untergliedert.

Die besten Web-Seiten Kunsthistorischer Institute dürften daher die Server der Kunsthistorischen Institute von Heidelberg, der noch im Aufbau befindliche Server des Kunsthistorischen Instituts Stuttgart, des Lehrstuhls für Kunstgeschichte der TU München und des Instituts für Kunstgeschichte Innsbruck sein. Im Aufbau befindlich sind zur Zeit der Server der Kunsthistorischen Institute Hamburg, Kiel und Stuttgart.


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Eine weitere, wichtige und völlig neue interaktive Kommunikationsmöglichkeit bieten die sog. Diskussionslisten an. Insgesamt gesehen gibt es auf dem Internet gegenwärtig etwa 4500 Diskussionslisten, deren Mitgliederzahl je nach der Spezialität des Themas zwischen 40 und 1000 Mitgliedern schwankt. Um eine vollständige Übersicht über die gegenwärtigen Diskussionslisten zu erhalten, kann man eine e-mail an LISTSERV@BITNIC.CREN.NET mit dem Befehl LIST GLOBAL im Textfeld senden. Man erhält dann ein umfangreiches Paket aller diesem Listserver bekannten Diskussionslisten.

Es gibt hier auch einige für Kunstgeschichte und verwandte Bereiche interessante Diskussionslisten. Dabei handelt es sich um Diskussionsgruppen, die von einem automatischen Softwareprogramm namens Listserv betrieben werden. Man kann per e-mail Beiträge oder Fragen an die Diskussionsliste einsenden, die dann vom Listserver kopiert wird und an alle Mitglieder weiterversandt wird. Man muß allerdings vorher Mitglied in dieser Diskussionsliste werden. Dies geschieht dadurch, daß man im Textfeld einer e-mail den Befehl "SUBSCRIBE <Kürzel der Diskussionsliste>" an den entsprechenden Listserver sendet. Daraufhin erhält man eine Bestätigung, daß man Mitglied der Diskussionsliste geworden ist und von nun an alle Diskussionsbeiträge per e-mail zugesandt bekommt. Man kann verschiedene Befehle an den Listserver schicken und damit die Diskussionsbeiträge steuern. Außerdem kann man eine Mitgliederliste anfordern und den Listserver für verschiedene Suchfunktionen in Anspruch nehmen. Zur Zeit gibt es eine ganze Anzahl solcher Diskussionslisten, die für Kunsthistoriker unter Umständen interessant sein könnten. Sie werden im Anhang mit einem Kurzkommentar aufgeführt.


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An verschiedenen Orten im World Wide Web existieren einige Seiten, die eine Zusammenfassung der wichtigsten bekannten kunsthistorischen Verbindungen und Seiten darstellen. Es handelt sich einmal um den WWW-Server des Kunsthistorischen Instituts in Heidelberg, um dasArt History Research Center von Leif Harmsen, den von Kirk Martinez betriebenen ServerThe World-Wide Web Virtual Library: Art History am Birkbeck College in London, sowie um die Virtual Library des Rechenzentrums Karlsruhe. Mit Hilfe ihrer links und Listen ist eine erste effiziente, schnelle und relativ zuverlässige Orientierung des kunsthistorischen Forschers über die Instrumente und Mittel möglich, die ihm im Internet zur Verfügung stehen.




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Ein besonders interessantes und bequemes Instrument dieses Mediums ist die sog. On-line-Recherche in großen kunsthistorischen Fachbibliotheken. Gerade hier existiert noch ein großer Nachholbedarf sowohl auf seiten der Bibliotheken wie auf seiten der Benutzer. Die weltweite Aktivität von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in Diskussionslisten und EJournals ist ein sicheres Indiz dafür, daß diese einmalige Chance offenbar bereits richtig verstanden worden ist. Ein Verzeichnis der deutschen Bibliotheken, deren Bestände on-line recherchierbar sind, liegt an derUniversität Hannover. Eine weltweite Übersicht über On-line-Bibliotheken enthält der exzellente Gopher-Server der Yale University, der auch ein Unterverzeichnis für Europa enthält. Diese beiden Server stellen bequeme Auflistungen und Adressen zur Verfügung, die eine erste Recherche hinsichtlich der Frage, welche Bibliotheken überhaupt am Netz sind, ermöglichen.

Das Hauptproblem mit Online-Recherchen in fremden Bibliotheken liegt in der Zugangsweise zu den lokalen Rechensystemen und der unterschiedlichen Datenübertragungsgeschwindigkeit, sprich die Langamkeit der Software, die oftmals hoffnungslos veraltet ist. Die meisten On-line-Bibliotheken können aus dem WWW mit einem textorientierten Hilfsprogramm namens telnet oder gopher aufgerufen werden. Dort muß man als On-line-Besucher einen bestimmten login-Befehl ausführen, der manchmal auf dem Begrüßungsbildschirm genannt wird oder in einschlägigen Verzeichnissen wie den Internet Yellow Pages oder dem Gopher-Server der Yale University zu erfahren ist.

Ein sehr komfortables Suchprogramm besitzt der Südwestdeutsche Bibliotheksverbund mit Sitz in Konstanz. Hier kann auf bequeme Weise Literatur unter verschiedenen Stichworten und Stichwortverknüpfungen gesucht werden. Der Verbund enthält 9.196.039 Bestandsnachweise von 986 Bibliotheken und wird etwa von 10.000 Besuchern täglich zur Literaturrecherche genutzt. (Quelle: Das Profil der SWB-Datenbank Das Profil der SWB-Datenbank Stand 1.1.1995) Von Interesse ist weiterhin der Bayrische Bibliotheksverbund mit dem Katalog der Bayrischen Staatsbibliothek München, der allerdings ein sehr umständliches Recherchesystem besitzt. So ist zwar die Universitätsbibliothek Heidelberg mit dem Samm-




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lungsschwerpunkt fremdsprachiger Kunstliteratur durchaus weltweit über das Internet zu erreichen, die Bedienung der Kommandos setzt jedoch ein wenig Übung voraus. Ferner sind die Schlagwortklassifikation und die Stichwortsuche nicht gerade berauschend. Für einen ersten Fischzug durch die kunsthistorischen Monographien reicht es aber aus.

Von Interesse für Mediävisten könnte auch der Server der Bibliothèque Nationale de France sein, der 1000 Abbildungen von Minaturen der Buchmalerei aus der Zeit König Charles V. (1338- 1380) enthält, darunter sämtliche Abbildungen und Texte des Stundenbuch des Duc de Berry. Ferner enthält der Server die Database BN-OPALE, in der 2 Millionen Titel verzeichnet (alle seit 1970 erworbenen Titel) sind sowie mehr als 10 Millionen Stichwörter besitzt.24 Hier sind auch links zu den beiden hervorragenden Datenbanken Joconde und Mérimée des Service public d'information sur le patrimoine culturel zu finden. In < A href = " http://gauguin.culture.fr:8099/cgi-bin/requete ">Joconde hat man Zugang zu über 130.000 Gemälden aus 7 Jahrhunderten im Besitz französischer Museen, die ausführliche Datenblätter zu den verzeichneten Gemälden enthalten. (Abb.) ImMérimée können 120.000 Einträge zu französischen Bauwerken vom 4. Jahrhundert bis 1950 recherchiert werden.

Das Getty Center in Malibu bietet vier verschiedene Online-Datenbanken zur Literaturrecherche an, den Avery Index to Architectural Periodicals, eine umfassende Auflistung von Zeitschriftenaufsätzen zur Architekturgestaltung, Geschichte und Praxis der Architektur, Landschaftsarchitektur, Denkmalpflege, Innenraumgestaltung und Stadtplanung, der etwa 133.000 Einträge aus dem Zeitraum von 1977-1992 enthält. DasInternational Repertory of the Literature of Art (RILA) ist für die Jahrgänge 1975-1989 online recherchierbar. Es enthält weltweite Literatur von der Spätantike bis heute und umfaßt etwa 135.000 Einträge. Leider sind die Resultate der Literaturrecherche auf maximal 200 Titel begrenzt, so daß man nie ganz sicher sein kann, ob man wirklich einen vollständigen Überblick erhalten hat. Man kann die Suchbegriffe aber manchmal so kombinieren, daß man in mehreren Suchabfragen die gesamte erfasste Literatur ausdrucken kann. Die Provenance Index Databases des Getty Servers enthalten Informationen über britische Auktionskataloge und deren Inhalt aus den Jahren 1801-1825. Er ist ein gemeinsames Projekt zwischen der National Gallery in Washington, D.C.; dem Mellon Centre in London and der Frick Art Reference Library in New York. Er teilt sich in einen Index Sale Catalogues und Sale Contents. Der Sale Catalogue Index listet eine allgemeine Beschreibung von 2812 Kunstverkäufen in Großbritannien auf sowie eine Liste, wo Exemplare der Autionskataloge verfügbar sind. In den Sale Contents ist das Augenmerk auf die Gemälde gerichtet, die in den Auktionen verkauft wurden. Der Index kann nach Künstler, Titel des Bildes, Kaufer, Verkäufer, Preis usw. durchsucht werden und enthält 173 637 Einträge. Es entstehen bei einer Benutzung über Internet keinerlei Kosten für die Recherche.


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Der erste Durchgang durch das neue Medium zeigt, daß als erstes eine sorgfältige Erfassung der auf dem Internet vorhandenen Ressourcen und Dienste nötig ist. Dies ist bereits in die Wege geleitet worden durch die Errichtung der Home Page des




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Kunsthistorischen Institutes Heidelberg, die als erster Zugang zum Internet, als elektronisches Gelenk der Kunsthistoriker fungieren soll. Des weiteren wurden gezielte Untersuchungen in Auftrag gegeben, die sich gesondert mit bestimmten Fragestellungen elektronischer Recherchen, Nutzungsmöglichkeiten und Dienstleistungen im Netz befassen.So sind bereits einige Studentinnen und Studenten des Kunsthistorischen Institutes Heidelberg im Begriff, ihre Magisterarbeiten über Teilbereiche des Internets zu schreiben. Christine Hauschel ist im Begriff, eine Magisterarbeit über Kunstgeschichte im Internet zu schreiben, Kerstin Albers wird eine Arbeit über das Virtuelle Museum auf CD-ROM erarbeiten und Bernhard Kuhn eine Sichtung zu On-line Recherche-Möglichkeiten speziell für Kunsthistoriker untersuchen. Auf diese Weise soll relativ schnell eine erste flächendeckende Aufarbeitung der Bedingungen und Möglichkeiten des neuen Mediums durch eine Arbeitsgruppe Heidelberger Kunsthistoriker ermöglicht werden.

Desweiteren wird bei einer näheren Beschäftigung sehr schnell erkennbar, daß es sich beim Internet um ein sich rasant entwickelndes und äußerst dynamisches Medium handelt. Aus diesen Gründen genügt es nicht, eine erste oder zweite Sichtung des Bestandes vorzunehmen. Vielmehr legt die Eigendynamik des Mediums eine neue Arbeitsweise nahe. Zunächst einmal ist eine permanente Beobachtung, Recherche und Gestaltung des Mediums nötig. Um nur ein Beispiel zu nennen, der Server am Birkbeck College in London verzeichnet bis zu 8000 (!) Besucher im Monat. Die Library of Congress in Washington verzeichnet bis zu 5000 elektronische Besucher pro Tag, die überdies nach Nationalitäten und Datentransfermengen aufgeschlüsselt werden können. Nach der Besuchshäufigkeit sind die Besucher aus Deutschland weit abgeschlagen und liegen knapp vor der Dritten Welt. Die Statistiken über die elektronische Nutzung der Library of Congress sprechen eine deutliche Sprache. Es muß daher, wenn man mit dem Internet arbeitet, unbedingt im Team gearbeitet werden, da die anstehende Arbeit die Fähigkeiten eines einzelnen bei Weitem übersteigt. Ferner entsteht zum erstenmal in der Geschichte der Kunstgeschichte die faszinierende Möglichkeit, daß Kunsthistoriker nicht nur historische Entwicklungen, die bereits abgeschlossen sind, rekonstruieren und nacherzählen,




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sondern aktiv als Gestalter, Layouter und Designer in den Prozeß der Konstruktion von Geschichte eingreifen können.

Das Heim für die digitalen Obdachlosen muß also erst noch gebaut werden. Aber an vielen Orten wurde bereits unabhängig voneinander damit begonnen, die elektronische Kommunikation der Kunstwissenschaft zu gestalten. Es bleibt in der nahen Zukunft allerdings abzuwarten, inwieweit die Bemühungen der amerikanischen Regierung um eine Zensur des Internets und eine Kommerzialisierung der Leitungen von Erfolg gekrönt werden. Jedenfalls wehrt sich die Internet-Gemeinschaft bisher aufs heftigste gegen dieses Vormachtsstreben. Es ist schwer vorstellbar, wie dieser dezentralisierten, internationalen und anarchistischen Struktur des Netzes ein nationaler, hierarchischer Wasserkopf aufgepropft werden könnte. Aber die Zeit wird es zeigen.




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