Dieter Daniels :: Kunst als Sendung
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Caroline Pross

Im Äther

Dieter Daniels sucht die Kunst in den Medien

Es gibt ein Gedicht von Guillaume Apollinaire aus dem Jahr 1914, »Lettre Ocean«. Sieht man lange genug hin, so schält sich aus den über die Seite verstreuten Buchstaben der Umriss eines Funkturms heraus. Sieht man noch länger hin, so ordnen sich die Buchstaben zu Linien, die Radiowellen gleichen. Solche Schnittstellen zwischen elektronischen Medien und den Künsten behandelt Dieter Daniels Studie über »Kunst als Sendung«. Das Interesse gilt vor allem den Pionieren der elektronischen Kommunikation im 19. und frühen 20. Jahrhundert und den Berührungen zwischen neuen Medien und alter Kunst.

Geleitet ist das Buch von der Frage nach Konkurrenz und Kooperation. Bis zu den Avantgarden der zwanziger Jahre sieht Daniels die Künste mit der Nase vorn. Anhand von Figuren wie Samuel Morse oder Nikola Tesla, die sich als Techniker und als Künstler verstanden, entwickelt er seine These von der Vorreiterrolle der Kunst in der technischen Moderne. Avantgardisten wie Apollinaire oder Robert Delaunay können schon nicht mehr zu den Visionären und Erfindern neuer Techniken gerechnet werden. Immerhin inszenieren ihre Werke die durch Funk und Telegraphie veränderten Kommunikations- und Wahrnehmungsverhältnisse.

Mit der Digitalisierung und der industriellen Nutzung der elektronischen Medien sieht Daniels die Künste ins Hintertreffen geraten. Allenfalls die zeitgenössische »Medienkunst« gilt ihm noch als Reservat, in dem ein reflexives Verhältnis zur »banalen Wirklichkeit der Massenmedien« erprobt wird. In der harschen Ablehnung der elektronischen Alltagskultur der Gegenwart gibt die zunächst als Geschichte von Telegraphie, Rundfunk und Internet angelegte Studie sich als neue Variation auf das alte Thema von »Ende der Kunst« zu erkennen.

Es ist Daniels auch um eine kulturelle Mission der Kunst zu tun. So werden die elektronischen Medien als »Substitution für Kunst« eingestuft, Substitute, die ihrer »Sendung«, neue Wahrnehmungs- und Denkweisen auszuloten, dann aber kaum nachkommen. Folge sei der »Untergang der ästhetischen und utopischen Motive in der industriellen Eigendynamik der Massenmedien«. Ob die These vom »Ende der Kunst« in der technischen Moderne als Erklärungsmodell für das Verhältnis von Kunst und Medien noch aktuell ist, sei dahingestellt. Ähnliches gilt für die Frage, ob man die Entdeckung der Eigenwertigkeit der künstlerischen Materialitäten, erst mit den »technischen Medien« im 19. Jahrhundert beginnen lassen will.

Das Internet vielleicht ausgenommen, ist die Geschichte der elektronischen Übertragungsmedien weniger gut dokumentiert als die von Schrift, Druck oder Photographie. Schließen kann diese Lücke auch das vorliegende Buch nicht. Wohl aber gibt es einen materialreichen und informativen Einstieg in ein mediengeschichtlich weniger bekanntes Gebiet.

aus: Süddeutsche Zeitung vom 7./8./9. Juni 2003

 

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