20.11.00: Schrift & Gesellschaft
Literatur
Jack Goody
The Logic of Writing and the Organization of Society, Cambridge
Uni-Press, 1986
Ethnologie, Soziologie, Geschichte haben alle ihre eigenen Fragen und Methoden und untersuchen (wenige) einzelne Gesellschaften (wie die 'seriösen' vergleichenden Sprachwissenschaften). Goody: Wer nach den Verschiebungen beim Übergang von einer Gesellschaft ohne Schrift zu einer mit Schrift fragt -- "ein lächerlich breites Thema" (S. xi) --, darf sich nicht auf eine Gesellschaft, eine Disziplin und Methode beschränken => Vergleichende Sozialforschung.
G. 'beschränkt' sich auf den Nahen Osten, wo die Schrift entstand, und auf West-Afrika, wo sich die Schrift in den letzten 50 Jahren verbreitete. Unterstellungen über orale und literale, einfache und fortgeschrittene, kalte und heiße Gesellschaften in Frage stellen.
Implikationen von Veränderungen in den Mitteln und Weisen der Kommunikation -- weniger fokussiert auf Produktions- und Destruktionsmittel und -Weisen (in "Domestication of the Savage Mind" und in "Logic of Writing").
Stellt Vorstellungen über die Einzigartigkeit des Westens bei der Entstehung der 'modernen' Welt infrage, sieht die Voraussetzungen dafür weiter gestreut als bislang angenommen.
1. In "Domestication of the Savage Mind" (ironisch gemeint) untersucht er die Folgen der grafischen Repräsentation von Sprache für kognitive Prozesse, besonders in formalen Kontexten: der Liste, der Tabelle (gepaarte Listen mit Zeilen und Spalten) und der Matrize (eine komplexere Tabelle) und der Entwicklung von präziseren Vorstellungen von Widerspruch, Logik, incl. Syllogismen und anderen Formen von Argument und Beweis.
2. Die Schnittstelle zwischen Oralem und Schriftlichem, nicht nur für Kulturen, sondern auch für Register und andere Operationen innerhalb von Schriftkulturen.
3. Die Langzeiteffekte von Schrift auf die Organisation von Gesellschaft,
z.B. in bezug auf die Partikularismus-Unversalismus-Dichotomie (Max Weber,
Talcott Parsons).
Drei Methoden (alle mit Vor- und Nachteilen):
1. "beiläufige Implikationen", anthropologisch: synchron, die verschiedenen Stränge in einem bestimmten soziokulturellen Setting. Kausale Netze: alles hängt mit allem zusammen.
2. "Kategorien", historisch-archäologisch: diachron, Situationen durch die Zeit verfolgen, chronologische Abfolgen, Übergänge, wie der von Sammlern zu Bauern, die sich unter verschiedenen Bedingungen wiederholen. Struktural: abstrakte Homologien.
3. "Evidenzen", einen Strang oder einen Gegenstand durch die Zeit verfolgen, z.B. Eisenstein zur Drucktechnik, White zum Pflug, Turkle zum Computer. Gefahr: Monokausalität.
"There is also agreement that the general causal impact of literate knowledge is not unidirectional from technology to activity. Activities provide greater and lesser opportunities for particular literate technologies to be effective. As recorded by Goody (1977), or Schmandt-Besserat (1978), the interplay of socio-economic and literate/technological forces represent a classical case of dialectical interacting systems that are always incipiently in a process of change." (Cole & Keyssar, nach Goody 1986: xv f.)
Überlappende Themen: "Das Wort Gottes", "das Wort Mammons",
"der Staat, das Büro und die Akte", "die Buchstaben des Gesetzes".
Fixierung von Grenzen des Glauben, Gesetzes usw.
Autonomisierung er einzelnen Bereiche, Religion nicht länger als
ein teilweise differenzierter Aspekt der Interaktionen zwischen Familien,
sondern als eine der 'Großen Organisationen', Autonomie der Kirche.
Das Wort Gottes
Am Anfang war das Wort. Dann wurde es aufgeschrieben. Was verändert
sich, wenn, wie im Judaismus, Islam und Chistentum, das Wort in ein Buch
geschrieben wird? Wie ändern sich religöser Glauben und Praktiken?
Wie hängen Glaubenssysteme mit bestimmten Kommunikationsweisen zusammen?
Wie beruhen Traditionen intellektueller Aktivität auf der frühen
Anwesenheit einer Buchreligion? Wie verändert sich der Pantheon, wie
die Riten? Die Oraganisation der Priesterschaft.
Das Wort Mammons
Ökonomische Austauschprozesse und Organisation der Wirtschaft.
Die 2. Bürokratie neben der Kirche. Markierung von Eigentum (Stempel,
Brandzeichen), Reichensteine -- Token (Schmandt-Besserat).
auch von Jack Goody zu Literalität:
- (ed.) Literacy in Traditional Societies (1968)
- The Domestication of the Savage Mind (1977)
- The Interface beween the Written and the Oral (1987)
-> Flusser, Die Schrift
| Literatur
Eric Havelock, Walter Ong, Herbert Marshall McLuhan, Elizabeth Eisenstein Flusser, Die Schrift Dietmar Kamper, Mein Schreibtisch, das Schneefeld, in DIGITAB Wittgenstein Heidegger Derrida
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