13.11.00: Schrift
Literatur
| Bilderschrift der Maya
bis heute unentziffert.
Blatt 6 des Codex Dresdensis. Faksimileausgabe der Bayr. Staatsbibliothek,
München
Döbler, S, 49 |
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| Petroglyphen aus Usbekistan
lieferten eine archäologische Bestätigung für die linguistisch begründete Behauptung, daß die Indoeuropäer bespannte Wagen besaßen. Fuhrwerke erleichterten die Landwirtschaft und die Wanderungen, die von wachsendem Bedarf an Weide- und Ackerland ausgelöst wurden. 2-3000 vuZ.
Spektrum 1/2000, S. 56 |
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| Von der Bildschrift zu Keilschrift
schematische Darstellung über den möglichen Wandel von stilisierten
Naturabbildern zum Schriftzeichen.
Döbler, S. 29 |
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| Babylonisches Tontafelbuch
mit einer Priesterbestallungsurkunde in Keilschrift.
Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei, Leipzig
Döbler, S. 31 |
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| Ägyptische Hieroglyphen | ![]() |
| Die altägyptischen Schriftzeichen gehen auf eine ältere
Bilderschrift zurück. Es gab 24 Zeichen, die nur die Konsonanten notierten.
Wie im Hebräischen und Arabischen muß der Leser die Vokale aus
dem Kontext heraus ergänzen.
Pfeilerrelief von einem Bau Sesostris' I. (1971 - 1930 vuZ.) aus Karnak.
Döbler, S. 22 |
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| Erfolgloser Entzifferungsversuch von Athanasius Kircher
im 17. Jh. |
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| Silbenschrift
ägyptische Papyrusrolle |
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| Entstehung des Alphabets
Rekonstruktionsversuch. Die tatsächliche Entwicklung ist nicht
bekannt, außer daß unser Buchstabenalphabet über das Griechische
aus dem semitisch-phönizisischen Sprachraum zu kommen scheint.
Döbler, S. 42 |
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| Japanische Pinselhandschrift
in Stein gemeißelt in einem Tempel zu Ehren der Schriftgelehrten
Foto: vgrass |
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| Denkmal zu Ehren des Tuschreibesteins
im selben Tempel in Kyoto
Foto: vgrass |
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Die Einführung der Schrift in Japan
Im Zeitraum von viereinhalb Monaten im christlichen Jahr 712 fand am
japanischen Kaiserhof ein Urakt des Schreibens statt. Hieda no Are, ein
Mann von außergewöhnlichen Gedächtnisfähigkeiten,
diktierte Ô no Yasumaro die Geschichte vom göttlichen Ursprung
des japanischen Volkes. Are gehörte einer Gilde von kataribe oder
Rezitatoren an, deren vererbliche Aufgabe in der Memorierung und Übermittlung
von Mythen, Genealogien und Gesetzen bestand. Kaiser Temmu selbst, unzufrieden
über die Diskrepanzen und Fehler in den bestehenden Chroniken, hatte
Are in den wahren Traditionen unterwiesen und sie ihn wiederholen lassen,
bis er alles ohne Fehl auswendig hersagen konnte. Die Verschriftlichung
des oralen Wissens war wohl bereits von Temmu Tennô geplant, doch
erst seine Nachfolgerin Kaiserin Gemmiô konnte den Auftrag dazu erteilen.
Das Kojiki, die "Aufzeichnungen der Begebenheiten der Altzeit", ist nicht
das erste Schriftstück Japans, doch während ältere Dokumente
Chinesisch als Chinesisch notierten, ist das Kojiki Japans ältester
Versuch, die gesprochene japanische Sprache mit den fremden Zeichen zu
fixieren, das älteste erhaltene Zeugnis für den Übergang
der natürlichen Gedächtniskunst in das neue Gedächtniswerkzeug.
| das Kojiki, die "Aufzeichnungen der Begebenheiten der Altzeit"
aufgeschrieben 712 von Oo no Yasumaro hier in der Transkription des Mönches Kenyu des Shimpukuji in Nagoya,
1371-1372.
Japan. A History in Books, S. 16 |
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Die Zeichen der Han
Die ersten Schriftzeichen in China fanden sich auf Orakelknochen aus
dem 16. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Daraus lassen sich bereits
deutliche Vorstellungen über den Himmel ablesen, der Glaube an eine
wirkungsmächtige Divination, die Verwendung eines recht genauen lunisolaren
Kalenders und die sorgfältige Aufzeichung von Sonnen- und Mondfinsternissen.
Die Schrift als Herrschaftsinstrument spielte in der Folge eine zentrale
Rolle bei der Bildung eines vereinigten Reiches.
| Die ältesten chinesischen Schriftdokumente
Sprünge und Risse auf Rindsknochen oder Schildkrötenpanzern, die entstanden, wenn die Wahrsager sie handhabten oder ins Feuer warfen, wurden gedeutet und zu prophetischen Texten verarbeitet. etwas 1400 vuZ.
Spektrum 1/2000, s. 73 |
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Papier
ist vor Beginn der christlichen Zeitrechnung in China erfunden worden.
Die ältesten Funde stammen aus dem -2. Jahrhundert. Es diente zunächst
noch nicht als Zeichenträger, sondern für die Innenausstattung
und Bekleidung, für Fächer und Schirme, bei Zeremonien und Ritualen,
als Geldwert, für medizinische und sanitäre Zwecke, für
Unterhaltung und Vergnügen. Als Schriftträger wurde Papier wahrscheinlich
nicht vor dem Beginn des 1. Jahrhunderts verwendet und ersetzte auch dann
die herkömmlichen Bambus- und Holzstäbe und teure Seide nur langsam.
Als Rohmaterial dienten u.a. Hanf, Jute, Flax, Bambus, Rattan, Baumwolle,
Sandelholz und vor allem die Papiermaulbeere. Tinte aus Ruß wurde
vermutlich sehr früh in vielen Kulturen verwendet.
| Mokkan
Stäbe aus Zypresse oder Zeder von 10 bis 30 cm Länge. Schreibstäbe aus Bambus heißen Chikukan. Sie konnten mit Fäden zu Büchern zusammengebunden oder an öffentliche Anschlagtafeln gehängt werden. Sie wurden auch für Notizen, für Kalligrafie und zur Beschriftung von Fracht benutzt. In Japan seit dem 7. Jh. in Verwendung. National Museum of Japanese History
Japan. A History in Books, S. 13 |
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| Papierherstellung
Nach seiner Einführung aus Korea im Jahr 610 begann es Holz und
Seide als Schreibmaterialien zu ersetzen.
Japan. A History in Books, S. 18 |
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Während der Han-Dynastie (-206 bis 220), in der sich die Schriftzeichen (Han-zi) im wesentlichen in ihrer Form stabilisierten, verbreitete sich der chinesische Kultureinfluß über die koreanische Halbinsel hinein ins nördliche Kyûshû. Koreanische Einwanderer brachten Naßreisanbau, Metallbearbeitung, Weben und andere Handwerkstechniken nach Japan, die den Wandel zu einer seßhaften, agrarischen Kultur förderten. Mit dem Aufkommen des Eisengebrauchs für Waffen und Werkzeuge konnte Yamato, einer der japanischen Dorfstaaten, seine Machtbasis in Zentraljapan ausweiten und formte in der Mitte des 3. oder des 4. Jahrhunderts den ersten locker vereinheitlichten Staat. Nach einer alternativen Theorie eroberte ein Reitervolk aus Korea Japan und vereinigte es.
Die erste Begegnung mit der chinesischen Schrift wird auf die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts geschätzt, als ein gewisser Wani (der auch im Kojiki selbst erwähnt wird) aus Korea zwei grundlegende chinesische Bücher, die Analekte des Konfuzius und den Tausend- Zeichen Klassiker, nach Japan brachte. Wani wurde zum Lehrer des Yamato-Thronfolgers und zum Urahn einer Gilde von Schriftgelehrten. Die Schreibergilden (fumibe) dienten dem Adel als Präzeptoren und dem Staat in diplomatischen und finanziellen Angelegenheit und als Chronisten. Der erste verbürgte Lehrmeister für Papiermühlen und Tintenherstellung war 610 der koreanische Mönch Damjing (auf Japanisch: Doncho). Spätestens seit dem 7. Jahrhundert kamen auch chinesische Lehrmeister der chinesischen Schrift und Sprache an den Yamato-Hof.
Die T'ang-Dynastie (618-907) schuf eine kulturelle Sphäre,
die sich nach Norden und Osten über die Mandschurei und Korea bis
nach Japan, im Süden bis hinein nach Indo-China und westlich über
Zentralasien erstreckte und den Verkehr mit der indischen und arabischen
Welt aufnahm. Während dieser Zeit suchte Japan sich an dieses kosmopolitischste
aller vormodernen Zeitalter in der chinesischen Geschichte anzupassen.
Innerhalb dieses Denkrahmens muß es als natürlich erschienen
sein, die Gedächtnistechnik der überlegen wirkenden Kultur zu
adaptieren. Die Japaner taten dies ebenso wie die Koreaner vor ihnen und
die Mongolen, die Jurchen (Vorläufer der Mandschu), die Vietnamesen
und andere asiatische Kulturen nach ihnen.
| Von piktografischen zu phonologografischen Zeichen
Spektrum 1/2000, s. 73 |
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Die Schrift als System
Die Schrift traf natürlich nicht als isoliertes Symbolsystem zur
beliebigen Verwendung ein, sondern war Teil einer Schriftpraxis, eines
Systems von ethischen, religiösen, politischen, ästhetischen
Formen, ein mit hohem Prestige versehener vorgängiger Schriftkorpus
dessen, was man in dem Medium sagte und was man nicht sagte. Die koreanischen
Schriftgelehrten brachten buddhistische und konfuzianische Bücher
zusammen mit liturgischen Objekten und Kenntnissen über den Tempelbau.
Um den literarischen Korpus der Fünf Klassiker (darunter das Buch
der Wandlungen (I-ching)) hatte sich der Konfuzianismus bereits während
der Han- Ära als idealer Prototyp von Gelehrtheit und Wissenschaft
(Astrologie, kalendarische Astronomie, Mathematik und Medizin) durchgesetzt.
Auf dem Nachweis seiner Beherrschung beruhte das Prüfungssystem für
politische Ämter. Das chinesische politische Ordnungsystem, gegründet
auf einer starken Zentralregierung mit ihrer hierarchischen Bürokratie,
ihrem Verwaltungscodex und Beamtenprüfungssystem hatte einen prägenden
Einfluß auf Japan und schuf einen Bedarf an einer Vielfalt von Dokumenten,
z.B. Hausstandsregistern. Auch der Buddhismus, der sich in der späten
Han-Periode in China verbreitete, wurde in staatliche Politik eingebunden
und mit der Aufgabe eines Wächters von Frieden und Ordnung betraut.
Die Tempel waren Orte einer regen Schreibtätigkeit. Für das Kopieren
von Sutren wurden hunderttausende Bögen Papier benötigt.
Ferner kamen mit der Schrift die Schreibwerkzeuge, die Pinsel,
Papiere und Tinten, und die Schreibrichtung in Zeilen von oben nach unten
und von rechts nach links. Ebenso wurde die althergebrachte chinesische
Wertschätzung von Kalligraphie und Malerei als höchste der Künste
übernommen und damit der Nachdruck auf die Untrennbarkeit von Schrift
und Bild.
Die Schrift des Kojiki
"To say that something Japanese was ‘originally Chinese' is at once
to state the obvious and to explain nothing." (Polack) Die Adaption chinesischer
Kultur setzte vielmehr eine komplexe Dynamik in Gang. Die Verschriftlichung
des Japanischen mit chinesischen Zeichen forderte eine Transformation,
die im Kojiki erstmals versucht wurde.
Nach einer tausendjährigen Geschichte war das chinesische Zeichensystem zum Zeitpunkt der Übernahme voll entwickelt. Die Mehrheit der Hanzi waren keine Bilder oder Symbole mehr, sondern phonologographische Zeichen, in denen ein Bestandteil die Bedeutung, ein zweiter die Aussprache klassifiziert.
Die Hanzi waren aus einer gesprochenen Sprache hervorgegangen,
die von der japanischen in Sprachtyp, Syntax, Lautsystem und Akzent vollkommen
verschieden ist. So gehört das Japanische zu den agglutinierenden
Sprachen (Flektionsformen werden duch das ‘Ankleben' von Postpositionen
gebildet), hat eine Subjekt-Objekt-Prädikat-Struktur und ein einfaches
Lautsystem, vor allem aus Einzelvokalen und Konsonant-Vokal-Kombinationen,
sowie Akzenten. Chinesisch dagegen ist eine isolierende Sprache (grammatische
Beziehungen werden durch die Position der Wörter im Satz gebildet),
hat eine Subjekt- Prädikat-Objekt-Struktur und ein tonales Lautsystem.
Aus diesen Unterschieden ergeben sich zahlreiche Schwierigkeiten bei der
Verschriftlichung des Japanischen mit chinesischen Zeichen. Die bedeutungstragenden
Tonhöhen des Chinesischen fielen weg, Einzelkonsonanten mußten
durch Einfügung eines Vokals dem japanischen Lautsystem angepaßt,
das Vokalsystem vereinfacht werden usw.
| Standardchinesisch verfügt über 4 Töne: absteigend,
aufsteigend, einfach und zuerst ab-, dann aufsteigend. Rechts von jedem
Wort das Oszillogramm dazu.
Spektrum 1/2000, S. 76 |
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Die ältesten erhaltenen chinesisch geschriebenen japanischen Texte sind eine Lotussutra (615), Schwert- und Steininschriften und ein Hausstandsregister (702). Das Kojikiwurde also nach mindestens einhundert Jahren der Auseinandersetzung mit den Zeichen zu einem Zeitpunkt fortgeschrittener Schriftmeisterung verfasst. Es stellt den Versuch dar, das Wissen und die Sprache der Vorfahren angesichts der neuen Einflüsse vor dem Vergessen zu bewahren. Chinesische Zeichen wurden hier erstmals in einem langen Text benutzt, um gesprochenes Japanisch festzuhalten.
Yasumaro schrieb seine Einleitung zum Kojiki in elegantem Chinesisch, wie Pollack anmerkt, aus dem gleichen Grund, aus dem Dante seinem De Vulgari Eloquentia, einer Verteidigung des Schreibens in umgangssprachlichem Italienisch, eine lateinische Einleitung voranstellte. Wer gegen die herrschende Orthodoxie verstößt, muß zunächst die Beherrschung der Norm nachweisen. In dieser Einleitung erläutert Yasumaro die Probleme des Unterfangens.
" ... in high antiquity both speech and thought were so simple, that it would be difficult to arrange phrases and compose periods in the characters. To relate everything in an ideographic transcription would entail an inadequate expression of the meaning; to write altogether according to the phonetic method would make the story unduly lengthy. For this reason have I sometimes in the same sentence used the phonetic and ideographic systems conjointly, and have sometimes in one matter used the ideographic record exclusively. Moreover where the drift of the words was obscure, I have by comments elucidated their signification."Ares Rede Wort für Wort in die semantischen chinesischen Äquivalente zu übertragen, sofern es diese gab, würde ihre Bedeutung nicht einfangen und war für die grammatischen Bestandteile des Japanischen ohnehin nicht möglich. Das Verfahren einer rein phonetischen Umschrift von Namen, Amtstiteln und anderen Wörtern aus fremden Sprachen war bereits in China üblich. Auch die koreanischen Schreiber am Yamato-Hof versuchten, japanische Wörter phonetisch zu fixieren, und stützten sich dabei auf ähnliche Verfahren für das linguistisch verwandte Koreanisch.
Zur Auflösung der Inkompatibilitäten von japanischer Sprache und chinesischer Schrift wählte Yasumaro ein Mischsystem aus chinesischen Zeichen (auf japanisch: kanji), die der Bedeutungen des japanischen Wortes entsprechen und japanisch gelesen wurden (kun yomi), und aus phonetisch entlehnten Zeichen, die unter Absehung ihrer Bedeutung (dem japanischen Lautsystem angepasst) chinesisch gelesen wurden (on yomi). Diese zweite Methode wurde für Wörter benutzt, für die der Schreiber kein chinesisches Bedeutungsäquivalent fand (Namen, Amtstitel usw.), sowie für grammatische Bestandteile des Japanischen. Um Zeichen mit einer dem japanischen Lautsystem nahen Aussprache zu finden, wurden Chinesen als "Professoren für chinesische Aussprache" am Hof beschäftigt.Eine Ausnahme bilden die Lieder im Kojiki, die Silbe für Silbe mit lautwertigen Zeichen notiert sind.
Durch Konventionalisierung der lautwertlich für je eine Silbe
verwendeten Kanji bildete sich im Folgenden ein begrenzter Bestand von
Zeichen, die nach der Gedichtsammlung Manyôshû aus der Mitte
des 8. Jh. Manyôgana genannt werden. Daraus entstanden Anfang des
9. Jahrhunderts durch Kursivierung und Vereinfachung zwei echte Silbenschriftsysteme.
Die katakana wurden vor allem von Mönchen zur Glossierung buddhistischer
Texte verwendet. Die runderen hiragana wurden von adligen Damen geschrieben
und daher auch als "Frauenhandschrift" bezeichnet.
|
Wolfgang Hadamzki, Handbuch und Lexikon der japanischen Schrift, Langenscheidt, Berlin etc. 1989 |
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| Die kana entstanden durch Einschleifung
von lautwertlich verwendeten chinesischen Schriftzeichen.
Hadamzki, S. 18 f. |
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Mit dem berühmten Genji Monogatari, von der Hofdame Murasaki Shikibu im 10. Jahrhundert in hiragana und gesprochener japanischer Sprache (yamatokotoba) geschrieben, etablierte sich die neue Schrift in der Literatur, und damit auch die geschlechtsspezifische Trennung der Schrifträume: ‘männlich', ‘chinesisch', kanji und ‘weiblich', ‘japanisch', kana. Der Begriff Yamato-damashii (der "Geist Japans"), der im Genji erstmals auftaucht, markiert das kulturelle Spannungsfeld von China und Japan, in dem Japan sich in den kommenden Jahrhunderten situierte.
Kana-Literatur wurde mit ‘japanisch' und ‘weiblich' assoziiert. Kanji-Literatur dagegen waren Zeichen der ‘männlichen' Gelehrtheit, die sich an der Beherrschung ‘chinesischer' Formen bewies: Kanshi und Kambun. Kanshi, Gedichte in klassischem Chinesisch gemäß einem klassischen Kanon von Formen, Wörtern, Zeichen und Themen markierten männliche Schriftgelehrtheit bis hinein in die Meiji-Zeit. Natsume Sôseki war Meister des kanshi, und die Tradition ist noch heute lebendig. Kambun mit chinesischen Zeichen und Grammatik ist der Stil für Prosaliteratur und Amtsschrift. Umkehrzeichen (kaeriten) neben den Zeilen erlauben als rein textuelle Operatoren, die Sätze in der japanischen Wortfolge zu lesen. Auch Kambun wurde bis in die Meiji-Zeit geschrieben. Noch Mori Ôgai verwendete diesen Stil in seinen ansonsten modernen Erzählungen. Heute wird es noch immer in der Schule gelehrt, aber nicht mehr geschrieben.
Unter der Dominanz des Kambun verstummte das Kojiki für fast
eintausend Jahre. Das Manuskript wurde von der Shintô-Priesterschaft
aufbewahrt und erstmals 1644 in gedruckter Form neuaufgelegt. Durch das
Auseinandertreten von Zeichenräumen, Geschlechtern und kulturellen
Orientierungen erschloß sich aus den Zeichen zwar weiterhin ein Sinn,
aber ihre Lautung versuchte erst der nationalistische Gelehrte Motoori
Norinaga in der Zeit von 1789 bis 1822 neu zu erfinden. Seine Bemühung
galt der Reinigung dieses japanischen Ur-Textes von allen fremdartigen
Überlagerungen. Damit erfand Norinaga eine Entgegensetzung von ‘Reinheit'
und ‘Korrumpierung' der japanischen Sprache, die heute noch ein zentraler
Topos der kulturellen Identitätsdiskurse ist.
| Geniji Monogatari (Die Erzählung vom Prinzen Genji)
von Murasaki Shikibu im 10. Jh. in Hiragana geschrieben. Diet Library Tokyo
Japan. A History in Books, S. 13 |
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Die Zeichen des Japanischen
Fassen wir den Zeichenbestand des Japanischen, wie er im heutigen Mischsystem verwendet wird, zusammen: Es gibt zwei phonetisch identische, aber graphisch verschiedene, je 46 Zeichen umfassende Silbenschriften. Hiragana werden für die Flektionsendungen der Verben, für grammatische Elemente wie Kopula und Objekt- und Themamarker sowie für Begriffswörter, deren Kanji außer Gebrauch gekommen sind, verwendet. Katakana dienen der Umschrift von westlichen Fremdwörtern, die sie deutlich als fremd aus dem Schriftbild hervortreten lassen, für Hervorhebungen sowie zur Niederschrift von Telegrammtexten. Dazu kommen chinesische und arabische Zahlzeichen, sowie das lateinische Alphabet (für Akronyme, z.B. "IBM"). Schließlich gibt es seit etwa hundert Jahren textuelle Operatoren wie Interpunktions- und Anführungszeichen.
Hauptbedeutungsträger sind einige tausend Kanji. Der vom
Bildungsministerium standardisierte, an den Schulen gelehrte Jôyô-Zeichensatz
enthält 1945 Kanji. Sie sind für Tageszeitungen und andere allgemeine
Schriftstücke verbindlich. Tatsächlich sind zum Lesen von Zeitschriften
und Büchern aber über 3.300 Kanji erforderlich. In spezialisierter
Literatur können darüberhinaus tausende weiterer Zeichen vorkommen.
| zeitgenössisches Textbeispiel
Mizukoshi Shin (Hg.), 20 seiki no media. erekutorikku media no kindai (Die Medien des 20. Jahrhunderts. Die Moderne der elektronischen Medien), Justsystem 1996 |
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| zeitgenössisches Textbeispiel
The Multimedia and Cultural Revolution, NTT Intercommunication, Tokyo 1998 |
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Kanji
Kanji stehen in einem multivalenten Verhältnis von Zeichen und
Bild, Zeichen und Lautung, sowie Hand und Auge. Kalligraphie und Malerei
liegen im Einflußbereich des Chinesischen näher beieinander
als in den alphabetischen Schriften, obgleich auch griechisch graphein
und lateinisch scribere noch die Ambivalenz von Schreiben und Malen enthalten
und die Trennung erst im europäischen Mittelalter vollständig
vollzogen war. Die Pinsel, Papiere und Tinten wurden für beides verwendet,
die Handhaltung und der sensomotorische Vorgang sind identisch. Die "Kopfkissenbücher"
des Mittelalters waren zum lauten Vorlesen und gemeinsamen Betrachten der
Abbildungen gedacht, in einer noch grundsätzlich oralen Kultur, die
sich der Schrift und des Bildes als Gedächtnisstützen bediente.
Die Schriftzeichen selbst sind nur in eingeschränktem Sinne
Bilder. Neben rein piktographischen und logographischen Kanji bestehen
90% des Inventars aus phonologographischen Zeichen, die sich aus einem
begriffsbildenden Element (hen, Radikal) und einem lautbildenden Element
(tsukuri) zusammensetzen. Dennoch behalten die Kanji eine figürlich-assoziative
Qualität. Bilder können z.B. kombiniert werden, um Notationen
für neue Konzepte zu schaffen. "Chinese characters seem to carry with
them richer substance and subtler overtones than the oral words they were
designed to represent." Wichtig ist die ‘Farbe' und der ‘Geschmack' eines
Kanji, nicht ihre stringente, also lineare Textur. Ein Bewegungsfluß,
nicht ein abstrakter Silbenklang.
|
Hadamzki, S. 51 |
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Das Japanische verfügt über ein Inventar von nur etwa 200 Lauten vor allem aus Einzelvokalen und Konsonant-Vokal-Kombinationen. Daraus wird verständlich, daß das Japanische außergewöhnlich reich an Homonphonen ist. Die Ambiguität der Wörter in der Rede wird dadurch aufgelöst, daß die Sprecher häufig Zeichen in die Luft oder die Handfläche malen. Auch bietet sie reiche Möglichkeiten für Wortspiele, die einen bedeutenden Teil des japanischen Humors ausmachen. Die Phoneme sind also gegenüber den Graphemen unterdeterminiert. Der geringen lautlichen Differenzierung steht eine komplexe graphische Differenzierung gegenüber, die für Neubildungen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bietet.
Nicht nur in einer angeregten Unterhaltung wird man häufig
sehen, wie Kanji in die Luft oder die Handfläche gemalt werden, auch
eine im Selbstgespräch versunkene Person kann man dabei beobachten.
Die Funktion dieser Geste ist also nicht nur die kommunikative der Disambiguierung
von Homophonen. Das individuelle Schriftgedächtnis selbst beruht auf
einer kinetisch-motorischen Speicherung. Ein Kanji besteht aus bis zu 60
einzelnen Strichen. Wörter werden nicht als abstrakte, unkörperliche
Einheiten memoriert. Sie sind zumindest auch auf
eine kinetisch-motorische Weise gespeichert, als ein Bewegungsfluß
der Pinselspitze von Strich zu Strich. Nicht "Es liegt mir auf der Zunge",
sondern "Ich hab's im Handgelenk". Das japanische Denken ist wie in einem
Spinnengewebe zwischen den Strichen der Zeichen vertäut. Ohne ihren
Fluß wird die Welt un(be)greifbar.
|
Andrew N. Nelson, The Modern Reader's Japanese-English Character Dictionary, Tuttle Rutland & Tokyo, 1974 |
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| Schrift als Bild
Utagawa Hiroshige, Ukiyo-e-Künstler (1797-1858)
"Life Taking Women" Zwei Frauen arbeiten am zentralen Stützpfeiler eines Hauses, der zugleich das Kanji für "Leben" ist. |
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| Schrift im Bild
Goslaer Evangeliar, Eingangsseite für das Johannes-Evangelium. Links oben der Evangelist Johannes, daneben Christus und die Samariterin und darunter die Kreuzigung. Um 1249. Stadtarchiv, Goslar
Döbler, S. 84 |
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| Bild in der Schrift
Kain erschlägt Abel.
Blatt aus der Winchesterbibel, 1150-1160, Cathedral Library, Winchester
Döbler, S. 81 |
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| Wechsel zur Schrift in Muttersprache
Der Lehnsvertrag zwischen Friedrich III. Herzog von Lothringen und Heinrich Graf von Veldenz - hier die Ausfertigung für den Herzog. Bild: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München
Am 13. Mai des Jahres 1292 schlossen Friedrich III., Herzog von Lothringen, und Heinrich, Graf von Veldenz, einen Lehnsvertrag. Obwohl Friedrich im französischsprachigen Nancy residierte, wurde der Vertrag in deutscher Sprache abgefasst. Dies war in vielfacher Hinsicht eine Besonderheit. So hatte sich zu dieser Zeit Deutsch als Urkundensprache noch nicht etabliert. Vor allem im Westen Deutschlands herrschte noch das Lateinische vor. Zudem beauftragte der Herzog mit der Ausfertigung der Urkunde vermutlich einen zweisprachig ausgebildeten französischen Muttersprachler. Dafür spricht zum Beispiel die Verwendung eines "h" im Wort "herben"
(=Erben). Dies lässt sich auch heute noch bei Deutsch sprechenden
Franzosen, Spaniern oder Italienern beobachten: Ein "h" vor Vokalen wird
gesprochen, wo eigentlich keines vorkommt, umgekehrt wird ein richtiges
"h" am Wortanfang weggelassen. Der Urkundenschreiber hatte wohl im angrenzenden
Raum Deutsch gelernt, denn er lässt mundartliche Besonderheiten erkennen,
die sich bis heute um Luxemburg und in der Südeifel erhalten haben.
Damals in Europa. Auf Spurensuche zwischen Maas und Rhein. Eine Ausstellung
der Deutschen Forschungsgemeinschaft
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| Literatur
Hannsferdinand Döbler, Kultur- und Sittengeschichte der Welt. Schrift - Buch - Wissenschaft, Bertelsmann, Gütersloh etc., o.J. Exec. Committee of Frankfurt Book Fair "Japan Year" (ed.), Japan. A History in Books, Tokyo 1990 Eric Havelock, Walter Ong, Herbert Marshall McLuhan, Elizabeth Eisenstein Flusser, Die Schrift Dietmar Kamper, Mein
Schreibtisch, das Schneefeld, in DIGITAB
JWP -- A Japanese Word Processor for non-Japanese Windows (under GPL)
NJWIN - NJStar CJK Multilingual Support System
Sprechen und Schreiben über Grenzen hinweg, Thema 3 aus: Damals in Europa. Auf Spurensuche zwischen Maas und Rhein. Eine Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft The Nepal-German Manuscript Preservation Project, Universität Hamburg - Institut für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets
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