6.11.00: Sprache & Nomadentum
Literatur
"Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und
in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die
Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung ..."
Wilhelm von Humboldt, um 1830
Die Sprache ist die größte menschliche Erfindung, das erste
Medium, das allen anderen zugrunde liegt.
| Vorschriftlich: der Erzähler und seine Zuhörer | ![]() |
Voraussetzung waren genetische Veränderung: größeres
Gehirn, neue Nervenverbindungen, veränderter Sprechapparat. Primaten
und vermutlich auch noch der Homo sapiens neanderthalensis (Philip Lieberman
(Brown Univ.)) waren nicht zu komplexen lautlichen Artikulationen in der
Lage. Der oder die Gen-Sprünge des Homo sapiens sapiens befähigten
ihn zur Sprache und damit zu einer sozialen Koordiation, die einen Evolutionsvorteil
gegenüber den anderen Homo-Rassen darstellte. Allan C. Willson &
Rebecca L. Cann (UCB): Eva-Hypothese, vor 150.000 Jahren in Nordost-Afrika.
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nach Philip Lieberman
aus: Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000 |
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Noam Chomsky (MIT): Sprache wurde nich ‘erfunden', sondern ist im Säugling angelegt, wie das Fliegen im Adlerküken, Kinder erlernen Sprache weniger, als daß sie sie spontan als Reaktion auf äußere Reize entwickeln. Nur so sei zu erklären, daß jedes Kind jede Sprache lernen kann, ohne die grammatischen Fehler zu machen, die man ohne eine vorprogrammierte Struktur erwarten müßte.
Die Pariser Linguistische Gesellschaft untersagte 1866 jede weitere Diskussion über die Sprachgenese. Dennoch verschiedene Hypothesen:
- Wau-wau- oder Lautnachahmungstheorie, Wau-wau für ‘Hund', Kuckuck
für ‘Kuckuck'
- Pfui-pfui- oder Interjektionstheorie, emotionale Ausrufe wie ah,
oh
- Hau-ruck- oder synergistische Theorie, zur Koordination von Gruppenaktionen
- La-la-Theorie, aus Singsang von Kindern oder zärtlichem Gestammel
Verliebter
- aus Gebärden des Mundes, Deuten mit den Lippen, ‘nah' - ‘fern',
‘hier' - ‘da'
"Wolfskinder": erlernen verbale Fähigkeiten nur bis zum Level eines unter Menschen aufgewachsenen Zweijährigen.
Der Sprung von einem einfachen Wortbestand zu einer syntaktischen Sprache ist am schwierigsten zu erklären. Chomsky: ein plötzliches genetisches Ereignis, da die Existenz einer Syntax auf eine angeborene Struktur von großer Komplexität schließen läßt.
Das notwendige Zusammenkommen verschiedener genetischer Faktoren legt
nahe, daß das Ereignis der Sprachentstehung einzigartig war, und
sich die heutige Sprachenvielfalt von einer einzigen Ur-Sprache ausdifferenziert
hat.
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aus: Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000 |
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Am Beginn der vergleichenden Sprachwissenschaft im 16. Jh.: Ur-Sprache = das biblische Hebräisch, dann Sprachverwirrung von Babel.
im 17. Jh. erste Stammbäume, darunter Gottfried Wilhelm Leibnitz.
Sir William Jones, Orientalist & Jurist, beherrschte 28 Sprachen, 1786: gemeinsame Quelle für Sanskrit, Griechisch, Latein.
Rasmus Rask, Franz Bopp
Jacob Grimm: systematische Lautunterschiede in einander ensprechenden Wörtern versch. indoeuropäischer Sprachen. Germanische Gruppe (Englisch, Deutsch): f oder v, andere: p, father, Vater, lat. pater, snsk. pitar.
Motoori Norinaga, in der Zeit 1789 - 1822 eine ähnliche philologische Rekonstruktion der Yamato-kotoba aus dem Kojiki.
August Schleicher (1821 - 1868): stellte die indoeuropäische Sprachgruppe
als Baum dar und versuchte, einzelne Worte hypothetischer Sprachen aus
ihren späteren Formen zu rekonstruieren.
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ausgestorbenen Sprachgruppen: Anatlolisch und Tocharisch
aus: Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000 |
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Methode: man nehme ein Paar bedeutungsgleicher Wörter zweier Sprachen, lassen sie sich mit Hilfe bestimmter Transformationen in eine gemeinsame Wurzel überführen, hat man genetische Entsprechungen oder ‘Kognaten'. Exakte Wissenschaft: Voraussagen und empirische Überprüfung.
Ferdinand de Saussure (1857 - 1913): hypothetische Klasse von Konsonanten in der Ursprache (Laryngale, Kehlkopflaute). In den 1920ern sind althethitische Keilschrifttafeln gefunden worden, älteste Belege einer indoeuropäischen Sprache und Belege für die Laryngalen.
Aber: Veränderung ist die Regel. Lehnwörter, daher nimmt man ‘stabile Wörter' (Körperteile, Sonne, Mond). Vermischung, Kreolisierung, ...
seit etwa zwei Jahrunderten werden 200 Sprachfamilien (u.a. Baskisch)
angenommen. Älteste allgemein akzeptierte Protosprache wird auf 7000
Jahre zurückdatiert.
Indoeuropäische Sprachfamilie: vor 4000 Jahren bereits in 12 Sprachgruppen zerfallen, noch bis 4-5.000 vuZ. gesprochen. Möglicherweise von Ostanatolien aus verbreitet; traditionell: durch nomadisierende Reitervölker, nach neueren archäologischen Ergebnissen: von Ackerbauern verbreitet, auch wenn jeweils nur eine kurze Strecke entfernt ein neuer Hof gegründet wird, kann sich eine Ackerbaukultur über 1500 Jahre über Euorpa verbreitet haben.
Inzwischen ein umfangreiches Lexikon, dessen Wörter lange vor der Entwicklung der Schrift gesprochen wurden.
Daraus läßt sich auf die Kulturen schließen: ‘Vater', männliches Oberhaupt der Familie => patriarchalische Gemeinschaften; ‘Gott' (deus, Jupiter, Zeus, Dyaus pitar) => patriarchalischer Gott; Wörter für domestizierte Tiere und Getreide => landwirtschaftliche Kultur.
Clavert Watkinks (Harvard Univ.): "Die rekonstruierten Wörter [deiuo-s]
und [Dieu pater] allein erzählen uns mehr über die Begriffswelt
der Indoeuropäer als ein Raum voller Götzenbilder." (Einleitung
zu einem Wörterbuch indoeuropäischer Wurzeln).
| Wanderung der indoeuropäischen Ursprache von ihrem
Ausgangsort. Beim Kontakt mit den semitischen Sprachen Mesopoatamiens und
den kartwelischen Sprachen des Kaukasus nahm sie viele Fremdwörter
auf.
nach Thomas W. Gamkrelidse (Tiflis, Georgien) und Wjatscheslaw W. Iwanow
(Moskau)
aus: Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000, S. 52 |
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Linguisten vergleichen meist nur einige wenige Sprachen. Neue Schule (Greenberg, Russen, Ruhlen) vergleichen weniger elementare Begriffe in viele Sprachen.
Monogenese-Theorien heute:
Das Nostratische
Wladislaw M. Illitsch-Switytsch & Aaron B. Dolgopolsky (Univ. Haifa):
führten in den 1960ern 6 Sprachfamilien (drei Viertel der Weltbevölkerung)
auf eine hypothetische Vorgängerin zurück: das Nostratische ("unsere
(noster) Sprache"), das in der Jungsteinzeit, vor 12.000 Jahren gesprochen
wurde. Vorläufer des Indoeuropäischen, Drawidisch (Südindien),
Kartwel (Süd-Kaukasus), Uralisch (u.a. Finnisch), altische Sprachen
(u.a. Türkisch, Mongolisch), afro-asiatische Sprachen (u.a. Arabisch,
Berbersprachen). Dolgopolsky hat 1.600 Wurzeln des Nostratischen zusammengestellt.
Verwenden anerkannte Reglen zur Rekonstruktion hypothetischer Urwörter.
Kultur: keine Bezeichnungen für Pflanzenkultivierung oder Tierhaltung => Ursprache der Jäger und Sammler, vor Domestizierung von Tieren und vor Ackerbau
Joseph H. Greenberg (Stanford): multilaterales Verfahren: hat in den 1960ern die afrikanischen Sprachen neu klassifiziert.
Greenberg faßte darauf die schätzungsweise 1000 Sprachen
im vor-kolumbischen Amerika in drei Gruppen zusammen: Eskimo-Aleutisch
(Arktis), Na-Dené (Nordwest-Amerika -> Navaho- Sprachen) und Amerind
(der gesamte Rest). Vermutung: 3 Migrationswellen über die Landbrücke
zw. Sibirien und Alaska. Amerind ist umstritten, könnte aber das Problem
lösen, daß es Europa 40 Sprachfamilien gibt und in der amerikanischen
Urbevölkerung 150, obgleich Amerika viel später als tabula rasa
besiedelt wurde. Archäobiologen haben die These anhand von Zähnen
und Erbgut bestätigt (Aushnahm: nörliche Pazifikküste).
Sowjetische Lingusten haben Ähnlichkeiten zw. der Na-Dené-Familie
und nordkaukasischen Sprachen postuliert.
| zwanglose Gruppierung => Nostratisch & Ruhlens Ursprache
aus: Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000 |
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Genetik
Gene und Sprache hängen nicht kausal zusammen, aber: wenn sich
eine Gemeinschaft aufspaltet, fächern sich sowohl Gen-Pool als auch
Sprache auf, daher parallel.
Luigi L. Cavalli-Sforza, Genetiker (Staford Univ.): korrelierte Gene von Bevölkerungsgruppen und ihre Sprachen nach Greenberg. Bestätigte ihn weitgehend, mit interessanten Abweichungen, alle erklärbar durch Ersetzung einer Sprache. Ungarrn sprechen eine nicht-indoeuropäische Sprache, die sie von ihren magyarischen Erobern übernommen haben. Cavalli-Sforza: "Spuren der Geschichte bleiben. Sie reichen -- soweit ich sehe -- bis zur ursprünglichen Besiedlung der Erde durch den Menschen zurück, also vielleicht 100.000 Jahre."
Merritt Ruhlen (freischaffender Sprachwissenschaftler): Ur-Sprache vor
100.000 Jahren. tik -- Finger, lat. digitus, dt. Zeh, zeigen, Zeichen
| ein erster genetischer Stammbaum (grün)
Zahlen bezeichnen das Auftauchen der anatomisch modernen Menschen in Jahren vor der Gegenwart. neuere genetische Untersuchungen (rot)
aus: Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000, S. 23 |
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basierend auf einer Arbeit von Luigi L. Cavalli-Sforza, Humangenetiker an der Stanford Univ. aus: Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000 |
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Von heute 6.000 Sprachen wird im nächsten Jahrhundert die Hälfte
verschwinden!
Nomaden
von gr. nomos, Weideland. Nomaden sind also nicht etwa Jäger
und Sammler, sondern Viehhirten. Savanne, Steppe, Wüste, Tundra: Land
zu karg, um es zu bauen, aber ausreichend als Weide, solange man in Bewegung
bleibt. "For the nomad, movement is moralty. Without movement, his animals
would die. But the planter is chained to his field; if he leaves, his plants
wither." (Chatwin, What am I: 219)
Die Migrationsrouten folgen den saisonalen Bedingungen der Weiden, wie die der Herden von Wildtieren. Iranischen Nomaden nennen sie Il-Rah, den Weg. Nomaden beanspruchen ein Recht auf ihre Länder, aber nur für eine Passage. Bei Miß-Timing kann das zu Konflikten führen. Darüberhinaus hat das Land für sei keinen Wert. Grenzen halten sie für eine Form des Wahnsinns (Alafenisch: Suez-Kanal).
Beduinen (arab. Wüstenbewohner), I'lyats in Persien, Masai, Araber
= Zeltbwohner vs. Hazar = Hausbewohner. Nomaden in Tibet, Luristan,
Afghanistan, Niger, die Penan in Borneo, Kirgisen und Mongolen in ihren
Jurten, Mauretanier, Berber im Süden Marokkos.
| Berberzelt bei Zagora, Marokko (15. 05. 1997)
Bild 441, westsahara.de
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376 nuZ. rollten die Hunnen die Gothen von Osten her auf und trieben sie in den Schutz des römischen Reiches. Die Steppe von Ungarn bis zur Mandschurei waren die Wanderungsgebiete von Kimeriern, Skythen, Samartianern, später Avaren, Magyiaren und Mongolen. Im 13. Jh. die mongolischen Khane von Europa bis nach China.
Komplementäre Systeme: nomandisierende Viehzüchter und seßhafte Ackerbauern. Letztere zuerst in Mesopotamien und Ägypten, fruchbare Flußauen, während die Zeltbewohner in den Wüsten und den Bergen immer wieder einfielen. Römische Grenzforts und Chinesische Mauer gegen Nomaden gebaut.
Der Streit ist der von Abel, dem Hirten, und Kain, dem Pflanzer. Wie es von einem Beduinenvolk zu erwarten ist, wählten die Hebräer die Seite Abels. Sein Opfer eines Erstgeborenen seiner Herde nahm Jehova an, nicht das von Kains Frucht des Bodens. Als Strafe für seinen Brudermord verdarb Jehova den Boden und verdammte ihn zur ewigen Wanderschaft.
Nomaden verachten die Seßhaften als degeneriert, Schwächlinge, die den Schutz einer Stadt und den Luxus eines Hausese suchen, und preisen dagegen die Beschwerlichkeit und Schlichtheit des Lebens im Zelt. Die Seßhaften fürchten die wilden Menschen aus der Ferne auf ihren Reittieren, die den Fortschritt ruinieren. Bis heute bemühen sie sich, die Nomaden seßhaft zu machen.
Im Idealfall komplementär: die Herden ziehen über die abgeernteten Felder, fressen die Stoppel und düngen den Boden. Trieben Handel. Waren Boten und Fernhändler, denn sie waren mobil, kannten die Wege, wußten was die entfernten Kulturen voneinander begehrten. Verdingt sich als Schutztruppen. Oder, wenn die Herde zu klein geworden ist, als landwirtschaftliche Taglöhner.
Wirtschaftliche Expansionslogik, Vermehrung, tierische Milch für
Säuglinge (Jäger dagegen halten ihre Zahl konstant, Kinder drei
Jahre gesäugt, legen keine Vorräte an, keine Expansion. Aborigines
machen keine Landzüge gegen Nachbarn. )
| Kamele. Das traditionelle Fortbewegungs- und
Transportmittel in der Sahara, das immer seltener wird, Grand Erg Oriental, Algerien (23. 12. 1987) Bild 129, westsahara.de
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"Der Stamm ist eine Militärmaschine." Kavallerie von Bogenschützen. Experten in Guerilla- Krieg, Angriff und Rückzug. "Überfälle sind unsere Landwirtschaft" (beduinisches Sprichwort)
Nomaden sind notorisch areligiös. Die Wanderung selbst ist ein Ritual, eine religiöse Katharsis, da das Errichten und Abbrechen eines Lagers einen Neuanfang repräsentiert. "Paradox, aber nicht überraschend", daß die großen Religionen, die jüdische, christliche, muslimische, zoroasthrische und buddhistische, unter Seßhaften gepredigt wurde, die vorher Nomaden gewesen waren. Der Hadj nach Mekka und andere Pilgerstrecken sind mimetische Erinnerung ans Nomadentum.
Die Schrift und die Religion sind Erfindungen von Seßhaften.
| Tuareg bei In Gall, Niger
Bild 822, websahara.de
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Chatwins emotionaler Punkt:
"... we should perhaps allow homan nature an appetitive drive for movement
in the widest sense. the act of journeying contributes towards a sense
of physical and mental well-being, while the monotony of prolonged settlement
or regular work weaves patterns in the brain that engender fatigue and
a sense of personal inadequacy. much of what the ethologists have designated
‘aggression' is simply an angered response to the frustrations of confinement."
(Chatwin, What am I: 221 f.)
| Turareg, Im Hoggar-Gebirge, Algerien (05.01. 1977)
Bild 732, websahara.de
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Chatwins rationaler Punkt:
Nicht: 1. Jäger & Sammler 2. Nomaden 3. Bauern, die noch einige Jahrtausende mit den den Nomaden im Clinch lagen. Sodern: der Schritt vom Nahrung-Sammeln zum Nahrung- Produzieren geschah zusammen in der neolithischen Revolution an den Flanken des ‘Fruchtbaren Halbmonds'. Viehzucht und Ackerbau wurden von denselben seßhaften Menschen betrieben. "... nomadism was a not a step towards civilisation, but a step away from it. Abraham left the city of Ur to become a nomad. The Central Asian Steppe, like the Great Plains of America, hadbeen under cultivation till the horsemen swept the planters aside." (ibid: 227)
Die einen entwickelten Bewässerungstechniken und erschlossen die
fruchtbaren Täler. Die anderen zogen in die wilderen Region, domestizierten
das Pferd und erweitern damit ihr Reichweite. Die einen brauchten die tierischen
Proteine, die anderen das Getreide der jeweils anderen. Nomaden und Bauern
mochten sich hassen, aber sie brauchten sich. Auch der Zusammenhalt der
nomadischen Armeen unter mächtigen Autokraten kann nur aus der Wechselwirkung
mit den Seßhaften erklärt werden. "A nomad independent of settled
agriculture has probably never existed." (ibid: 228)
| Nomadenvorratslager im Adrar-n-Ahnet, Algerien (01.
01. 1985) Bild 60, websahara.de
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mein Punkt:
Nomaden und Seßhafte stellen auch eine mediale Arbeitsteilung dar, bei der die Reisenden als Boten und Händler Information und Waren transportieren -- und natürlich ihr eigenes Nachrichtennetz unterhalten.
Als in die Welt Geworfener ist der Mensch zuallerst Missile und Medium.
Versteht man den Nomaden als Mediensystem, so zeigt sich, daß er
In- und Output, Speicherung und Übertragung unmittelbar verkörpert.
Im Unterwegssein schreibt sich der Weg in seinen Körper und umgekehrt
er selbst sich in die Welt ein. Speichern und Abrufen von Erinnerungen
sind eins. Das Gedächtnis wird, wie in den Songlines der australischen
Aborigines, vom ganzen Körper ausagiert, und es gehört nicht
dem Einzelnen, sondern dem Clan, der darin beständig seine kollektiven
Herkunft von den Vorfahren aktualisiert
| Die Seidenstraße
aus Needham, Joseph (Hrsg.), Science and Civilisation in China, Vol.1: Introductory Orientations, Cambridge University Press, New York etc. 1954, S. 171 |
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| Negev-Beduinen, Herde
Nourit Padon-Melcer, The Negev Bedouin. A Photographic Exhibit |
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| Negev-Beduinen, Kaffeerösten & Rababa
The Center for Bedouin Studies and Development, Ben-Gurion University of the Negev |
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Mit der Seßhaftwerdung treten die Bestandteile auseinander. Die
Geschichte der Medien ist diese Zergliederung des Mediums Mensch und die
Externalisierung seiner einzelnen Funktionen in Artefakten. Verkehr tritt
als eigenständige Seinsweise, als Mittel der Übertragung erst
hervor im Gegensatz zur Seßhaftigkeit. Mit Techniken und Materialien
zur Aufzeichung von Beobachtungen und Erfahrungen beginnt, was Flusser
das Abstraktionsspiel nennt.
| Negev-Beduinen
Nourit Padon-Melcer, The Negev Bedouin. A Photographic Exhibit |
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Nourit Padon-Melcer, The Negev Bedouin. A Photographic Exhibit |
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Orale Kulturen
"Geschichten aus 1001 Nacht"
Epen
das älteste Massenmedium, das Gerücht (Jean-Noël Kapferer)
Interpersonale Netze: Stefie Steden, w.stefie-steden.de, läßt Leute ihren gesamten Bekanntenkreis auflisten, interessante Überschneidungen.
US-Soziologe Stanley Milgram: The Individual in a Communicative Web
| Bedouin children, 1961
Negev-Wüste The Center for Bedouin Studies and Development, Ben-Gurion University of the Negev |
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| Literatur
Die Evolution der Sprache, Spektrum der Wissenschaft -- Dossier 1/2000 Reinhard Sternemann & K. Gutschmidt, Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft, Berlin 1989 Philip Lieberman, Uniquely Human: The Evolution of Speech, Thought and Selfless Behavior, Harvard UP, 1991 Bruce Chatwin, "Heavenly Horses", in: What am I Doing Here, Picador, London 1989 Bruce Chatwin, "Nomad Invasions", in: What am I Doing Here, Picador, London 1989 Bruce Chatwin, Traumpfade, Fischer TB, FfM 1990 Needham, Joseph (Hrsg.), Science and Civilisation in China, Vol.1: Introductory Orientations, Cambridge University Press, New York etc. 1954 Salim Alafenisch (1948 als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren, studiert am Princeton College und Ethnologie, Soziologie und Psychologie in Heidelberg, wo er seit 1973 lebt. 1984 - 1989 in der Erwachsenenbildung tätig. Lesungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen), Das Kamel mit dem Nasenring, Unionsverlag, Zürich 1995 The Center for Bedouin Studies and Development, Ben-Gurion University of the Negev, established in 1998, to apply the University's academic expertise to the educational, social, health and community development needs of the Negev Bedouin population. Nourit Padon-Melcer, The Negev Bedouin. A Photographic Exhibit Jean-Noël Kapferer, Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt, (franz. Orig. 1987) Kiepenheuer, Leipzig 1996 Stanley Milgram, The Individual in a Social World. Essays and Experiments, Addison-Wesley, Reading, Mass., London etc. 1977; bes. Part 4: The Individual in a Communicative Web Der kleine Hey: Die Kunst des Sprechens, Studienbuch Musik, Schott,
Mainz, London etc. 1997
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