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 | Affirmation als Anfang   |
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    Jan Wenzel
    Das Ensemble am TAT Frankfurt/ Main
    
  Ein Schauspielensemble ist in seinem Inneren, dort, wo zwischen einer Anzahl Menschen etwas Produktives geschehen soll, ein Gebilde "in dem Uneinigkeit herrscht und das besessen ist vom Wunsch nach Einheit" [Octavio Paz]. Und das um so mehr, je stärker das Ensemble nach außen wie ein fest umrissenes Ganzes wirkt. Gemeinsame Erfolge, ähnliche Arbeitsimpulse oder ästhetische Vorstellungen können den Zusammenhalt stärken, aber jede neue Produktion kann die Gravitation ebenso gut außer Kraft setzen.
Das Schauspielensemble der beiden Regisseure Tom Kühnel und Robert Schuster hatte, bevor es 1999 am TAT [Theater am Turm] in Frankfurt am Main eine eigene Spielstätte bezog, bereits mehrere Jahre an anderen Theatern zusammengearbeitet. Das TAT galt in Frankfurt als Experimentierbühne. Mit ihr verband das Publikum Aufführungen von Regisseuren wie Robert Wilson, Jan Fabre oder Heiner Goebbels. Das junge Ensemble veröffentlichte, um seinen Abstand zum Avantgardetheater der 80er und frühen 90er Jahre deutlich zu machen, vor dem Beginn der ersten Spielzeit am TAT den programmatischen Text >Die Gesellschaft des Theaters<. In ihm grenzt sich die Gruppe gegenüber zwei maßgeblichen Theatertraditionen ab: zum einen gegen das >Theater der großen Texte<, das einen klassischen Kanon inszeniert, ohne diese Texte auf die Wirklichkeit zu beziehen. Und zum anderen gegen das >kritische Theater<, das in der Darstellung >harter, gnadenloser, brutaler und böser Situationen< die soziale Realität nur klischeehaft wiedergibt und so in einem leerlaufenden Protestiergestus erstarrt.
Das TAT-Ensemble sucht einen anderen Ansatz. Durch bewusste Naivität und durch Modelle, die komplexe Zusammenhänge einfach erscheinen lassen, soll die gesellschaftliche Realität im Theater wieder darstellbar werden. Das Ensemble versteht Theater als eine >affirmative Kunst<. Es argumentiert: "Niemand wird behaupten, ein Atom sähe tatsächlich so schlicht aus wie das Modell aus der Physikstunde. Es sieht eigentlich gar nicht aus, und gerade darum brauchen wir ein Modell. Erst in dem Modell wird für uns real, was sich nicht beobachten lässt, erst im Modell lassen sich Aussagen darüber treffen. Ähnlich verhält es sich mit den Geldströmen im Inneren der gläsernen Bankgebäude: Sie sind weder zu hören noch zu sehen und doch beeinflussen sie unser aller Leben genauso nachhaltig wie die Atome. Nur im einfachen Modell kann die Gesellschaft mit ihren verqueren Widersprüchen sinnlich erkennbar werden. Die strategische Dummheit des Theatermodells ist also gerade prädestiniert, komplexe Vorgänge dazustellen."
Der Text war mit Soeren Voima unterzeichnet. Über die Identität dieses Autors wird unter Kritikern gerätselt. Der Name ist ein Pseudonym, unter dem das Schauspielensemble in unterschiedlichen Arbeitskonstellationen gemeinsam an Texten schreibt. Bisher hat Soeren Voima zwei Stücke veröffentlicht, >Das Kontingent< und >Deutsch für Ausländer<, außerdem mehrere Stückbearbeitungen und Übersetzungen.
Das Kollektivpseudonym wurde von manchen als weiteres Signal für die große künstlerische Homogenität der Gruppe interpretiert. Vielleicht muss man Voima eher als einfachsten Nenner für eine mehrstimmige Autorenschaft ansehen.
Das erste Mal tauchte der Name 1996 auf dem Programmzettel zu einer >Antigone< - Inszenierung von Tom Kühnel und Robert Schuster auf, an der auch mehrere Schauspieler des heutigen TAT-Ensembles beteiligt waren. Alle studierten damals an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst >Ernst Busch<. Schon dort lag der Erfolg der Zusammenarbeit in der geglückten Verschränkung sehr verschiedener künstlerischer Vorstellungen. Auch wenn einige Schauspieler am gemeinsamen Konzept von Beginn an großen Anteil hatten, verband sich der Ansatz der Gruppe für Außenstehende vor allem mit der Regie-Kooperation von Tom Kühnel und Robert Schuster. "Rückwirkend ist es wohl allen ein großes Rätsel, wie Tom und Robert so lange zusammen inszenieren konnten" meint der Dramaturg des TAT-Ensembles Bernd Stegemann, "denn die beiden haben eigentlich konträre Vorstellungen von Theater. Tom hat eine große Vorliebe für alles, was entemotionalisierte Vorgänge ermöglicht, also Puppen, Masken, Ganzkörperverhüllungen, Vorgänge, bei denen der Gegenstand animiert wird oder der Schauspieler sich selbst als Gegenstand animiert. Als Mensch verschwindet er hinter der Maske und muss jetzt seine Silhouette wieder zum Leben erwecken. Bei Robert ist es genau das Gegenteil, der will möglichst den emotionalisierten und schwitzenden Schauspieler auf der Bühne haben, der sich mit 100% in die Rolle hineinbegibt und uns diese Glühen und Leuchten zeigt. Wenn die Zusammenarbeit zwischen beiden glückt, dann hat man einen heiß gespielten, sehr trickreichen Vorgang - für Tricks ist dann Tom zuständig und für die Erhitzung Robert, und das ist sehr verblüffend."
Die Wirkung dieses Mischungsverhältnisses wurde den beiden an der Berliner Schauspielschule durch Brechts Lehrstück >Die Maßnahme< bewusst: Sie studierten damals in derselben Regieklasse und interessierten sich 1994 unabhängig voneinander für das Brecht-Stück. Also beschlossen sie, ihre Inszenierung zusammen zu bestreiten und >Die Maßnahme< an einem Abend in zwei Versionen zu spielen. Robert Schuster erzählt über die damalige Probenarbeit: "Tom und ich inszenierten jeweils eine Version. Aber wir waren immer auch auf den Proben des Anderen anwesend. Ursprünglich war es gar nicht unsere Absicht, öfter zusammenzuarbeiten. Aber das Stück hatte soviel Erfolg, dass wir unsere Angebote von da an immer gemeinsam bekamen."
Zur Generalprobe im bat, dem Studiotheater der Berliner Schauspielschule, waren auch die Brecht-Erben eingeladen. Von ihnen hing es damals ab, ob die Aufführung überhaupt stattfinden konnte. Brecht hatte >Die Maßnahme< 1956 für öffentliche Aufführungen ausdrücklich gesperrt. Er fürchtete, dass dieses Stück zu antikommunistischer Propaganda missbraucht werden könnte. Denn es handelt vom Tod eines jungen Genossen. Trotz des Aufführungsverbots bezeichnete Brecht kurz bevor er starb, dieses Stück als "Form des Theaters der Zukunft".
Anfang der 30er Jahre, als die >Die Maßnahme< entstand, verband er mit diesem Lehrstück eine ganz neue Aufführungspraxis, die er selbst aber nie umgesetzt hat. Das Stück, das Elemente der antiken Tragödie und des christlichen Singspieles aufgreift, sollte ursprünglich nicht vor Publikum aufgeführt werden, sondern der Belehrung der Schauspieler dienen. Die Akteure der Aufführung waren abwechselnd Spielende und Zuschauer des Spiels: Ein Kontrollchor hat über den Tod eines jungen Genossen zu urteilen. Er hatte von der Partei den Auftrag erhalten, zusammen mit drei Agitatoren in China die Revolution vorzubereiten. In mehreren Situationen wird dargestellt, wie der junge Genosse durch spontane Entscheidungen gegen die Parteistrategie verstößt. Der Konflikt entsteht, weil er aus Mitleid versucht, den Leidenden, denen er begegnet, sofort zu helfen. Durch sein Handeln gefährdet er die anderen Agitatoren. In äußerster Verfolgung wissen die Agitatoren keinen anderen Weg, als den jungen Genossen mit seinem Einverständnis zu erschießen.
Um Brechts künstlerische Intention richtig zu verstehen, muss man die offene Beziehung zwischen Spieler und Rolle betrachten. Denn nacheinander nimmt jeder der Schauspieler die Rolle des jungen Genossen ein und stellt für die übrigen die Auseinandersetzung zwischen spontanem Mitgefühl und einer starren Handlungsvorgabe dar. Brecht hatte mit diesem Lehrstück eine Art materialistisches Exerzitium im Sinn - ein Modell, durch das verschiedene emotionale Haltungen ausprobiert und mit Distanz studiert werden konnten.
In ihrer Doppelinszenierung griffen Tom Kühnel und Robert Schuster diese prüfende, kühle Betrachtungweise auf. Sie bekräftigten die tragische Situation des Stückes, nicht aber seine Lehre, indem sie eine spielerische Distanz gegenüber dem autoritären Gestus des Stückes bewahrten: Im ersten Teil traten Schauspieler und Puppen auf. Jedem Spieler war eine Puppe zugeordnet, die ihm im Aussehen ähnelte. Auf der unteren Bühnenebene stellten die Schauspieler die Konfliktsituationen dar, die durch die Puppen auf der oberen Ebene gestisch kommentiert wurden. In der zweiten Version wurde das Stück sehr minimalistisch vorgetragen. Die Schauspieler saßen auf einem zweistufigen Podest. Der rhythmische Wechsel von Einzelrede und chorischem Sprechen sowie geringfügige Körperdrehungen waren die einzigen schauspielerischen Mittel, durch die eine Beziehung zwischen den Figuren hergestellt wurde.
Diese Inszenierung der beiden fand große Beachtung, auch wenn sie - da die Brecht-Erben zögerten, das Aufführungsverbot aufzuheben - nur >nicht-öffentlich< stattfand.
In der Regieklasse, in der Tom Kühnel und Robert Schuster studierten, entstand damals der Gedanke, nach dem Abschluß ein kleines Theater oder ein Studio zu gründen, um sich nach der Schule nicht einzeln an verschiedenen Stadttheatern durchzuschlagen, sondern gemeinsam weiterzuarbeiten. Dabei wurde auch viel über die Richtung, in die die gemeinsame Theaterarbeit gehen sollte, diskutiert. Im postmodernen Theater der Dekonstruktion und >Textzertrümmerung<, mit dem Regisseure wie Frank Castorf damals Erfolge feierten, sahen die Studenten keine Perspektive für die eigene Arbeit. Die Überlegungen gingen deshalb in entgegengesetzte Richtung. Am Anfang stand dabei der Gedanke, sich historische Ausdrucksformen des Theaters anzueignen und diese Rekonstruktionsversuche öffentlich aufzuführen. Vergangene Theaterformen sollten wieder zugänglich gemacht werden, aber mit einer ähnlichen Distanz, wie ein Besucher ein Ausstellungsobjekt in der Vitrine eines Museums betrachtet. Das Interesse der Gruppe galt "dem Zusammenhang der einzelnen theatralen Ausdrucksformen zum Inhalt". Die Ergebnisse dieser Recherche sollten später auf aktuelle Stoffe angewendet werden.
Als die ersten Ideen entwickelt wurden, wie die eigene Bühne organisiert sein müsste, waren auch einige Schauspielstudenten dabei. Als ein Vorbild dienten vor allem das Ensembletheater des Regisseurs Peter Stein und die Mitbestimmungsmodelle der 70er Jahre. Aber auch die Studios von Konstantin S. Stanislavskij oder Evgenij B. Vachtangov hatten die Studenten vor Augen. In Russland waren Anfang des 20.Jahrhunderts oft ganze Schauspielklassen an eigene Bühnen gewechselt.
Anfangs schienen die Pläne utopisch, unrealisierbar. - Inzwischen sind daraus zwei Ensembles hervorgegangen, die die junge zeitgenössische Dramatik in Deutschland mitprägen: neben der Gruppe von Tom Kühnel und Robert Schuster auch die Compagnie von Thomas Ostermeier, die zuerst in der DT-Baracke und seit Winter 2000 an der Berliner Schaubühne inszeniert. Thomas Ostermeier proklamiert ein "nicht-zynisches Theater" und lässt sich dabei vom drastischen Realismus der britischen Gegenwartsdramatik inspirieren.
Beide Theater bemühen sich um eine Repolitisierung des Publikums. >Das Kontingent< von Soeren Voima, das im Februar 2000 als Koproduktion von TAT-Ensemble und Schaubühne uraufgeführt wurde, ist dafür eine exemplarische Produktion: Es handelt vom Einsatz eines UNO-Kontingents im Jahr 2035. Im Mittelpunkt steht der junge Amerikaner Bill, der als Soldat des Kontingents, einer internationalen Elitetruppe, in Krisenregionen geschickt wird, um dort die Menschenrechte durchzusetzen. Durch das Völkerrecht ist das UNO-Kontingent zur Neutralität verpflichtet und in seinem Handeln eingeschränkt. Bill gerät in einen Konflikt, weil sein Motiv, Menschlichkeit durchzusetzen und konkrete Hilfe zu leisten, sich mit seiner Neutralitätspflicht nicht in Einklang bringen lässt. Er verzweifelt an der Ohnmacht des Rechts, läuft Amok und wird von seinen eigenen Leuten erschossen.
Bei diesem Plot ist die Vorlage kaum zu übersehen. Und wirklich passt hier ein Begriff aus dem Kino: Remake. >Das Kontingent< ist eine aktualisierte Version, ein >Updated plot<, denn in der Figurenkonstellation, im Aufbau der Handlung und im Gebrauch der Musik lehnt es sich an Brechts Lehrstück >Die Maßnahme< an.
Soeren Voima betätigt sich als subversiver Storyswitcher. Er verwendet die spezifischen Ausdrucksmittel Brechts: die am Oratorium orientierte Dramaturgie und den Verfremdungseffekt. Durch die verknappte Darstellungsweise, die stark stilisierte Sprache und den Gesang entsteht eine ähnlich artifizielle Wirkung wie in der Vorlage: Distanz und Leidenschaft, Beobachtung und Begeisterung überschneiden sich.
Auf der inhaltlichen Ebene aber werden keine Analogien gezogen. Die Instanz der >Partei< ist nicht bloß durch eine andere, zeitgemäßere, die >UNO<, ersetzt worden. Dort, wo man durch die Form Parallelen wahrzunehmen glaubt, ist immer auch ein grundsätzlicher Unterschied vorhanden. Gerade diese Differenz macht den politischen Gehalt des Stückes aus. Das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv stellt sich anders dar als bei Brecht. Statt eine Lehre zu vermitteln, führt >Das Kontingent< dem Zuschauer das tragisches Paradox vor, handeln zu müssen, auch wenn dafür keine zuverlässige Grundlage, kein großer Entwurf, existiert. Auch wenn die Inszenierung in ihrem gesellschaftlichen Anspruch und in der Funktionalisierung der Form an die Tradition der Moderne anknüpft, kritisiert sie gleichzeitig deren ideologische Selbstgewissheit. Die Pluralität der Wahrheiten bleibt bestehen, ohne dass damit einer Beliebigkeit das Wort geredet wird. In seiner zweiten Spielzeit am TAT führte das Ensemble diese Selbstreflexion der Aufklärung mit der Inszenierung >Europa< fort. Das Stück erzählt die Geschichte von Ödipus. Die Auseinandersetzung mit diesem Stoff ist für die ästhetischen Überlegungen am TAT von weitreichendem Interesse: Ödipus erfährt als erster Mensch die Tragödie der Moderne. Er muss erkennen, dass er nicht außerhalb der Probleme steht, dass er kein unangreifbarer Kritiker der Gesellschaft sein kann, weil er selbst ein Teil von ihr ist. Diese Konstellation kann als Metapher für die Theaterpraxis am TAT dienen. Denn genau um diese Position - nicht über den Dingen zu stehen, sondern auf gleicher Höhe mit ihnen zu sein - kreisen die Überlegungen, die das TAT-Ensemble als "affirmative Erforschung der Wirklichkeit" bezeichnet.


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                           \\spectormag.net; Issue#1 - wenzel_deutsch.txt

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