[X]Sie sehen gleich die Aufzeichnungen eines KunststudentenDiese sind subjektiv, unvollständig und nicht frei von inhaltlichen sowie othographischen Fehlern.(1) Ich möchte niemandem schaden. Ich möchte aber meine Studienzeit in all seinen Facetten festhalten.
(2) Mich interessieren dabei lediglich Informationen, die mit dem Studium an der Hochschule, mit Kunst allgemein und mit meiner künstlerischen Arbeit im Speziellen zu tun haben.
(3) Rechtschreibfehler und Fehlinformationen sind ungewollt Teil der Notizen geworden. Sie sind meinem aktuellen Wissensstand, der Konzentration in stundenlangen Sitzungen, meinen Ohren und den temporären schlecht lesbaren handschriftlichen Notizen geschuldet.
(4) Zitate sind nur markiert, wenn ich mir sicher bin, dass es genau so gesagt wurde. Da ich mich keines Aufnahmegerätes bediene, sind die Zitate natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Das ist nicht böswillig. Es sind Äußerungen, die ich zum Beispiel sympathisch fand. Darüber dürfen sich Zitierte freuen!
(5) Ich bin auf der Suche. Die Frage Was ist Kunst? spielt in meinem Studium eine große Rolle. Auch meine künstlerische Arbeit hat immer die Suche und den Zweifel zum Thema. Deshalb nehme ich gerne in Einzelgesprächen mit Professoren, Werkstattleitern und Dozenten deren Sicht wahr und verarbeite diese später in den Notizen. Nur deshalb bin ich jetzt da, wo ich stehe. Wenn ich einen Hochschulangestellten also mit seiner Meinung darstelle, darf er sich freuen, aktiver Teil meiner künstlerischen Entwicklung zu sein.

frfr@hgb-leipzig.de
Klasse Bildende Kunst
HGB Leipzig
Topflappen, Anu Tuominen
Topflappen, Anu Tuominen
Hausfrau, Lena Zehringer, 2015
Hausfrau, Lena Zehringer, 2015
Fettecke, 1982/1989, Joseph Beuys (Fotolink )
Fettecke, 1982/1989, Joseph Beuys (Fotolink )
Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife, 1889, Vincent van Gogh
Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife, 1889, Vincent van Gogh
Tisch mit Aggregat, Joseph Beuys
Tisch mit Aggregat, Joseph Beuys
55/005, 1955, Kohle, Norbert Kricke, gezeigt im Kunstverein Potsdam
55/005, 1955, Kohle, Norbert Kricke, gezeigt im Kunstverein Potsdam
Fixierung, Performance, Roter Platz, Moskau, 2013, Pjotr Pavlenski
Fixierung, Performance, Roter Platz, Moskau, 2013, Pjotr Pavlenski
Schmähgedicht, Jan Böhmermann (Schwärzungen von WELT) , Foto DW
Schmähgedicht, Jan Böhmermann (Schwärzungen von WELT) , Foto DW
Diplom Theorie Gespräch mit Alexander weiter transkribiert Gespräch in Sprechblasenform Abbildungen hinzugefügt
  • Jemand der sich äh äh äh ausdauernd und wiederholend äh mit Rechtswissenschaft beschäftigt.
  • Was ist denn Rechtswissenschaft? Jetzt hast du schon wieder Rechtswissenschaftler mit Rechtswissenschaft …
  • Das ist… mhm… [Pause] Ja die die die Definition und die Anwendung von Recht.
  • Okay. Das … deshalb kommst du sozusagen äh deshalb hast du das erwähnt, Kunst steht bereits im Grundgesetz und so drinne, aber wird da noch nicht definiert, sondern das ist dann halt das … das macht ihr dann. Sozusagen. Wenns nen Fall gibt, ne? So hab ichs jetzt verstanden.
  • So ganz … aber nur bezogen auf unser Rechtsgebiet.
  • Jaja, ich hab …
  • Man muss Kunst nicht…
  • Okay.
  • … äh unbediengt aus der rechtlichen äh [Pause] ähm … also nicht nur … also nicht nur rechtlich… also warum sollte ich denn Kunst rechtlich betrachten?
  • Ne, aber. Du bist eher einer, der das könnte. Vom Recht her.
  • Ja.
  • Weil du das gelernt hast.
  • So möchte ich denken.
  • Du redest ja auch darüber. Du hast das ja mit dem Gesetz gesagt. Da steht zwar Kunst drinne, aber es wird nicht gleich definiert. Das liegt ja daran, dass du dich damit beschäftigst.
  • Das ist sozusagen mein Geschäftsmodell.
  • Okay. Genau. Okay.
  • [lacht]
  • Naja, das ist ja gut zu wissen.
  • Ja.
  • Ausgangspunkt Begabung oder Handwerk Handwerk
  • Ausgangspunkt… ich wills gerne mal gerade selbst durchgehen. Ausgangspunkt für den Künstler ist entweder Begabung oder Handwerk Handwerk. [Stille] Gut. Ähm. Kann man vielleicht ähm aber allgemein auf alle Sachen irgendwie ähm … [Stille] Naja. Ne. Ich weiß jetzt auch nicht. Be… Begabung. Na was heißt Begabung? Ein Schreiner. Muss der nicht auch eine Begabung dafür haben? Irgendwie?
  • Schreiner, Koch, Künstler
  • Ja deshalb…
  • Oder ein Koch.
  • Ist der Koch nicht auch deshalb Künstler?
  • Oder so.
  • [wiederholt] Oder ist der Koch deswegen nicht auch Künstler?
  • Na die wollen sich glaube ich als Künstler gerne aufspielen. Ne? Wenn die da ihre kleinen Werke…
  • Nicht aufspielen. Das klingt schon wieder so negativ.
  • NATÜRLICH! Ich bin da so!
  • Derjenige, der … äh der ganz zarte Kreationen, neue Dinge schafft…
  • Ja.
  • … und so, da würde man auch von der Kunstform des Kochens sprechen. Warum denn nicht?
  • Okay. Ähm. Bei dem … bei dem Koch als Beispiel jetzt. Du würdest aber sagen, dis ist doch nur ein guter Koch… ähm äh wenn es schmeckt und gut aussieht. [Stille] So. Oder?
  • N… n… nein. Also ich würde den Koch vom Künstler dann abgrenzen, wenn äh äh was Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist. Also wenn er sich selber eher als Koch sieht, dann ist er Koch. Wenn er natürlich äh sich stärker als Künstler betrachtet, dann ist er Künstler. Also ich ich…
  • Koch wirklich Künstler?
  • JA, ABER. Aber würdest du jetzt einen Koch Künstler nennen, wenn er dir einen Teller präsentiert mit einem schauderhaft ausschauenden äh äh [Pause] Nudel-Bolognese-Dingsdabumsda? Was auch schrecklich schmeckt! Würdest du ihm dann sagen… du… sie sind aber kein Kochkünstler? So? Sondern sie sind halt jemand der das nicht hinbekommt…
  • Nein. Das ist eine Frage, wie wie … wie du… Also die Frage, die du eigentlich stellst, ist, wie definiere ich Kunst. Nämlich gibt es gute und gibt es schlechte Kunst.
  • Intention Intention eines Kochs
  • [entrüstet] NEIN! NEIN NEIN NEIN NEIN! [schnell gesprochen] Nein nein nein nein. DU hast gerade den Koch mit reingebracht. Oder ich hab davor was anderes reingebracht. Die Frage ist doch aber beim Koch: Ein Koch gibt es äh weil es Menschen gibt, die halt Hunger haben, die gerne etwas essen wollen, was vielleicht noch schön aussieht. Je nach Restaurant.
  • Ja aber es … äh … Kunst beinhaltet doch, was ich gesagt habe. Eine Begabung oder etwas… etwas besonders gut zu können. So.
  • Ein Koch kann etwas besonders gut. Okay.
  • Wenn ich jetzt einen Teller serviert bekomme, wo einfach alles nur hingepackt ist. Lieblos.
  • Ja?
  • Äh ähm geschmacklich auf keinem Niveau…
  • Ja?
  • Äh dann dann dann fällt das ja schon gar nicht mehr unter den Begriff der Kunst. Wenn allerdings etwas … etwas Neuartiges kommt. Das er da mit bestimmten Gasen experimentiert hat. Tiefgefrorene Früchte äh äh ähm farbig mit Wildkräutern und äh dann entsprechende Ambiente und das äh ähm … wiederholt macht. Dann würde man ihn wahrscheinlich schon als Künstler bezeichnen.
  • Koch und Kreativität
  • Ich würde ihn dann … Ich würde das Wort Kreativität dann benutzen. Koch und kreativ sein. [kurze Pause] Es ist die Frage, was …
  • Hässlich = Kunst
  • [unterbricht] KUNST. Ist Kunst nicht kreativ?
  • Du na du gehst jetzt ja von deinem Begriff aus … also was für dich Begabung oder Handwerk Handwerk … Da hast du recht. Wenn wenn du jetzt so argumentierst. Dann ist natürlich der Koch, äh, der der hat ein Handwerk Handwerk gelernt und gleichzeitig irgendeine Begabung. Etwas schön aufzutellern. Geschmacklich. Und so weiter. Äh… weißt ja was. Ich … ich hätte jetzt aber eingeworfen, äh, für mich wäre es einfacher zu sagen: Wenn etwas hässlich schmeckt und etwas hässlich aussieht, dass das Kunst ist. Als wenn etwas schön aussieht. Weil wenn etwas schön aussieht und du kaufst es dann, dann wirkt es… dann wird es ganz schnell zu einem Produkt. Und ist für mich nicht mehr Kunst. In dem Moment Moment. Sondern es ist ein Kunstprodukt. Was man kaufen kann. Und ich würde eben unterscheiden zwischen Kunst und zwischen äh… Kunst die man macht, um um gekauft zu werden. Damit man Geld verdient. Wovon du ja ausgehst. Das Ausgangspunkt… äh nicht Ausgangspunkt. Sondern das Kunst ein Geschäftsmodell ist. [37:49]
  • Das ist deine Definiton von Kunst. Ja.
  • JA. Aber das ist jetzt mein Problem. Eben ich äh ähm [kurze Pause] Ich versuche dich zu verstehen. Und ich verstehe dich auch. Weil du es davor gesagt hast mit Können und mit Handwerk Handwerk oder Begabung. Und das du jetzt eben sagst, ein Koch ist für dich dann sozusagen äh Künstler. So. Wo ich halt anderer Meinung bin. Weil das ist für mich halt ähm … äh das Geschäfts-Ding. Dieses Modell. Geld zu verdienen. Mit Kunst. Gehört bei mir in Kunst gar nicht rein. Eigentlich. Aber wie lösen wir das?
  • [unterbricht]
  • Ich wills ja gar nicht lösen! Ich will es ja eigentlich verstehen.
  • Kunst im weiterem und engeren Sinne
  • Ja. Ja. Die Wissenschaft in der ich arbeite… die ähm… arbeitet dann zum Beispiel auch mit Begriffen wie Kunst im weiterem Sinne. Kunst im engeren Sinne. Äh. Kunst auf bestimmte… ähm bestimmte… Bereiche beschränkt, …
  • Kannst du das mal erleutern. Was du damit…
  • Naja. Zum Beispiel ähm Kunst im weiteren Sinne ist äh vielleicht alles das… äh… was ein Mensch ähm schafft. ÄHM. Mit ähm entweder einer gewissen BEGABUNG oder mit einem gewissen KÖNNEN. Und äh … aber das macht ihn vielleicht ähm im weiteren Sinne zu einen Künstler.
  • Was heißt WEITER? Also wo die Definition noch ganz offen ist?
  • GENAU. Wie so einen Trichter muss man sich das…
  • Metapher Trichter
  • Okay.
  • … vorstellen. Ja? Oben fällt erst einmal alles rein. Also auch die Hausfrau, die zu Hause hundert Topflappen äh äh knüpft… Topflappen, Anu Tuominen topflappen-k.jpg
  • Okay.
  • … und auf dem Markt verkauft. Würde sich vielleicht als Künstlerin bezeichnen. Weil sie macht Kleinkunst. Ja? Oder die Töpferin macht … äh und und ganz mieß aussehende Tassen herstellt. ÄHM. Und auch schlecht glasiert. ÄHM. Würde sich vielleicht als Künstlerin bezeichnen. Weil sie etwas mit ihren eigenen Händen schafft.
  • Mhm.
  • Mit ihrer eigenen Kreativität.
  • Mhm.
  • Aber beides hat halt bei ihr… mhm… mhm… ihre Grenzen. Ja?
  • Mhm.
  • Merkt sie vielleicht auch daran, dass sie ähm … dass keiner Interesse an ihrer Kunst…
  • Ja.
  • … Kunst findet. ÄHM.
  • Also das es niemand kaufen will.
  • Äh das es… Ja. Und keiner geschenkt haben will. Wie auch immer. Also man interessiert sich einfach nicht für das, was sie tut. Und wenn sie… und wenn ich jetzt den Trichter immer enger fasse. Immer enger fasse. Und sage, äh, was ist denn, was bleibt am Ende als Kunst im ENGEREN Sinne übrig… äh da komm… da nähere ich mich vielleicht eher deinem Begriff. Ähm äh… da ist dann wirklich derjenige, äh äh, wo der Künstler im Vordergrund steht. Wo sein… wo ähm… sein Schaffen im Vordergrund steht. Wo ähm seine Wiedererkennbarkeit im Vordergrund steht. Äh.
  • Kunst als Marke
  • Das ist MARKE für mich. Das hat für mich dann wieder nichts mit Kunst direkt zu tun.
  • Das weiß ich nicht. Also ich glaube, äh äh, selbst wenn… [wird unterbrochen] [40:16]
  • Wenn du jetzt so …
  • Ja aber ich glaube, dass jeder äh äähmhm… jeder Museumsbesucher… also der irgendwie zweimal im Jahr ein Museum besucht… der erkennt bestimmte Pinselstriche oder -führung wieder. Und ich würde auch immer wieder einen Richter erkennen. Einfach in seiner Arbeit. Ähm also warum soll ich das denn so als negatives abgrenzen…
  • [unterbricht] ICH HABS DOCH GAR NICHT NEG… ABER ABER aber da… viel mir der Begriff Marke ein!
  • Ja!
  • Weil es da genau darum geht, etwas zu schaffen, was man wieder erkennt. Wie beim HGB Rundgang, wo die Leute, die unten im Flur waren, ein Geradenbild gesehen haben. Im Klassenraum „Das hab ich doch schon gesehen!“. Das ist eine Marke. Am Ende. Hat aber nichts direkt mit Kunst zu tun. Sondern das ist halt eine Möglichkeit sozusagen sich selbst zu definieren in einem riesengroßen Gebiet, wo tausend Leute unterwegs sind. Aber ganz kurz noch einmal. Bevor du auf den inneren Kreis eingehst. Hausfrau, Lena Zehringer, 2015 hausfrau-k.jpg
  • Geldverdienen als Ausgangspunkt
  • So. Du hast angefangen mit dem Trichter. Ganz oben. Äh. Wo auch jede Hausfrau und so weiter reingehört. Und du hast aber gleich irgendwie das mit dem Verkaufen im Hintergrund gehabt. Ähm. Also es gehört sozusagen ganz ganz als Basis irgendwie… dieses Verkaufen. Hab ich dich richtig verstanden? Also ich will es jetzt nicht vorwerfen. Ich will jetzt erst einmal wissen, ob du das meintest. WARTE MAL. Weil WENN du das meinst, dass dieses Geldverdienen, also die Geschäftsidee… Ne?… Äh wenn das mit Ausgangspunkt ist… Was siehst du denn dann bei all den Künstlern, die Kunst machen, die… die vielleicht ausgestellt werden in irgendwelchen Off-Spaces, aber die nie gekauft werden. Oder das sind Arbeiten, die gar nicht gekauft werden können. Weil sie so abstrakt sind, so … so ähm … so leicht. So luftig. Sozusagen nur in dem Moment Moment existieren. Und wo die trotzdem noch sagen würden: Ich bin Künstler! [41:50]
  • Anfang und Ende von Kunst
  • Das Problem ist halt, es ist schwierig halt zu zu … der Begriff ist so schwer zu fassen. Wo beginnt Kunst und wo endet Kunst.
  • ABER du hast einen Trichter gemacht!
  • Äh genau. Dieser Trichter ist halt … ähm weil er sehr bildhaft ist. Das ist halt eine sehr schön schön schöne Metapher. Ja? Äh äh…
  • Du hast aber bereits angefangen mit…
  • Beuys Joseph Beuys Fettecke
  • Zum Beispiel Beuys Joseph Beuys. Diese Fettecke. Ja? Fettecke, 1982/1989, Joseph Beuys Joseph Beuys (Fotolink ) fettecke-k.jpg
  • Ja.
  • Also. Ähm. Würde man vielleicht auch sagen: Das ist etwas, äh das hast du zwar selbst geschaffen und ähm äh vielleicht erkennt man dich auch wieder, weil du hast auch andere Dinge geschaffen, die irgendwie mit Fett zu tun haben.
  • Na hat er ja auch gemacht.
  • Ja. Ähm. Äh. Äh. Aber äh äh es gibt vielleicht kein Interesse. Oder es gibt vielleicht keinen Markt. So und das ist halt ganz interessant…
  • Den gabs aber.
  • Erfolg nach Tod des Künstlers
  • Äh. Später ist der erst dazugekommen. Also es gibt ja auch viele Künstler, äh die zeitlebens äh eben nicht ähm äh äh… wo ihre Fähigkeiten nicht gesehen worden sind. Sondern erst nach ihrem Tod. Posthum. Haben sie halt äh äh … ähm… haben sie halt Erfolg erlangt.
  • Weil sie gesehen wurden aber abgelehnt wurden?
  • Zum Beispiel.
  • Also wie van Gogh Vincent van Gogh als Klassikbeispiel. Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife, 1889, Vincent van Gogh Vincent van Gogh gogh-k.jpg
  • Kunstbegriff abhängig vom gesellschaftlichen Wandel
  • Das zeigt zum Beispiel ganz klassisch, dass der Kunstbegriff dem dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen ist. Also…
  • Genau.
  • … es gibt Zeiten, in denen äh, wo man das nicht als Kunst verstehen würde.
  • Ja.
  • Und es mag andere Jahrhunderte geben, wo man das wiederrum ganz anders sieht.
  • Genau. Und jetzt… Jetzt sind wir aber im Hier und Jetzt. Und jetzt redest DU.
  • Wann ein Markt vorhanden ist
  • Genau. Und äh ich sage, dass zum Beispiel die äh Wiederverkaufbarkeit oder das Materielle… der materielle Wert eines Kunstwerkes… eines Kunststücks… äh sich eben auch messen lassen kann in Geld. Also wenn… wenn ein Markt da ist. Für diese Kunst. Dann wird auch… dann äh sieht man in dem Stück [kurze Pause] schneller Kunst… [Pause] ÄHM [Pause] Und ist vielleicht auch… und der Wert steigt auch schneller…
  • Mhm.
  • … als wenn dieser Markt nicht da wäre. Und deswegen ist eben äh… äh… Keiner würde sich ähm eine… Fettecke in seine Wohnung WÜNSCHEN.
  • Ja.
  • Gleichwohl ähm hat man es in Museen äh zeigen WOLLEN. Diese Art von Kunst. Äh und äh der Bundestag war ja bereit, für öffentliche Kunst ja sehr viel Geld auszugeben. Ich erinnere mich an diesen Tisch. Mit diesen zwei Stahlkugeln. Tisch mit Aggregat, Joseph Beuys Joseph Beuys aggregat-k.jpg [43:50]
  • Mhm.
  • Tisch mit Aggregat (siehe Umzugskarton Freiburg)
  • Also wo jeder denkt… ähm… hat man das dort stehen gelassen? Beim Umzug? Welche Bedeutung hat das ganze? Ja? Äh…
  • Wo war das? Im Bundes…
  • Im Bundestag.
  • Steht das immer noch da?
  • Kunst im öffentlichen Raum
  • Äääh also ich kann mich erinnern, dass, als Frau Merkel damals glaube ich Bundeskanzlerin geworden ist, hatte man überlegt, oder Woltar Ries… Rita Süß… Rita Süssmuth war das glaube ich, die damalige Bundestagspräsidentin, dass man Geld ausgegeben hat für öffentliche Kunst. Oder für Kunst im öffentlichen Raum. Soviel mehr [herum].
  • Mhm.
  • Ähm und damals hatte man dann eben diesen Tisch mit den zwei Stahlkugeln gekauft. Äh obs den heute dort noch gibt, das weiß ich nicht.
  • Wir können noch einmal recherchieren.
  • Aufschrei Bevölkerung, Banalität
  • Ja. Aber für mich… damals habe ich schon in der Zeitung gelesen… dieser Aufschrei, warum gibt man soviel Geld für etwas aus, für sowas Banales aus. Ja? Und so äh… Natürlich wird jetzt die eine Seite sagen: Ja der Künstler hat sich dabei was gedacht! Und da kann man ganz viel hineininterpretieren und so! Und die andere Seite sagt: Ja TOLL. Das ist halt Holz und Stahl. Ähm.
  • Genau um diese Seite gehts mir. jetzt übrigens. Jetzt verstehst du das.
  • Und ähm
  • Steuergelder
  • Und zwar das ist die Seite, die die das Volk repräsentiert. In den Pressemitteilungen. Wo dann halt hinterfragt wird, warum wird dafür so viel Geld… Steuergeld… ausgegeben. Weißt du?
  • Markt als Spiegel für Akzeptanz Kunst
  • Ich als … um das noch einmal zu sagen. Ich glaube halt, dass der Markt ein sehr guter Spiegel dessen sein kann, äh, was gesellschaftlich als Kunst akzeptiert wird.
  • [unterbricht] Er ist aber noch nicht im Trichter automatisch oben. Sondern er könnte sozusagen ein … ein… nicht Indiz… sondern ein… ein… doch ein Indiz dafür sein, dass es sich um Kunst handelt.
  • Kunst ist, wenn jemand sagt, es ist Kunst
  • Erst einmal ist es oben drinne. Weil jeder der sagt: Das ist Kunst, … das kann ich ihm ja erst einmal nicht absprechen. Also wenn er das mit einer gewissen ähm… Ja doch! Vielleicht will ich… will ich oben den Trichter gar nicht so eng machen. Ähm. Und gar nicht davon sprechen, er braucht eine bestimmte Begabung und ein bestimmtes Können. Vielleicht GLAUBT er ja diese Begabung oder das Können zu haben. Äh äh…
  • Ja.
  • Es entspricht aber nicht meinem äh Kunstverständnis. Oder meiner Ästhetik. So. Und aber nur weil er der Meinung ist äh, das wäre schon Kunst, gehört er erst einmal oben in den Trichter mit rein.
  • Also machst du es dann ganz offen. Sozusagen.
  • Genau. Kunst im weiteren…
  • Das finde ich gut.
  • … äh Kunst im weiteren Sinne.
  • Kunst im weitesten Sinne
  • Im WEITESTEN Sinne. Sozusagen.
  • Sogar im WEITESTEN.
  • Sobald eine Person sagt, äh, das ist Kunst. Dann ist es eigentlich Kunst. Egal ob man es jetzt begründen kann oder nicht. Aber er hat halt das Wort mit dem Objekt verbunden. [46:00]
  • Naja. Moment Moment. Nein nein. Ich nehme da schon eine Einschränkung vor. Und zwar nicht nur deswegen weil er sagt, er behauptet es sei Kunst. Das reicht mir nicht aus. Sondern ich… er glaubt, dass er eine gewisse Begabung und Können hat. Das ist für mich schon RUDIMENTÄR. Diese Begabung oder das Können. Denn äh… es kann nicht sein… ich halte jetzt hier eine Cola-Flasche hoch. Ich mache das jetzt gerade mal! Und sage: Genau diese Cola-Dose und genau dass die Cola jetzt zu einem drittel nur noch gefüllt ist, dass machts jetzt zu einem … zu Kunst. Ja?
  • Ja.
  • Leider vergängliche Kunst. Aber vielleicht ist das ähm… Genau. Es ist ein Moment Moment. Eine Momentaufnahme.
  • WARTE MAL. Das sagst du jetzt als jemand der Künstler ist oder als jemand der…
  • Nein. Ich will nur gerade sagen… äh… das reicht für mich nicht aus. Ja? Nur weil ich das jetzt als Kunst bezeichne. Diesen Moment Moment. Ähm machts das nicht zur Kunst. Und gehört auch nicht in diesen Trichter rein.
  • Sicht des Künstlers und Betrachters auf ein Objekt
  • Darf ich dich da ganz ganz kurz unterbrechen? Bitte.
  • Okay. Machs.
  • Redest du jetzt als Alexander [NACHNAME löschen, 47:05) oder redest du als jemand, der Künstler ist. Und diese Flasche hoch hält. Und… also normalerweise Kunst macht und jetze … Weil das ist ein GANZ großer Unterschied.
  • Nein nein nein nein. Also im… Ich rede jetzt als Privatperson.
  • Als Alexander [NACHNAME löschen, 47:15).
  • Genau. Weil ich will abgrenzen. Nicht weil jemand – egal was er ist - sagt, das ist Kunst, wird es zu Kunst.
  • AUCH auch wenn ein Künstler das sagt?
  • Auch wenn ein Künstler das sagt.
  • Auch wenn du das zwanzigmal wiederholst. Ist es dann nicht eine Kunst-Performance?
  • Künstler muss überzeugt sein, Kunst zu machen
  • Nein. Da muss man sich wieder überlegen, äh äh ob in dem was er macht, nicht doch ein Stück… NEIN NEIN. Halt. Die Abrenzung, die ich vornehmen wollte, war eine andere. Und zwar habe ich gesagt: Der Künstler, oder derjenige der das hoch hält, muss auch selber davon überzeugt sein, dass er das mit einer gewissen Begabung oder einem gewissen Können macht. So. Und wenn du mir sagst, ein Künstler macht zwanzigmal einen … schwarzen Strich… 55/005, 1955, Kohle, Norbert Kricke, gezeigt im Kunstverein Potsdam strich-k.jpg
  • Ja.
  • … aufs Blatt Papier. Und stellt das dann in einer Sammlung aus.
  • Ja.
  • Reicht es mir nicht, dass er sagt: „Das ist Kunst“. Dann landet er noch nicht in dem Trichter. Sondern er landet nur dann drinne, wenn er auch GLAUBT, dass er das mit einer gewissen Begabung oder einem gewissen Können gemacht hat.
  • Formen auch von Kindern umsetzbar, ohne Begabung und Handwerk Handwerk
  • Aber ein Strich kann schon ein Baby machen. Da brauche ich keine Begabung und kein Können. [kurze Pause] Ein KÖNNEN. Er braucht eine Hand. Er braucht… er muss einen Stift halten können. Ist das für dich schon ein Handwerk Handwerk? [48:20]
  • Also ich gebe zu… Ich gebe zu, diesen Aspekt, den ich da mit reinnehme… in diesen weiten Trichter, ja? Äh ist etwas, was man objektiv nicht wahrnehmen kann. Sondern was nur derjenige, in seiner subjektiven Wahrnehmung selbst entscheiden kann. Nämlich: Mache ich das, weil ich mir darüber Gedanken gemacht habe?
  • Mhm.
  • Mache ich das, weil ich mich vielleicht sogar abgrenze von anderen? Weil die… ähm nicht auf die Idee gekommen sind. Das ist einfach GENIAL. Zum Beispiel sich auf den Moskauer … Moskauer Platz stellen und nackt auszuziehen. Oder wie es andere machen halt: Ich stelle mich auf einen großen Platz und lass hundert andere Menschen nackt ausziehen. Und mache ein Foto davon, ja? Fixierung, Performance, Roter Platz, Moskau, 2013, Pjotr Pavlenski fixierung-k.jpg
  • Unterschied zu Kindern: Idee
  • Äh also die Idee, die dahinter steckt, machts dann wieder zu dem Begriff. Er sagt es IST Kunst, er hat sich auch… er glaubt auch, dass es selbst Kunst ist. Weil er das mit einer gewissen Nachhaltigkeit macht. Weil er sich Gedanken …
  • Mhm.
  • … darüber gemacht hat. Weil er glaubt, andere wären nicht auf diese Idee gekommen. Damit landet er erst einmal per se in diesen weiten Trichter. Ob er dann am ENDE immer noch als Kunst definiert wird… das ist dann … ist dann ein Prozess. Das ist ja ganz schwierig, was am Ende übrig bleibt.
  • Okay. Ganz ganz kurz noch.
  • Ganz ganz kurz. Schmähgedicht.
  • Kritik am Interview
  • Du redest die ganze Zeit!
  • Ja deswegen werde ja auch ICH interviewt!
  • [ganz laut] JA ABER ICH WILL JA ZWISCHENFRAGEN STELLEN! Ansonsten vergesse ich das nämlich.
  • Schmähgedicht und Kunstfreiheit
  • Deswegen … zum Beispiel auch dieses Schmähgedicht. Schmähgedicht, Jan Böhmermann (Schwärzungen von WELT) , Foto DW schmaehgedicht-k.jpg
  • Äh äh… der jenige, der das geschrieben hat, hat … war der Meinung… äh, er äh dieses Schmähgedicht, das was er gemacht hat, unterfällt[?] dem Kunstbegriff. Und der Kunstfreiheit. Ja?
  • Ja.
  • Ähm. Und äh… Rechtsanwälte mussten sich und Richter mussten sich dann damit beschäftigen, ob er unten am Ende, was denn, wo der Trichter am Ende rauskommt… oder wo das Gesetz ansetzt, viel mehr… ob es denn auch wirklich dem äh äh Kunstbegriff im Sinne des Gesetzes unterstellt.
  • Mhm.
  • Äh. Und nur weil jemand ein Gedicht schreibt und da irgendwie äh frech jemand ähm vorwürft mit Ziegen zu ficken… ÄH ÄH … das reicht für mich nicht aus! Also das ist ja…
  • Was ist dabei rausgekommen?
  • Ähm. Also…
  • Ich habs nicht mitbekommen.
  • Ich… ich habs auch nicht bis zum Ende verfolgt. Aber zumindestens wurde er glaube ich freigesprochen. Ähm.
  • Aus einem anderen Grund, weil…
  • Nein. Die Gerichte haben es unter der Kunstfreiheit …
  • Okay.
  • … der noch zulässigen Form… also … es war eine Gratwanderung, aber sie haben es noch darunter…
  • Satire / Gratwanderung
  • Gut. Aber eine Gratwanderung ist ja schon einmal was, was die… na wie heißen die, die das machen… ähm… Na wie … Was ist der denn? Nen… ähm… [kurze Pause] Der die Leute auf die Schippe nimmt. Und so. Das ist doch eine Gratwanderung. Zwischen … ach Mensch, wie heißen die denn? Weißt… weißt du …
  • Satire?
  • SATIRE!
  • Ja.
  • Das ist doch eine Gratwanderung. Also das ist doch klar. Da wird dann die große Frage gestellt: Ist es noch Kunst oder eben nicht. Aber das ist doch dann gut! Also… Ich meine, er wandert dann ja genau dort, wo solche Fragen eben aufkommen. Die jetzt bei dem Leinwand-Bild … [50:50]
  • Ja.
  • … nicht aufkommen.
  • Genau. Und jetzt muss er sich abgrenzen. Der nächste stellt sich hin und schreibt auch ein freches Gedicht. An die Bundeskanzlerin.
  • Mhm.
  • Ja? Und ist jetzt…
  • Passiert bestimmt oft.
  • … der Meinung ähm, auch ICH falle jetzt unter diesen Kunstbegriff. Das MUSS aber nicht so sein. Weil…
  • Schmähgedicht = Kunst, da Gedichtsform?
  • [unterbricht] Obwohl es in Gedichtform ist? Also sozusagen Handwerk Handwerk ist?
  • Ja aber ich glaube, in dem Moment Moment hat auch mehr eine Rolle gespielt. Und zwar dass er eine Person im äh im in der öffentlichen Wahrnehmung ist. Er ist Moderator. Er ist im Fernsehen aktiv. Äh. Das ist was ganz anderes, als wenns eben äh… der… der Bauarbeiter zu Hause verfasst und an die Bundesregierung ein Gedicht schickt, äh, wo er halt die Bundeskanzlerin beschimpft. Ja? Also das kann sehr wohl…
  • [unterbricht] Aber ein Gedicht ist es.
  • Nicht jeder, der denkt, Kunst zu machen, ist Künstler
  • Aber ein Gedicht. Aber da kann man sehr wohl dazu kommen, dass das eben einfach nur noch den Tatbestand der Beleidigung erfüllt. Äh aber nicht mehr unter dem Begriff der Kunstfreiheit fällt. Also diese… diese… diese Differenzierungen… die sind so … so… so klein. Also so… ja wie soll ich sagen? Ähm. [kurze Pause] Man muss halt gucken. Nicht … nicht jeder der von sich behauptet, Kunst zu machen, oder Künstler zu sein, fällt für mich in diesen Trichter rein.
  • Okay. [52:00]