Viola Márton | Susan Winter + Vera Lauf: BÖSE IST, WAS ABLENKT, 2009
Unter dem von Franz Kafka entliehenen Titel »Böse ist, was ablenkt«1 beschäftigt sich das gemeinschaftlich entwickelte Projekt mit dem Thema der ›perfekten Form‹ in der künstlerischen Praxis sowie in der Alltagskultur. Gleichzeitig reagiert es dabei auf die räumlichen Gegebenheiten der Galerie.
Aus von der Decke hängenden Nylonfäden ist eine Goldene Spirale in den länglich gestreckten, rechteckigen Kunstraum installiert. An den Enden der fast unsichtbaren Fäden hängen die abgeschnittenen Spitzen eines Stacheldrahtzauns. Ein im zweiminütigem Abstand wiedergegebener Sinuston, der mittels Multiplikation der Wellenlänge (= Raumlänge) und deren Frequenz mit der Goldenen Zahl berechnet wurde, erzeugt eine tonale Disharmonie.
Basierend auf dem Goldenen Schnitt, referiert die gesamte Installation auf ein klassisches Gestaltungsmittel der Bildenden Kunst und Architektur. Zur Erzeugung von ›Harmonie‹ fand jenes Maßverhältnis bereits seit der Antike Anwendung. Insbesondere den Bauten und Werken der Renaissance wurde eine häufige Anwendung des konstruktiven Verfahrens zugesprochen. De Divina Proportione (Über die göttliche Teilung) nannte der Franziskanermönch Luca Pacioli seine Anfang des 16. Jahrhunderts verfasste Schrift, in der er sich mit dem Goldenen Schnitt als Hilfsmittel für die Konstruktion der von Platon ins Feld geführten geometrischen Körper beschäftigte. Ein Teil der Publikation stellt eine Abhandlung über Vitruvs Studien zur Architektur dar, während Leonardo da Vinci die Illustrationen lieferte, was in Folge zu einer (in der Schrift selbst nicht angelegten) Verknüpfung von künstlerischen, mathematischen und architektonischen Erzeugnissen führte. Durch den Verlauf der Kunstgeschichte bis in die Gegenwart behielt das gestalterische Mittel nicht allein eine permanente Präsenz, sondern lieferte auch eine Grundlage zur Idealisierung eines prototypischen Körpers. In enger Anlehnung an Leonardos auf Vitruv basierender Visualisierung der Beziehung geometrischer Formen mit den menschlichen Proportionen entwickelte beispielsweise Le Corbusier Anfang des 20. Jahrhunderts ein modulares System, das sich am menschlichen Körper – hier wie bei dem Vorbild am männlichen, europäischen – sowie am Goldenen Schnitt orientierte. Seine 1949 veröffentlichte Publikation Der Modulor stellt die ideale Gestaltungsgrundlage seiner Architektur vor, die spezifisch in dem von ihm entworfenen sozialreformerischen Massenwohnungsbau der Unité d ´ Habitations zum Einsatz kommt. Nicht zuletzt die mathematisch fundierte Berechnungsgrundlage, die der Goldene Schnitt spätestens seit dem 19. Jahrhundert erhielt, ermöglichte eine Standardisierung des vermeintlich natürlichen Ebenmaßes. Insbesondere die Folgen solcher rationalisierter Normierungen, die stets zu Exklusionen führen und die Gefahr einer totalitären Ausformulierung beinhalten, traten mit der ›Krise der Moderne‹ in Erscheinung.
»Böse ist, was ablenkt« potenziert mit der Goldenen Spirale wie mit dem auf der Goldenen Zahl basierenden Sinuston das Verhältnis des Goldenen Schnitts und steigert es ins Übermäßige. Die Installation thematisiert die Effekte, Ambivalenzen und Widersprüche der gewählten Form zwischen Vollkommenheit und Unbehagen. Was gilt als perfekt und als angestrebte Norm? Wie wird ein- und ausgegrenzt? Was lenkt wovon ab? Und: Ist tatsächlich das, was ablenkt böse?
Vera Lauf, Viola Márton, Susan Winter
1 Franz Kafka. Nachgelassene Schriften und Fragmente II. Herausgegeben von Jost Schillemeit. Textband 1992. In: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe. Herausgegeben von J. Born [u.a.]. Frankfurt a.M. 1982