Petra Mattheis: Lustgeräusche (gurgelndes Feuerwerk), 2009

Warum machte Gott uns zum Voyeur?

Im Paradies war es sicherlich schön, vielleicht ein wenig langweilig. Als die Schlange überzeugend zischelte: »Eure Augen werden aufgetan und ihr werdet sein wie Gott und das Gute und das Böse erkennen.«, klang dies vernünftig genug, dem Erkenntnisdrang nachzugeben. Der Verlust der Unschuld brachte die Entdeckung der Sexualität und die Erkenntnis den ersten Begriff: die Scham. Plötzlich waren Eva und Adam nackt. Die Grenzüberschreitung des Verbots lässt Intimität und Öffentlichkeit aufeinanderprallen.

Der Ausstellungsraum ist wie das Paradies. Ständig lockt etwas Jemanden. Immer guckt Einer zu und ein Anderer genießt es, angeschaut zu werden. Über allem voyiert ER oder SIE. Immerzu geht es um Grenzüberschreitung, nie ist ein Terrain sicher. Erkenntnis ist überall. Es gibt die Begierde, die Lust, die Hingabe, die erotische Faszination. Es gibt das Sehen, das Angesehen werden. Es gibt Nähe und Entfernung, Intimität und Öffentlichkeit.

Dies sind die inhaltlichen Pole, zwischen denen der Raum für meine Arbeiten entsteht. Formal ist die Sprache das Erste, das dem Betrachter ins Auge springt. Wer des Lesens und der deutschen Sprache mächtig ist, beginnt automatisch zu lesen. Oft ist der reine Leseakt durch die Anordnung der Buchstaben oder die Typografie erschwert. Es sind keine schnell verfügbaren reinen Informationen. Die Bildhaftigkeit des Inhalts wird durch das Layout, die Typografie, das Material und die Installation erweitert. Immer haben die Arbeiten skulpturalen Charakter. Es ist wichtig für mich, dass die Worte eine sinnliche Qualität haben. Der Betrachter soll sie förmlich auf der Zunge spüren und ihre Form schmecken können. Die Grenze zwischen der künstlerischen Arbeit und dem Betrachter wird in dem Moment, in dem er zu lesen beginnt, aufgehoben. Schon schleichen sich die Texte in des Betrachters Kopf. Vielleicht hängt er den intimen Gedanken nach, vielleicht will er nicht gesehen werden, wie er sie liest, vielleicht packt er das Gelesene erst einmal weg, bevor er es verdaut. Die Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit wurde überschritten. Der Betrachter entscheidet selbst, auf welches Terrain er sich zurückziehen mag.

Die Arbeit Lustgeräusche erinnert an den Mund, der uns zum Sprechen und zum Küssen dient. Die Zunge, die Lippen, die Zähne umschmeicheln Mund und Sinne des Anderen. Der lautbildende Apparat ist auch der berührende Apparat. Liebende trinken das Wort von den geliebten Lippen1.

Was passiert, wenn man gleichzeitig küsst und spricht? Wie betastet die Zunge einen sprechenden Kuss? Welche Dichte hat er? Wie schlüpft er zwischen den Lippen hervor? Kann ich meine Zunge in die küssende Sprache tunken? Lässt sie die Haut anschwellen? Vibriert sie? Bringt sie gurgelnde und zwitschernde Sprechblasen hervor?

Petra Mattheis

1 Roland Barthes: Die Lust am Text

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