Ein intensives Kontextbewußtsein prägt die Kunst der 90er Jahre ebenso wie ein erweitertes Verständnis des Ästhetischen: und damit hat sie Teil an einer Entwicklung, die in vielen kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen wirksam ist.
So haben zum Beispiel in verschiedensten Disziplinen der Geistes- und Naturwissenschaften ästhetische Fragestellungen wesentlich an Bedeutung gewonnen. Zum einen, weil zahlreiche Vorgänge in der Natur und in der Gesellschaft eine immantente Ästhetik erkennen lassen, zum anderen, weil Forschungen sich immer mehr dem Bereich des Nicht-Erkennbaren und Nicht-Darstellbaren annähern. Erinnert sei hier auch an die gelegentliche Forderung, eine interdisziplinäre Ästhetik solle die Rolle einer neuen Leitwissenschaft einnehmen.
Wo aber die Ästhetik unabhängig von der Kunst in das Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit gerückt ist, wurde das Vermögen der künstlerischen ästhetischen Praxis auch im Bezug auf eben diese Entwicklung bislang wenig beachtet.
Die Durchgestaltung privater, urbaner wie ökologischer Räume, die ständige Anwesenheit medialer Ansprache im öffentlichen wie im privaten Alltag, das Styling sozialer Aktivitäten der "Spektakelgesellschaft" und die Überproduktion künstlerischer Objekte samt ihrer institutionellen Verfasstheit und was dergleichen mehr die ästhetische Praxis herausfordert: der natürlich werdende Umgang mit Künstlerischem führt gegenwärtig viele Künstler zu einer Suche nach Arbeitsansätzen außerhalb der ästhetischen Produktion oder/und der üblichen Kontexte.
Dabei werden weder die Grenzen der Kunst überschritten (oder gar geschleift), noch läßt sich sagen, daß ein ehemals äußerer Bereich den Kontext der Kunst betritt. Wir möchten vielmehr von einer Verpflechtung zweier oder mehrerer Kontexte sprechen, von einem interkontextuellen Prozeß, der für die Summe wie für die Teile ein Plus verspricht.
Auf dem Symposium soll die Frage verhandelt werden, ob es sich bei den Beiträgen, die die Kunst zu interkontextuellen Dialogen leisten kann, um kreative Trittbrettfahrten in einer technokratischen Zeit handelt, die sich eine kleine Zahl von Paradeindividualisten leisten kann und will, oder ob es nachweisbar Chancen und Perspektiven einer künstlerischen Kompetenz auf vormalig außerkünstlerischem Terrain gibt.
Wir gehen davon aus, daß die Fähigkeit des Künstlers, komplexe ästhetische Fragestellungen durch die ihm eigene Form der Ver-Dichtung musterbeispielhaft zu pointieren, von zunehmender Bedeutung überall dort ist, wo statt eines begrifflichen immer mehr ein ästhetisches Verständnis von Zusammenhängen, ein anschauliches Denken gefordert wird. Seine bildlichen und konzeptuell versierten Vorstellungen können eindringlich und nachhaltig in verschiedenen kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen wirksam werden, sei es als kritischer Reflex, als spielerisch-flexibler Impuls oder als utopischer Entwurf. Zumal dann, wenn gesellschaftliche und kulturelle Veränderung, begünstigt durch zeitgenössische Infrastruktur (z.B. Internet), durch kreative Kleingruppen von der Peripherie her initiiert werden kann.
Das spekulativ-collagenhafte der Kunst ermöglicht es beispielsweise, durch die Verbindung von Unterschiedlichstem die verschiedenen Ansätze der immer häufiger und immer dringlicher werdenden innergesellschaftlichen Verflechtungen exemplarisch zu inszenieren.
Mit dem Symposium schau-vogel-schau ist kein weiterer Beitrag zur "Entgrenzung der Kunst" geplant, sondern das Gegenteil: Indem im Gepräch zwischen Künstlern und Philosophen, Kunstwissenschaftlern, Naturwissenschaftlern, Soziologen etc. die Schnittstellen einer möglichen Vernetzung der Disziplinen diskutiert und überprüft werden, werden die Grenzbereiche und Differenzierungen spürbar, die der Kunst als Disziplin ihre eigenständigen Konturen geben.
Es ist das Ziel des Symposiums, auf diese Weise Perspektiven auf ein erweitertes Verständnis der künstlerischen Kompetenzen zu öffnen und damit einen Beitrag zur Diskussion über erweiterte Arbeits- und Rezeptionsweisen zu leisten.
Um die Kürze der zwei Veranstaltungstage und die wenigen Diskussionsrunden voll auszunutzen, möchten wir den Referenten vorschlagen, sich in ihren Vorträgen im wesentlichen auf die fünf folgenden Fragen zu konzentrieren: