Die Debatte um das Memorial auf Ground Zero (NY)
von Lilo Bauer

- Der Freedom Tower von Daniel Libeskind
- Die Ausschreibung für das Memorial
- Individuelles Gedenken und kollektive Symbolkraft
- Reflecting Absence von Michael Arad
- Fazit
- Literatur


Man könnte glauben, die aktuelle Mahnmaldebatte, wie sie am Beispiel Berlins bekannt ist, setze sich in New York fort. In der Öffentlichkeit wird mit grosser Intensität über Begriffe wie »Opfer«, »Erinnerung« und die Frage nach Darstellbarkeit des Unvorstellbaren diskutiert. Selbstverständlich ist der Hintergrund des Memorials in New York ein ganz anderer als beispielsweise der des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Dennoch werden anhand der Parallelen, aber auch der Verschiedenheiten, Tendenzen für den allgemeinen Umgang mit Erinnerung und geschichtlicher Verantwortung deutlich.
Was wird auf Ground Zero überhaupt gebaut? Ein Mahnmal? Ein Denkmal? Das Wort »Memorial« hat seinem Ursprung nach zunächst einmal mit »erinnern« zu tun, kann im Zweifelsfall aber sowohl mit Mahnmal als auch mit Denkmal übersetzt werden. Ich werde im Folgenden den englischen Begriff »Memorial« benutzen, um die Zweideutigkeit des Begriffes im Beispiel New York aufrechtzuerhalten.

Der Freedom Tower von Daniel Libeskind

Das geplante Memorial auf Ground Zero wird im Schatten des grössten Gebäudes der Welt entstehen. Als Daniel Libeskind im Februar 2003 mit seinem Projekt Freedom Tower die Ausschreibung für sich gewann, bereitete er auch die Idee für das Memorial maßgeblich mit vor.
»Der grosse Beitrag der amerikanischen Architektur ist der Wolkenkratzer«, so der Architekt Robert Stern. »Das geht zurück auf biblische Zeiten, auf den Turmbau zu Babel. Der Himmel ist die Grenze. (...) Wenn wir nicht das höchste Gebäude der Welt bauen, oder eines der höchsten, wirkt das dumm, als hätten wir Angst.«(1)
Dagegen hält Peter Marcuse, Professor an der Columbia University, das Bauvorhaben auf Ground Zero für problematisch. »Der Grund, warum das World Trade Center getroffen wurde und nicht die Freiheitsstatue liegt darin, dass das WTC für viele ausserhalb der USA ein Symbol der Arroganz war – egal ob zu Recht oder zu Unrecht. Ich habe das Gefühl, dass eine solche Arroganz auch weiterhin in den Diskussionen über die Zukunft des Geländes zu spüren ist.«(2)

Die Ausschreibung für das Memorial

Die Ausschreibung für ein Memorial auf Ground Zero findet im April 2003 statt. Unter den 13 Jurymitgliedern sind unter anderem der Theoretiker James E. Young und die Künstlerin Maya Lin vertreten, die mit dem Vietnam Memorial in Washington bekannt wurde. Diese beiden Jurymitglieder werden, wie wir später sehen werden, grossen Einfluss auf die Entscheidung der Ausschreibung haben. Es gibt insgesamt 5201 Entwurfsbeiträge aus 63 Ländern, wovon 8 Beiträge als Finalisten gekürt und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ähnlich wie in Berlin spiegelt der anschliessende Diskurs über die Wettbewerbsbeiträge, das öffentliche und politische Klima wieder.
Peter Eisenman, Architekt des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, kommentiert die Debatte um das Memorial auf Ground Zero so:
»Wir sollten nicht einfach die Kathedrale des Kapitalismus wiedererrichten, sondern wir müssen uns an das, was geschehen ist, erinnern, ohne eine Leere zu hinterlassen. Wir müssen irgendwas bauen. Aber nicht einfach etwas, um die Tragödie darzustellen. Die haben wir gesehen, über die Medien (...) Wir alle müssen uns überlegen, wie wir im Zeitalter der Medien noch Denkmale schaffen können. Es herrschen neue Verhältnisse – die Medien machen es schwer, die Erinnerung an das Geschehene darzustellen.« (3)
Mit Hilfe des umfangreichen Richtlinien-Katalogs der Lower Manhattan Development Cooperation, kann man bereits Wesensmerkmale des zukünftigen Memorials ablesen. Zugleich lassen sich vor diesem Hintergrund die Entwurfsbeiträge besser analysieren: Die Gedenkstätte soll das Ausmaß des Verlustes vermitteln. Die Opfer des 11. Septembers – und dazu zählen auch die Opfer in Washington und Pennsylvania, sowie die des ersten Anschlags auf das WTC 1993 – sollen individuell berücksichtigt werden. Hierbei muss aber zwischen zivilen Opfern und Helfern ausdrücklich unterschieden werden. Der Ort soll sakrale Qualität aufweisen und die historische Signifikanz des 11. Septembers verdeutlichen. Weiter soll von dem Memorial eine außergewöhnliche und starke Symbolkraft ausgehen.(4) Bezeichnenderweise gibt es kein Budgetlimit für das Projekt. Die Kosten werden vom jeweiligen Entwurf abhängig gemacht.

Individuelles Gedenken und kollektive Symbolkraft

Noch im Laufe der Ausschreibung und Vorentscheidung wird die Zerrissenheit des Bauvorhabens deutlich. Während auf der einen Seite die geschichtliche Bedeutung und Konsequenzen des Attentats »dargestellt« werden sollen, fordern die Angehörigen und viele New Yorker einen persönlichen Ort, an dem sie derer gedenken können, die sie niemals haben begraben können.
Wenn man die Konzepte der Finalisten vergleicht, bestätigt sich diese Problematik. Aus der Mehrheit der Entwürfe kann man ablesen, dass hier versucht wurde grosse Symbolkraft mit individuellen Bedürfnissen zu vereinbaren. Die Differenzierungswut zwischen zivilen Opfern und heroischen Helfern am Ground Zero sind Ausdruck eines Individualismus, der im Streit um das Mahnmal Berlin mit noch grösserer Schärfe ausgefochten wurde, und dessen Ergebnis nun Mahnmale an verschiedenen Orten Berlins sind.
Der Entwurf »Dual Memory«(5) des Teams Brian Strawn und Karla Sierralta schlug vor, ausführliche Lebensläufe der Opfer mit leinwandgrossen Portraits in das Memorial zu integrieren. Bei Toshio Sasakis Entwurf »Inversion of light«(6) soll ein blauer Laser in den Himmel strahlen. In »Suspending Memory«(7) von Joseph Karadin und Hsin-Yi Wu fliesst von den beiden parkähnlichen Gedenkstätten, die am ehesten an einen Friedhof erinnern, das Wasser zu einem grossen Pool der Tränen zusammen. Diese Art der didaktischen Erlebnisarchitektur lassen das eine oder andere Bauvorhaben unglaubwürdig erscheinen.
In seinem Artikel »Medienästhetik und Unterhaltungsarchitektur« geht Georg Franck auf das Phänomen der Popularität und Aufmerksamkeit ein: » (...) Also sollte die gesteigerte Bewusstheit im Umgang mit der Aufmerksamkeit doch zunächst einmal das eigene Aufmerksamsein betreffen. Die Bedürfnisse des aufmerksamen Daseins erschöpfen sich nicht in Unterhaltung. (...) Das bewusste Dasein verlangt nach Ruhe, nach Zu-sich-Kommen und Selbstaufmerksamkeit. Es wäre sehr eigenartig, wenn dieser Kult um Aufmerksamkeit diese anderen Bedürfnisse einfach überginge.«(8)
Ich finde diese Überlegungen vor dem Hintergrund der Memorial-Entwürfe interessant, weil sie wiederum das Kernproblem der Debatte um kollektives und individuelles Gedenken in der aktuellen Mahnmaldebatte treffen.
In New York soll nun einerseits das öffentliche Memorial mit Nischen des Privaten durchsetzt werden, andererseits spricht es den Besuchern die Fähigkeit zum individuellen Gedenken aber ab.
»Was Amerika bekanntlich fehlt, ist ein tragfähiges und aufgeklärtes Modell von Kollektivität. Individualismus wird als nationales Ideal gefeiert, doch sobald das Kollektiv sich verunsichert fühlt entwickelt es hysterische Züge. Dann verschwinden Ladendiebe für Jahre ins Gefängnis, dann werden grundlos Kriege angezettelt. Übertriebene Bevormundung, der man sich willig unterwirft, ist das mildeste dieser Krisensymptome. Ein Beispiel dafür sind die Entwürfe für die Gedenkstätte.«(9)

Reflecting Absence von Michael Arad

Überraschenderweise gewinnt der unbekannte Architekt Michael Arad mit seinem minimalistischen Entwurf »Reflecting Absence«(10) die Ausschreibung. Der Entschluss wird vom Jurymitglied James E.Young so begründet: »(...) We liked its simplicity, its minimalist aesthetic, and how it wasn`t too cluttered. The voids themselves (...) really seemed to articulate absence, as the most authentic reference to the site, even more authentic than bringing remnants back.«(11)
Das ästhetische Mittel der Leere hat in der aktuellen Debatte als Alternative zur »Darstellung« des Unfassbaren immer wieder eine Rolle gespielt. Ich möchte an dieser Stelle an Horst Hoheisels (siehe Horst Hoheisel) Mahnmalbeitrag in Berlin erinnern, in dem er verschlug, das Brandenburgertor zu zermahlen, um Abwesenheit und Verlust zu symbolisieren. Der nun realisierte Entwurf von Peter Eisenman (siehe auch »Das Denkmal für die Ermordeten Juden Europas«) thematisiert »Leere« aus einer Verweigerungshaltung heraus; das Stehlenfeld könnte in seiner Unbestimmtheit als politisches Statement gelesen werden. Meist kommt es aber zu »Ausbesserungen« am Bau: Eisenman muss Kompromisse in Kauf nehmen; die Stehlen werden gekürzt. Eingriffe in das Konzept des Künstlers werden mit Zugeständnissen an das Gesamtbild des betreffenden Ortes, oder dessen sichere Begehung begründet.
Auch im Falle New Yorks werden Veränderungen vorgenommen. Die auf Abwesenheit und Leere setzende Ästhetik wird dem Entwurf zum Verhängnis. Michael Arad wollte einen kahlen, unbepflanzten Platz, auf dem die »footprints« der WTC-Türme die Hauptrolle spielen sollten. Doch diese schonungslose Zurücknahme der stilistischen Mittel stieß auf allgemeinen Protest, nicht zuletzt von Seiten der Angehörigen der Opfer. Die Grundsatzfrage nach Mahnmal oder Gedenkstätte wird deutlich. Dazu schreibt die Neue Zürcher Zeitung: »Eine Gedenkstätte für die Toten aber ist kein Mahnmal gegen Menschheitsverbrechen und Krieg (...) und keinesfalls muss sie, wie auch gefordert, die Frage stellen, warum die Terroristen uns hassen. Die Entscheidung für Arads Reflecting Absence ist die Entscheidung nicht für einen Erinnerungsort, sondern für ein Mahnmal. Es erinnert (...) fatal an ein Mausoleum, in dem die Absenz alles Lebendigen auch für die Zukunft festzementiert werden könnte.«(12) Entscheidet allein die Ästhetik des Memorials über Mahnen oder Gedenken? Welche Rolle spielt dann die politische Verantwortung im Zusammenhang mit dem 11. September? Jordan Mejias, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beantwortet die Frage so:
»Berliner Verhältnisse werden in New York kaum einreißen. Amerika hat den Vorteil, dass es seine Erinnerungsarbeit hier nicht in Scham verrichten muss. Ein Mahnmal entsteht darum am Ground Zero, wo niemand niemanden zu mahnen braucht, eigentlich nicht.«(13)

Fazit

Auf Ground Zero wird ein Memorial entstehen, dass in seinem minimalistischen Entwurfskonzept an ein Mahnmal erinnert, in seiner realen Form dem gewünschten Gedenken aber noch angepasst wird. Die Fläche um die »footprints« wird nun vom Landschaftsarchitekten Peter Walker mit Pinienhainen bepflanzt, es ist sogar angedacht, einzelne Wrackteile aus den Trümmern dort zu exponieren.
Jochen Gerz (siehe auch »Warum ist es geschehen?«
Der Entwurf von Jochen Gerz für das Holocaustdenkmal in Berlin)
der den traditionellen Mahnmalbegriff grundsätzlich in Frage stellt, hat mit dieser Haltung die Debatte in Berlin wesentlich mitgeprägt. In seinen Entwürfen und realisierten Projekten stehen Partizipation und menschliche Emotionalität im Vordergrund. Ich finde, das sind wichtige Aspekte, denn Erinnerungsfähigkeit wird vor allem durch Emotion möglich gemacht.
Reflecting Absence, was soviel wie »Abwesenheit reflektieren« heißt, zielt nicht auf Partizipation oder Mitautorenschaft der Besucher ab. Ob das was von Arads »Leere« übrig bleibt, den Besucher tatsächlich dauerhaft »betrifft« und die Art von Aufmerksamsein ermöglicht, von dem Georg Franck sprach, bleibt fraglich.
Das Memorial auf Ground Zero ist verglichen mit Berlin in einer relativ kurzen Zeit geplant und entschieden worden. In einem Artikel der Village Voice ist vom »super-fast-track express for our morning experience«(14) die Rede und wird die rasante Geschwindigkeit mit der nach Lösungen für Trauerarbeit in der Öffentlichkeit gesucht wird kritisiert. Gleichzeitig geht aus dem Artikel auch hervor, das die geschichtliche Dimension des 11. September hinterfragt wird, die ja bis zum heutigen Zeitpunkt völlig ungeklärt ist.
Grundsätzlich, in Berlin, wie auch in New York bleibt die Frage zu stellen, wie es eigentlich um unserer Erinnerungskultur steht, wenn ständig versucht wird, sich an Bauwerken abzuarbeiten. Gegenentwürfe, die sich ausserhalb der traditionellen Muster befinden, haben auf teuersten Grundstücken wie das Regierungsviertel in Berlin und im Financial District in New York leider keine Chance.

 

Fußnoten
(1) Robert Stern, Die Zukunft von Ground Zero. 06. September 2003. www.3sat.de/kulturzeit/specials/50075/index.html
(2) Peter Marcuse, die Zukunft von Ground Zero. 06. September 2003, a. a. O.
(3) Peter Eisenman, Keine Kathedrale des Kapitalismus. 06. September 2003. www.3sat.de/kulturzeit/specials/50076/index.html
(4) Lower Manhattan Development Cooperation, Memorial Competion Guidelines. New York 2003, S. 19. www.wtcsitememorial.org
(5) siehe Abbildungsnachweis
(6) siehe Abbildungsnachweis
(7) siehe Abbildungsnachweis
(8) Georg Franck, Medienästhetik und Unterhaltungsarchitektur. Die andere Seite der Aufmerksamkeit, Merkur Nr. 615, Stuttgart 2000, S.16. www.iemar.tuwien.ac.at/publications/ Franck_2000a_arch_de.pdf
(9) Jörg Häntzschel, Trauer in Vollendung. Süddeusche Zeitung, 21. November 2003.
(10) siehe Abbildungsnachweis
(11) James E. Young, An Interview with WTC Juror James Young by Sam Lubell, 2004. www.archrecord.construction.com
(12) Andrea Köhler, Fussabdruck der Leere. Neue Zürcher Zeitung, 10. Januar .2004.
(13) Jordan Mejias, WTC-Gedenkstätte: Die Entwürfe der Finalisten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. November 2003.
(14) Herbert Muschamp, Amid Embellishment and Message. Village Voice New York, 20. November 2003.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Arad, Michael: Reflecting Absence. LMDC via Reuters, New York Times 2004.


Karadin, Joseph und Wu, Hsin- Yi: Suspending Memory. LMDC via Reuters, New York Times 2004.

 


Sasaki, Toyo: Inversion of Light. LMDC via Reuters, New York Times 2004.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Strawn, Brian und Sierralte, Karla: Dual Memory. LMDC via Reuters, New York Times 2004.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 

 

Literatur
- Eisenman, Peter: Keine Kathedrale des Kapitalismus. 06. September 2003. www.3sat.de/kulturzeit/specials/50076/index.html
- Franck, Georg: Medienästhetik und Unterhaltungsarchitektur. Die andere Seite der Aufmerksamkeit,
Merkur Nr. 615, Stuttgart 2000, S.16. - www.iemar.tuwien.ac.at/publications/ Franck_2000a_arch_de.pdf
- Häntzschel, Jörg: Trauer in Vollendung. Süddeusche Zeitung, 21. November 2003.
- Köhler, Andrea: Fussabdruck der Leere. Neue Zürcher Zeitung, 10. Januar.2004.
- Lower Manhattan Development Cooperation: Memorial Competion Guidelines. New York 2003, S. 19. www.wtcsitememorial.org
- Marcuse, Peter: die Zukunft von Ground Zero. 06. September 2003. www.3sat.de/kulturzeit/specials/50075/index.html
- Mejias, Jordan: WTC-Gedenkstätte - die Entwürfe der Finalisten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.
November 2003.
- Muschamp, Herbert: Amid Embellishment and Message. A Voice for Simplicity cries to be heard,
- Village Voice New York, 20. November 2003.
- Stern, Robert: die Zukunft von Ground Zero. 06. September 2003. www.3sat.de/kulturzeit/specials/50075/index.html

- Young, James E.: An Interview with WTC Juror James Young by Sam Lubell, New York 2004. www.archrecord.com

Abbildungsnachweis

alle: www.nytimes.com/slideshow/2003/11/19/nyregion/20031119WTC_SLIDESHOW_2.html