Leipziger Kunstorte
  Verzeichnisse öffnen Verzeichnisse schliessen
Synagogendenkmal | Eine Begegnung

Eine Begegnung mit dem Synagogendenkmal in Leipzig

Donnerstag, 16.05.2002
Die kleine Säule davor fällt mir als erstes auf, dahin gehe ich, sie kann ich in Ruhe betrachten, ohne mich beobachtet zu fühlen. Der Judenstern und die hebräischen Schriftzeichen verweisen mich sofort auf den Grund, warum der Stein steht und mahnt. In schon wieder veraltet klingender Sprache kann ich es auch nachlesen. Vergesst es nicht!, steht auf dem Stein und noch mehr, teils nicht eindeutig und auch falsch. Für solche Sätze ist man taub geworden. Das Auge schweift darüber und vergisst gleichzeitig, was es liest, weil der Kopf der eigenen Stimme nicht wirklich zuhört. Die später eingelassene Platte verrät, dass das Jahr, aus dem diese Aufforderung stammt, 1966 gewesen ist. Ein Gedenkstein von Hans-Joachim Förster. Gut, dass man das dazugeschrieben hat, sonst nähme man an, hier läge er begraben, der Herr Förster. Obenauf liegen siebzehn Steine, kleine mitgebrachte, wie man es aus Filmen kennt, die den Holocaust thematisieren... wenn du an mein Grab trittst, bring einen Stein mir mit, dass wir bauen können daraus einen Himmelspalast... zwei braune Glasscherben liegen dazwischen, funkeln in der Mittagssonne. Wer die wohl dahingelegt haben mag?

Menschen haben gehandelt, Steine und Glas gelegt und gedacht. Ich denke an diese Menschen und erinnere mich daran, dass man gedenkt. Damit hat der Gedenkstein schon viel erreicht, glaube ich. Ein Hauch von Authentizität streift über seine nun schon verwitterte Oberfläche. Das machen die kleinen Steine und Scherben, die von Leben und Gegenwart sprechen und gleichzeitig etwas erzählen von fremden Bräuchen. Ich selbst getraue mir nicht, einen Stein hinzuzulegen. Es ist nicht meine Tradition. Selbst wenn ich annehme, dass man gerne auch meinen Stein nehmen würde für den Himmelspalast.

Aber dieser Gedenkstein ist nur das alte Relikt eines Gedenkversuches vor vielen Jahren. Das eigentliche Denkmal liegt dahinter, auf dem Grundriss der ehemaligen Synagoge. Es ist Mittag und heiß. Schatten gibt es nicht hier auf dem Platz. Der neu gepflanzte Baum ist noch zu schmächtig. Die Cafés und Kneipen auf der Gottschedstraße laden die ersten Tagesgäste ein zum späten Frühstück oder zum Mittagessen, noch wenig Touristen, die kommen später. Jetzt ist es friedlich, ein paar Spatzen zwitschern, teure Autos rollen langsam um die Kurve. Hier ist man wohlhabend, trägt schwarze Kleidung und ist schon schön braun.

Über das Denkmal führt ein Weg, der auch als solcher genutzt wird. Wer jeden Tag dort entlanggeht, richtet seinen Blick nicht auf die Gedenkstätte, sondern auf die Kneipen, das nahe Stadtzentrum oder, nimmt er den Weg in die andere Richtung, auf die Plattenbauten aus der DDR-Zeit. Still ist es dort. Eine Seite Gründerzeitviertel, andere Seite DDR-Neubaublocks. Die Blöcke scheinen das Denkmal zu schützen, es zu bewachen. Eine Wechselwirkung zwischen diesen Bauten ergibt sich.

An einer Ecke des nachgebauten Grundrisses der ehemaligen Synagoge befindet sich ein Relief für Blinde. Es sieht aus wie ein eigenes Kunstwerk. Ich möchte mit den Händen darüberfahren und die winzigen Treppen spüren und tue es. Von dort aus beginnt die schiefe Ebene, begrenzt von einer Betonwand mit Tafeln. Englisch, deutsch, hebräisch. Die Gießlöcher im Beton wurden nicht verdeckt. Normalerweise würde ich mir diese Tafeln nicht durchlesen, aber nun muss ich ja wohl. Mich irritiert die Anordnung der Tafeln und eine schmale Rille zwischen den Platten, deren Sinn ich nicht entdecken kann. Zwei Frauen haben sich ebenfalls den Tafeln genähert. Endlich jemand, der auch Interesse zeigt. Ich will nun so tun, als sei ich vertieft in die Lektüre, und mich ihnen nähern, ihr Gespräch belauschen, wissen, was sie sagen. Vielleicht spreche ich sie sogar an. Schade, dass ich kein Russisch kann!, stelle ich enttäuscht fest. Diese Frauen können reden und diskutieren, ich werde nie erfahren, welches Schicksal sie mit diesem Ort verbindet.

Nun will ich zu den Stühlen - der Hauptattraktion des Denkmals. Es sind so viele, dass ich sie nicht zählen mag, obwohl es immer noch so wenig sind, dass man sie zählen könnte. Gibt es in einer Synagoge Stühle?, frage ich mich. Wenn ja, dann aber doch nicht solche, nehme ich an. Ich sehe mir sie aus einiger Entfernung an. Über die Rampe zu dem Stuhlfeld zu gehen, getraue ich mir nicht. Da der Boden aus einem Metallgitter ist, bedeutet das für mich eine Barriere. Zudem noch das Hinweisschild: Gedenkstätte wird videoüberwacht. Da schaut man natürlich, wo denn hier die Kamera ist. Werde ich gerade beobachtet? Wundern die sich nicht, was ich hier treibe? Schließlich streife ich schon eine ganze Weile scheinbar ziellos um das Denkmal herum. Gerate ich gerade unter Verdacht? Ist das eine deutsche Eigenschaft, sich immer zuerst zu fragen: Ist das überhaupt erlaubt?

Die Stühle schimmern golden und sind bestimmt viel zu heiß, um sich darauf zu setzen. Ich werde die Stuhlfläche nicht betreten. Wer will sich schon so präsentieren, ganz allein auf diesem Platz, von den Freisitzen der Kneipen gut einzusehen.

Die Stühle werfen ein interessantes Schatten-Muster. 70er-Jahre-Stoff. Das ist alles Zufall. Tausend Gedanken fliegen mir durch den Kopf, tausend Assoziationen. Schulstühle - Druck, Zucht und Ordnung. Die strenge Ausrichtung der Stühle mag daran ihren Anteil haben. Tausend Gedanken, die nichts mit der Synagoge zu tun haben.

Weil ich nichts über sie weiß? Weil ich mir sie nicht vorstellen kann? Weil mir das Jüdische so unbekannt ist? Weil ich nicht gedenken kann? Soll ich gedenken? Gedenken andere?

Ich beobachte die Menschen, die an dem Platz vorbeigehen. Die meisten nehmen die Gedenkstätte nicht wahr, kann sein, sie sind schon zu oft daran vorbeigegangen. Manche stutzen ob der Stühle - und gehen weiter. Einer wirft einen Blick auf die Tafeln - beim Vorbeigehen. Ein junger Mann bleibt länger stehen und liest. Nachdem er fertig ist, dreht er sich noch einmal zu den Stühlen um und geht dann weiter.

Die Leute fangen an zu gucken, wie ich hier sitze, am Rand der Rampe. Noch immer suche ich nach einer mir genügenden Erklärung für die Stühle. Ich weiß zwar, dass ein leerer Stuhl auf den Abwesenden hinweisen kann, aber hier bei den vielen Kneipen gibt es so viele davon, dass ein leerer Stuhl noch nicht diese Bedeutung tragen muss.

Das Denkmal fügt sich gut ein in diesen Platz, in dieses Viertel. Es passt sich fast zu gut ein, empfinde ich, so gut, dass man es sogar übersehen kann. Mir fehlt ein innerer Anstoß. Aber das ist mein Problem, muss ich wohl annehmen. Ich frage mich, ob das ein Denkmal überhaupt leisten kann, soll? Innerer Anstoß?

Die Steine auf dem alten Gedenkstein gaben Anstoß, weil sie eine menschliche Geste symbolisieren, der auch ich als Fremde mich nicht entziehen kann. Sie sagten mir, dass man nicht Vergessen darf. Es ging weniger um das, was nicht zu vergessen ist, als vielmehr um das Vergessen an sich.


Weiteres zum Thema "Synagogendenkmal Leipzig"