Dieter Daniels ::: Vom Ready-Made zum Cyberspace

> In diesem Band werden die Wechselwirkungen zwischen Kunst, visueller Kultur, Medien und Technologie anhand von vier Themenfeldern untersucht: ein Überblick zu Klassikern medialer Kunst im 20. Jahrhundert, eine Entwicklungslinie von Duchamps Readymade bis zum Reality-TV, eine Analyse medientechnischer Modelle von Interaktivität und ein tief gehender Vergleich von Alan Turings »universeller Maschine« mit Duchamps »Junggesellenmaschine«. Der Zeitrahmen reicht dabei von der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts bis zur aktuellen Medienkunst und von der Erfindung der Fotografie bis zur digitalen Vernetzung. Der Bezug zu zeitgenössischen Theorien wird hergestellt, die ständige Verschiebung der Bedeutung von Begriffen wie »Medium« oder »Kunst« wird deutlich. Als zentraler Kreuzungspunkt dient das Werk Marcel Duchamps in seinen vielgestaltigen, über seine Zeit hinausweisenden Bezügen. Weitere wichtige Künstler sind unter anderen John Cage, Nam June Paik, Bruce Nauman und Valie Export.

> Dieter Daniels ::: Vom Ready-Made zum Cyberspace ::: Kunst/Medien Interferenzen ::: 2003 ::: erscheint in der Reihe »Materialien zur Moderne« ::: ca. 130 Seiten ::: 63 Abbildungen ::: 17 x 24 cm ::: Broschur ::: 25 € [D] ::: sFr 45 € ::: ISBN 3-7757-1040-X

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Inhaltsverzeichnis

› Vorwort

› Interferenz und Konkurrenz von Kunst und Medien im 20. Jahrhundert

› Big Brother Ready-made

Strategien der Interaktivität ‹‹‹ diesen Text online lesen ›››

Strategies of Interactivity Updated and final english version ‹‹‹ diesen Text online lesen ›››

› Duchamp: Interface: Turing

› Namens-Index

› Drucknachweise der Texte

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Vorwort

Interferenz zwischen Kunst und Medien

Impulse, die sich in ihren Auswirkungen überlagern, erzeugen Interferenzen, so wie die Wellenkreise zweier ins Wasser geworfener Steine. Die Wechselwirkung zwischen dem Bereich der Künste und dem der Medien lässt sich mit dieser physikalischen Metapher zumindest an ihrer Oberfläche darstellen. In diesem Sinne haben die vielfältigen Diskussionen, Publikationen und Institutionen, die sich seit den 90er Jahren diesem Thema widmen, reichlich Wellen geschlagen. Aber, um im Bild zu bleiben, wer die Steine wirft und wie tief sie zusammen sinken, wären die eigentlichen, selten gestellten Fragen, denen ich versuche, zumindest ein Stück weit nachzugehen.

Der Ausgangspunkt dieser Querschnitte durch das Feld der Interferenz von Kunst und Medien liegt immer bei aktuellen Fragestellungen, sowohl der Vermittlung als auch der künstlerischen Praxis und Ausbildung. Die Euphorie für eine neue Medientechnik und ebenso die Aporie, die sie in der Begegnung mit dem Kunstsystem auslöst, ist mir aus meiner eigenen beruflichen Tätigkeit vertraut, in den frühen 80ern durch Video und in den 90ern durch das Internet. Die hier vorgenommene historische und thematische Kontexterweiterung dieser zeitgenössischen Fragen hat mir gezeigt, dass diese zusammen mit den Künstlern erlebten und erlittenen Prozesse exemplarischen Charakter haben und Ausschnitte aus einem weit größeren Szenario bilden. Es beginnt mit der Erfindung der Fotografie vor zirka 175 Jahren, und jedes Medium, das neu die Szene betritt, wird seitdem mit oftmals erstaunlich ähnlichen Argumenten auf seine Kunsttauglichkeit oder Kunstfeindlichkeit hin diskutiert.

Eine Begriffsgeschichte der Termini »Kunst« und »Medien« würde wohl deutlich die Verschiebung zeigen, die sich aus dieser fortgesetzten Diskussion ergeben hat. In den 30ern sprechen Walter Benjamin und Rudolf Arnheim noch selbstverständlich von Film und Radio als »Kunstform« – auch deshalb, weil sie den Begriff »Medien« in seiner heutigen Bedeutung noch nicht kennen. Im Laufe der 60er wird das Fernsehen zum Massenmedium par excellence, bei dem sich die Frage nach seinem eigenen Kunstcharakter gar nicht mehr stellt, allen Versuchen der Videokünstler zum Trotz. Ende der 90er wird von einem Netzkünstler als Provokation formuliert, was vermutlich viele denken: »Kunst war nur ein Ersatz für das Internet.« |1

Vier Aufsätze – vier Ansätze

Die vier Kapitel dieses Buchs sind aus vier Aufsätzen hervorgegangen, die hierfür überarbeitet und in einen Zusammenhang gestellt wurden. Obwohl unabhängig voneinander entstanden, umkreisen sie die gleichen Themen. Dabei verfolgt jeder Beitrag einen anderen Ansatz, sodass die Beziehung von Kunst und Medien aus je unterschiedlichen Perspektiven erscheint. Einer Einleitung zu den klassischen Positionen künstlerischer Arbeit mit Medien im 20. Jahrhundert folgt im zweiten Kapitel ein Vergleich von Avantgardekunst mit Phänomenen der Mainstreammedien, der von Duchamps Readymade bis zum Reality-TV reicht. Dass die avantgardistischen Antizipationen sich zwar in den Massenmedien erfüllen, aber dabei zugleich eine Perversion ihrer Ziele stattfindet, ist auch Gegenstand des dritten Kapitels. Es untersucht das heute gängige Schlagwort der Interaktivität sowohl aus historischer Sicht als Fortsetzung eines Konzepts der klassischen Moderne als auch hinsichtlich der technologisch-industriellen Entwicklung außerhalb der Künste. Die hier angeschnittenen Fragen der Relation Mensch–Maschine dienen im letzten Kapitel als Ausgangspunkt für die Suche nach tiefer liegenden Gemeinsamkeiten zwischen der Junggesellenmaschine in Duchamps Großem Glas und der von Alan M. Turing entwickelten Theorie der universellen Maschine, die die Voraussetzung heutiger Computertechnik bildet, um damit einen Blick auf die Grundpfeiler der Bereiche Kunst und Medientechnologie zu werfen.

Referenzpunkt Duchamp

Die Bezüge zu Marcel Duchamp, die diese vier Kapitel als Leitmotiv durchziehen, haben über meine persönlichen Forschungsinteressen hinausreichende, exemplarische Bedeutung. Oft als einflussreichster Künstler des 20. Jahrhunderts bezeichnet, reflektiert und antizipiert Duchamp in seinem Werk auch die zeitgleich dazu entstehenden Auswirkungen der Mediengesellschaft. Sein Readymade weist schon früh darauf hin, dass sich in der Industriegesellschaft auch die künstlerische Produktion gegenüber industriellen Techniken und Materialien neu bestimmen muss.

In steigendem Maß gilt dies für alle Formen der Kunst mit technischen Medien. Während Duchamp selbst nur sporadisch mit Foto und Film gearbeitet hat, beziehen sich seit den 60er Jahren zahlreiche Medienkünstler auf ihn. Fast unausweichlich verbindet sich dabei der »Duchamp-Effekt« mit dem der elektronischen Medien. Sogar Nam June Paik, der seinem künstlerischen Bekenntnis gemäß die Technologie lächerlich machen will, leistet dem Irrtum Vorschub, ein Fortschritt in der Kunst sei nur noch über den Fortschritt der Medientechnik möglich, wenn er sagt: »Marcel Duchamp hat schon alles gemacht, außer Video [...] nur durch die Videokunst können wir über Marcel Duchamp hinausgehen.« |2 Weitere Beispiele reichen von der Serie der Duchampiana-Videoarbeiten Shigeko Kubotas bis hin zu den angeblich posthum entdeckten Last Videotapes of Marcel Duchamp – ein Fake, mit dem der Videomacher John Sanborn 1977 dieser doppelten Obsession seiner Zeitgenossen den Spiegel vorhält.

Doch dieses Buch enthält keine kunsthistorische Sammlung zur Fortwirkung Duchamps in der Medienkunst. |3 Vielmehr sieht es sein Werk als Referenzpunkt dafür, wie in künstlerischen Formulierungen die Wirkungen von Medien, aber auch die Motive, die zur Entstehung und zum Erfolg von Medientechniken führen, schon lange vor ihrer Oberflächensichtbarkeit verdichtet werden. Es geht nicht darum, die möglichen Bezüge Duchamps auf zeitgenössische Medientechnik freizulegen, wie es zuletzt Linda Henderson mit archäologischer Akribie versucht hat. |4 Umgekehrt soll sein Werk als Exempel für die Vergleichbarkeit der Prozesse stehen, die die künstlerische Invention und die technische Innovation motivieren und bewegen. |5

1 Vuk Cosic im Interview mit Tilman Baumgärtel, »Kunst war nur ein Ersatz für das Internet« in: Telepolis, Onlinemagazin, Juni 1997.

2 Nam June Paik in einem Interview mit Irmeline Lebeer, in: Chroniques de l’art vivant, 55, Februar 1975, S. 35. »The Duchamp Effect« lautet der Titel des Themenheftes der Zeitschrift October (70, Herbst 1994) zur Wirkung Duchamps auf die Kunst des 20. Jahrhunderts.

3 Zur wissenschaftlichen und künstlerischen Wirkungsgeschichte Marcel Duchamps siehe Übrigens sterben immer die anderen. Marcel Duchamp und die Avantgarde seit 1950, hrsg. von Dieter Daniels und Alfred M. Fischer, Ausst.-Kat. Museum Ludwig Köln, Köln 1988; Dieter Daniels, Duchamp und die anderen. Der Modellfall einer künstlerischen Wirkungsgeschichte in der Moderne, Köln 1992; Dieter Daniels, »Marcel Duchamp – der einflussreichste Künstler des 20. Jahrhunderts«, in: Marcel Duchamp, Ausst.-Kat. Museum Jean Tinguely Basel, Ostfildern-Ruit 2002, S. 25–35.

4 Linda Henderson, Duchamp in Context. Science and Technology in the Large Glass and Related Works, Princeton 1998.

5 Zu dieser Analogie von Kunst und Medientechnik siehe weiterführend Dieter Daniels, Kunst als Sendung. Von der Telegrafie zum Internet, München 2002.

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Reviews

› Roberto Simanowski ::: Vom Readymade zum Cyberspace (dichtung-digital - journal für digitale ästhetik)

› Carolin Artz ::: Vom Readymade zum Cyberspace (sehepunkte - Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften)

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