Dieter Daniels :: Kunst als Sendung
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Villiers de l'Isle-Adam

Die Eva der Zukunft
(erste französische Buchveröffentlichung Paris 1886)
Textausschnitte aus dem Roman

Erstes Buch Herr Edison
III Die Wehklagen Edisons

Wer seiner Trauer nachgibt, setzt seinen eigenen Wert herab.
Spinoza

Er sprach mit leiser Stimme zu sich selbst: – Ach wie spät bin ich geboren! – Wäre ich doch einer der Frühesten meines Geschlechts!
… Große Worte stünden heute im Urtext auf den Platten meiner Walze eingegraben, deren unerhörte Vervollkommnung schon heute es ermöglicht, entfernte Schallwellen aufzuhalten! … Und diese Worte, sie wären mit der Stimme, dem Tonfall, dem Akzent, ja selbst mit den Unvollkommenheiten der Vortragsweise des Sprechenden bewahrt.
Ohne gerade das galvanoplastische Klischee des »Fiat Lux« anzustreben – ein Ausspruch, der 72 Jahrhunderte zurückgehen soll (und übrigens, ob erwiesen oder nicht, aufgrund seines zeitlich unbestimmbaren Geschehens, dem Phonographen entzogen geblieben wäre), würde es mir vielleicht möglich gewesen sein, – etwa kurz nach dem Tode Liliths und während Adams Witwerschaft – in einem Gebüsch des Paradieses versteckt, jenes erhabene Selbstgespräch aufzufangen und zu verzeichnen: – »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei« – dann das »Eritis sicut deus«, das »Wachset und vermehret Euch!« … endlich das düstere Quodlibet des Elohim: Nun ist Adam wie einer der Unseren geworden … Und später, nachdem das Geheimnis meiner vibrierenden Platte sich verbreitet hätte, welche Freude wäre es für meine Nachfolger gewesen zur Zeit der Antike, zum Beispiel das berühmte »Quos ego!« zu phonographieren, die Orakel von Dodona, – die Gesänge der Sybillen? Alle wichtigen Aussagen der Menschen und der Götter wären durch alle Zeiten hindurch auf unzerstörbare Weise in diesen ehernen Tonarchiven bewahrt geblieben: und alle ferneren Zweifel an ihre Authentizität unmöglich gemacht. Ja selbst unter den Geräuschen der Vergangenheit, wie viele Laute sind da von unseren Ahnen vernommen worden, und in Ermangelung eines geeigneten Apparates auf ewig dem Nichts anheimgefallen? … Wer könnte sich in der Tat heutzutage einen genauen Begriff machen, wie zum Beispiel die Trompeten von Jericho tönten … oder das Gebrüll des Stiers von Phalaris? … das Lachen der Aguren … das Seufzen der Memnons-Säule bei Tagesanbruch? …
Tote Stimmen, verlorene Klänge, vergessene Laute, in das Nichts versinkende Vibrationen, nunmehr zu weit entrückt, um eingeholt zu werden! … Welcher Pfeil könnte diese flüchtigen Vögel erreichen?
Nachlässig drückte Edison auf einen an der Mauer im Bereich seiner Hand angebrachten Porzellanknopf. Zehn Schritte von seinem Lehnstuhl brach aus einer faradischen Säule ein blendend blauer Strahl, stark genug, ein paar Elefanten zu erschlagen. Er durchdrang mit seinem Blitz einen kristallenen Block – und erlosch in demselben hunderttausendsten Bruchteil einer Sekunde.
Ja, dachte der große Mechaniker besonnen weiter, wohl habe ich den Funken, der dem Laute ist, was der Schildkröte ihr unverletzlicher Panzer. Den Vibrationen, die von der Erde ausgingen, könnte er fünfzig Jahrhunderte und mehr in den Abgründen, in welchen sie versanken, Vorsprung lassen! … Allein auf welchem Drahte, auf welchen Spuren könnte dieser Funke sie erreichen? … Und selbst wenn sie eingeholt würden, wie sie zurückgewinnen und dem Ohr erobern? … Vorläufig muß das Problem wohl als unlösbar gelten.
Edison streifte melancholisch mit der Spitze seines kleinen Fingers die Asche seiner Zigarre ab. Nach einer Pause des Stillschweigens erhob er sich lächelnd und begann in seinem Laboratorium auf und ab zu gehen.
– Und denken, daß nach einer Lücke von sechstausend und etlichen Jahren, die meinem Phonographen so nachteilig sein mußte, das Erscheinen meines ersten Versuches mit faulen, der menschlichen Gedankenlosigkeit entsprossenen Witzen begrüßt wurde … »Kinderpossen!« murmelte die Menge. Zwar weiß ich wohl, daß, wo sie überrumpelt wird, ein paar Witze ihr zur unentbehrlichen Erleichterung werden, und ihr Zeit geben sich zu sammeln… An ihrer Stelle hätte ich mich aber doch wenigstens bemüht, wenn es nicht ohne Witz hergehen durfte – etwas weniger geringhaltige auszudenken, als die ganz untergeordneten Kalauer, welche sie sich nicht scheute, uns zu widmen.
So hätte ich lieber getadelt, daß der Phonograph sich unfähig erwies, an Geräuschen das Geräusch … vom Sturz des römischen Reiches festzuhalten … der umlaufenden Gerüchte, … des eloquenten Schweigens … und betreffs der Stimmen, daß er die Stimme des Gewissens nicht ertönen lassen kann, … noch die des Blutes, … noch all die wundervollen Aussprüche, die man den großen Männern zuschreibt, noch den Schwanengesang, … noch das Echo der unausgesprochenen Gedanken … oder der Milchstraße? Ah – ich gehe zu weit. Allein ich fühle wohl, daß ich, um meinen Zeitgenossen zu behagen, ein Instrument erfinden muß, das wiederholt, bevor noch etwas gesagt wurde, – oder das, wenn der Experimentator ihm zuflüstert: »Guten Tag« antwortet: »Danke gut, und Ihnen?« Oder das, wenn im Auditorium einer niest, ihm zuruft: »Gesundheit!«
Die Menschen sind doch erstaunlich.
Ich gebe ja zu, daß die Stimme meiner ersten Phonographen in der Tat stark an die Sprechweise des Hanswurstes erinnerte, wenn er im Theater die Stimme des Gewissens mimt, aber man konnte doch warten, zum Teufel auch! bevor man so schnell aburteilte, bis der Fortschritt ihn zu dem machte, was im Verhältnis zu den ersten Platten von Nicéphore, Niepce und Daguerre die heutigen Farbphotographien und Heliotypen sind.
Nun denn, da uns gegenüber diese Monomanie des Zweifels unverbesserlich scheint, so werde ich bis auf weiteres die überraschende absolute Vervollkommnung geheimhalten, die ich entdeckte! … und die hier unter dem Boden liegt! – fügte Edison hinzu, indem er leicht mit dem Fuße stampfte. – So werde ich zu dem Zwecke für fünf bis sechs Millionen alte Phonographen vernichten, und da schon einmal gelacht werden soll … werde ich zuletzt lachen.
Er hielt inne, dachte einen Augenblick nach, dann schloß er achselzuckend: an der menschlichen Torheit ist schließlich immer etwas Gutes. – Genug der müßigen Scherze.
Plötzlich ein helles Geflüster, die Stimme einer jungen Frau, die ihm ganz leise zuraunte:
Edison?

[…]

Fünftes Buch Hadaly
I Erstes Erscheinen der Maschine in der Menschheit

Solus cum sola, in loco remoto, non cogitabuntur orare Pater Noster.
Tertullian

Edison löste den schwarzen Schleier vom Gürtel.
Die Androide, erklärte er ruhig, besteht aus vier Teilen:
1. dem inneren Lebenssystem; es umfaßt das Gleichgewicht, den Gang, die Stimme, die Geste, die Sinne, die zukünftigen Verschiedenheiten des Gesichtsausdruckes, den Regulator der inneren Regungen, oder besser gesagt, »die Seele«;
2. dem plastischen Vermittlungsfaktor: dem metallenen, von der Haut isolierten, panzerartigen und biegsamen Gehäuse nämlich, in welches das innere System eingefügt ist;
3. der Inkarnation (oder besser gesagt, dem scheinbaren Fleisch), die, über jenes Gehäuse gezogen, vom belebenden Fluidum durchdrungen und selbst wieder belebend, alle Linien und Züge der Körper-Kopie umfaßt und die eigentümliche und persönliche Ausströmung, die Ausbildung des Knochenbaues, das Geäder, die Muskulatur, die Sexualität, kurz, die ganze Physis des Orginals aufweist;
4. der Haut, die den Teint, die Porösität, die Hautlinien bis in die kleinsten unsichtbaren Fältchen umfaßt, sowie das Lächeln, die genaue Bewegung der Lippen, das Haar, das System des Auges, mit der Individualität des Blickes, der Zähne und Nägel.
Edison hatte dies alles mit der monotonen Stimme vorgetragen, mit der eine geometrische These aufgestellt wird, deren quod erat demonstrandum in dem Exposé selbst eigentlich schon enthalten ist. Lord Ewald fühlte aus dieser Stimme heraus, daß alle »Postulate«, welche diese Reihe von ungeheuerlichen Behauptungen in seinem Geiste hervorriefen, nicht nur eine Widerlegung finden würden, sondern sie schon gefunden hatten, und der Beweis bald geführt werden würde.
Und darum fühlte schon der junge Mann, den Edisons unheimliche Sicherheit mächtig ergriff, wie bei diesen unerhörten Worten der kalte Hauch der Wissenschaft sein Herz erstarren machte. Dennoch ließ er sich nicht aus seiner Ruhe reißen, und unterbrach den Redner mit keinem Wort.
Edisons Stimme aber wurde jetzt eigentümlich ernst und melancholisch.
Mylord, sagte er, hier wenigstens habe ich Ihnen keine Überraschungen zu bereiten. Wozu auch? Die Wirklichkeit, wie Sie gleich sehen werden, ist erstaunlich und geheimnisvoll genug, um rätselhafter Zutaten entraten zu können – Sie werden Zeuge der Kindheit eines idealen Wesens sein, da Sie die Erklärung des inneren Organismus Hadalys vernehmen sollen. Welche Julia ertrüge eine derartige Erläuterung, ohne daß Romeo darob in Ohnmacht fiele?
Denn wahrlich! könnte man retrospektiv die »positiven« Anfänge der Geliebten schauen, und die Form, die sie hatte, als sie zum ersten Male sich bewegte, so würde vermutlich die Leidenschaft der meisten Liebhaber von einem Gefühl des Schauerlichen überwältigt werden, in welchem das Absurde und das Undenkbare einander überböten.
Die Androide jedoch erweckt selbst in ihren Anfängen nichts von dem gräßlichen Eindruck, den der Anblick des Processus vitalis unseres Organismus hervorruft. In ihr ist alles reich, dunkel und neu. Sehen Sie selbst.
Und er zeigte mit dem Skalpier auf den Zentralapparat, der von der Wirbelsäule der Androide ausging.
Hier konzentriert sich das Leben des Menschen, fuhr er fort. Es ist die Stelle des Wirbelknochens, von dem aus die Ausarbeitung des Rückenmarks sich vollzieht. – Ein Nadelstich genügt hier, wie Sie wissen, um uns auf der Stelle zu töten. Denn hier mündet auch unser Nervensystem, von dem unsere Atmung abhängt; trifft ihn der Stich, so ersticken wir. Sie sehen, daß ich mir die Natur zum Beispiel nahm. Diese beiden Induktoren, die an dieser Stelle isoliert sind, hängen mit der Atmung der goldenen Lungenflügel meiner Androide zusammen.
Aber lassen Sie uns ihren Organismus erst von der Vogelperspektive aus betrachten, die Einzelheiten werde ich Ihnen dann später erklären.
Infolge des geheimnisvollen Betriebes innerhalb dieser metallenen Scheiben wird Wärmekraft und Bewegung im Körper Hadalys durch das Gewinde dieser glänzenden Drähte verteilt, die das genaue Abbild unserer Nerven und Adern sind. Und vermittels der eingeschobenen kleinen Scheiben gehärteten Glases wird durch einen sehr einfachen Vorgang, dessen Prinzip ich Ihnen dann näher erklären will, zwischen dem Zentrum und den verschiedenen Netzen dieser Drähte die Bewegung in einem einzelnen Gliede, oder in der ganzen Person der Androide, hervorgebracht oder eingestellt. Hier ist ein außerordentlich starker elektromagnetischer Motor auf diese Verhältnisse und bis zu dieser Leichtigkeit reduziert worden, und hier münden denn auch alle anderen Induktoren.
Dieser Funke, den uns Prometheus vermachte, und den sie hier gebannt und jenem Zauberstabe entlanglaufen sehen, erzeugt die Atmung, indem er den Magnet beeinflußt, der vertikal zwischen den Brüsten liegt, und diese Nickelscheide hier anzieht; Sie sehen das Stahlschwämmchen, das daran hängt, – und das jeden Augenblick infolge der regelmäßigen Zwischenkunft des Isolators wieder zurückfällt. Ich habe auch der tiefen Seufzer gedacht, die der Kummer dem Herzen entreißt, und sie sind der sanften, schweigsamen Hadaly nicht fremd geblieben. Alle Schauspielerinnen werden Ihnen ja bezeugen, daß die Nachahmung dieser melancholischen Seufzer sehr leicht ist.
Hier nun, an beiden Seiten der Brust, sind die zwei Goldphonographen, die Hadalys Lungenflügel bilden. Sie lassen einander die metallenen Blätter ihrer harmonischen, fast könnte man sagen himmlischen Gespräche zugleiten, etwa wie die Druckerpressen die Probeabzüge aufeinander schichten. Eine einzige Tonrolle solcher Worte kann sieben Stunden lang laufen. Diese Worte aber sind den größten Dichtern, den subtilsten Metaphysikern und tiefsten Romanschriftstellern dieses Jahrhunderts entnommen; ich habe mich an die größten Geister gewandt, und mittels Unsummen mir Eigentumsrecht auf diese Wunderdinge – die niemals gedruckt sein werden – erworben.
Darum sagte ich, daß Hadaly nicht Geist habe, sondern den Geist.
Sehen Sie in diesen Auskehlungen die zwei kaum bemerkbaren Stahlstifte beben? Auch sie werden durch den unaufhörlichen, subtilen Lauf des geheimnisvollen Funkens in Bewegung versetzt und drehen sich um ihre eigene Achse. Nun harren sie nur der Stimme Miß Alicia Clarys, deren sie sich, von weitem, und ohne daß sie es weiß, bemächtigen werden, während Hadaly die Szenen der herrlichen Rollen vorträgt, die sie selbst nicht erfaßt, aber auf immer verkörpern soll.
Unter den Lungen ist hier die Walze angebracht, welche die Gesten, die Haltung, den Gang, die Mienen Ihrer Geliebten verzeichnen wird. Sie ist genau nach den Walzen sehr vervollkommneter Drehorgeln hergestellt, auf welchen, genau wie hier, Tausende von kleinen metallenen Härten in Relief inkrustiert sind. Wie dort eine jede – in Vierteln oder Achteln, die Pausen mit einbegriffen – alle Noten einer bestimmten Zahl von Arien oder Tänzen genau abspielt, je nachdem sie eine nach der anderen unter die tönenden Verzahnungen des Harmoniums geraten, – gerade so spielt hier die Walze dieses Harmoniums, in dem alle NervenInduktoren der Androide zusammenlaufen, die Gesten, die Haltung, den Gang und die Mienen derjenigen ab, die in der Androide inkarniert wird. Der Induktor dieser Walze ist gewissermaßen der große sympathetische Nerv des wunderbaren Scheinwesens.
Auf diese Walze sind beiläufig siebzig allgemeine Gesten eingetragen. Mehr stehen einer Dame wohl nicht zu. Unsere Bewegungen, wenn wir von den konvulsiven oder sehr nervösen Leuten absehen, sind fast immer dieselben. Zwar mögen sie, je nach der Situation, sehr verschiedenartig erscheinen. Ich habe jedoch ausgerechnet, daß siebenundzwanzig oder achtundzwanzig hauptsächliche Gesten – die von ihnen abgeleiteten zähle ich nicht mit – schon eine starke Persönlichkeit markieren. Übrigens ist ja eine Frau, die zu viele Gesten macht, ein unerträgliches Wesen, und man darf hier nur die harmonischen Bewegungen im Auge haben; die anderen sind störend und überflüssig.
Die Lungen und der große sympathetische Nerv Hadalys sind durch die eine und selbe Bewegung vereint, deren Impuls durch das Fluidum gegeben ist. Zwanzig fesselnde Stunden interessanter Gespräche sind auf diesen Blättern, und zwar, dank der Galvanoplastik, unauslöschlich auf den mittels des Mikrometers inkrustierten Härten dieser Walze eingetragen. Muß nicht in der Tat die Bewegung der beiden Phonographen, im Verein mit der Bewegung der Walze, die Homogenität der Geste, des Wortes und die Motion der Lippen erzeugen? sowie des Blickes und der mannigfachen Schattierungen des Ausdrucks?
Natürlich ist das Ganze in jeder Szene auf das genaueste reguliert. Und dies war freilich schwieriger, als eine Melodie und ihre Begleitung in den kompliziertesten Akkorden dieser oder jener Orgelwalze einzutragen, doch sind, wie ich Ihnen schon sagte, und Sie mir glauben dürfen, unsere Instrumente, besonders mittels unserer vervollkommneten Objektive, so fein und sicher geworden, daß etwas Geduld und sorgfältige Ausrechnung das Werk ohne allzu große Mühe zustande bringen.
Ich lese jetzt die Gesten von der Walze ebenso schnell, wie ein Buchdruckerlehrling eine Seite, umgekehrt, aus dem Guß abliest (reine Gewohnheitssache). Für die Korrekturen dieser Blätter also werde ich mich nach den Mobilitäten Miß Alicia Clarys richten müssen, es wird nicht allzu schwer sein, da wir ja die fortlaufende Momentphotographie haben, von deren Verwendung Sie soeben eine Probe erhielten.
Ja, unterbrach jetzt Lord Ewald, aber eine »Szene«, wie Sie es nennen, setzt doch einen Partner voraus?
Nun ja, versetzte Edison, werden Sie denn nicht selbst dieser Partner sein?
Aber wie wollen Sie im voraus wissen, was ich die Androide fragen, und was für Antworten ich ihr geben werde?
O, sagte Edison, ich glaube, daß Sie sich dies Problem nicht ganz richtig stellen, – und durch eine einzige Beweisführung werde ich Sie von der Einfachheit derselben überzeugen.
Einen Augenblick! rief Lord Ewald; welcher Art sie auch sein mag, ich werde mich in meinen Gedanken, in meiner Liebe selbst der Freiheit beraubt fühlen, wenn ich mich von dieser Beweisführung überzeugen lasse.
Gleichviel, wenn die Verwirklichung Ihres Traumes dadurch erzielt wird, sagte Edison. Und wer ist denn frei? – Die Engel im alten Testament vielleicht? Sie allein dürften in der Tat den Titel der »Freien« beanspruchen, denn sie sind endlich von der Versuchung befreit, … da sie den Abgrund sahen, dem jene verfielen, die zu denken sich vermaßen.
Wenn ich Sie recht verstehe, sagte Lord Ewald, aufs tiefste betroffen, … so müßte ich ja selbst meine eigenen Fragen und Antworten auswendig lernen!
Sie können Sie ja so viel Sie wollen modifizieren, sofern nur die Antwort sich darauf beziehen ließe … Und ich versichere Ihnen – alles kann sich auf alles beziehen; darin besteht das große Kaleidoskop des menschlichen Wortschatzes. Wenn nur der Charakter und der Ton eines Gespräches gewahrt bleiben, so läßt sich ihnen in dem ewigen Ungefähr der menschlichen Reden fast jedes Wort anpassen. – Gibt es doch eine Menge vager, unbestimmter Worte, die von einer so seltsamen geistigen Vieldeutigkeit sind und ihren Reiz und ihre Tiefe meist nur der Frage verdanken, auf die sie Antwort geben. Zum Beispiel: Nehmen wir an, daß ein einzelnes Wort, das Wort: »schon« (ich greife es statt irgendeiner Phrase heraus), dasjenige sei, was die Androide zu einem gegebenen Zeitpunkte vorbringen muß. Sie nun erwarten dies Wort, das Sie in der sanften, ernsten Stimme Miß Alicia Clarys, während einer ihrer schönsten Blicke in die Ihren sich versenkt, vernehmen werden.
Ach! bedenken Sie doch, wie vielen Fragen und Gedanken dies einzige Wort herrlich entsprechen kann. An Ihnen wird es liegen, die Tiefe und Schönheit dieser Antwort durch Ihre eigene Frage hervorzurufen.
Nichts anderes tun Sie ja mit Ihrer Lebenden! Nur daß hier das Wort, das Sie erwarten, und das so edel mit Ihrem Gedanken harmonieren würde, daß Sie es am liebsten dieser Frau zuflüstern möchten, niemals von ihr gesprochen wird. Sondern immer werden Sie nur eine Dissonanz, ein anderes Wort vernehmen, das ihr Naturell ihr eingeben wird, um Sie bitter zu enttäuschen.
Mit der zukünftigen Alicia nun, der wahren, der Alicia Ihrer Seele, werden Ihnen diese öden Erfahrungen erspart bleiben, … und das Wort, das Sie erwarten, werden Sie auch vernehmen. Ihr »Bewußtsein« wird dann nicht länger die Verneinung Ihres eigenen sein, sondern den Schein derjenigen Seele tragen, die Ihrer Stimmung gerade am besten entspricht. Ihre eigene Liebe werden Sie in ihr widerspiegeln können, ohne diesmal eine Enttäuschung zu erleben! Nie werden Ihre Worte mit Ihrer Hoffnung in Widerspruch stehen, sondern stets mit Ihrer eigenen Begeisterung im Einklang sein. Hier werden Sie wenigstens nie, wie mit der Lebenden, Mißverständnissen begegnen, und einzig nur auf die Länge der Pausen zu achten haben, die zwischen den Worten eingeschaltet sind. Ja, es wird gar nicht nötig sein, daß Sie reden. Denn ihre Worte werden stets die Antwort auf Ihre Gedanken wie auf Ihr Schweigen sein.
O! wenn Sie mir zumuten, fortwährend eine solche Komödie zu spielen, erwiderte Lord Ewald, so erkläre ich Ihnen hiermit, daß ich Ihren Vorschlag nicht annehmen kann.

[…]

Fünftes Buch Hadaly
XIII Rasche Erklärung

»Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich Eure Schulweisheit nichts träumen läßt.«
Shakespeare: Hamlet

Eine Zeitlang hing jeder schweigend seinen Gedanken nach, dann nahm Lord Ewald das Gespräch wieder auf: »Eins möchte ich Sie noch fragen, sagte er, Sie sprachen da von einer Hilfskraft, einer Frau, einer gewissen Mrs. Any Sowana, die tatsächlich während der ersten Tage Glied für Glied unserer gelangweilten Alicia gemessen und kopiert zu haben scheint. Alicia beschrieb sie als eine sehr blasse, ziemlich schweigsame Frau in mittleren Jahren, die immer Trauerkleider trug und früher sehr schön gewesen sein muß; sie hält ihre Augen fast ganz geschlossen, so daß man nicht erkennen kann, welche Farbe sie haben; sie selbst aber sieht alles. Miß Alicia Clary äußerte noch weiter, daß sie hier auf dieser Estrade in der Zeit einer halben Stunde von dieser mysteriösen Bildhauerin in aller Stille von Kopf zu Fuß gleichsam ›geknetet wurd‹, wie von einer Masseuse in einem russischen Bad; nur auf Sekunden ihre Arbeit unterbrechend, warf sie Ziffern und Linien auf Papierbogen, die sie Ihnen dann rasch einhändigte. – Während dies vor sich ging, war ein langer ›Lichtbüschel‹ auf die nackte Patientin gerichtet, das den eisigen Händen der Künstlerin zu folgen schien, wie wenn sie mit Lichtstrahlen gezeichnet hätte.«
Was weiter? fragte Edison.
Wenn ich zu diesen Äußerungen die zuerst vernommene, so fern klingende Stimme Hadalys nehme, so muß ich diese Mrs. Any Sowana für ein gar wunderbares Geschöpf halten.
Nun, ich sehe schon, meinte Edison, Sie haben sich in Ihrem Domizil allabendlich damit beschäftigt, dieses Problem auf eigene Faust zu ergründen. Schön, Sie haben, dessen bin ich sicher, die primären Zusammenhänge des Rätsels halbwegs erraten; allein wer ließe sich je träumen auf welch eigenartig wunderbare Weise ich dieses Rätsels Herr wurde! – Wer sucht, findet. Wir haben hier wieder einen Beweis dafür.
Sie erinnern sich wohl noch der Geschichte, die ich Ihnen unten von einem gewissen Edward Anderson erzählt habe? Was Sie mich nun eben fragten, ist nichts anders als der Schluß dieser Geschichte, und Sie sollen ihn nun hören.
Edison sammelte sich einen Augenblick und fuhr dann fort:
Durch das plötzliche Hinscheiden und den Ruin ihres Gemahls sah sich Mrs. Anderson plötzlich ihres Hauses, ja ihres täglichen Brotes beraubt und mit ihren zwei Kindern von zehn und zwölf Jahren auf die problematische Barmherzigkeit eines Geschäftsfreundes angewiesen. Die erste Folge dieses Schlages war, daß sie in eine Krankheit verfiel, die sie einer völligen Untätigkeit preisgab; es war dies eine jener schweren, als unheilbar erkannten Neurosen, nämlich die der Schlafkrankheit.
Ich sagte Ihnen schon, wieviel ich von der Veranlagung dieser Frau und – Sie verstehen mich wohl – von ihrer Intelligenz hielt … Ich durfte mich so glücklich schätzen, dieser Verlassenen zu helfen, wie Sie mir dereinst geholfen haben! – Und meiner bisherigen Freundschaft eingedenk, die durch ihr Unglück nur zunehmen konnte, brachte ich nach besten Kräften die Kinder unter und traf Maßnahmen, um ihre Mutter jeder unmittelbaren Notlage zu entheben. Es verging eine ziemlich lange Zeit. Manchmal, während meiner nur allzu seltenen Besuche bei der Kranken, hatte ich Gelegenheit, Zeuge dieser eigenartigen, fortgesetzten und heftigen Schlafanfälle zu sein, während denen sie mit mir sprach und mir antwortete, ohne die Augen zu öffnen. Es gibt heute zahlreiche, unbestreitbare Beispiele dieser Schlaflethargie, in der mehrere Personen während ganzer Quartale ohne irgendwelche Nahrung geblieben sind. Allmählich – da ich, wie ich glaube, eine starke Konzentrationsfähigkeit habe, – versuchte ich das eigenartige Übel von Mrs. Any Anderson, wenn irgend möglich, zu heilen.
Lord Ewald blickte überrascht auf, als Edison den Vornamen auf seltsame Art betonte.
Heilen? murmelte er. Doch wohl eher umwandeln?
Vielleicht! entgegnete Edison. O, ich merkte wohl gestern abend an Ihrem ruhigen Verhalten Miß Alicia Clary gegenüber, als diese in weniger als einer Stunde in eine tiefe kataleptische Hypnose versetzt werden konnte, daß Sie über die neuen Experimente unserer ersten Fachmänner auf dem laufenden sind. Es geht daraus hervor, daß sowohl dies neue als das alte Wissen vom menschlichen Magnetismus eine positive und unbestreitbare Wissenschaft ist, und daß die Realität unseres nervösen Fluidums ebenso evident ist, wie die des elektrischen. Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kam, aber ich griff zu der magnetischen Methode, als dem einzigen Mittel, jener Unglücklichen eine Erleichterung zu schaffen. Ich hoffte dadurch diese unüberwindliche, körperliche Schlaffheit zu überwinden. Ich erkundigte mich nach den sichersten Methoden und erprobte sie mit ziemlicher Geduld, indem ich sie einfach zwei Monate hindurch fast täglich fortsetzte. Plötzlich kamen zu den bekannten Phänomenen, die sich der Reihe nach eingestellt hatten, noch weitere hinzu, über die sich die Wissenschaft heute noch im unklaren ist, auch wenn sie es nicht mehr lange sein wird. Es waren nämlich absolut rätselhafte Krisen von Hellsehen bei den tiefsten dieser Ohnmachtsanfälle zutage getreten. Nun wurde Mrs. Anderson mein Geheimnis. Dank dem Zustand überreizter Mattigkeit, in dem sich die Kranke befand und dank meiner natürlichen Gabe, meinen Willen auf andere zu übertragen, entwickelte ich rasch und bis zu größter Intensität einen geistigen Einfluß, den ich heute auf gewisse Naturen nach kürzester Frist und auf die größte Entfernung auszuüben vermag.
Ich stellte also zwischen dieser seltsamen Schläferin und mir einen äußerst subtilen Strom her; nachdem ich nämlich eine Anhäufung des magnetischen Fluidums innerhalb zweier von mir selbst gegossener Eisenringe hervorbrachte (ist das nicht reine Magie?), brauchte Mrs. Anderson, das heißt Sowana, den einen der Ringe (sofern ich den anderen trage!) nur an ihren Finger zu streifen, um alsbald nicht nur vollkommen unter meinen hypnotischen Einfluß zu geraten, sondern geistig und fluidisch tatsächlich in meiner Nähe zu sein, so zwar, daß sie, – selbst wenn ihr Körper meilenweit entfernt im Schlafe liegt, – mich vernimmt und mir folgt.
Soeben nannte ich sie Sowana. Sie wissen, nicht wahr, daß die Mehrzahl unserer großen Magnetisierten zuletzt sich selbst bezeichnen und zwar in der dritten Person wie die kleinen Kinder? Sie sehen sich außerhalb ihres Organismus und ihrer Sinneswahrnehmung. Um sich noch tiefer loszulösen und ihr physisches – oder wenn Sie wollen, soziales – Ich noch mehr zu vergessen, haben manche die eigentümliche Gewohnheit, sich einen Traumnamen beizulegen, auf den sie, man weiß nicht wie, verfallen; sie wollen aber dann in ihren Traumzuständen mit diesem Namen genannt werden, so daß sie nur mehr auf dieses außerweltliche Pseudonym antworten.
So sagte mir Mrs. Anderson eines Tages: Mein Freund, ich weiß von einer Annie Anderson, die drüben in ihrem Haus schläft: hier aber erinnere ich mich eines Ichs, das seit langem schon – »Sowana« heißt.
Von Staunen ergriffen, schwieg Lord Ewald eine Weile.
Was für bange Worte ich heute vernehmen mußte! murmelte er dann wie zu sich selbst.
Ja, nahm Edison wieder das Wort, fast möchte man glauben, daß mit solchen Experimenten ein Gebiet betreten sei, das wirklich ans »Phantastische« grenzt! Allein jenen seltsamen Wunsch, ob er nun berechtigt oder nichtssagend war, glaubte ich erfüllen zu müssen,
und in unseren weltfremden Unterredungen nannte ich Mrs. Anderson fortan nur bei dem Namen, den sie mir angegeben hatte.
Und um so lieber fügte ich mich ihrem Wunsche, als sich ihr Wesen während ihres magnetischen Schlafes vom Wesen in ihrem wachen Zustand gewaltig unterscheidet. Statt der sehr einfachen, würdigen, intelligenten Frau, als die ich sie im Leben kenne, enthüllt sich mir in ihrem Traumzustande eine ganz andere, fremde und unendlich vertiefte! und das ganze Wissen, die seltene Beredsamkeit, der starke Geistesflug der schlafenden Sowana – die körperlich eins ist mit Mrs. Anderson – gehören zu den nach logischen Gesetzen unerklärlichen Dingen. Ist diese Dualität ein verblüffendes Phänomen? Dennoch ist es, wenn auch in geringerem Grad, längst bei allen nennenswerten Medien erwiesen, und Sowana zeigt sich hier nur insofern als Ausnahme, als sie ein abnormes, vervollkommnetes Beispiel dieses physiologischen Falles darstellt. Ich muß Ihnen nun mitteilen, daß ich nach dem Tode Evelyn Habals die grotesken Reliquien dieser künstlichen Circe Sowana zeigen zu müssen glaubte und ihr zugleich meinen Plan, Hadaly ins Leben zu rufen, eröffnete. Sie können sich nicht vorstellen, mit welcher Leidenschaft, ja Rachsucht sie sich für dieses Projekt begeisterte! Sie ließ mir keine Ruhe, bis ich mich ans Werk setzte, und ich mußte mich so ausschließlich dieser Aufgabe widmen, daß meine Arbeiten über die Beleuchtungskräfte, sowie die zahllosen Lampen, die ich für die Welt fertigzustellen hatte, um zwei Jahre verzögert wurden; – was mich, nebenbei gesagt, Millionen gekostet hat. Als endlich die verschiedenen Bestandteile des Androidenorganismus vollendet waren, vereinte ich sie und zeigte Sowana die in ihrer Rüstung noch unbelebte Erscheinung.
Ihr Anblick versetzte Sowana in einen Zustand unbeschreiblicher Begeisterung, und sie beschwor mich, sie in die innersten Geheimnisse meines Werkes einzuweihen, damit sie bei Gelegenheit, wie sie sagte, sich selbst in dieser Gestalt verkörpern und sie mit ihrem übernatürlichen Wesen erfüllen könne.
Von diesem unklaren Gedanken sehr frappiert, stellte ich innerhalb kurzer Zeit, alle Erfindungsgabe aufbietend, die mir zu Gebote stand, ein recht kompliziertes System von Apparaten, von gänzlich unsichtbaren Induktoren und neuen Kondensatoren her. Ich fügte ihnen eine zweite Bewegungswalze ein, die den Bewegungen Hadalys vollkommen entsprach. Als Sowana sich ganz Herrin dieses Apparates fühlte, schickte sie mir eines Tages, ohne mich vorher zu benachrichtigen, die Androide her in mein Laboratorium, während ich gerade bei der Arbeit war. Und ich versichere Ihnen, nichts hat mich jemals so erschüttert, wie der Gesamteindruck dieser Vision. Der Meister mußte vor seinem eigenen Werke erschrecken.
Wie wäre es erst, dachte ich, wenn dies Phantom dereinst zum Doppelgänger einer Frau würde!
Von dem Tage wurden alle Maßregeln erwogen und auf das sorgfältigste getroffen, um eines Tages mich in den Stand zu setzen, zugunsten eines kühnen Herzens das nun verwirklichte Wagnis zu unternehmen.
Denn –, wohlgemerkt: nicht alles in dieser Kreatur ist Chimäre! Und es ist in der Tat ein unbekanntes Wesen, es ist ein Ideal, es ist Hadaly selbst, die, unter den Schleiern der Elektrizität, in dieser Silberrüstung, die einen weiblichen Menschen simuliert, Ihnen erschienen ist. Denn wenn ich Frau Anderson kenne, so beteure ich, daß ich Sowana nicht kenne. Unter dem schattigen Laub und den tausend leuchtenden Blumen des Gewölbes ausgestreckt, verkörpert sich Sowana mit geschlossenen Augen, und aller irdischen Schwere entzogen, als fluktuierende Vision in Hadaly. In ihren einsamen Händen, wie in den Händen einer Toten, hielt sie die metallischen Fäden der Androide; sie ging mit Hadalys Gange, und sprach in ihr mit jener seltsam fernen Stimme, die ihr in Trance eigen ist. Und es genügte, daß auch ich mit den Lippen, aber unhörbar, alles was Sie sagten, wiederholte, damit diese uns beiden Unbekannte durch meine Vermittlung Sie vernehmend, im Phantom Ihnen Antwort gab.
Von woher sprach sie? Wo hörte sie? Wer war sie geworden? Welch unleugbares Fluidum, das wie der Ring des Gyges, die Allgegenwart, Unsichtbarkeit und geistige Verwandlung verlieh, zeigte sich hier? Mit einem Worte: mit welchem Phänomen hatten wir es hier zu tun?
Fragen. –
Erinnern Sie sich, wie natürlich Hadaly auf das photographische Reflexbild der schönen Alicia zeigte? Und im Gewölbe unten auf das Thermometer, das die Wärme der Sternenstrahlen maß? Welche gänzlich improvisierte Erklärung sie uns da gab? Die eigentümliche Szene mit der Börse? Erinnern Sie sich auch, mit welcher Deutlichkeit Hadaly uns das Kleid Miß Alicia Clarys beschrieb, als diese, im Eisenbahnzug fahrend, ihre Depesche unter die Lampe hielt? Wissen Sie, auf welch subtile, unglaubliche Weise ein Fall so außerordentlichen Hellsehens ermöglicht wurde? – Nun also: Sie waren von dem Nervenfluidum Ihrer geliebten und zugleich gehaßten Alicia gänzlich durchdrungen! Hadaly aber nahm Sie doch einmal bei der Hand, um Sie der grauenvollen Schublade zuzuführen, die Evelyns grauenvolle Überreste enthielt. Durch diesen Druck von Hadalys Hand und infolge der geheimen Übertragung des anderen Fluidums setzte sich das Fluidum Sowanas mit dem Ihren in Verbindung. Augenblicklich sprang es auf die geheimnisvollen Fäden über, die trotz der Entfernung zwischen Ihnen und Ihrer schönen Geliebten bestanden, und mündete in deren Ausstrahlungszentrum, das heißt in Alicia selbst, die im Eisenbahnwagen nach Menlo Park dahinfuhr.
Ist es möglich! rief Lord Ewald leise aus.
Nein; aber es ist, erwiderte Edison. Übrigens verwirklichen sich so viele andere, scheinbar unmögliche Dinge um uns her, daß eines mehr oder weniger für mich nichts so Erstaunliches mehr hat, da ich zu denen gehöre, die nie vergessen können, daß das Universum aus dem Nichts erschaffen wurde.
Ja, die geisterhafte Träumerin, auf den Kissen ihres gläsernen, von isolierten Sockeln gestützten Lagers ausgestreckt, hielt das Induktorenwerk, dessen Tasten sie sanft elektrisierten und einen Strom zwischen ihr und der Androide unterhielten; nun muß ich hinzusetzen, daß zwischen den beiden Fluiden, denen Sowana unterworfen war, die Affinitäten außerordentlich stark sind; und wenn ich dazu noch die Atmosphäre in Betracht nehme, die uns umgab, so kann ich mich über das Phänomen abnorm gesteigerten Hellsehens, das sich ereignet hat, nicht allzu sehr verwundern.
Einen Augenblick! wandte Lord Ewald jetzt ein; gewiß ist es schon sehr wunderbar, daß vermöge der Elektrizität allein alle unsere bekannten Triebkräfte zum Beispiel auf unbestimmte Höhen und Entfernungen hin sich übertragen lassen, so zwar, daß, wenn ich den allgemeinen Berichten Glauben schenken darf, in nächster Zeit über hunderttausend Netze menschlicher Werkstätten die blinde, bis zu unseren Tagen unverwertet gebliebene, formidable Treibkraft der Katarakte, Ströme, – ja, wer weiß, vielleicht auch der Ebbe und Flut sich verbreiten wird.
Dieses Wunder aber wird allenfalls noch erklärlich sein, da wir ja die greifbaren Konduktoren, jene zauberhaften Vehikel vor uns haben.
Die Tatsache der halbsubstantiellen Übertragung meines Gedankens in die Ferne aber… wie ließe sich die ohne jegliche, und sei es noch so dünne Iuduktoren annehmen?
Erstens, gab ihm Edison zur Antwort, ist hier die Entfernung wirklich nur mehr eine Art von Illusion. Und dann vergessen Sie eine Reihe von Tatsachen, die seit kurzem von der Experimentalwissenschaft festgestellt wurden, nämlich, daß erwiesenermaßen nicht nur das Nervenfluidum eines Lebenden, sondern die einfache Kraft gewisser Substanzen ohne Suggestion noch Induktoren eine Fernwirkung auf den menschlichen Organismus ausüben kann.
Sind die folgenden Tatsachen von den heutigen Ärzten nicht beglaubigt? Nehmen wir eine gewisse Zahl von Kristallflaschen an, die wohl versiegelt und umwickelt je eine bestimmte Apothekerware enthalten. Ich greife auf gut Glück, ohne sie zu kennen, eine derselben heraus, und halte sie auf zehn oder zwölf Zentimeter Entfernung an den Kopf eines Hysterikers. In wenigen Minuten wird der Mensch in Zuckungen verfallen, sich übergeben, niesen, stöhnen oder einschlafen, je nach den Wirkungen, die das betreffende Medikament gewöhnlich hervorruft. Ja, sollte die Mischung eine giftige sein, so würde ihm die Nähe dieser Substanz allein Schmerzenslaute entreißen. Wo ist der Schlüssel zu derartigen Dingen?
Warum sollte ich, angesichts dieser unbestrittenen Tatsachen, welche die Experimentalwissenschaft mit gerechtem Staunen erfüllen, nicht die Möglichkeit eines neuen Fluidums annehmen – einer Synthese des Elektrischen und der Nervensubstanz –, das sowohl zu der Kraft, die z. B. jede Magnetnadel zwingt, nach dem Nordpol zu zeigen, als zu jener, die einen unter dem Flügelschlag des Sperbers sich fühlenden Vogel lähmt, in Beziehung steht.
Wenn somit in einem Zustand von hysterischer Hyperempfindlichkeit ein leitender Kontakt zwischen dem Organismus des Kranken und den vorhin erwähnten Substanzen sich herstellen kann, etwa wie der Magnet durch Glas und Stoffe hindurch die Eisenmoleküle beeinflußt, – und wenn es erwiesen ist, daß eine Art magnetischen Stromes sogar von Pflanzen und Mineralien ausgeht, und – ohne Induktoren – über Hindernisse und Entfernungen sich hinwegsetzen, ja sogar auf lebende Wesen seine ihm eigentümliche Wirkung ausüben kann, warum sollte es mich dann besonders überraschen, wenn bei drei sich stark aufeinander beziehenden Individuen, die durch elektromagnetische Einwirkung in noch innigere Beziehung zueinander gebracht wurden, die Kräfte plötzlich in eine derartige Wechselwirkung traten, daß ein Phänomen wie das besprochene entstehen konnte.
Also, vom Moment an, wo die okkulte Sensibilität Sowanas dem geheimen Einfluß des magnetischen Stromes nicht mehr widerstrebt (z. B. einem so leichten Strom, wie er der Miß Anderson gegeben wurde), da ja in ihrem Zustand kein anderer äußerer Einfluß zu ihr gelangt, und man das zweite Wesen lebendig verbrennen könnte, ohne das erste zu erwecken, so finde ich es bewiesen, daß das nervöse Fluidum sich durchaus nicht in einem Zustand totaler Indifferenz gegenüber dem elektrischen Fluidum befindet, und daß deshalb bis zu einem gewissen Grade einige Eigenschaften des nervösen Fluidums sich fusionieren können zu einer Synthese einer unbekannten Natur und Kraft. Der eine solche Substanz entdeckte und damit umzugehen wüßte, könnte Naturwunder damit schaffen, die jenen der indischen Yoghis und der ägyptischen Derwische zur Seite stünden.
Lord Ewald, der von eigentümlich träumerischen Gedanken angewandelt schien, erwiderte:
Obwohl es aus intellektuellen Gründen durchaus geboten ist, daß ich Mrs. Anderson nie sehe, so scheint mir Sowana der Freundschaft wert, und wenn sie mich in der ganzen Zauberatmosphäre, die uns hier umringt, vernehmen kann, so möge dieser Wunsch zu ihr gelangen, wo immer sie auch sei! … Aber eine letzte Frage noch: wurden die Worte, die Hadaly soeben im Parke sprach, von Miß Alicia Clary zuvor gesagt und vordeklamiert?
Gewiß, erwiderte Edison, – Sie haben die Stimme und die Bewegungen dieser Lebenden doch auch wieder erkennen müssen. Sie hat diese Worte – deren Sinn sie ja gar nicht erfaßte – nur unter der beharrlichen und mächtigen Suggestion Sowanas so herrlich vorgetragen.
Lord Ewald war über diese Antwort grenzenlos erstaunt. Dieses Mal stimmte die Erklärung entschieden nicht mehr. Daß die verschiedenen Phasen jenes Auftritts vorbereitet waren – und die Stimme allerdings bürgte dafür – blieb dennoch ganz undenkbar.
Er wollte also seinerseits erklären und beweisen, daß allen Erklärungen zum Trotz die Tatsache absolut unmöglich sei, als ihm plötzlich die seltsame Bitte einfiel, die ihm Hadaly zugeflüstert hatte, bevor sie sich in das Dunkel ihres künstlichen Sarges eingeschlossen hatte.
Er schwieg daher, und verbarg das schwindelnde Gefühl, das ihn wieder insgeheim anwandelte. Aber er warf jetzt auf diesen Sarg einen eigentümlichen Blick; deutlich ahnte er in der Androide ein Wesen aus einer anderen Welt.
Ohne dieses Blickes zu achten, fuhr Edison fort:
Der beständige vergeistigte und hellseherische Zustand Sowanas, der ihr eigentliches Leben ausmacht, verleiht ihr eine ungeheure suggestive Kraft, besonders über Wesen, die schon von mir halb hypnotisiert sind. Auch auf die Intelligenz solcher Wesen ist ihr Einfluß ein unmittelbarer. Von ihm bezwungen, und von meinen Objektivgläsern umringt, trug Alicia auf diesem Podium tagelang all die Phrasen vor, die zu Hadalys eigener Rolle gehören, und ihren Charakter kennzeichnen; und zwar wurden sie der Nichtsahnenden mitsamt den entsprechenden Blicken, Intonationen und Bewegungen von Sowana suggeriert. Die goldenen Lungen Hadalys verzeichneten unter dem Druck der Suggestion die allerfeinsten Stimmnuancen. Den Mikrometer in der Hand und meine schärfste Lupe vor den Augen, gravierte ich indessen auf die Platten der Bewegungswalzen nur jene – Momentaufnahmen vergleichbare – Totalität der Bewegungen, die wieder mit den Blicken oder dem teils heitern, teils ernsten Ausdruck Alicias übereinstimmte.
Während dieser elftägigen Arbeit wurde nach meinen genauesten Angaben der physische Teil des Phantoms bis auf die Brust vollendet. Wollen Sie die verschiedenen Dutzende von chromophotographischen Aufnahmen sehen, die auf einer Entfernung von einem tausendstel Millimeter durchstochen sind, und auf denen die metallischen Staubkörnchen der Inkarnation eingestreut wurden, um das Lächeln Miß Alicias, das fünf oder sechs verschiedene Grundzüge tragen mag, auf magnetischem Wege genau zu reproduzieren? Ich habe diese Aufnahmen hier in diesen Kartons. Die Nuancierung der verschiedenen Mienenspiele richtet sich einzig nach der Bedeutung der Worte. – Ebenso werden die Blicke dieser so interessanten jungen Frau durch ein fünffaches Spiel der Augenbrauen modifiziert.
Schließlich läßt sich diese Arbeit, die sich Ihnen nur im großen ganzen so kompliziert darstellen muß, im Grunde auf ein paar allgemeine Formeln reduzieren, die mich allerdings viel Zeit und Mühe gekostet haben; aber das ganze, auf minimale Feinheiten beruhende Werk ist sonst weder schwer noch unausführbar; es ergibt sich von selbst. In dem Moment, da ich vor einigen Tagen die äußere Hülle des Werkes schloß, um sie allmählich zuerst durch ein Pulver, dann mittels verschiedener anderer Schichten mit dem künstlichen Fleisch zu umgeben, in dem Moment hatte die einem dunklen, unbestimmbaren Zustand noch anheimgegebene Hadaly in tadelloser Weise all die Szenen wiederholt, die ihr den Schein einer geistigen Wesenheit verleihen.
Heute aber, da ich den ganzen Tag, sei es hier oder, im Park, das vollendete Werk betrachtete, ward ich selbst von höchstem Erstaunen erfaßt.
Hier war idealisiertes Menschentum, – und ich gestehe Ihnen, daß ich mich von Begeisterung ergriffen fühlte. Welche traumhaft schöne Melancholie in ihren Worten! welche Stimme! welche durchdringende Tiefe in ihren Augen. Welch herrlicher Gesang! welch göttliche Schönheit. Welch berauschende Tiefe weiblichen Gefühls! Welch unbewußte Sehnsucht nach unerreichbarer Liebe. Mit einem leichten Klirren ihrer Ringe zauberte Sowana den Schein so wonniger Dinge hervor. – Und ich sagte Ihnen ja schon, daß all diese erstaunlichen und bewundernswerten Szenen von den größten Dichtern und Denkern unseres Jahrhunderts verfaßt wurden.
Wenn Sie in Ihrem alten Schlosse Hadaly erwecken und ihr den ersten Becher klaren Wassers und die erste Pastille reichen werden, dann, Lord Ewald, wird sich Ihnen erst künden, welch wunderbares Phantom vor Ihnen steht. Haben Sie sich erst einmal an die Eigentümlichkeiten und die Gegenwart Hadalys gewöhnt, so werden Sie sich gewiß in zwanglosester Weise in Gepräche mit ihr einlassen; denn wenn ich auch der Schöpfer ihres physischen und illusorischen Wesens bin, so hat sich eine mir unbekannte Seele meines Werkes bemächtigt und sich ihm einverleibt, und lenkt nun all die Einzelheiten dieser unerklärlichen und deshalb grauenvollen, aber dabei so entzückenden Szenen. Und sie lenkt sie mit einer so zarten Kunst, daß es in der Tat die menschliche Einbildungskraft übersteigt.
Durch Suggestion ist dieses neue Kunstwerk zu einem übernatürlichen Wesen geworden, und mein Werk zum Mittelpunkt eines uns unbegreiflichen Mysteriums.

[…]

Sechstes Buch Und der Schatten ward
IV Nach der Sonnenfinsternis

An einem Herbstabend – tief und unbeweglich lag die Luft unter dem Himmel – rief die Geliebte mich zu sich. Dunstige Nebel lagerten über der Erde: das leuchtende Herbstlaub und der flammende Abendhimmel spiegelten sich in den Wassern, und es war, als sei ein schöner Regenbogen vom Firmamente niedergefallen. Dies ist der große Tag! sagte sie, als ich vor ihr stand: der schönste der Tage, um zu leben und zu sterben! Ein schöner Tag für die Erdensöhne und die Kinder des Lebens! – Ach! schöner – weit schöner noch – für die Töchter des Himmels und des Todes.
Edgar Allan Poe: Morella

Drei Wochen später bei Anbruch des Abends stieg Lord Ewald vor Edisons Pforte vom Pferde ab, nannte seinen Namen, und drang in die Allee ein, die zum Laboratorium führte.
Zehn Minuten zuvor, während er die Zeitungen überflog, und auf Alicias Rückkehr wartete, hatte ihn folgendes Telegramm überrascht:
Menlo Park: Lord Ewald 7–8–5 Uhr 22 Minuten abends: Wollen Sie mir einige Augenblicke schenken? Hadaly.
Lord Ewald ließ alsbald sein Pony satteln.
Ein schwüler und stürmischer Nachmittag neigte seinem Ende zu. Es war als stünde die Natur selbst im Einklang mit dem erwarteten Ereignis. Edison schien seine Stunde ausgewählt zu haben.
Es war der Abend nach einer Sonnenfinsternis. Im Westen breiteten die Streifen eines Polarlichtes die Stäbe ihres geisterhaften Fächers über den ganzen Himmel aus. Das Firmament hatte ein fast theatralisches Aussehen; ein lauer, ermüdender Wind wirbelte die gefallenen Blätter auf, und die Luft war entnervend und gewitterschwer. Im Süden und Nordwesten ballten sich ungeheure violette, goldbesäumte Wolken; der ganze Himmel schien künstlich zu sein; über den Bergen im Norden zuckten lange und feine Blitze, fahle, lautlose Wetterstrahlen, die sich wie Dolche kreuzten, und immer drohender vertieften sich die Schatten. Der junge Mann warf einen Blick auf diesen Himmel, der ihm in diesem Augenblick wie vom Widerschein seiner eigenen Gedanken umflossen dünkte. Er schritt durch die Allee dem Laboratorium zu. An der Schwelle zögerte er eine Sekunde lang: als er aber durch die Glastüre Alicia gewahrte, deren letzte Sitzung heute stattfand, und die eine ihrer Rollen vor Meister Thomas aufzusagen schien, trat er ein.
Edison, in seinem Schlafrock und ein Manuskript in Händen, saß ganz gemütlich in seinem Lehnstuhle. Miß Alicia Clary aber hörte die Türe gehen, und wandte sich um.
Ah! rief sie, Lord Ewald!
Denn seit jenem denkwürdigen Abend hatte er sich nicht mehr hier gezeigt.
Als Edison den eleganten jungen Mann erblickte, dessen Kälte ihm so sympathisch war, erhob er sich und ging auf ihn zu.
Ihr Telegramm, sagte Lord Ewald, war von einer so beredten Kürze, daß ich zum erstenmal in meinem Leben meine Handschuhe erst unterwegs anzog.
Dann zu Alicia gewendet, setzte er hinzu:
Ihre Hand, liebe Freundin; unterbreche ich Sie inmitten einer Probe?
Ja, erwiderte sie; aber es scheint heute die letzte zu sein. Wir lesen noch einmal durch; das ist alles.
Edison und Lord Ewald traten abseits.
So ist denn das große Meisterwerk, das elektrische Ideal – unsere Wundertat – oder besser gesagt, die Ihre – vollbracht? fragte leise der junge Mann.
Ja, gab Edison zur Antwort; sobald Alicia fort ist, werden Sie die andere sehen. Führen Sie sie jetzt fort, mein lieber Lord; wir müssen allein sein!
Schon! murmelte Lord Ewald nachdenklich.
Ich habe Wort gehalten, weiter nichts! sagte Edison nachlässig.
Und Miß Alicia ahnt wirklich nicht das geringste?
Durch eine einfache Tonfigur ließ sie sich in die Irre führen, sagte ich es Ihnen nicht? – Hadaly hielt sich hinter der undurchdringlichen Wand meiner Objektivgläser verborgen und Frau Sowana hat sich als geniale Künstlerin bewährt.
Und Ihre Mechaniker?
Die haben in dem ganzen Experiment nichts anders als einen neuen photoskuipturalen Versuch gesehen. – Übrigens habe ich erst heute morgen bei den ersten Sonnenstrahlen die Isolation des inneren Apparates ausgehoben und den Funken der Atemführung entzündet … vor Überraschung hat sich denn auch die Sonne verfinstert! – fügte Edison lachend hinzu.
Ich bin, offen gestanden, sehr ungeduldig, die gewordene Hadaly zu erblicken, sagte Lord Ewald nach einem kurzen Schweigen.
Sie sollen sie heute abend sehen! versicherte Edison. O! Sie werden sie nicht wiedererkennen! Ja, ich darf Ihnen nicht verhehlen, setzte er hinzu, daß es in Wahrheit noch erschreckender ist, als ich glaubte.
Nun, was ist denn? rief Alicia dazwischen. Was flüstern Sie zusammen?
Liebe Miß Alicia, erwiderte Edison und kam wieder auf sie zu; ich wollte Lord Ewald gegenüber meine Zufriedenheit über Ihren Fleiß, Ihr großes Talent und Ihre prachtvolle Stimme zum Ausdruck bringen; und ihm sagen, daß ich für Ihre nächste Zukunft die besten Hoffnungen hege.
Das hätten Sie aber doch auch laut sagen können, lieber Meister Thomas, rief Alicia Clary. Es hört sich ja nur gerne an. – Aber, fuhr sie mit ihrem leuchtenden Lächeln und leicht mit dem Finger drohend, fort, auch ich habe mit Lord Ewald etwas zu besprechen, – und es ist ganz gut, daß er gekommen ist. – Ja, ja, glauben Sie ja nicht, daß ich mir nicht auch meine Gedanken machte, während dieser letzten drei Wochen! – Kurz, ich habe etwas auf dem Herzen. – Sie ließen heute ein sehr erstaunliches Wort fallen, das auf ein ganz absurdes Rätsel schließen läßt …
Und mit einer Miene, die trocken und würdig sein wollte und im Widerspruch zu ihrer Schönheit stand, fügte sie hinzu:
Ich möchte gern mit Lord Ewald einen Rundgang im Parke unternehmen; es bedarf einer Aufklärung zwischen uns …
Lord Ewald, der mit dieser Wendung nicht eben zufrieden war, wechselte einen Blick mit Edison.
Ich stehe ganz zur Verfügung, sagte er, aber ich werde über Sie auch mit Herrn Thomas heute abend sprechen müssen, und seine Zeit ist kostbar.
O! ich werde die Ihre nicht lange in Anspruch nehmen! meinte Alicia. Kommen Sie; es ist passender, daß ich Ihnen meine Mitteilung allein mache.
Miß Alicia nahm den Arm ihres Liebhabers; sie traten in den Park hinaus, und einen Augenblick später gingen sie auf die düstere Allee zu.
Lord Ewald, von innerer Ungeduld erfüllt, dachte an das zauberhafte unterirdische Gewölbe, in dem er in einer Stunde mit der neuen Eva zusammentreffen würde.
Kaum aber waren die beiden jungen Leute fortgegangen, verriet die Miene Edisons tiefste Besorgnis und Konzentration. Bangte ihm vor irgendeiner törichten Indiskretion Alicias? Schnell schob er jetzt den Vorhang der Glastüre zurück und starrte durch die Scheiben. Dann eilte er auf ein Tischchen zu, griff nach einem Fernglas, einem Schallrohr und einen elektrischen Manipulator. Die Drähte dieser beiden Instrumente drangen durch die Mauer, und verloren sich unsichtbar unter den anderen Drähten, die sich über die Bäume des Parkes hin mannigfach verzweigten.
Wahrscheinlich ahnte Edison, daß jetzt eine Trennungsszene zwischen beiden sich anbahnen würde, und dieses Gespräch wollte er belauschen, bevor er Hadaly dem jungen Manne übergab.
Was wollten Sie mir sagen, Alicia? begann Lord Ewald.
O! Sie sollen es gleich erfahren; lassen Sie uns erst in der Allee sein! antwortete sie. Dort ist es dunkel, mein Lieber, und man wird uns nicht sehen können. Es ist mir zum erstenmal in meinem Leben ein seltsamer, ein recht besorgniserregender Gedanke gekommen, ich versichere Ihnen! gleich sollen Sie ihn vernehmen!
Wie Sie befehlen, erwiderte Lord Ewald.
Noch war der Tag nicht ganz entschwunden; rosenfarbene Wolken erbleichten am Horizont; schon leuchteten einige Sterne an den freien bläulichen Flächen des Äthers; die Blätter rauschten immer vernehmlicher im Blätterdome der Allee, und der Duft der Gräser und Blumen war feucht, stark und berückend.
Wie schön ist es heut abend! flüsterte Alicia.
Lord Ewald, der ganz erfüllt war von seinen eigenen Gedanken, hörte sie kaum.
Ja, sehr schön, sagte er gezwungen, fast spöttisch, und nicht ohne Bitterkeit. Aber, was ist es denn, Alicia, was wollten Sie mir sagen?
Warum haben Sie es denn so eilig heute, mein lieber Lord? versetzte Alicia. – Setzen wir uns auf die Moosbank dort drüben, wollen Sie nicht? Dort können wir uns besser aussprechen, und ich bin etwas müde.
Sie stützte sich auf seinen Arm.
Fehlt ihnen etwas, Alicia? fragte er.
Sie schwieg.
Selbst Alicia schien heute nachdenklich und verträumt. Es war merkwürdig genug! Warnte sie vielleicht ein weiblicher Instinkt vor einer unbestimmten Gefahr?
Er wußte nicht, wie er die zögernde Haltung Alicias auslegen sollte. Sie hielt eine Blume zwischen den Zähnen, die sie aufs Geratewohl gepflückt hatte, aber ihre Schönheit strahlte in unbeschreiblicher Pracht. Der Saum ihres bläulichen Kleides streifte den blumigen Rasen; sie neigte ihr blendendes Haupt gegen die Schulter Lord Ewalds, und der Reiz ihrer schönen, unter dem Spitzentuch ein wenig gelockerten Haare war von einer entzückenden Melancholie.
Als sie bei der Moosbank anlangten, setzte Alicia sich zuerst; Lord Ewald, der längst an ihre albernen, stets um ihr eigenes Ich sich drehenden Reden gewöhnt war, wartete geduldig auf die neuen Proben, die sie von ihrer Sinnesart zu geben hatte.
Dennoch durchfuhr ihn ein Gedanke! Wenn dieser mächtige Zauberer von einem Edison ein Mittel entdeckt hätte, um die lichtlose Seele dieses schönen Wesens ein wenig zu erhellen? … Denn sie schwieg heute … War das nicht schon viel? Er setzte sich neben sie.
Lieber Freund, sagte sie plötzlich, ich finde Sie traurig seit ein paar Tagen! Darf ich gar nichts über Sie selbst erfahren? Ich bin eine bessere Freundin, als Sie glauben.
Aber Lord Ewald war im Geiste meilenweit von ihr entfernt. Seine Gedanken weilten bei den unheimlichen Blumen des Gewölbes, in dem Hadaly seiner harrte. Als er jetzt die Frage der jungen Frau vernahm, verdroß ihn der Gedanke, daß Edison vielleicht doch ein Wort zu viel an sie gerichtet hatte? Aber nein. Das war ja ausgeschlossen! – Gleich vom ersten Abend an hatte Edison sie zu gründlich durchschaut; er war ihr mit zu bitteren Sarkasmen begegnet, als daß ihm der Gedanke hätte kommen können, sich fruchtlos um ihre innere Heilung zu bemühen.
Diese sanfte Art, sich für ihn zu interessieren, diese erste altruistische Regung Alicias war dennoch recht befremdend. Sie mußte sich also doch von einem Instinkt gewarnt fühlen? …
Aber dann geriet er auf einen vernünftigen und einfachen Gedanken, der an Stelle dieser ersten Vermutungen trat.
Der Dichter in ihm erwachte. Er erwog, daß zwei Menschen, die in der Blüte ihrer Jugend, ihrer Liebe und ihrer Schönheit standen, nicht umhin konnten, an einem solchen Abend sich ergriffen zu fühlen; daß die Geheimnisse des weiblichen Herzens tiefer sind, als alle Gedanken; daß selbst die dumpfesten Gemüter, wenn erhabene Einflüsse sich ihnen zuwenden, mit einem Male sich verklären können; daß ein Abend wie der heutige jedenfalls solche Hoffnungen wachrief; und endlich, daß seine arme Geliebte, vielleicht ohne es zu wissen, in diesem Augenblicke von idealen Regungen erfüllt war. Mußte er da nicht einen letzten verzweifelten Versuch wagen, diese bisher blinde und taube, sozusagen totgeborene Seele, die er so schmerzlich liebte, zu erlösen.
Und darum zog er jetzt Alicia sanft an sich und sagte:
Meine Teure, was ich dir jetzt mitzuteilen hätte, gehört der Freude und dem Schweigen; aber einer Freude, die tiefer, einem Schweigen, das wunderbarer ist, als das der uns umgebenden Nacht. Teuerste, ach, ich liebe dich! Du weißt es wohl! – Es heißt so viel, daß ich nur durch deine Gegenwart zu leben vermag. Um uns zusammen dieses Glückes zu erfreuen, brauchen wir ja nur das Unsterbliche um uns her zu fühlen und dieses Gefühl zu vergöttlichen. In diesem Gedanken finden alle Enttäuschungen auf immer ihr Ende! Ein einziger Augenblick einer solchen Liebe wiegt Jahrhunderte auf.
Warum, o sage mir, scheint dir diese Art zu lieben so unvernünftig und überspannt? So natürlich, ja als die einzige, dünkt sie mir, die keine Reue und keinen Vorwurf in sich birgt? Die feurigsten Ergüsse der Leidenschaft finden sich hier vervielfältigt, tausendmal verstärkt, veredelt, verklärt und berechtigt! – Warum reizt es dich, stets das Beste, das Unsterbliche in dir gering zu achten? Ach! wenn ich jetzt dein helles, so entmutigendes und doch so süßes Lachen nicht befürchten müßte, ich würde dir noch viele andere Dinge sagen, oder besser noch, verstummend, würden wir göttliche Dinge empfinden!
Alicia Clary entgegnete nichts.
Aber ich sage dir da unverständliche Worte, nicht wahr? fuhr Lord Ewald mit einem traurigen Lächeln fort. Warum auch hast du mich befragt? Denn was habe ich dir zu sagen – und was für Worte schließlich ließen mit deinen Küssen sich vergleichen?
Es war das erstemal seit langer Zeit, daß er wieder eine so zärtliche Sprache mit ihr führte. Allein der Zauber dieser Nacht und ihre eigene Jugend mochten zum erstenmal diese junge Frau hinreißen, Lord Ewalds Umarmungen mit gleicher Innigkeit zu erwidern.
So hatte sie die sanfte und doch so glühende Sprache seiner Leidenschaft erfaßt? Eine Träne rollte plötzlich an seiner bleichen Wange herab.
Also du leidest, sagte sie leise, und ich bin daran schuld!
…Diese Worte, Alicias offenbare Rührung, versetzten Lord Ewald in Staunen, in Entzücken. Ein Gefühl namenloser Freude stieg in ihm auf! Nein! der anderen, der Schrecklichen gedachte er da wahrlich nicht mehr: – dies einzige, aus dem Herzen dringende Wort hatte genügt, um ihn ganz zu entwaffnen, eine jubelnde Hoffnung in ihm wachzurufen.
O Geliebte! flüsterte er.
Und er drückte seine Lippen auf die ihren, die sühnenden, ihn endlich tröstenden Lippen. Seine langen traurigen Enttäuschungen waren vergessen, und seine Liebe war von neuem erwacht. Die grenzenlose Wonne reiner Freuden erfüllte sein Herz und seine Ekstase war ebenso plötzlich wie unverhofft. Jenes eine Wort hatte wie ein Windstoß seinen Groll, all seine trüben Gedanken verscheucht! Er fühlte sich zu neuem Leben erwacht, und Hadaly und ihr leerer Schein waren vergessen.
Schweigend hielten sich die beiden eine Weile umfangen. Alicias Busen hob und senkte sich, der berückende Duft ihres Atems wehte ihm entgegen, feurig schloß er sie in seine Arme.
Ein reiner Sternenhimmel schimmerte jetzt durch das finstere Laub und feierlich vertiefte sich die Nacht.
Selige Vergessenheit umfing das Herz des jungen Mannes und er fühlte, daß es von neuem der Schönheit dieser Welt entgegenschlug.
Wieder verfolgte ihn da der Gedanke an Edison, der in den tödlichen Grüften auf ihn wartete, um ihm das dunkle Wunderwerk seiner Androide zu zeigen.
Ach! flüsterte er. Wo hatte ich den Sinn? Wie konnte ich einen solchen Frevel begehen … das Spielzeug einer absurden, leblosen Puppe erträumen! Als müßten vor dir, du einzig Herrliche, nicht alle elektrischen Tollheiten, alle Hydraulik, alle »Lebenswalzen« in Nichts versinken! Ich will mich dann gleich bei Edison bedanken, ohne sein Werk auch nur in Augenschein zu nehmen. Ach allzu schwer mußte mir der Kummer die Sinne getrübt haben, da ich mich von der schrecklichen Beredsamkeit meines lieben und genialen Freundes verleiten ließ, an eine solche Möglichkeit auch nur zu denken. – O Teure! Ich erkenne dich wieder! Du lebst! Du bist Fleisch und Blut wie ich selbst. Dein Herz fühle ich schlagen! Deine Augen sehe ich überfließen, deine Lippen beben noch von meinen Küssen! Du bist ein Weib, das durch die Liebe zu einem idealen Wesen werden kann, ideal wie deine Schönheit! – Alicia! Ich liebe dich! Ich …
Er hielt inne. Als er seine entzückten, von seligen Tränen umschleierten Augen in die ihren versenken wollte, merkte er plötzlich, daß sie ihn erhobenen Hauptes und mit starren Blicken ansah. Der Kuß, den er ihr geben wollte, indem er ihren Atem einsog, erstarb auf seinen Lippen, denn ein leichter Duft von Amber und Rosen hatte ihm einen Schauer durch den ganzen Körper gejagt, ohne daß er noch den schrecklichen Gedanken faßte, der blitzartig sein Gehirn durchzuckte.
Miß Alicia Clary aber erhob sich jetzt – und ihr mit funkelnden Ringen geschmückten Hände auf die Schultern des jungen Mannes legend, – sagte sie mit der unvergeßlichen, übernatürlichen Stimme, die er schon einmal vernommen hatte:
Erkennst du mich nicht, mein Freund? – Ich bin Hadaly.

Villiers de l'Isle-Adam: Die Eva der Zukunft. Deutsch erstmals unter dem Titel: Edisons Weib der Zukunft, München 1909, Übersetzung von Annette Kolb, die 1984 und 1997 in leicht revidierter Neuauflage erschienen ist.

Betrifft
Kapitel 2. 1. , Seite 68–75
Sachregister
Dichtung, Science Fiction, Virtuelle Realität, L’Eve future
Namensregister
Villiers de I’Isle-Adam, Phillippe Auguste Graf von; Edison, Thomas Alva
Links
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Bildbezüge
Villiers, Manuskript zu »L’Eve future«, Alphabetischer Phonograph, Edisons erstes Modell des Phonographen bei der Aufzeichnung, Edisons Modell einer Puppe mit Phonograph, Edisons Notizbuch, Eintragung zum Phonographen, Kurzweils virtuelles alter-ego, Kurzweils virtuelles alter-ego, Kyoko Date, Kyoko Date
 

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