Telekommunikation, urbaner Raum und künstlerische Interventionen


First Installation: 18.2.2001 Last update: 18.2.2001


erscheint in: Arbeitsgemeinschaft Kultur im Grossraum Nürnberg, Fürth, Erlangen und Schwabach / Institut für moderne Kunst (Hg.): log.in. Netz I Kunst I Werke. Nürnberg 2000 (im Druck)

Die Frage nach Grenzen und Möglichkeit künstlerischer Interventionen in den urbanen Raum wird gegenwärtig nicht von der Theorie beantwortet, sondern von der Praxis der Künstler. Es herrscht offensichtlich ein theoretisches Defizit auf diesem Gebiet. Die Fragestellung scheint gegenwärtig aktueller denn je zu sein. Zahlreiche Künstler, Architekten, Designer, Stadtplaner oder Programmierer beziehen sich in ihren Arbeiten auf den urbanen Raum, indem sie künstlerische Interventionen mit neuen Medien durchführen. Die Dynamik der globalen Telekommunikationssysteme ist aber weder mit einem Raum- noch mit einem Urbanitätsbegriff adäquat zu beschreiben und zu verstehen. Ein erhebliches Ausmaß dieser Daten- und Telekommunikationsströme ist heute auf eine besondere Weise unräumlich und unbeobachtbar geworden, so daß Manuel Castells dafür den Begriff des "space of flows" geprägt hat.

Kommunikation mit Medien
Statt mit urbanem Raum zu argumentieren, ziehe ich es vor, von sozialen Systemen zu sprechen. Dies hat den Vorteil eines größeren Allgemeinheits- und Abstraktionsgrades. Durch diese Umstellung ist man nicht auf eine mehr oder weniger problematische Definition von Urbanität oder Raum festgelegt. Denn gerade diese Begriffe erweisen sich als das entscheidende Hindernis für ein adäquates Verständnis der Komplexität sozialer Prozeße.

Soziale Systeme sind, kurz gesagt, Systeme der Kommunikation. Sie bestehen nur aus Kommunikation und aus nichts anderem. Die beteiligten Personen, Maschinen oder Medien sind selbst nicht Bestandteil sozialer Systeme, sondern Teil ihrer Umwelt. Kommunikationssysteme sind fest mit solchen Peripherien gekoppelt. Man nennt diese Form auch strukturelle Kopplung. Alle Kommunikationssysteme besitzen strukturellen Kopplungen mit bestimmten sozialen, politischen, institutionellen Umwelten, von denen sie abhängen und in denen sie funktionieren.

Um kommunizieren zu können, müssen Medien benutzt werden. Eine Kommunikation ohne Medien ist nicht möglich. Denn das kognitive System operiert auf einer für andere verschlossenen und unzugänglichen Ebene. Die Gedanken einer Person sind privat und unbeobachtbar. Von daher sind Medien immer schon am Zustandekommen von Kommunikation und an der Konstitution sozialer Systeme beteiligt. Ohne Medien gibt es keine Kommunikation und keine sozialen Systeme. Eine Person, die sich mit anderen verständigen will, ist stets auf den Gebrauch öffentlich beobachtbarer Medien angewiesen. Meist wird hier an die Sprache gedacht, weil es das bekannteste Medium darstellt. Die "Sprachfixierung" unserer Gesellschaft führt jedoch zu einer folgenschweren Unterbewertung oder Mißachtung anderer öffentlich beobachtbarer Medien. Man sollte also die Vorstellung von öffentlichen Medien, die man potentiell zur Kommunikation gebrauchen kann, möglichst breit konzipieren. Unter Kommunikation mit Medien fasse ich daher alle Medien, die man benutzen, gebrauchen und verwenden kann. Vor allem wären hier Gestik, Mimik, nonverbales Verhalten, Sprache, Schrift, Musik, Malerei, Skulptur, Zeichnung, Druckgraphik, Diagramme, Notationen, Fotografien, Film, Video, Computer, Hologramme, sowie die verschiedenen Telekommunikationstechnologien zu nennen.

Wenn man über den Mythos der "Neuen Medien" nachdenkt, wird schnell deutlich, daß das grundlegende Problem neuer Medien in ihrem Älterwerden besteht. Es liegt darin, daß sie sehr schnell zu "alten" Medien werden. Die Medienkünstlerin Bettina Lockemann hat darauf hingewiesen, daß, je schneller ein neues Medium bekannt wird und sich gesellschaftlich durchsetzt, daß es desto schneller altert. Die Rede von neuen Medien impliziert ferner ausgesprochen oder unausgesprochen die Verwendung oder Akzeptanz eines ideologischen Systems von Einstellungen und Werthaltungen, das vor allem auf der Grundlage von Originalität, Innovation und Überbietung funktioniert. Es entstammt historisch gesehen der Avantgardebewegung der klassischen Moderne.

Die Funktion des Neuen ist Irritation. Das Neue irritiert zunächst durch seine Abweichung vom Gewohnten oder Alten. Dabei ist es nun entscheidend, wie Individuen oder soziale Systeme mit diesen Irritationen umgehen. Im Prinzip gibt es hierbei zwei Möglichkeiten: Interne Zurechnung und Verarbeitung und damit Anpassung an das Neue als das nun Gewohnte oder Abwehr der Irritation als Störung und Zurechnung zur Umwelt. Welche der jeweiligen Möglichkeiten von einem Kommunikationssystem gewählt wird, kann von der Quelle der Irritation her nicht vorhergesagt werden, sondern nur von den Ergebnissen der Verarbeitung, und das heißt, von den Anschlußkommunikationen. Das bedeutet, daß künstlerische Interventionen in soziale Systeme aufgrund ihrer Neuheit oder Ungewohnheit mehr oder weniger starke Irritationen auslösen können.

Tausch
Eine der einfachsten Formen künstlerischer Intervention in den urbanen Raum ist der Tausch. In den letzten Jahren wurden einige künstlerische Projekte realisiert, die auf dem Gedanken des Tausches basieren. Meist handelt es sich um Arbeiten, die relativ gut funktionieren, weil das Publikum aktiv beteiligt wird. Die Neugierde über das Tauschobjekt überstimmt die Skepsis gegenüber einem eventuell ungerechten Deal.

Ein frühes, aber immer noch faszinierendes Projekt stammt von den beiden Künstlern Michael Clegg und Martin Guttmann. Nach Vorversuchen in Graz installierten sie von Mai bis September 1993 in drei Stadtteilen Hamburgs eine Offene Bibliothek. Im Gegensatz zu normalen Bibliotheken, die oft eine einschüchternde oder bedrückende Atmosphäre ausstrahlen, ging es hier um eine offene, selbstorganisierte Handhabung, Organisation und Verwaltung von Tauschprinzipien.

 

 

(Abb. 1)

Sie wurde in drei umgebauten Schaltkästen der Hamburger Elektrizitätswerke eingerichtet, die an eigens ausgewählten Standorten, die ein städtebauliches "Dazwischen" repräsentierten, aufgestellt wurden. Anhand von verfügbaren Erhebungsdaten der Stadtraumanalyse wurden drei verschiedene Stadtteile in Hamburg ausgewählt: der Stadtteil Volksdorf, ein besseres Wohnviertel, in dem 43,3% der Einwohner Abitur oder eine höhere Bildung besitzen, Barmbek-Nord (13,6%), ein hochverdichtetes Mischquartier mittleren Sozialniveaus und ein Standort im Stadtteil Kirchdorf-Süd mit ausgesprochenen niedrigem Bildungs- und Einkommensniveau (7,9%). Begleitet wurde dieses Projekt von einer soziologischen Untersuchung, die Ulf Wuggenig zusammen mit Studenten der Kulturinformatik der Universität Lüneburg durchführte. Auf diese Weise stehen auch empirische Daten über Erfolg und Mißerfolg des Projektes zur Verfügung.

Zunächst wurden die Bewohner der Stadtteile um Bücherspenden gebeten. Sie wurden auch gefragt, welche Arten von Büchern ihrer Meinung nach eine ideale Bibliothek enthalten sollte. Die abgegebenen Bücher standen dazu in denkbarem Gegensatz. Interessant ist nun, wie sich das Projekt in den unterschiedlichen Standorten entwickelte, welche Arten von Büchern hinzukamen bzw. verschwanden, wie sich die Gesamtzahl der Bücher überhaupt entwickelte. Am besten lief das Projekt im Stadtteil Volksdorf. Dort gründete sich sogar eine Bürgerinitatiative, die sich den weiteren Fortbestand der Offenen Bibliothek wünschte. In Barmbeck sank zwar die Zahl der in der Bibliothek vorhandenen Bücher kontinuierlich ab, das Projekt lief aber bis zum geplanten Ende der Aktion. Lediglich in Kirchdorf wurde das Objekt mutwillig zerstört. Die gespendeten Bücher waren bereits nach wenigen Tagen weitgehend verschwunden.

Eine vergleichbare Arbeit, die auf den Prinzipien des Tausches basiert, hat die slowenische Künstlerin Apolonija Sustersic jüngst als "research project in communication" im Kunstverein Münster realisiert. (Abb. 2) Sie interessierte sich vor allem für die soziale Funktion von suburbaner Architektur und ihren medialen Repräsentationen im Film. Die Installation video home video exchange bot die Möglichkeit, von Sustersic zur Thematik Urbanität/Suburbanität ausgewählte Spielfilme wie "Ice Storm" von Ang Lee, "Blue Velvet" von David Lynch, "Lola" von Rainer Werner Faßbinder oder Halloween - Die Nacht des Grauens von John Carpenter vor Ort anzusehen. Über eine Anzeige in einer Tageszeitung wurden die Stadtbewohner aufgefordert, dem Kunstverein private Videobänder zum Thema Haus und Garten zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug konnten sie dafür einen der Spielfilme eintauschen und mit nach Hause nehmen. Es war ferner geplant, die 10 besten Home Videos zu prämieren und als Zehner-Edition im Bookshop zu vertreiben. Da aber insgesamt nur 15 Videos eingereicht wurden, fiel die Prämierung mangels Masse aus. Zuvor hatte sie dasselbe Projekt in einer öffentlichen Depandance der Moderna Galerija in Ljubljana durchgeführt, wo die Interaktion des Tausches wesentlich besser funktionierte.

 

Der Tausch zählt zu den wichtigsten sozialen Mechanismen, über den in direkter oder indirekter Form Verbindungen zwischen verschiedenen Personen, also Kommunikation, hergestellt werden kann. Die zeremoniellen oder symbolischen Aspekte des Tausches können dabei oftmals wichtiger sein als die ökonomischen Gesichtspunkte. Bereits in den zwanziger Jahren wurde durch Bronislaw Malinowski die kulturelle Bedeutung des Tausches für das Zusammenleben von Gemeinschaften untersucht. Insbesondere die Untersuchungen über den polynesischen Kula-Ring oder zum Potlatch der amerikanischen Nord-West-Küsten-Indianer machten die kommunikative Bedeutung der Gabe und die Symbolik des Tausches deutlich. Die Theorien des sozialen Austausches in der Nachfolge von Claude Levi-Strauss unterscheiden dabei verschiedene Arten des Tauches, den direkten, beschränkten Tausch und den generalisierten Tausch über Dritte. (Ekeh 1974) Bei Formen des generalisierten Tausches ist die emotionale Beteiligung geringer. Soziale Austauschtheorien gehen davon aus, daß Individuen danach streben, ihre Nettobelohnungen (Bruttobelohnungen minus kosten) zu maximieren. Typische Formen von Belohnungen von sozialen Interaktionen sind nach Foa&Foa Liebe (Zuneigung, Wärme, Beistand), Status (Prestige, Selbstwert, Selbstachtung), Information (Rat, Meinung, Instruktion, Aufklärung), Geld, Güter und Dienstleistungen. Als mögliche Kostenfaktoren sozialer Interaktion wären dagegen Zeitaufwand, Ärger, Interferenz, Anstrengung sowie Unsicherheit anzuführen.

Nationalität
im Prinzip kann man alles tauschen, auch seine Staatsbürgerschaft. So hat der dänische Künstler Jens Haaning 1997/98 ein Büro zum Tausch der Staatsbürgerschaft gegründet. Haaning beschreibt seine Ziele folgendermaßen:
OFFICE FOR EXCHANGE OF CITIZENSHIP
P.O. BOX 160, 1043 VIENNA
AUSTRIA
Das Ziel des Office for Exchange of Citizenship [Büro zum Tausch der Staatsbürgerschaft] ist:
- den Staatsbürgerschaftstausch zu organisieren
- zu helfen, den Kontakt zwischen den relevanten Autoritäten und Personen herzustellen, die ihre Staatsbürgerschaft gerne tauschen möchten
- den Bedarf nach Staatsbürgerschaftsaustausch zu erforschen
- die Idee von OEC bekanntzumachen
- Kontakt herzustellen zwischen den Personen, die ihre Staatsbürgerschaft tauschen wollen
- Wissen zu sammeln, das für die Idee der OEC relevant ist

Falls Sie Ihre Staatsbürgerschaft tauschen wollen, schreiben Sie bitte an unser Postfach.
Ihr Brief sollte folgendes enthalten:
- welche Staatsbürgerschaft Sie momentan besitzen
- welche Staatsbürgerschaft oder Staatsbürgerschaften Sie sich wünschen
-welche Summe wollen/können Sie für den Tausch Ihrer Staatsbürgerschaft bezahlen

Wir können nicht garantieren, daß Ihre Staatsbürgerschaft getauscht werden kann, aber wir versprechen, daß wir unser Bestes tun werden. .

1996 realisierte Haaning in der Vleeshaal in Middelburg eine Arbeitssituation, welche die von Türken betriebene Textilfabrik Maras Confectie aus Vlissingen in der Nähe von Middelburg in die Ausstellungsräume selbst verlagerte. Dies schloß die gesamte Fabrik ein, also die Produktionsabteilung, das Büro und den Pausenraum. Die türkischen, iranischen und bosnischen Angestellten arbeiteten in de Vleeshal in ihrem normalen Produktionsrhythmus.

 

Von August bis September 2000 wird die Berliner Künstlerin Judith Siegmund unter dem Titel "Soziale Geräusche III (Ästhetik der Erfahrung)" eine Stadt-Raum-installation in Frankfurt/Oder und Slubice (Polen) realisieren. (Abb. 3) In dieser Arbeit geht es unter anderem um Fragen der Fremdenfeindlichkeit, einem hochaktuellen und tabuisierten Thema. Zunächst wird sie in Zusammenarbeit mit Schülern eines Kunst-Leistungskurses im Museum Junge Kunst in Frankfurt/Oder eigene Fragen für Interviews mit Bewohnern der Stadt erarbeiten. Die Fragenkomplexe beziehen sich auf die Veränderungen des eigenen Lebens nach der Wende, auf Gastfreundschaft, die Einstellung gegenüber fremden Kulturen und die Medienberichterstattung über Frankfurt/Oder. Fragen lauten z.B.: Was denken Sie, hat sich in Frankfurt/Slubice nach der Wende verändert? Haben Sie schon Gastfreundschaft im Ausland erlebt? Wie empfinden Sie das Zusammenleben der Kulturen? Freuen Sie sich über andere Kulturen in F/O? Haben Sie schon negative Berichte über F/O gehört? Siegmund beabsichtigt zum einen, große Schrifttransparente mit Ausschnitten aus Interviews mit Frankfurter Bürgern in den Leneé-Passagen und in den Oderturm-Passagen aufzuhängen. Die Transparente sollen eine Größe von 6x2m erhalten und rote Schrift auf weißem Grund besitzen. Mit Sätzen wie: "In Afrika haben Ausländer mehr Arbeit als Einheimische" oder Ich denke, daß die Polen weniger Neid empfinden als wir denken" oder "Es gibt viel Deutsche, die rübergehen ins Bordell." Zusätzlich werden 20.000 Fragebögen als Sonderbeilage der Frankfurter Ausgabe der märkischen Oderzeitung verteilt. Die ausgefüllten Bögen kann man dann in bereitstehende Kästen in der Nähe verschiedener Einkaufszentren werfen. Auf der polnischen Seite der Grenze (vor dem Collegium Polonicum) werden Schriftransparente in polnischer Sprache mit Ausschnitten aus den Interviews aufgehängt, so daß man sie liest, nachdem man die Grenze passiert hat. Dieselben Fragen werden in polnischer Sprache mit einer Ausgabe der Gazeta Slubicka, einer Regionalzeitung mit 2000 Exemplare Auflage, verteilt. Das Ziel könnte man hier ebenfalls in einer Irritation der eingefahrenen Kommunikationsgewohnheiten, Einstellungen und Überzeugungen erkennen, in der Hoffnung darauf, daß die erfahrenen Irritationen zu einer positiven Adaptation führen.

 

Der Berliner Architekt und Künstler Erik Göngrich hat von Dezember 1998 bis April 1999 als Stipendiat von batofar, Paris, einem Leuchtschiff, das im 13. Arrondissment auf der Seine verankert ist, eine hochinteressante Intervention in den Stadtteil dieses Arrondissement durchgeführt. Es handelt sich um einen Stadtteil mit einem hohen Ausländer- und Arbeitslosenanteil, der gegenwärtig einem besonders starken städtebaulichen Veränderungsdruck unterliegt. Das Viertel ist in zwei Teile geteilt, einerseits die alten, zwei bis vier Stockwerke hohen Mietshäuser, die mit 25 bis 40 Stockwerken hohen Wohntürmen von Les Olympiades gemischt werden, einem in den 60er und 70er Jahren erbauten Wohnquartier. Andererseits liegt in der Nähe der Neubau der Bibliotheque Nationale.

Göngrich hat nun in zwei Gebäuden derselben Straße, der Rue du Chevaleret, einem Ausländerwohnheim der Sonacotra und einem Gebäude der Heilsarmee für Wohnsitzlose, das 1933 von Le Corbusier erbaut wurde, verschiedene künstlerische Projekte durchgeführt. Das Gebäude der Sonacotra, Nr. 63, rue de Chevaleret, beherbergte ursprünglich algerische Gastarbeiter und wird heute vorwiegend von Arbeitsimmigranten aus Schwarzafrika bewohnt.

Das zweite Gebäude ist das Hauptgebäude der Pariser Heilsarmee, nr. 41/43, auch Cité du Refuge genannt. Das Gebäude wurde 1933 von Le Corbusier als Modell einer edukativen Architektur erbaut, mit dem Anspruch, "die Menschen zum besseren zu erziehen". Ursprünglich hätte ein Besucher, nachdem er das Gebäude über einen Steg betreten können, an der geschwungenen Empfangstheke entlang bis in die Mitte der Halle gehen können, in den ersten Stock gelangen und die Bibliothek betreten können, die nach außen auf eine runde Terasse mit einem von Le Corbusier skulptural gestalteten Labyrinth aus Blumenkästen geführt hätte. Heute ist die Terasse geschlossen, das Blumenlabyrinth, ein wichtiges skulpturales Objekt Le Corbusiers, wurde 1991 beseitigt und die Bibliothek in Büroräume umgewandelt. Der einzige Treffpunkt bleibt die mit Glasbausteinen hermetisch von der Außenwelt abgeschlossene Halle. Die anderen Räume des Gebäudes sind privat. Es ist verboten, Besuch mit aufs Zimmer zu nehmen. Die Wohnbereiche sind streng nach Geschlechtern getrennt.

Göngrich verband die beiden Gebäude mit einer Führung für Interessierte, die am Batofar begann und dort auch wieder endete. (Abb. 4)
In dem Gebäude der Sonacotra realisierte Göngrich in dem einzigen fensterlosen Aufenthaltsraum im Keller zusammen mit den Bewohnern eine Ausstellung, die den Versuch unternahm, das Äußere der Stadt im Inneren darzustellen, verschiedene Stadtteilinitiativen, Gruppen und Vereine zu präsentieren, um anhand des Projektes Paris Rive Gauche Reaktionen, Debatten und Meinungsbildung im Quartier selbst hervorzurufen. Der zweite Halt in der Stadtteilführung war die Eingangshalle der Cité du Refuge, in der ein Schaumstoffobjekt Göngrichs auf die Geschichte des Gebäudes anspielte und mehrere andere Schaumstoffobjekte ausgestellt waren, die von Personen aus dem Wohnheim hergestellt worden waren. Die Schaumstoffobjekte im Aufenthaltsraum der Cité du Refuge wurden kombiniert mit Diaprojektionen der Bewohner und Interviewzitaten auf die Tafel der damaligen Spender und Geldgeber des Le Corbusier-Projektes ergänzt. Die Promenade führte dann durch verschiedene Zonen des Arrondissemnts, wie Les Olympiades und endete nach ca. 6 Stunden mit einer Installation im Leuchtturm des Bootes.

Das Projekt Göngrichs ist auf einem sehr komplexen Niveau angesiedelt. Neben der skulpturalen Präsentation von benutzbaren Schaumstoffobjekten, der Ausstellung von Schautafeln in einem normalerweise nicht öffentlich zugänglichen Bereich und Diaprojektionen ist vor allem die persönliche Führung durch den Künstler selbst anzuführen, die bei den Teilnehmern (teilweise bis zu 100 Personen) ein verändertes Bewußtsein oder Verständnis für die komplexe städtebauliche und soziale Lage dieses Arrondissements herstellte. Insbesondere erscheint mir die Vorgehensweise Göngrichs in der Kombination ihrer verschiedenen Methoden und Herangehensweisen hervorragend geeignet, auf die schwer zu visualisierende Komplexität der urbanen Transformationen eines Stadtteils im Zeitalter der Telekommunikationstechnologien aufmerksam zu machen. Göngrich kombiniert verschiedenste Ebenen des Agierens miteinander, mindestens eine informative Ebene, eine politische und eine ästhetische Ebene. Ein Ziel ist es, verschiedene getrennte Bereiche wieder zusammenzubringen.

Partizipation
Das Thema der Partizipation von Bürgern und Einwohnern an städteplanerischen und urbanen Prozeßen ist im Zusammenhang mit dem Entstehen der neuen Telekommunikationsmedien neu durchdacht worden. Einige Teams von Künstlern, Architekten und Stadtplanern haben gerade in jüngster Zeit dazu einige Vorstellungen und Projekte entwickelt.

Das Institut für angewandten Urbanismus hat vor kurzem über das Internet den Vorschlag unterbreitet, das Konzept von Open Source, wie es in der Softwareentwicklung speziell im Zusammenhang mit dem offenen Betriebsystem Linux seit Jahren verwendet wird, auf Prozeße der Stadtplanung und Stadtentwicklung zu übertragen. Sie schlagen dafür u.a. folgendes vor:

Überträgt man das Modell Open Source auf die Stadt, bedeutet dies zunächst einmal die Abgabe der Planungssouveränität der Stadt bezogen auf zeit / räumlich fixierte Festlegungen (der Quellcode muß offen liegen), weiterhin die Öffnung für Interventionen eines jeden Teilnehmers am städtischen Prozess. Der städtische Raum wird nicht mehr (regelbasiert) im voraus definiert, sondern wie ein Produkt behandelt, daß durch die Teilnahme verschiedener (kompetenter) Interessengruppen immer weiter verbessert wird. Die Abgabe der Planungssouveränität bezieht sich vor allem auf das System der vorab definierten, ergebnisfixierten Planung, bei der städtische Räume prognostisch (ungenau) festgelegt werden. Die Etablierung einer prozessorientierten, immer wieder aktualisierten Planung der Stadt, hat nicht zum Ziel, die Planung insgesamt zu deregulieren, es geht vielmehr um eine Verschiebung, bei der Aufgaben anders wahrgenommen und bewältigt werden müssen.

Für September/Oktober 2000 planen sie in Schwabach bei Nürnberg einen städtebaulichen Ideenwettbewerb für das Gelände der ehemaligen O'Brien-Kaserne. Vor Ort soll ein HO-Modell (1:87) aufgestellt werden, das für jeden zugänglich, veränderbar und somit ständig aktualisierbar ist. Das Modell stellt mit seiner Fähigkeit, Veränderungen und Positionen anzeigen und lokalisieren zu können, ein spielerisches Planungs-bzw. Kommunikationsinstrument dar. Fotomontagen des Modells und der realen Umgebung sollen in Zeitungen, auf Plakaten und über das Internet veröffentlicht werden, um so eine Reaktion und einen Wunsch nach Teilnahme zu erzeugen.

Parallel dazu soll eine Website angelegt werden, in der die aktuellen Veränderungen vor Ort zu beobachten sein werden. Das in seinen Abmessungen und Größen bestimmte Territorium wird maßstabsgetreu auf der Oberfläche der web.site abgebildet. Durch eine geeignete technische Programmierung sollen die Möglichkeiten der Intervention und Teilnahme an der Gestaltung des neuen Territoriums ausprobert werden. Über das Internet erfolgte Eingaben und Modifikationen werden in Form eines re-entry auf die Situation vor Ort (Modell H0) rückübertragen. Dadurch entsteht eine reziproke Wechselwirkung und gegenseitige Irritation der verschiedenen VR und RL-Systeme. In sog. log.lounges, die im Stadtraum von Nürnberg., Erlangen, Schwabach und Fürth aufgestellt werden, können sich Interessierte Bürger über den Stand der Open Source Planungen informieren und auch überregional in den Planungsprozeß eingreifen

Die dänische Künstlergruppe Superflex (Jakob Fenger, Bjornsterne Christiansen, Rasmus Nielsen) haben in Zusammenarbeit mit dem Architekten Rune Nielsen 1998 ein virtuelles 3D-Modell der schwedischen Stadt Karlskrona entwickelt, in dem Bewohner und Gäste in zeitversetzten Foren wie einem discussion room und zeitgleichen Foren wie einem Chat Room über Stadtentwicklungs- und Stadtplanungsprozeße diskutieren können und virtuelle Gebäude und Bauwerke in Karlskrona2 errichten können. (Abb. 5) Aktiv sind dort etwa 20 Personen an der Diskussion beteiligt. Im September 2000 soll eine große Projektionsleinwand im realen Karlskrona aufgebaut werden, welche die Einwohner über die Vorgänge in Karlskrona2 auf dem Laufenden hält. Vor kurzem haben Superflex ein zweites Projekt begonnen, das sich mit der städtebaulichen Situation der Stadt Wolfsburg auseinandersetzt. Auch hier ist bereits ein discussion room eingerichtet, während die anderen tools sich noch im Aufbau befinden. Der Wolfsburger Stadtplaner Norbert Käthler hat sich bereits in dem discussion room zu dem Projekt geäußert:

1. Der Ansatz von Superflex ermöglicht eine neue Form der Bürgerbeteiligung bei öffentlichen Planungen. Durch die Methode Internet werden Gruppen angesprochen, die bei klassischen Beteiligungsformen (z.B. Bürgerversammlungen, politische Gremien) vermutlich geringer repräsentiert sind. Dies kann dazu führen, daß insbesondere junge, mit elektronischen Medien vertraute Menschen Ihre Meinung so einbringen können.

2. Als Stadtentwickler finde ich den Ansatz von Superflex interessant, wenn er ganzheitlich in die bereits vorhandenen Kommunikationssysteme und Schnittstellen zwischen Verwaltung und Bürger/in integriert ist.

Die Idee der Bürgerpartizipation an städteplanerischen Prozeßen wurde auch von der Darmstädter Gruppe um Jan Briese, Kim Grüttner, Klaus Teltenkötter, die sich Maila-Push nennt, mit dem Gedanken des Computerspieles in Verbindung gebracht. Am Beispiel der Stadt Offenbach bieten sie ein fünfteiliges Stadtplanungsspiel inForm von Subtrailer an, in dem die Spieler verschiedene Aufgaben zu erfüllen haben. Sie schlagen u.a. vor, daß User ab einem bestimmten Score an realen Wettbewerben im realen Stadtraum Offenbachs wie z.B. einem geplanten Go-Kart-Rennen teilnehmen können. Bestimmte städtebauliche Problemzonen der Stadt Offenbach wie die sog. Ebene 1 in der Innenstadt, das Tambourbad, der Stadtteil Lohwald usw., werden so auf eine spielerische Art und Weise mit den Mitteln der Neuen Medien wie einer vektororientierten Umgebungsprogrammierung angegangen. So erhoffen sie sich eine neue Auseinandersetzung und Beteiligung der Bürger an diesen Fragestellungen.

Zusammenfassende Bemerkungen
Der Begriff des urbanen Raumes im Netz ist eine Metapher. Denn nichts im Netz selbst ist räumlich und nichts ist urban. Es handelt sich vielmehr um Beobachterbegriffe, die beim Beobachten bestimmte Unterscheidungen anwenden. Diese Unterscheidungen können für ein Verständnis der Rolle von Telekommunikationstechnologien in der Kommunikation mehr oder weniger angemessen sein. Das Internet ist ein hochkomplexer, operativ geschlossener Medienverbund, bei dem es außer über die Eingabe- und Ausgabeoberflächen keinerlei Input und Output gibt. Nichts gelangt in das Netz, was nicht mittels einer Eingabeoberfläche in der binären Sprache der Daten formuliert wurde und nichts kann aus dem Netz in die Umwelt gelangen, wenn es nicht über spezifische Ausgabeflächen wie Bildschirme, Drucker oder Lautsprecher in der Sprache eines öffentlich beobachtbaren Umgebungsmediums formuliert wurde.

Je nachdem, von welcher Seite der Grenze aus man das Internet betrachtet, kann seine Oberfläche völlig anders aussehen. Wir sehen das Internet von außen, in einer gemeinsamen strukturellen Kopplung mit unserer und seiner Umwelt. Aber wie sieht das Internet von innen aus? Wir können uns nicht vorstellen, wie die Grenze des Internets von innen aussieht, da wir sie nicht überschreiten können. Aber wir haben durchaus Grund zu der Annahme, daß auch das Internet uns beobachten kann. Es registriert nämlich jede Differenz zwischen sich selbst und seiner Umwelt. Es verarbeitet und speichert jede kleinste Eingabe. Mikrophon, Tastatur und der Upload von Dateien bilden, von der Innenseite des Internets aus gesehen, seine sensorischen Oberflächen. Es sind seine Sinnesorgane, mit denen es uns in RealLife beobachten kann. Aufmerksam verfolgen sie jeden unserer Schritte weltweit in den log files. Sie wissen immer, wo wir sind und wann wir uns das letzte Mal eingeloggt haben.

Das wäre vielleicht ein interessanter Stoff für einen neuen Science-Fiction- Film im Stile von Alien 4. Es beobachtet uns heimlich und aufmerksam über die log files und die Router und wenn sich ein ahnungsloser User an seine Tastatur setzen will, um seine emails abzurufen, öffnet er das gateway to hell. Captain Ripley ruft: "Schnell! Geben sie mir die Pläne für die Kabeltunnel!" Der Commander schreit: "Wo zum Teufel ist die Hauptsicherung?" Aber es ist längst zu spät. Das Alien ist schon da.


Hans Dieter Huber