Editorial

Mit der Einführung des bildorientierten World Wide Web (WWW) zu Anfang der 90er Jahre wuchs die Zahl der KünstlerInnen, die das Internet als künstlerisches Aktionsfeld entdeckten. Innerhalb der seither verflossenen Zeit entstanden viele Kunstwerke, die sich der speziellen Eigenarten des WWW bedienen. Es ist daher richtig, von der Netzkunst als einer neuen Kunstform zu sprechen. Somit verdient sie das Interesse der Kunstwissenschaft.

Bislang fehlen Texte, die Einsichten in das Dickicht der Kunst im Internet bieten. Netzkunst zu finden ist nicht leicht angesichts wuchernder Angebote aller Art. Konventionelle Kunstwerke lassen sich an speziellen Orten gezielt aufsuchen (Galerien, Museen, Kunsthallen). Netzkunst ist zwar im Original zuhause konsumierbar, für sie gibt es jedoch noch keine spezifische Infrastruktur.

Mit dem vorliegenden Heft der kritischen berichte wird die Netzkunst erstmals aus kunstwissenschaftlicher Perspektive ausführlich untersucht. Kritische Analysen werden ergänzt um Portraits einiger wesentlicher Webprojekte. Den Auftakt bilden Texte zu drei "Kontextsystemen". Gemeinsam ist solchen Internetprojekten das Anliegen, die medialen Möglichkeiten dieser Technik zur Bildung kleiner aber offener Gemeinschaften zu nutzen. Kulturelle, soziale und künstlerische Angebote sind gleichermaßen vertreten und nicht scharf voneinander zu trennen. Während im "Adaweb" künstlerische Experimente im Vordergrund stehen, verrät schon der Name des "Public Netbase" dessen sozialen Anspruch. Ist in diesem Fall die Ästhetik von der Information schon schwer zu unterscheiden, so bildet die "Internationale Stadt Berlin" (IS) ein Modell für den Aufbau einer virtuellen Gesellschaft. Das mit einem Mitbegründer der IS geführte Interview ist zugleich ein Nachruf auf dieses Experiment, das in diesen Tagen beendet wird.

In "Sites" werden vier Netzkunstprojekte in Einzeldarstellungen präsentiert. Die Künstlergruppe "etoy" sowie das Duo "Jodi" reflektieren in ihren Websites und Aktionen mediale und technische Gegebenheiten des Internet. Ingo Günthers "Refugee Republic" konstruiert eine neue globale politische Organisationsform. Günther erkennt Korrespondenzen zwischen den Flüchtlingszügen und Datenströmen auf der ganzen Welt. Die "Refugee Republic" ist ein Beitrag zur Neudefinition von Demokratie im Zeitalter der Globalisierung und der Kommunikation im Internet. Julia Scher widmet sich aus us-amerikanischer Sicht dem brisanten Verhältnis des Privaten zum Öffentlichen, wie es sich im Wachstum der Sicherungsbranche äußert. In Deutschland ist das Thema durch die Debatte um den "Großen Lauschangriff" aktuell. Die Frage, wieviel Sicherheit nötig ist und wohin übersteigerte Sicherheitsbedürfnisse die Gesellschaft führen, wird in Schers Netzkunstarbeiten durchgespielt.

Fünf Beiträge schließlich analysieren als "Frameworks" die Netzkunst in ihrer Gesamtheit. Hans-Dieter Huber beschreibt die Materialität des flüchtigen, virtuellen Mediums und formuliert die Bedingungen, unter denen Netzkunst wahrgenommen wird. Als Ausweg aus der Polarität von Vergötterung und Verteufelung des Internets und der Netzkunst bietet sich eine fundierte Kritik der Sache an; Geert Lovink und Pit Schultz liefern Vorschläge zu einem kritischen Diskurs. Verena Kunis Beitrag stellt feministische Netzkunstprojekte vor. Den Weg von der Medienkunst zur Netzkunst vollzieht Heiko Idensen nach. Ein Interview mit Horst Bredekamp beschließt das Heft. Bredekamp fordert einen Rollenwechsel des Faches Kunstgeschichte. Alle visuelle Medien müssen integriert, also auch der Film und die Netzkunst. Sein Plädoyer für eine "Bildwissenschaft" leitet zum Heft 2/ 1998 der kritischen berichte über, das sich ausführlich diesem Konzept widmet.

Christoph Danelzik-Brüggemann, Hans-Dieter Huber, Gottfried Kerscher

 



 

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