Hans Dieter Huber
Carletto Caliari
First upload: 11.9.1996 last update: 25.6.2002
(erschienen in: Saur Allgemeines Künstlerlexikon: Die
Künstler aller Zeiten und Völker, Leipzig: Saur Verlag 1997, Bd. 15,
S.579-580) (mit freundlicher Genehmigung des K.G.
Saur Verlag GmbH Leipzig)
Caliari, Carlo Justo; gen. Carletto, ital. Maler, Zeichner und Freskant.
Zweitältester Sohn des ital. Malers, Zeichners und Freskanten Paolo Veronese.
Getauft am 20. Juli 1570, gestorben 1596. Er dürfte sehr früh in der
väterlichen Werkstatt mitgearbeit haben und war einer der begabtesten Gehilfen.
C. absolvierte aller Wahrscheinlichkeit nach eine Lehre in der Werkstatt von
Francesco und Leandro Bassano, die um 1578 in Venedig eine Werkstatt eröffnet
hatten (Ridolfi, Rearick 1976, Rearick 1987/88). Noch zu Lebzeiten seines Vaters
freskierte er offenbar zusammen mit Paolo Piazza in der Villa Cornaro in Poisolo
bei Castelfranco (Cocke 1984, fig. 100). Nach dem Tode des Vaters 1588 arbeitete
er zusammen mit seinem Onkel Benedetto und seinem älteren Bruder Gabriele
unter dem Namen 'Heredes Pauli'. In C.s künstlerischen Arbeiten findet
man bassaneske Einflüße in Form von erzählerischen und naturalistischen
Details sowie die typischen Figurenkompositionen Paolo Veroneses. Sie treffen
auf eine originäre, expressiv-chromatische Palette vor allem aus sekundären,
tertiären, gebrochenen wie aufgehellten Farbtönen. Das wichtigste
stilistische Kennzeichen Carlettos ist in der Frühphase sein Hang zu einem
pastoralen Naturalismus. Ab etwa 1584 tauchen im uvre der Veronese-Werkstatt
verstärkt Tiere auf: turtelnde Ringeltauben, Häschen am Bildrand,
liegende Schäfchen,Weidenkörbe, Hirten und Bauern, usw. Sie sind wichtiges
Indiz für seine Hand. Die Landschaft wird bei C. als Kontrapunkt der Bilderzählung
aufgewertet. Ein weiteres Kennzeichen ist die Gestaltung von Gesichtern und
Händen. Typisch sind die übergroßen, langen Hände und eine
spitze, leicht nach unten weisende, Nase. Im Verein mit hochsitzenden Augenbrauen
und einer expressiv verhüllten, fast schon rokokohaften Farbigkeit verleihen
sie den Gesichtern eine gewisse höfische Vornehmheit. C. arbeitet überwiegend
mit einem betont kühlen, graurosafarbenen Inkarnat. In seinem Spätwerk
ab etwa 1590 entwickelt er verstärkt ausgesuchte, aber graziöse Körperhaltungen,
wobei der Gestik von Armen und Händen eine wichtige Ausdrucksfunktion zukommt.
Dies findet seine Bestätigung in der überaus hohen Zahl an Kreidestudien
von Händen, Armen und Beinen, die ihm zugeschrieben werden. In den Proportionen
neigt C. zu einer gewissen Monumentalität, vor allem in der unteren bzw.
vordersten Bildebene. Die Figuren wirken im Vergleich zum Bildganzen zu groß
und zu massiv. Die Beziehung der Komposition zu Bildformat ist oftmals von einer
gewissen Enge und Überfülle gekennzeichnet. In der Wiedergabe von
Stoffen und Gewändern arbeitet C. stets mit dem dunkelsten Ton als Lokalfarbe,
auf welchen er in zwei Stufen durch Zugabe von Weiss höht. Auch diese Technik
unterscheidet ihn deutlich von seinem Vater, der bis auf wenige Ausnahmen aus
einem mittleren Lokalton heraus arbeitete und farbig höhte bzw. mit braunen
Lasuren die Schattenpartien anlegte. Die Höhungen C.s sind breitflächig,
trocken, zittrig und unvermalt aufgesetzt, so daß sie eher einen unbestimmten
Schleier von Helligkeit erzeugen als empirisch bestimmbare Faltenbahnen. Das
Kolorit ist oftmals ins Pastellhafte oder Graue gebrochen. Gerne verwendet er
ungesättigte oder stark aufgehellte Farbtöne. Dies verleiht den Bildern
eine gewisse Morbidität des Kolorits, das kühl, vornehm, zurückhaltend
und rokokohaft wirkt. Die Mitarbeit C.s in der väterlichen Werkstatt konfrontiert
die Veronese-Forschung mit zahlreichen Problemen. Generell ist in der Literatur
die Tendenz zu verspüren, bei Bildern, die von der bekannten Handschrift
Paolos abweichen, C. als ausführenden Gehilfen anzuführen. Alleine
für die Zeit von 1584 bis 1588 werden über 60 Gemälde im Werkverzeichnis
(Pignatti 1976) aufgeführt werden, an denen C. entweder mitgearbeitet haben
soll oder die größtenteils von ihm selbst ausgeführt sein sollen.
Ferner ist es außerordentlich schwierig, ein eigenhändiges uvre zu
rekonstruieren (Crosato Larcher 1967), da er auch nach dem Tode seines Vaters
meistens im Verband mit seinem Onkel und seinem älteren Bruder arbeitete.
Das zeichnerische Qeuvre läßt sich ebenfalls noch unzureichend identifizieren.
Gegenwärtig sind über 140 Zeichnungen bekannt, die mehr oder weniger
differenziert seiner Hand zugeschrieben werden. Tietze/Tietze-Conrat, Ballarin
und Rearick haben verschiedene Versuche unternommen, einen Grundstock seines
zeichnerischen uvres aus der Masse der Werkstattzeichnungen zu isolieren. Gegenwärtig
verbirgt sich sicherlich noch unerkanntes Material unter den Bassano-Werkstattzeichnungen,
aus denen bisher wiederholt Blätter als Arbeiten C.s erkannt wurden.
Literatur:
DBI, 16, 700; Ridolfi, Carlo: Le Maraviglie dell'Arte , Venezia 1648. Hrsg.
v. Detlev v. Hadeln, Bd.1, Berlin 1914, 353-358; Venturi.IX, 4, 1929, 1099-1108;
Morassi, Antonio: Opere ignote o inedite di Paolo Veronese. In: Bolletino
d'Arte, Vol. 29, 1935, 256 - 258; Tietze, Hans/Tietze-Conrat, Erica: The
Drawings of the Venetian Painters in the 15th and 16th Centurie New York
1944, cat.no 2197 - 2212; Tietze-Conrat, Erica: Not Paolo but Carletto Caliari.
In: Art Bulletin, Vol. 28, 1946, 53 - 54; Arfelli, Ariana: Per la Storia
di un quadro di Paolo Veronese, Arte Veneta, Vol.XIII-XIV, 1959/60, 203-204;
Gamulin, Grgo: Contributi al Cinquecento. In: Arte Veneta, Vol. XIII - XIV,
1959 - 60, 88-95; Crosato Larcher, Luciana: Per Carletto Caliari. In: Arte
Veneta, Vol. XXI, 1967, 108 - 124; Giuseppe Maria: I pittori del Seicento
veneto. Firenze 1967, 104;(?); Ballarin, Alessandro: Introduzione ad un
catalogo dei disegni di Jacopo Bassano. In: Arte Veneta, Vol. XXIII, 1969,
85 - 114; Ballarin, Alessandro: Introduzione ad un catalogo dei disegni
di Jacopo Bassano - II. In: Studi di storia dell'arte in onore di Antonio
Morassi, 1971 (b), 138 - 151; Rearick, William Roger: Biblioteca di Disegni.
Vol.VI: Maestri veneti del Cinquecento. Firenze 1976, 16; Pignatti, Terisio:
Veronese. L'Opera completa. Bd.1+2. Venezia 1976; Rizzi, Alberto: "Il
ricevimento dell ambasceria persiana" di G. Caliari. In: Quaderni della
Sopraintendenza ai Beni Artistici e Storici di Venezia, 8, 1979, 121 - 129;
Olszewski, Edward J.: The Draftsman's Eye. Late Renaissance Schools and
Styles . Cleveland 1981; 124, no.99; Pallucchini, Rodolfo: La pittura veneziana
del Seicento. Milano 1981, 22; Franzoi, Umberto: Storia e Leggenda del Palazzo
Ducale di Venezia. Prefazione di Terisio Pignatti. Venezia 1982, 250-251;
Cocke, Richard: Veronese's Drawing A Catalogue Raisonnee. London 1984; Gamulin,
Grgo: Per gli eredi di Paolo Veronese. In: Arte Veneta, Vol. XL, 1986, 160
- 163; Rearick, William Roger: Jacopo Bassano e Paolo Veronese . In: Bollettino
del Museo Civico di Bassano. N. 3-6, 1987/88, 31-39; La Pittura in Italia.
Il Cinquecento. Bd.II, 1988, 659; Donzelli, Carlo/Pilo, Crosato Larcher,
Luciana: La bottega di Paolo Veronese .In: Gemin, Massimo (Hrsg.): Nuovi
Studi su Paolo Veronese. Venezia 1990, 256 - 265; Pignatti, Terisio/Pedrocco,
Filippo: Veronese. Bd.1+2. Milano 1995; Hans Dieter Huber: Paolo Veronese.
Kunst als soziales System, Kap.3 (in Vorb.)