
erscheint in:
Gottfried
Jäger
(Hg.): "Kann Fotografie unsere Zeit in Bilder fassen?",
Bielefeld: Kerber Verlag 2004
Wenn man eine
Frage stellt, erwartet man wahrscheinlich eine Antwort. Manche Fragen aber
sind so gestellt, dass sie eher andere Fragen hervorrufen, als
Antworten zu liefern. So ist es auch hier. Fragen wir nach. Was heißt „Fotografie“?
Welche Fotografie? Schwarzweißfotografie, Farbfotografie, digitale Fotografie,
kleine Fotos, große Fotos, Dias, Ektachrome, Einzelbilder, Bilderserien?
Alles ist offen gelassen. Es macht einen großen Unterschied aus, ob ich
ein kleines Schwarzweißfoto vor mir liegen habe und danach frage, ob
es “unsere Zeit in Bilder fasst“ oder ob es sich um mit ein digital
projiziertes Farbpixelbild an einer Wand handelt. Was heißt hier „unsere
Zeit“? Was ist das – unsere Zeit? Schon alleine der Versuch, zu
sagen, was Zeit ist, ist offensichtlich komplett zum Scheitern verurteilt,
wie schon Augustinus wusste: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich
es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht.“ Dann
gibt es verschiedene Weisen, wie uns Zeit erscheint. Als Dauer, als Fluss,
als gelebte Zeit, als wahrgenommene Zeit, als lineare Zeit, als zyklische Zeit,
subjektive Zeit und objektive Zeit.

Hans Dieter Huber: Selbstporträt mit Familie, 2003
Allerdings könnte mit dem Begriff der Zeit auch der Begriff der Epoche,
der Gegenwart oder der Zeitgenossenschaft gemeint sein. Aber selbst, wenn ich „unsere
Zeit“ auf unsere Gegenwart beziehe, also den Beginn des 21. Jahrhunderts,
dann stellen sich immer noch zwei Fragen. Einmal die Frage nach dem Ort „unserer“ Zeit.
Ist hier Deutschland gemeint oder nur Süd/Nord/Ost/West-Deutschland? Ist
es Europa, ist es die ganz Welt, die mit dem Adjektiv „unsere“ gemeint
ist? Kann eine Fotografie „unsere“ Welt in Bilder fassen? Sogleich
erkennt man, welcher Unsinn sich hinter einer solchen Frage verbirgt. Welche
Welt? Meine, deine, unsere oder eure? Das macht verdammt noch mal einen himmelweiten
Unterschied. Meine ist nicht deine, und eure ist nicht unsere. Aber wer seid
ihr und wer bin ich? Wenn ich also mit meinem Körper durch die Welt laufe
und sie mit meinen Sinnesorganen wahrnehme, kann ich sicherlich sagen: Ok,
das ist meine Welt, so wie ich sie jetzt momentan wahrnehme, wie ich sie kenne,
wie ich sie erinnere, wie ich sie mir vorstelle und wie ich sie denke. Das
ist kein Problem. Meine Welt ist selbstverständlich für mich. Aber
wie kann ich einem anderen mitteilen, was meine Welt ist? Kann ich es aussprechen,
kann ich es ausdrücken, malen, zeichnen, gestikulieren, tanzen, fotografieren,
filmen? Weiß ich überhaupt, was ich tue? Und wenn ja, wo endet mein
Wissen von mir und meiner Welt, meiner Zeit? Weiß ich, wo die Grenzen
meines Bewusstseins liegen? Wie weiß ich, was ich nicht wissen kann?
Kann ich denken, was ich nicht denken kann? Was ist mit unbewusstem Wissen
und unbewussten Gefühlen? Weiß ich, dass ich ein unbewusstes Wissen
von der Welt und von unserer Zeit habe? Und wenn ja, wie kann ich dieses in
einer Fotografie darstellen? Auch unbewusst? Weiß ich überhaupt,
ob der andere mich so versteht, wie ich mich selbst verstehe beziehungsweise,
wie ich vom Anderen verstanden werden möchte. Versteht er mich so, wie
ich selbst verstanden werden möchte? Wie kann ich ihm das signalisieren,
dass ich so und nicht anders verstanden werden möchte? Wie versteht
er das nun wieder? Oder sollte ich nicht eher von dem Standpunkt einer
grundlegenden Fremdheit und Differenz des Anderen ausgehen, dem Standpunkt
des grundlegenden
Missverstehens in der Kommunikation.

Hans Dieter Huber: Der Ortler auf meinem Powerbook, 2003
Beruht Kommunikation mehr auf Missverstehen als auf Verstehen oder mehr
auf Verstehen als Missverstehen? Was heißt also hier „unsere Zeit“?
Leicht dahin gesagt. Ist meine Welt wirklich auch deine Welt? Ist meine Zeit
wirklich auch deine Zeit? Wann ist sie unsere Welt? Wann ist unsere Welt „unsere
Zeit“? Wenn sie geteilt wird, also kommuniziert wird? Ja. Communicare
heißt teilen, etwas gemeinsam machen, gemeinsam an etwas teilhaben. Was
heißt es, eine Zeit mit jemandem anderen teilen. Heißt das, Lebenszeit
mit anderen teilen? Ist das unsere Zeit, die Zeit die ich, Hans Dieter Huber,
zum Beispiel mit den anderen Autoren dieses Buches teile? Manche sind älter
als ich. Dieses Stück „unserer Zeit“ teile ich nicht mit ihnen.
Manche sind jünger als ich. Sie teilen ein bestimmtes Stück Welt
und ein bestimmtes Stück Zeit nicht mit mir, nämlich dasjenige vor
ihrer Geburt. Diese Zeit musste ich mit anderen Menschen teilen. Wir alle teilen
lediglich das Jetzt mit einander, die Gegenwart. Blicken wir in die Zukunft,
wird auch klar, dass manche sicherlich länger leben werden als ich, andere
kürzer. Ein tödlicher Unfall könnte ein junges Leben jäh
beenden. „Unsere Zeit“ ist dann vorbei. Je mehr Menschen man einbezieht,
desto weniger Sinn macht es, von unserer Zeit zu sprechen. Also bleibt nur
noch die eine Sekunde gemeinsamer Gegenwart aller Menschen auf der Erde. Wie
soll man das in einem Bild darstellen können? Durch symbolische Verdichtung,
könnte man entgegnen. Die Welt muss also auf eine möglichst verständliche
universelle Formel gebracht werden, in eine Weltformel für alle. Die Welt
muss auf den Begriff gebracht werden, sonst ist sie keine. Unsere Zeit ist
eine universelle Weltformel, in der alles Tatsächliche und alles Mögliche
zu einem repräsentativen Bild verdichtet worden ist. Damit erkennt man
den utopischen und imaginären Charakter unserer Zeit. Sie ist eine Sozialphantasie,
die unsere Gesellschaft braucht, um eine Vorstellung von Gemeinschaft zu erzeugen.
Aber was heißt, in Bilder fassen? „Bilder“ ist immerhin schon
Mehrzahl. Es ist mehr als eines gemeint. Gut. Also: Wieviele Bilder benötigt
man, um die Welt in Bilder zu fassen? Schwer zu sagen. 100, 1000. 10.000, eine
Million, eine Milliarde, unendlich viele. Bernhard von Bolzanos Paradoxien
des Unendlichen grüßen plötzlich, hämisch grinsend, durch
das Fenster herein. Auch Sartres Gedanke in Das Sein und das Nichts, da wir
niemals einen Gegenstand vollständig erfassen können, da unsere Lebenszeit
begrenzt ist, haben wir immer nur fragmentarische und unvollständige
Ansichten ein und desselben Gegenstandes in der Welt.

Hans Dieter Huber: Gernot Böhmes "Atmosphären"
auf meiner Teekanne in Müstair, Februar 2004
Was fasst eine Fotografie überhaupt ins Bild? Hängt davon ab, was
der Betrachter drauf zu sehen meint, was er zu erkennen meint, was er zu verstehen
meint? Ist das, was eine Fotografie in Bilder fasst, wirklich nur von der Meinung
des Betrachters abhängig oder gibt es wenigstens eine einzige, winzige
Eigenschaft auf der Oberfläche des Fotopapiers, die unsere Zeit physisch
fasst? Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Der innere Bildschirm
ist leer gelaufen. Ich sitze ruhig da und es rauscht. Vor meinem Fenster schneit
es. Weiße, dichte Flocken legen einen Teppich aus Stille und Achtung über
die Landschaft. Ich gehe nach draußen und verschwinde im Nebel.