Kunsthistorisches Institut Heidelberg

Hans Dieter Huber: Museen im Internet (1)

Last Update: 21.02.1997


(erschienen in Kunstchronik, Jg. 50, Heft 1, Januar 1997, S. 33/34)

Zu Beginn des Jahres 1993 hat das National Center for Supercomputing Applications (NCSA) nach mehreren Jahren Forschung und Entwicklung eine neue Software (Mosaic) vorgelegt, die die Benutzung einer graphisch orientierten Oberfläche im Internet möglich machte und in der erstmals Texte, Bilder, Töne und kleine Videosequenzen integriert werden konnten. Unter dem Namen WorldWideWeb (WWW) erlebte diese neue Benutzeroberfläche einen enormen Erfolg. Etwa alle 6 Monate verdoppelte sich die Zahl der WWW-Adressen und umfaßt zur Zeit (Dez. 96) schätzungsweise 500.000 Web-Sites. (Quelle: Mark Gray)

Die Möglichkeit, Bilder, Videos und Sounds im Internet zu präsentieren, war für einige der großen Museen ein Anreiz, eigene Web-Seiten zu erstellen. Es ist nur schwer rekonstruierbar, welches Kunstmuseum das erste war, das eine Homepage im WWW veröffentlichte. Nach ersten Recherchen könnte dies das Wiener Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig gewesen sein, dessen Homepage nach einem ersten Testlauf 1994 im Februar 1995 anläßlich der Ausstellung "Global Village" im Wiener Rathaus der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Das Jahr 1995 muß als Schlüsseljahr für die Museen im WWW gezählt werden. Eines der frühesten Museen war das Computer Museum in Boston, das zu Beginn des Jahres 1995 ans Netz ging. Dann folgte im Februar 1995 das Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig in Wien. Am 31. März 1995 wurde der Webserver des New Yorker Dia Center for the Arts offiziell der Welt zugänglich gemacht. Auch hier waren die ersten Testseiten schon seit November 1994 zu sehen. Am 14. Juli 1995 folgte dann einer der bislang wichtigsten Webserver, nämlich der des Louvre, Paris. Im August 1995 gingen das Metropolitan Museum, New York nach einer Planungspase von 9 Monaten ans Netz (8.8.95) sowie das San Diego Art Museum , denen sich im Spätsommer 1995 das Fine Arts Museum, San Francisco anschloß. Im November 1995 folgte das Art Institute of Chicago. 1996 zogen einige Länder außerhalb der USA nach,so am 30. Januar 1996 der Server der Uffizien, Florenz, gefolgt am 16. Februar 1996 vom Prado, Madrid. In einer ersten Testphase bis zum 24. Juni 1996 wurden die ersten Seiten, die man noch besichtigen kann, von der Forschungsgruppe "Grupo de Tratamiento de Imágenes" der Universidad Politécnica de Madrid betreut, bis sie dann in die Zuständigkeit des Prado übergeführt wurden. Im September 1996 gingen schließlich als vorläufig letzte die Homepage des British Museum, London und das Stedelijk Museum, Amsterdam ans Netz.

Aufschlußreich sind die überaus hohen Zugriffszahlen auf die jeweiligen Webseiten. So zählte der Louvre im November 80.645 Zugriffe, das Metropolitan Museum 63.000 Zugriffe pro Tag auf ihre Seiten. Das Computer Museum in Boston und das Fine Arts Museum, San Francisco geben ca. 25.000 Zugriffe pro Tag an, das Art Institute of Chicago ca. 10.000 , das British Museum 6-8.000 und das New Yorker Dia Center 4-5.000 pro Tag. Der Prado liegt ähnlich wie die Uffizien bei ca. 1.100 Zugriffen, gefolgt vom Museum für Moderne Kunst, Stiftung Ludwig Wien (1.000-1.500) und dem Künstlerhaus Wien (ca. 700). Man kann aber von der Zahl der Zugriffe aus nicht auf die Zahl der Personen schließen. Aus diesem Grunde hat der Louvre im September 1996 eine eigene Untersuchung durchgeführt. Danach besuchten im September 96 durchschnittlich 2.500 Besucher pro Tag die Seiten des Webservers. Im November stieg die Zahl sogar auf 4.000 (!) Besucher pro Tag. Auch wenn man die Zugriffszahlen durch den Faktor 10-20 teilen muß, um die annähernde Zahl von Besuchern ermitteln zu können, bleibt insgesamt ein überraschend hoher Durchschnitt für das noch sehr junge Medium. In einem der nächsten Beiträge werden diese Zahlen mit den Erfahrungen in deutschen Museen verglichen.

Die Besuchszahlen spiegeln die Popularität solcher Seiten im Internet. Sie bringen für den Betreiber der Seite auf der anderen Seite aber enorme Probleme mit sich. So muß er eine schnelle, leistungsstarke Leitung besitzen, da sonst viele Seiten aufgrund der langsamen Übertragungsgeschwindigkeit kaum am Bildschirm aufgebaut werden können. Die hohe Zahl an täglichen Zugriffen macht das WWW zu einem hervorragenden Werbemedium für Museen im Rahmen seiner Corporate Communication. Die Funktion solcher Webseiten kann man neben der Information über die wichtigsten Daten und Fakten vor allem in der Eignung zur Selbstdarstellung, weltweiten Präsentation und dem interaktiven Austausch mit dem interessierten Publikum sehen. Die meisten amerikanischen Museen unterhalten neben Informationsseiten über Eintritt und Mitgliedschaft Angaben über Ausstellungen und ständige Sammlung, oftmals auch ein Gästebuch und museumspädagogische Informationen.

Manche Museen wie der Louvre oder das Diacenter besitzen eine Seite mit Publikationen oder Datenbanken. Andere bieten eigene Webprojekte auf dem WWW an; wie z. B. das Dia Center for the Arts, das eigenständige künstlerische Web-Projekte von Molissa Fenley, Juan Munoz, Susan Hiller, Komar&Melamid, Hanne Darboven, Jessica Stockholder und Tony Oursler enthält, aus denen Sounds, Lieder, Videosequenzen und Texte heruntergeladen werden können. Der Louvre hat eine Demoversion in Quicktime Virtual Reality seiner neuesten CD-Rom 'Le louvre, peinture francais' auf dem Netz liegen. Eine der interessantesten Seiten ist die interaktive, mit Java Applets gesteuerte Seite "Who's Out there?" des Computer Museums in Boston, in der eine Weltkarte zu sehen ist, welche in Form blinkender Punkte alle Besucher anzeigt, die momentan über Internet in die Web Pages des Computermuseums eingeklinkt sind. Durch einen Klick auf einen der blinkenden Punkte erhält man den Nickname des Besuchers und kann sich direkt mit ihm per email in Verbindung setzen.

Zur allgemeinen Information ist noch anzufügen, daß das Deutsche Historische Museum in Berlin eine Auswahl wichtiger Museen der Welt enthält, die als erster Ausgangspunkt einer virtuellen Museumsreise zu empfehlen ist. Aus historischen Gründen wäre es sehr sinnvoll, wenn sich diejenigen Museen, die Homepages im Internet betreiben oder anlegen wollen, entschließen könnten, eine eigene Seite "History of the Museum Home Page" anzulegen, in der sie die wichtigsten historischen Daten, Stationen und Abbildungen ihrer Webseiten für zukünftige Recherchen festhalten könnten.

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