Barbara Steiner
Interview mit Oliver Hangl

In Deiner Arbeit gibt es ja einige Themen, die eine große Rolle spielen: Ich denke da jetzt an Fantasie, Fiktion...

Einer meiner wichtigsten Ausgangspunkte ist sicher die Fantasie. Mich interessieren auch ganz allgemein Menschen sehr, die der Fantasie einen Platz im Leben einräumen, sie zulassen. Z.B. die Filmstill-Bücher: Nehmen wir die Telefonszenen oder die Küsse. Wenn man solche Szenen sieht, dann wird die Fantasie total aktiviert. Das hat zum einen mit den Inhalten zu tun - sie kurbeln bereits die Fantasie an, zum anderen hängt es mit den Ausschnitten zusammen. Es sind ja nur Teile eines möglichen längeren Zusammenhanges. Bei den Filmstill-Büchern gibt es dann noch zusätzlich zu jedem Buch jeweils acht verschiedene Soundtracks von Künstler- und Musikerkollegen, die ich in Auftrag gab. Auch über die Musik wird die Fantasie in Gang gebracht, wobei ich das Zusammenwirken zwischen Bildern und Musik besonders spannend finde. Hier sind zu jedem Thema verschiedene Kombinationen möglich, wobei die Betonung auf der Möglichkeit liegt - ich nenne sie daher "possible soundtracks". Musik produziert Bilder in uns, und zwar zumeist unbewußt, es werden aber auch zur Musik Bilder erfunden, ich denke da an Videoclips. Aber wie verändert Musik die Bilder und vielleicht auch umgekehrt? Die Fantasie operiert mit Bildern, die eine sehr offene Sprache haben. Diese sind aber nicht wirklich für andere greifbar, außer sie werden sichtbar gemacht. Fiktion ist direkt an die Fantasie gekoppelt; oder anders gesagt: Jede Fantasie ist eine Fiktion. Ich imaginiere etwas, das nicht real ist, das zwar real werden kann, aber im Moment der Vorstellung nur als Projektion existiert.

Du hast einmal gesagt, daß Fiktion für Dich eine Realität ist. Wie ist das dann zu verstehen?

Erstens greift jede Fiktion irgendwie immer auf reale Erlebnisse zurück, diese werden sozusagen in die Vorstellung eingewoben. Und zweitens können Fiktionen ja reale Konsequenzen haben und somit zur Realität werden. "Total Recall": In diesem Film verliert Schwarzenegger seine Erinnerung, oder jedenfalls kann er sich nur an die jüngste Vergangenheit erinnert. Aber er träumt, er träumt von einer Frau und er träumt vom Mars, er träumt so real als wäre er schon einmal dagewesen. Seine Sehnsucht wird so stark, daß über ein Reisebüro eine mentale (fiktive) Reise auf den Mars bucht. Dabei scheint es, kommt seine Vergangenheit wieder ins Bewußtsein. Seine "Gegner" versuchen ihm einzureden, daß er sich permanent in der Fiktion befindet, aus der sie ihn - aufgrund eines technischen Defekts - nicht mehr befreien können. Kurzum: man pendelt im Film ständig zwischen Fakt und Fiktion, die Fakten entpuppen sich als fiktiv, die Fiktion wird real. Am Ende des Films, der ein sog. Happy End hat, sagt Schwarzenegger zu seiner Partnerin: Ich hoffe, ich habe das alles nicht geträumt.

Was bietet Dir die Fiktion? Du setzt sie ja ganz gezielt als Instrument ein.

Ja, das tue ich. Sie gewährleistet mir eine gewisse Freiheit: Ich kann Figuren erfinden, über die Fiktion verschiedene Rollen durchspielen. Das Spannendste am Schauspiel ist doch, daß man in Rollen eintaucht, sie temporär annimmt, aber daß dennoch immer etwas von einem selbst dazukommt. Jede Rolle ist auch von der realen Existenz beeinflußt. Z.B. ist James Bond ein anderer, wenn er nicht von Sean Connery sondern von Roger Moore gespielt wird. Umgekehrt kann eine kurzfristige angenomme Rolle das reale Leben verändern.
Mein Einsatz der Fiktion hat aber auch mit Distanz zu tun, es ist ja ein gezieltes Umgehen mit Fiktionen aus der Distanz heraus.
Ich habe vor drei Jahren eine fiktive Figur erfunden: Daniel Rose. Sie funktioniert als Rolle in meinen Filmen und Performances, die ich zunächst auch selbst gespielt habe. Das wurde mir dann allerdings zu autobiographisch rezipiert, sodaß ich sie für einen weiteren Schauspieler öffnete. Beide schlüpfen wir abwechselnd in diese Figur, die eigentlich nicht real greifbar ist, da sie nur in fiktiven Zusammenhängen existiert. Die Rolle ist dieselbe, sie wird aber verschieden gespielt. Ich agiere hier auf zwei Ebenen: einerseits als Darsteller, andererseits als Regisseur. Während ich früher beide Funktionen erfüllte, beschränke ich mich zur Zeit eher auf die Regiearbeit. Das erlaubt mir, meine Arbeit aus einer größeren Distanz zu reflektieren.
Und ich bin sehr an Kooperationen interessiert. Mit Andrea Gergely arbeite ich bereits seit Jahren regelmäßig. Sie verfolgt ihre eigene künstlerische Arbeit, aber von Zeit zu Zeit machen wir gemeinsame Projekte. Das Spannende an Kooperationen ist, daß die eigenen Vorstellungen permanent relativiert werden. Man muß einfach offen bleiben, sonst findet Zusammenarbeit einfach nicht statt.

Wie kamst Du eigentlich auf den Namen Daniel Rose?

Woody Allen hat Mitte oder Ende der achtziger Jahre einen großartigen Film gedreht: Mia Farrow, die Hauptdarstellerin, geht ständig ins Kino und bewundert den Leinwandhelden. Sein Name ist Daniel Rose. Plötzlich steigt er aus der Leinwand ins reale Leben - ihre Fantasie erfüllt sich. Eigentlich war sein wirklicher Name Danny Rose. Ich habe dann Daniel aus ihm gemacht. Einen besseren Namen hätte ich nicht finden können. Er ist sozusagen programmatisch für meine Arbeit.

Viele Leute finden Deine Filme und Performances sehr unterhaltsam - "ganz nett". Kränkt Dich das als Künstler?

Nein, an sich nicht, zumindest nicht sofort. Ich wünsche mir, daß die Leute schnell einen Zugang zu meiner Arbeit finden, da kann man zuerst ruhig auch etwas oberflächlich an die Dinge herangehen. Wenn es auf dieser unterhaltsamen Ebene bleibt, wird es allerdings zum Problem. Es wäre schade, wenn man nicht unter die Oberfläche meiner Bilder taucht, spannend genug ist es da unten ja allemal.

Ein wichtiger Aspekt ist sicher das Thematisieren von Wahrnehmung.

Ja, Wahrnehmung ist für mich ein äußerst wichtiges Thema. Ich arbeite mit sehr vielen verschiedenen Medien. Bei den Performances interessiert mich die Schnittstelle zwischen Film und Theater. Die Wahrnehmung ist grundverschieden: Das Theater operiert viel unmittelbarer, jede Aufführung weicht von der vorangegangenen ab, und es ist öffentlicher: Die Zuschauer sitzen nicht völlig im Dunkeln. Man ist sich seines sozialen Umfeldes viel bewußter, man zieht sich elegant an usw. Wichtig ist: Das Auge zoomt sich auf die Schauspieler ein. Man muß sich selbst die Details suchen, die einen interessieren, eine Großaufnahme, die das vielleicht störende Umfeld ausblendet, ist jedoch nicht möglich. Das bietet wiederum der Film. Die Kamera lenkt den Blick. Da die Wahrnehmung viel individueller ist, ist auch der Einstieg in das Medium einfacher. Abgesehen davon spielen Schnitte im Film eine große Rolle. Das ist so im Theater nicht möglich, auch wenn es im Theaterbereich mittlerweile Leute gibt, die das Filmische miteinbeziehen - wie Robert Lepage.

Umgekehrt hat Tom Stoppard - der ja Film- und Theaterregisseur ist - Elemente des Theaters in den Film integriert. Ich denke da an "Rosencrantz and Guildenstern are dead".

Stoppard hat ja zuerst das Theaterstück geschrieben und inszeniert und erst viel später einen Film daraus gemacht. Das Stück habe ich nicht gelesen, der Film ist jedenfalls Theater im Film, und zwar auf mehreren Ebenen. Stoppard spielt mit der verschiedenen Wahrnehmung der beiden Medien: er zeigt eine Schauspielertruppe, die im Film vor den anderen Figuren ein Theaterstück spielt. Das ganze basiert dann noch auf einem Theaterstück, Shakespeares "Hamlet". Hier liegt ja auch der Angelpunkt meiner Performances, die trotz ihrer Theatralität wie ein Film wirken sollen. Man könnte sie vielleicht als Live Fiction bezeichnen, doch im Unterschied zum Theater sind meine Bilder nicht wirklich greifbar.

Bei Dir sind Fiktionen auch immer als Fiktionen erkennbar. Du plädierst ja nicht für ein Abtauchen in eine private Welt in dem Sinne, daß Fiktionen das Leben erträglicher machen, wenn man die Realität ausblendet.

Das ist mir wichtig. Ich hoffe, daß man über meine Arbeit versteht, wie Fiktionen funktionieren, wie sie instrumentalisiert werden. Im realen Leben ist man doch von Fiktionen umgeben. In der Politik spielt die Fiktion z.B. eine entscheidende Rolle. Ich denke da an Zukunftsszenarien, die das Leben schöner machen sollen - wie Arbeit für alle. Jeder weiß, daß das eine Fiktion ist. Dennoch hat eine solche Vorstellung real eine wichtige Funktion. Oder im Privatleben: Verliebtsein heißt wesentlich, meine Vorstellungen auf das Gegenüber zu projizieren. Vielleicht wird manches meiner Projektion in der Folge real, anderes löst sich in Luft auf. Wenn ich weiß, wie Fiktionen eingesetzt werden, kann ich damit umgehen.
Meine Figuren wirken immer künstlich, da spüre ich bereits eine Abweichung zu realen Personen, die ich kenne. Aber es könnte solche Figuren natürlich auch in natura geben: Dann wird es interessant, weil man verwirrt würde und sich nicht mehr so klar darüber sein könnte. Das ist aber reine Hypothese.
In jedem Fall geben sich in meinen Arbeiten die Fiktionen als gebaute, konstruierte zu erkennen - entweder sofort, oder erst gegen Ende hin.
Wenn man sie immer sofort entschlüsseln könnte, wäre es bestimmt langweilig. So wird man ständig mit neuen Situationen konfrontiert.
Bei "Monday, Jan.13th" wurde zum einen über die Kulisse klar, daß es eine gespielte Szene ist - also Fiktion, zum anderen über die Stücke selbst. Im ersten Teil - also die Küchenszene - war es ein kurzes Aufblitzen einer Szene. Man wußte nicht, ob man sich nicht alles einfach eingebildet hatte. Im zweiten Teil - das Wohnzimmer - unterbrach die Stimme des Regisseurs aus dem Off die Szene, sie wurde wiederholt. Im dritten Teil - das Schlafzimmer - sah man die Synchronsprecher zugleich mit den Schauspielern.
Beim Film "lucky like....Daniel Rose" und der Performance "Jimmy" (und "Jimmy 2", die Andrea und ich in Ludwigsburg aufführen werden) wird erst gegen Ende hin klar, daß Fiktionen beschrieben werden. Jimmy gibt es nicht, er ist ein Produkt der Fantasie, dennoch ist er für die Protagonistin der beste Mann, den sie je hatte.

Das Gespräch mit Oliver Hangl wurde von Barbara Steiner am 8.1. 1997 geführt.