Barbara Steiner
Interview mit Liam Gillick

Der 'Discussion Island: A What If? Scenario - Report', an dem Du gerade für Ludwigsburg arbeitest, bezieht sich doch direkt auf die 'What If? Scenario - Objects', die Du unlängst in verschiedenen Galerien gezeigt hast. Könntest Du mehr über diese 'Objekte' erzählen?

Um besser zu verstehen, wie sich dieses Projekt entwickelt hat, erscheint es wesentlich, sich klar darüber zu sein, daß ich die Beziehungen zwischen den Objekt- und Textelementen in dieser Arbeit anders verwende als in den letzten Jahren. Ein Schlüssel zum besseren Verständnis der Arbeit liegt darin, daß wir es hier nicht mehr mit der üblichen (strukturalistischen) Auflösung der Form-Inhaltsbeziehung zu tun haben. In früheren Arbeiten - wie "McNamara" (1994) oder "Erasmus is Late" (1995) - fungierte ein Text als zentrale Idee, die zum Ausgangspunkt für unterschiedliche Situationen, Objekte oder für weitere Ideen werden konnte. Als unmittelbare Antwort auf diese Arbeiten versuchte ich dann meine Ideen eher aus dem "Mittelfeld" sozialer, politischer oder ökonomischer Strukturen (middleground) zu entwickeln, die für diese Projekte wichtig wurden. Ich begann, mich zunehmend für diesen Hang zur Projektion zu interessieren, der die Entwicklung des modernen Kapitalismus wesentlich unterstützte: Die Art und Weise, in der wir über Zukunft nachdenken, verändert die Zukunft selbst und genauso verändert die Form, in der wir unsere Vergangenheit reflektieren, was tatsächlich geschah. Desgleichen hat die Kunstkritik unsere Möglichkeit, über ein Kunstobjekt selbst nachzudenken, verändert und verfälscht. Ursprünglich habe ich die gleichen Techniken verwendet, die ich in der Vergangenheit brauchbar gefunden habe: Die Konzentration auf die Vorstellung eines "Ideenkerns" für die Entwicklung unterschiedlicher Szenarien. Aber schon bald wurde mir klar, daß diese Form über die Zukunft nachzudenken nur zu schlechter Science Fiction führt. In Anbetracht meines Interesses für das "Mittelfeld" (middleground) dachte ich, es könnte eine gute Idee sein, einige Objekte und Situationen noch vor den Texten zu realisieren. Diese Objekte könnten dann Details liefern, die andernfalls in Form von Techno-Phantasien auftauchen könnten.

Glaubst Du, daß sich die Wahrnehmung Deiner Arbeit durch die Präsentation ästhetischer Objekte verändert hat.

Ich denke, daß ohnehin alles eine eigene Ästhetik hat, ganz gleich, ob Dir ein Künstler ein Blumenbild oder etwa einen Informationsraum über die Einwanderung in Belgien bietet. Beide hätten eine Form, die verständlich wäre, verbunden mit einer Kombination von Dingen, wie etwa der Intention des Künstlers, ihrer handwerklichen Qualität, ihrer Intelligenz oder mit ihrer Fähigkeit zu kommunizieren. In diesem Sinne denke ich, daß meine letzten Arbeiten nicht ästhetischer sind als etwa eine Pinwand, nur eben anders. Ich versuche vielmehr, eine Reihe von Objekten zu entwerfen, die sich mit dieser Idee sekundärer Elemente im Leben beschäftigen: also weniger fundamentale Dinge, sondern eher Bereiche, die mit Kommunikation, Diskussion, Verhandlung oder auch mit Kompromiß zu tun haben. Vielleicht haben sich manche früher angesichts meiner Objekte etwas unangenehm berührt gefühlt haben, als wären sie von Ideen ausgeschlossen worden. Mit dem "Discussion Island" wurde die Möglichkeit einer generellen Antwort essentiell, eher Bereiche zu öffnen, bevor ich darüber zu schreiben begann. Aus diesem Grund geschah es nicht rein zufällig, daß sich die Objekte, die ich in den Galerien zeigte, sehr attraktiv darstellten - leuchtende Farben, Aluminium, Leichtigkeit, Design etc. Ich versuche bewußt, die Aufmerksamkeit von Leuten zu gewinnen, eher eine Antwort hervorzulocken als eine bereitzustellen. Wie es scheint, hat diese Idee funktioniert. Bis zu einem gewissen Grad habe ich auf diese Weise mehr Ideen gesammelt, von ganz erstaunlichen Blickwinkeln, als hätte ich nur das Resultat meines privaten Gedankengebäudes präsentiert. Andererseits muß ich sagen, daß es für mich genauso angenehm wie verstörend ist, ein Wort wie "schön" im Zusammenhang mit meiner Produktion zu hören. Nicht etwa, weil ich schöne Dinge nicht mag, sondern weil es die Leute mit einem Hauch von Überraschung in ihrer Stimme erwähnen.

Laß uns doch einmal über die Idee einer Rekontextualisierung oder Uminterpretation sprechen. Zuerst haben wir eine Art attraktiver Objekte, dann schreibst Du ein Buch, in dem Du die Wahrnehmung dieser Objekte veränderst oder neu definierst.

Wenn Du ein paar Ideen hast, gibt es viele Möglichkeiten, diese zu vermitteln. Kunst ist aber oft eher eine Frage dessen, was man nicht tun soll, als was man tun soll. Ich bin immer daran interessiert, diese kleinen Brüche oder Spalten sozialer Wirkungen zu besetzen. Ich bin aber nicht daran interessiert, Kunst als separate Form all dieser Aktivitäten, die mit ihr verbunden sind, herauszuheben. Andererseits bin ich auch skeptisch, wenn Leute behaupten, es wäre genug über die Miteinbeziehung zeitweise "kunstfremder" Gegenstände in die Galerien eine Form von Erstaunen hervorzurufen. In diesem Sinne versuche ich permanent, in einer Art "Grenzzone" zu bleiben. Für dieses Projekt habe ich mich aus einer ganzen Reihe von Gründen dafür entschieden, so zu arbeiten: Erstens habe ich bereits eine Möglichkeit zu arbeiten ausgereizt, und so wollte ich nun eine veränderte Technik ausprobieren. Zweitens erscheint mir diese Form nun als einzige Möglichkeit, die Ideen, die mich gerade interessieren, auch vermitteln zu können. Mit anderen Worten: es steckt ein funktionelles Element in diesem Projekt. Angesichts dessen, wie wir möglichst komplex auf eine Idee zugreifen können oder wie wir etwa in einer post-utopischen Situation über die Zukunft nachdenken können, muß ich darauf achten, die Arbeit nicht allzu vorauszubestimmen, zu überdeterminiereen, bevor ich noch zu arbeiten beginne. Die Objekte in einer Galerie erlauben mir, diese nicht als mindere Details einer übergeordneten Geschichte erfinden zu müssen. Daneben gibt es noch eine andere Form, die wir im Auge behalten müssen, und das ist die Art und Weise, wie diese Objekte im Zusammenhang mit dem Buch verändert werden, das aber noch geschrieben werden will. Sie erscheinen nicht als ausgereifte Schlußfolgerungen oder ironische Kommentare unserer Zeit, sondern sie bleiben flexibel, mit anderen Ideen verbunden und als Fülle von Möglichkeiten. Wären sie nur die Schlußfolgerungen oder Resultate meiner Überlegungen, würden sie ihr Potential verfehlen. Es gibt eine Art "provisorischer" Qualität von Dingen, die für mich wesentlich ist. Ich lade Leute ein, sich an deren Interpretation intellektuell zu beteiligen. Ich habe kein Interesse daran, etwas zu präsentieren und dann jemanden dazu einzuladen, sich an der Auflösung des visuellen Puzzles zu versuchen, das ich in der Galerie hinterlassen habe.

Man könnte die Idee gewinnen, daß Du Dich auf in erster Linie auf narrative Strukturen konzentrierst. D.h. Deine Arbeit - egal wie sie im einzelnen aussieht - motiviert zu verschiedenen "Leseweisen". Kannst Du - bezogen auf die Wahrnehmung Deiner Arbeit als Leseprozeß den Unterschied zwischen Information, Poetik und Ästhetik definieren?

In gewissem Sinne versuche ich viele Aspekte des Verhandelns, Aushandlens in meinen Arbeiten zu verdecken. Ich fühlte mich immer unwohl mit der Art und Weise mit der Künstler gezwungen werden, ihre Arbeit in eine Illusion von präzise begrenzten Anliegen zu zerlegen, einfach um auf Visionen und Tatkraft hinzuweisen. Ich bin nicht so daran interessiert, seriell Objekte zu produzieren, eine Angelegenheit, die für mich mit der modernen Welt verbunden ist, die für mich redundant ist. Kapitalismus funktioniert für mich auf eine dynamische Art und Weise und ist ständig in Fluß. Die Rollen werden ständig umgeschrieben und die Ziele neu definiert. Ich möchte eine solches Gebiet des Fließens zurückgewinnen, das mag Elemente des Poetischen, der informativen und reinen Äesthetik miteinschließen, aber all das ist umgeben von einem konstanten Spiel zwischen Aktivität und Analyse. Künstlern wird auch gesagt, daß es schwierig ist, in einer komplexen Umgebung zu kommunizieren, ein Grund, warum sie eine Verpflichtung fühlen, ihre Ideen durch Wiederholung und Verfeinerung zu betonen. Ich denke schon, daß die Idee des Kommunizierens wichtig ist, aber Kunst sollte nicht in den Status eines übertriebenen Mahners gleichbleibender Werte verbannt werden, selbst wenn diese Konstanten eine wiederholte Nachricht darüber sind, wie es nicht länger möglich ist, über etwas sicher zu sein. Ich bin am Begriff der Zeit interessiert, ohne notwendigerweise auf der Zeit basierende Medien zu verwenden. Deshalb gibt es die Möglichkeit eine fragmentierte Erzählung rund um meine Arbeit zu schaffen, ein Begriff über den ich mir bewußt bin, und den ich ständig zu verändern suche.

Kannst Du mir etwas über das Involviertsein in das intellektuellen Neubewerten/Neufassen einer Idee erzählen? Warum ist es so wichtig für Dich, andere Leute zu beteiligen?

Es ist nicht immer notwendig, aber es hängt davon ab, welches Stadium man in einem Projekt erreicht hat. Jetzt ist es für mich wichtig, mich einer Debatte auszusetzen, denn nun habe ich einen Punkt erreicht, bei dem ich den Projektrahmen bereits präsentiert habe, auch einige Kunstwerke, so daß ich dies auf eine andere Denkebene bringen möchte. Wenn ich jetzt nicht meine Vorstellung der Ereignisse anbiete, dann würde ich in Gefahr geraten, lose Illustrationen einer Idee zu präsentieren. Den KünstlerInnen wurde die Möglichkeit eingeräumt, kleine Räume und krause Grenzbereiche zwischen anderen Aktivitäten zu erforschen. Dieses Projekt kann sich nicht weiterentwickeln, ohne Gedankensammlung. Ich werde eine Serie von Präsentationen anbieten, die das Potential enthüllen, einen post Kunst Report zu entwickeln, ein Programm von öffentlichen und privaten Treffen, die zu Resultaten führen mögen oder auch nicht. Es handelt sich dabei aber nicht um einen interaktiven Prozess im normalen Sinn des Wortes. Es wird kein Druck auf die anderen ausgeübt, mit meinem Denken übereinzustimmen. Wenn Leute kommen wollen, und ihre Ansichten verflechten sich, dann ist es für mich fein. Auf der anderen Seite ist dies eine Einladung in die komplexen Zusammenhänge des Vorwärtsdenkens involviert zu werden, um ein Kunstwerk in einem breiteren Netz von Aktion und Reflexion zu positionieren. Andere Leute sind sowieso immer beteiligt, nur ist es jetzt so, daß die Art der Involviertheit jetzt transparent ist.

Dein Projekt für Ludwigsburg ist auf verschiedenen Ebenen angelegt: Zuerst gibt es einen Vortrag, der eine Art Einführung in Deine Grundideen darstellt, im April findet dann ein erstes Treffen mit Leuten statt, die an einer Zusammmenarbeit interessiert sind. Später gibt es dann ein Buch, vielleicht wirst Du im Dezember auch einige der "WIS?Objekte" zeigen. Dein Projekt splittet sich auf, besteht aus einer Menge gleichwertiger Teile. Selbst wenn Du Objekte herstellst, haben diesen einen anderen Stellenwert, funktionieren sie im Rahmen eines größeren Konzepts. Deine Annäherung scheint sehr strukturell.

Es ist wichtig für mich, verschiedene Zugangsebenen zur Arbeit anzubieten. Es sollte möglich sein, sich jederzeit zu beteiligen. Noch gibt es diesen Wunsch, das ganze Netz der Widersprüche und Sehnsüchte, die in einem konstanten Fluß in jedem besonderem Moment der Ausstellung existieren, anzuerkennen. Es würde nicht ausreichen, in jeder Situation nur prozeßhafte Projekte zu präsentieren, genauso wie es ungenügend wäre, sich ausschließlich in interaktiven Situationen zu engagieren. Ich bin nicht davon überzeugt, daß in meiner Arbeit Strukturen besonders wichtig wären, aber möglicherweise läßt der potentielle Zugang zu einem Netz eines umfassenden sich selbst generierenden Umfelds strukturelle Anliegen bedeutend erscheinen. Es gibt viele Situationen, in denen ich ein Einzelobjekt präsentiere, aber die Funktion dieses Objektes verändert sich oft. Ich verändere jedesmal den Punkt in jedem Denken, das ich wähle, wenn ich etwas einem breiteren Publikum anbieten möchte. Wir halten nicht immer nach der Schlußfolgerung Ausschau, aber dann sehen wir nicht immer den Beginn. Ich denke, es ist dieser Technik zuzuschreiben, daß die Vorstellung einer Struktur so bedeutend wird. Ich würde es vorziehen, meinen Arbeitsprozeß in Zusammenhang mit der Notwendigkeit zu sehen, ständig die Punkte der "kleinen Beschlußfassung" zu redefinieren. Dieser Prozeß hat bereits begonnen. Ich bin nicht daran interessiert, Ursprünge oder Endpunkte zu definieren. Das sind zwei Sehnsüchte, die KünstlerInnen dieses Jahrhunderts hatten, die meiner Meinung nach zu einer zunehmenden Störung der Kunst als nützliches Angebot für Untersuchungsvorschläge führten. Alles ist selbstreferentiell. Es gibt keine logische sich selbst unterstützende Struktur, mehr gelegentliche Entscheidungen etwas auszuscheiden, um voranzuschreiten. Vor ein paar Jahren präsentierte ich etwas in Zusammenhang mit dem Buch "Erasmus is Late". Ich konstruierte einen größeren Tisch und plazierte eine Kopie des Buches auf den Tisch, daneben Begleitmusik, die im Titel und der Lyrik zur Zeit, die ich im Buch beschrieb, paßten. Ein quasi Greenberg verpflichteter Kunstkritiker bot mir seine Deutung des Werkes an: er schlug mir vor, daß es notwendig sein könnte, das Buch in Zusammenhang mit dem Tisch zu verstehen. Offensichtlich braucht man auf einer Ebene kein Buch, um einen Tisch zu begreifen, aber auf der anderen Seite, wenn du wirklich etwas über Tisch wissen willst, würde ein Buch ohnehin nie genug sein, so oder so. Der Punkt ist, daß der Kritiker dabei blieb, die Arbeit als eine fertige Einheit von Ideen zu betrachten anstelle die möglichen Überlagerungen und verschiedenen Grade der Kommunikation anzuerkennen. Wenn irgendetwas in meiner Arbeit antistrukturell ist, dann in dem Sinn, daß es keine einheitliche Logik aller Elemente eines besonderen Elements gibt. Zu allen Zeiten lösen sich Elemente los und beinflussen die Lesbarkeit der Arbeit. Mein Interesse an der Zeit und dem Mittelgrund garantiert, daß Hierarchien korrupt, aber nicht in eine zwecklose strukturelle Gleichheit gepreßt sind.

 

Das Gespräch mit Liam Gillick wurde von Barbara Steiner am 20.2.97 geführt.