Barbara Steiner
Interview mit Plamen Dejanov & Swetlana Heger

Die Vermietung von ästhetischen Objekten bildet eine zentrale Grundlage Eurer Arbeit. Ihr benützt u.a. ökonomische Prinzipien. Gibt es Voraussetzungen, die entscheidend waren für Euer Interesse an wirtschaftlichen?

Dejanov: Unser Interesse hat sich in erster Linie kontinuierlich aus früheren Projekten entwickelt. Die Zusammenarbeit mit Firmen war dabei entscheidend und produktiv.

Heger: 1994 haben wir z.B. anläßlich einer Gruppenausstellung ein Reisebüro gegründet. Wir boten ein Ferienhaus zur Vermietung an, das man im Koffer überall hin mitnehmen konnte.

Habt Ihr das Haus selbst gebaut?

H: ...in Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen. Dieses Verhandeln mit jemanden, der mit Kunst nichts zu tun hat, hat unsere Arbeit bereichert.

D: Wir haben in der Ausstellung ein Modell aufgebaut, darin ein Video gezeigt, das alle Geschäftspartner vorstellte, mit denen wir zu tun hatten, bis hin zu Lauda Air, die potentielle Interessenten mit dem Haus an ihre Urlaubsorte bringen sollte. Es war auch geplant, dass wir bei jeder erfolgreichen Buchung Prozente bekommen.

Das heisst vom Prinzip her, war Eure künftige Arbeitsweise damals schon angelegt: die Kooperation mit Firmen, eine Gewinnbeteiligung, eine Vermietung. Wie hat sich das weiterentwickelt?

D: Später planten wir ein Projekt, wo wir die Freiräume, die Lücken einer Stadt in eine Wohnung umwandeln wollten. Diese Wohnung bestand nicht aus einem Stück, sie war auf einen ganzen Stadtraum aufgeteilt, d.h. Wohnzimmer, Schlafzimmer etc. getrennt. Insgesamt kamen wir auf eine Wohnung von 600 m2, die wir in der Zeitung inserieren und zur Vermietung anbieten wollten. Die Wohnung hatte sogar eine Terasse.

H: Was uns bei diesem Projekt interessiert hat, war die Tatsache, dass die Innenräume sich im Prinzip in den Aussenräumen befanden. Öffentliche und private Bereiche wurden dadurch mitsammen verknüpft.

D: Wir hatten auch die Idee zum Wohnungs- bzw. Zimmertausch, so in der Art: Tausche Wohnzimmer im ersten Bezirk gegen Schlafzimmer im zweiten.

H: Leider konnten wir das Projekt aus finanziellen Gründen nicht realisieren.

Wie sah das Projekt FOR RENT in Los Angeles aus?

H: Das Österreichische Museum für angewandte Kunst (MAK) hatte 1996 ein Haus des Architekten Rudolf Schindler in Los Angeles erworben. Anlässlich der Eröffnung des MAK Centers wurden Künstler eingeladen, die Garagen im Hinterhof des Hauses zu bespielen.Wir hatten einen Teil eines aus mehreren Räumen bestehenden Ausstellungsortes an Interessierte vermietet. Durch die Vermietung ist es uns gelungen, diesen Ausstellungsort, der eben damals ganz neu war, in die dortige Szene zu integrieren. Wirtschaftlich gesehen hatten wir es eher mit einer Art Umwegrentabilität zu tun. Es war eine PR-Massnahme, wir haben das MAK als eine Firma betrachtet.

Gab es bestimmte Kriterien an wen Ihr vermietet habt? Wer wollte es überhaupt mieten?

D: Wir wollten die Kriterien so weit als möglich offen lassen, um selber zu testen, welche Bereiche aus der Gesellschaft und Ökonomie sich für eine Kooproduktion mit künstlerischen Strukturen interessieren.
Es bestand ein grosses Interesse. Es wurden z.B. Partys veranstaltet, Lesungen abgehalten, Musik gespielt, Filme gezeigt, sogar Modefotografien aufgenommen, KünstlerInnen haben auch ausgestellt.

Dann wurdet Ihr nach Norwich eingeladen und habt Plakatwnde vermietet. Wie wurde dieses Projekt aufgenommen?

D: Obwohl wir für eine Museumsausstellung eingeladen wurden, haben wir uns entschlossen, ein Projekt im Stadtraum zu realisieren. Billboards haben sich dabei als geeignetstes Medium erwiesen.

H: Insgesamt haben wir 11 Plakatflächen in monochromen Farben angeboten. Durch die Gestaltung konnte man sie von den üblichen Plakatwänden unterscheiden. Die Stadt Norwich hat die Genehmigung zur Installation der Billboards nur unter der Auflage erteilt, diese keinen politischen Gruppierungen zur Verfügung zu stellen.In diesem Sinn war die offizielle Einschränkung ein Hinweis auf die implizierte politische Bedeutung unseres Projektes.

D: Die Möglichkeit, die Plakatwände zu mieten, wurde in den Tageszeitungen annonciert. Auf dieser Weise konnten wir den üblichen Kreis des Museumspublikums einfach und effizient erweitern. Die Interessenten hatten die Option, anstelle der Miete ihr Lieblingsbuch oder ihre Lieblings-CD im Museum zu hinterlegen. So wurde das Museum selbst zu einem temporären Archiv individueller oder öffentlicher Interessensgebiete.

D: Es haben sich aber kuriose Probleme ergeben. Die Überlegung etwa, welches Buch, welche CD man abgeben sollte, hat die Beteiligten sehr beschäftigt. Auch kam ein soziales Interesse ins Spiel: Man war daran interessiert, was der Nachbar, was Bekannte abgegeben haben. Es hat sich eine eigene Dynamik aus der Vermietung heraus entwickelt. Die meisten haben uns auch angerufen und gefragt, was wir gerne hätten, wir sollten ihnen sozusagen die Entscheidung abnehmen. Ich denke, dass manche lieber Geld für die Vermietung gezahlt hätten als sich diesem Entscheidungsprozess auszusetzen.

In der Wiener Secession habt Ihr dann aber Geld verlangt?

H: In der Wiener Secession haben wir uns dafür entschieden, eine Plattform als zu mietende Präsentationsfläche anzubieten. "Der Standard" -eine österreichische Tageszeitung- hat die Plattform gemietet und uns im Gegenzug ermöglicht, unser Projekt zu annoncieren. Das Konzept bestand darin, aus den Einnahmen eine Sammlung mit Werken junger internationaler KünstlerInnen aufzubauen, die ein ähnliches inhaltliches Anliegen verfolgen.

D: Zuerst hatten wir eine Arbeit von Rirkrit Tiravanija gekauft. Dabei handelte es sich um ein Rezept für eine thailändische Wurst, die wir dann bei einem Metzger erzeugen liessen und im Cafe der Secession als Tagesteller anboten. An dem Verkauf dieser Speise waren wir mit 30% beteiligt, die wir wieder in neue Anschaffungen investiert haben. Durch andere Mieter, wie z. B. die Buchhandlung Minerva, Melzer Copy Shops, Eckl GmbH oder KünstlerInnen wie Pearl, Taft Green etc. konnten wir im Laufe der Ausstellung noch Arbeiten von Jorge Pardo, Jeremy Deller, Charles Long & Stereolab ankaufen. Geplant waren noch ein T-Shirt von Philippe Parreno, ein Schrank von Jason Rhoades sowie ein "Happy Sack" von Angela Bulloch. Der Arbeitsaufwand in der Secession war enorm. Wir mussten ständig anwesend sein, die Mieter betreuen, Bedingungen aushandeln, Kunstwerke aussuchen, mit den Galeristen in Kontakt treten, Inserate gestalten und aufgeben...

Das Ästhetische spielt in Eurer Arbeit ja eine wesentliche Rolle. Warum ist Euch das Aussehen der Dinge so wichtig? Ihr vermietet ja nicht einfach irgendetwas, es ist stets ein äusserst ansprechendes Objekt.

D: Die Ästhetik spielt eine wesentliche Rolle. Unsere Objekte sind gewissermassen auch "Eye-Catcher", um es in der Sprache der Werbebranche auszudrücken.

H: Wir wollen den Interessenten etwas bieten. Eine Firma, die Geld investiert, will eine Gegenleistung. Sie haben kein Interesse an einem Messestand, denn das können sie überall haben. Minerva, die Buchhandlung, die sich auf unserer Plattform in der Secession einmietete, hat selbst ein sehr sorgfältig designtes, ansprechendes Geschäft. Sie waren in erster Linie von der Plattform begeistert.

D: Abgesehen von der Ästhetik ist uns auch wichtig, dass das Service stimmt. Wir haben das sehr ernst genommen, wir haben den Mietern von unserer Arbeit erzählt, sie eingebunden, bestimmte Dinge mit ihnen zusammen entwickelt, ihnen nach dem Projekt Dias zukommen lassen usw.

Was habt Ihr in Las Vegas gemacht?

H: Wir waren zu einer Ausstellung eingeladen, die im Rahmen eines Symposiums mit Jean Baudrillard in einem Casino-Hotel stattfand. Unser Projekt "King Sized (Circa)" bestand darin, ein Hotelzimmer zu vermieten, in dem wir die Betten mit ausgewählter Bettwäsche (in monochromen Farben) überzogen haben. Wer dieses Zimmer zu einem speziellen Preis mietete, konnte die Bettwäsche, eine Art Multiple, am nächsten Morgen mitnehmen. Die Leute haben unsere Arbeit gekauft, in ihr geschlafen. Wir waren sehr erstaunt darüber, dass alle "Mieter" die Bettwäsche mitgenommen haben.

Wie sieht Euer Projekt für Ludwigsburg aus?

D: Ich möchte zunächst einmal sagen, dass wir froh sind, diese Gelegenheit überhaupt bekommen zu haben, ein Jahr lang an einem Projekt zu arbeiten. In der Secession hat man schon gesehen, dass der übliche Ausstellungszeitraum einfach zu kurz ist. In Ludwigsburg finden wir ideale Voraussetzungen für unsere Arbeit.

H: Wir installieren hier eine Plattform, die wir wieder zur Vermietung anbieten. Mit den Einnahmen wollen wir eine Filiale des Kunstvereins in Berlin eröffnen.

Wieso Berlin?

D: Berlin ist gegenwärtig einfach die wichtigste Stadt für Kunst.

H: ...nicht nur für Kunst, generell handelt es sich um eine der interessantesten Städte Deutschlands. Wir wollten aber ursprünglich einfach die Handlungsmöglichkeiten des Kunstvereins erweitern, das Programm publik machen.

D: In Ludwigsburg selbst wäre eine Filiale sinnlos, denn da gibt es ja den Kunstverein. Stuttgart bringt auch nichts, es ist zu nah; die Leute aus Stuttgart können auch nach Ludwigsburg fahren. Mit Berlin ist das anders, da können die Leute nicht einfach so schnell nach Ludwigsburg kommen.

H: Wir finden das Programm hier interessant, also wollen wir es verbreiten.

In Berlin werden zwar gegenwärtig wichtige Dinge dikustiert, aber interessant arbeiten kann man auch anderswo. Darauf wollen wir aufmerksam machen.

Wie sieht die Filiale aus, was soll dort stattfinden?

D: Zunächst ist zu sagen, dass es sich bei der Filiale um einen Wohn- und Arbeitsraum handeln wird. Wenn das Jahr 97 zu Ende geht, wird die Niederlassung in Berlin eröffnet, dessen Einrichtung wir aus parallel laufenden Ausstellungen wie z. B. in Luzern und Wien finanzieren wollen. Mit dem Projekt hoffen wir, die Mikrostruktur unserer Arbeiten auf die Makrostruktur institutioneller Praktiken zu übertragen, d. h. die Einbindung unterschiedlicher Interessen auch für einen geographisch erweiterten Raum ermöglichen.

D: Wir interessieren uns in diesem Zusammenhang auch für spezifische Mechanismen von Kunst, den Kunstmarkt, denn da spielen ökonomische Prinzipien ohnehin immer eine grosse Rolle.

H: Vom Programm her stellen wir uns vor, dass die Räume von Leuten aus unterschiedlichen Bereichen genutzt werden. Wir finden, dass Du in jedem Fall beginnen solltest.

Das Gespräch wurde am 21.3.1997 von Barbara Steiner geführt.