Jan Winkelmann
life/live. La scène artistique au Royaume-Uni en 1996, de nouvelles aventures
Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris

 

Das unabwendbare Schicksal einer jeden Großausstellung scheint zu sein, daß sie in der Vielfalt ihrer visuellen Eindrücke zuallererst einmal an einen Jahrmarkt erinnert. Das gilt auch für die von Laurence Bossé und Hans-Ulrich Obrist konzipierte Ausstellung life/live im ARC in Paris. Die Vernissage stellte bereits einen kaum zu überbietenden Höhepunkt der ambitionierten Schau dar. Sehr geschickt war der Eröffnungstermin gelegt: am ersten Wochenende der FIAC war damit zu rechnen, daß es voll wird. Das Museum schien vor Besuchern geradezu zu platzen. Einige der wichtigsten Größen im internationalen Kunstzirkus waren eigens zu dieser Veranstaltung angereist. Beim anschließenden Büffet im Souterrain bot sich ein eigenartiges Bild: mehr oder weniger fein säuberlich nach Zünften getrennt amüsierten sich Museumsleute, Galeristen und Künstler jeweils unter sich. Dieses Schauspiel war nicht nur lustig anzusehen, es spiegelte auch sehr treffend wieder, was sich zwei Stockwerke darüber abspielte. Eine Großausstellung, die in Wirklichkeit vier kleine sind. So wie dort die Nähe zur Alltagswirklichkeit, das Leben an sich, und seine unterschiedlichen Aspekte und Ausprägungen einen übergeordneten konzeptionellen Rahmen bot, wurde bei dem anschließenden Fest durch das alltägliche Bedürfnis nach Nahrung und durch die mit der kollektiven Nahrungsaufnahme verbundenen Kommunikationsrituale, eine weniger inhaltliche, dafür aber um so unterhaltsamere Plattform geboten.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Vor drei Jahren hatte das ARC beschlossen, eine große Übersichtsausstellung aktueller Kunst aus Großbritannien zu organisieren. Hier mag nun die Frage erlaubt sein, warum dies ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt als notwendig, bzw. sinnvoll erachtet wird. Um die Antwort gleich vorweg zu nehmen, es ist zwar nicht unbedingt notwendig, jedoch aber durchaus sinnvoll, da die britische Kunstszene momentan so frisch, vital und dynamisch wie keine zweite auftritt. Von der Unmöglichkeit einmal abgesehen, Kunst unter geographischen, bzw. nationalen Gesichtspunkten gegeneinander abzugrenzen, bzw. darunter zu subsumieren, kommt man nicht umhin, festzustellen, daß in Großbritannien gegen Ende der 80er Jahre eine höchst interessante und eigenwillige Entwicklung eingesetzt hat. Eine junge Generation von Künstlern erkannte die Notwendigkeit, über ihre eigene künstlerische Produktion hinaus, aktiv werden zu müssen, damit ihre Arbeiten an die Öffentlichkeit gelangen. Vor allem in Glasgow und London wurden mit einer Art kämpferischer "do-it-yourself"-Haltung neue Vermittlungsstrukturen geschaffen. Man organisierte ­ meist an alternativen Orten ­ Ausstellungen, und gab Publikationen und Zeitschriften heraus. Von Künstlern selbstverwaltete sogenannte Artists Run Spaces schossen im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden. Plötzlich verstand man sich nicht mehr nur als Künstler, sondern war gleichzeitig Kurator, Kritiker und Galerist in einem. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, was den anfänglichen Enthusiasmus zusätzlich beflügelte. Der demokratische Charakter dieses lebendigen Professionalismus zeigte sich auch darin, daß man sich nicht als eine Art Opposition und Konkurrenz zu den traditionellen und etablierten Institutionen verstand. Zahlreiche Künstler der Gründungsgeneration, wie beispielsweise Christine Borland, Douglas Gordon und Damien Hirst genießen mittlerweile internationales Renommee und eine zweite "Garde" ist bereits in die Fußstapfen der ersten getreten.

Die Ausstellung ist in vier Abteilungen unterteilt, um die eben erwähnte Komplexität der britischen Szene darzustellen. Neben einzelnen künstlerischen Positionen werden auch die von Künstlern selbst geschaffenen Vermittlungsstrukturen, in erster Linie sind dies Artist Run Spaces und Kunstmagazine, präsentiert. Den größten Raum nehmen ausgewählte Arbeiten von 16 Künstlern (u.a. Borland, Bulloch, Chapman, Gordon, Hatoum, Taylor-Wood) ein. Hier wird am offensichtlichsten deutlich, wie dem kollektiv-globalen und utopischen Ansatz vieler Künstler der 60er und 70er Jahre, die sich mit der Verschränkung von Kunst und Leben beschäftigten, eher fragmentarische, weniger kollektive, dafür aber um so individuellere Ansätze gegenübergestellt werden. Die inhaltliche Spanne reicht von Themen aus dem persönlichen und familiären Umfeld (Billingham), bis hin zu gesellschaftlich übergreifenden Problemfeldern (Metzger). Einige der Künstler überschreiten Grenzen zu anderen gesellschaftsrelevanten Disziplinen, wie Christine Borland, die sich anthropologischer Methoden bedient, oder Douglas Gordon, der auf neurologisch-medizinische Versuche zurückgreift oder Mona Hatoum, die die biologische und psychologische Integrität des Betrachters in Frage stellt. Es ist erstaunlich, daß die materielle Umsetzung ebenso vielfältig erscheint, wie die einzelnen künstlerischen Positionen. Es werden sowohl neue Technologien genutzt, wie auch traditionelle künstlerische Techniken, was dazu führt, daß einige der Arbeiten ebenso ephemer und flüchtig wirken, wie anderere imposant in ihrer materiellen Präsenz.

Neben diesen Einzelpositionen wurden acht Artist Run Spaces eingeladen, eigene kleine Ausstellungen zu organisieren und damit ihre Institution zu präsentieren. Einer der beiden Katalogbände ist der Dokumentation der Entwicklung dieses ausgesprochen britischen Phänomens der Artist Run Spaces gewidmet. Im hinteren Teil des Stockwerkes werden in diesen Mini-shows fast ausnahmslos junge, weniger bekannte Künstler gezeigt. Hier weht auch gleich ein weniger institutioneller, denn anarchistisch anmutender Wind. Ein kunterbuntes optisches wie akustisches Durcheinander überwältigt und verwirrt den Betrachter. Es fällt schwer die Einzelteile, d.h. die einzelnen ARS, von einander zu trennen, da nicht selten die Präsentationen, wenn sie nicht durch räumlich-architektonische Vorgaben getrennt sind, nahtlos ineinander überzugehen scheinen. Wesentlich aufgeräumter wirkt dagegen der sogenannte "Kiosque" gleich nebenan. Mehr als 20 britische Kunstmagazine liegen hier auf einem Regal fein säuberlich nebeneinander und geben einen Einblick in die vielfältige Printmedien-Landschaft Großbritanniens. International erhältliche Zeitschriften wie Frieze und Art Monthly sind hier ebenso vertreten, wie weniger bekannte in niedrigen Auflagen, die zum Großteil auch von Künstlern verlegt werden. Ein Stockwerk tiefer, im Dufy-Raum, der von Angela Bulloch gestaltet wurde, sind auf neun Monitoren Künstlervideos zu sehen. Gemütlich in einem der neun riesengroßen, roten Bean-bags lehnend, sieht man Gilbert & George zu, wie sie sich gegenseitig ihre eigenen "Zehn Gebote" vortragen, oder beobachtet Sarah Lucas, wie sie in fast stoischer Ruhe langsam und genüßlich eine Bratwurst und eine Banane verspeist. Von Damien Hirst erfährt der Betrachter in dem für das do-it-tv-Projekt des museum in progress produzierten und vom österreichischen Fernsehen indizierten Video, wie er im einzelnen vorgehen sollte, um sich mit einem Revolver am gründlichsten zu erschießen.

Aufgrund der räumlichen Aufteilung wirken die vier Einzelabteilungen, trotz der übergeordneten inhaltlichen Konzeption von life/live, all zu sehr wie eigenständige, abgeschlossene Territorien. Ebensowenig wie bei den eingangs erwähnten einzelnen Gruppen am Büffet, findet auch hier untereinander kaum ein Austausch statt. Dennoch ist es das Verdienst von Bossé und Obrist, daß sie der oben ausführlich geschilderten Entwicklung in Großbritannien mit dieser Ausstellung erstmals umfassend Rechnung tragen. Es erscheint jedoch etwas befremdlich, daß dies ausgerechnet im Ausland geschieht und nicht etwa im Land des Geschehens selbst. Vor diesem Hintergrund kann man sich des leicht bittersüßen Geschmacks einer gezielten Vermarktung im Sinne von "Junge britische Kunst: ein erfolgreicher Exportschlager" nicht erwehren.

 

(Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift Metropolis M. Tijdschrift over hedendaagse Kunst, Nr. 6 - Dezember 1996 in holländischer Sprache veröffentlicht)