Bahnwärterhaus/Galerie der Stadt Esslingen 21. Juli - 29. September 1996
Das Bahnwärterhaus und die Villa Merkel zählen zu den interessantesten
Ausstellungsräumen im Süden Deutschlands. Kaum 10 Minuten mit
der S-Bahn von Stuttgart entfernt, liegt direkt hinter den Bahngleisen die
ehemalige Villa des Textilfabrikanten Oskar Merkel. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts
im Stile des Neorenaissance erbaut, dient sie nicht mehr als Wohnhaus, sondern
seit den 60er Jahren als Ausstellungsraum der Galerie der Stadt Esslingen.
In der Gründerzeit galt es als schick, nicht nur am Stadtrand, im Grünen,
zu wohnen, sondern Merkel hatte seine Villa ganz bewußt in unmittelbarer
Nähe zu den Bahngleisen errichten lassen, da dies symbolisch die Mobilität
und Innovationskraft seiner Textilfabrikation zum Ausdruck brachte.
Auf dem gleichen Grundstück, nur 50 Meter Luftlinie von der Villa
Merkel entfernt, liegt das ehemalige Bahnwärterhaus. Als eine Dependance
wird sie von der Galerie der Stadt Esslingen "bespielt". Neben
einer Stipendiaten-Wohnung befinden sich auf zwei Stockwerken vier Ausstellungsräume,
die sich für Einzelpräsentationen hervorragend eignen. Renate
Damsch-Wiehager, die Leiterin der Galerie der Stadt Esslingen, stellt hier
seit Jahren interessante jüngere künstlerische Positionen vor,
die bisher im Raum Stuttgart noch nicht zu sehen waren.
Neben dem Holländer Cor Dera, der im Frühjahr 1996 mit hintergründigen
Installationen von Tierbildern beeindruckte, wird mit Eran Schaerf innerhalb
eines Jahres ein weiterer Künstler aus dem Benelux-Raum -Schaerf ist
zwar in Israel geboren, lebt aber in Brüssel- gezeigt.
Die Ausstellung "Re-enactment" baut substantiell auf Schaerfs
Installation "Zaun-Town", die 1995 im Frankfurter Portikus zu
sehen war, auf. Hier wie dort bilden einfache Holzpaletten das, im wahrsten
Sinne des Wortes, Grundgerüst der Ausstellung. Meisterlich weiß
Schaerf die konventionelle Anlage der Räume im Bahnwärterhaus
sich anzueignen, um sie mit den Paletten zum begehbaren Laufsteg (Erdgeschoß),
bzw. im 1. Stock zu einer Art Bühne umzufunktionieren. Schaerfs Installation
lässt sich hier nicht auf eine Vorgehensweise zurückführen,
die sich direkt auf die Geschichte des Ausstellungsortes und seine kulturelle
und soziale Identität bezieht. Obwohl dies in früheren Installationen
sehr oft der Fall war, geht Schaerf hier weniger assoziativ vor.
Auf den ersten Blick wirken beide Installationen wie eine Ansammlung
unsystematisch zusammengetragener Gegenstände und Materialien. Man
findet verschiedene Stoffe, wie einen zartblauen Vorhang, oder orangefarbene,
bedruckte Stoffbahnen, die auf dem Boden liegen, Modeschmuck aus Glasperlen,
auf weißes Papier gedruckte Textfragmente, Photos in allen Variationen,
Displays wie sie in Schaufenstern von Modegeschäften zu sehen sind
etc.
All dies wirkt zunächst als heterogenes Bild vielfältiger Einzelteile
verwirrend. Der ungeübte, mit Schaerfs Werk nicht näher vertraute
Betrachter muß sich zwangsläufig überfordert fühlen.
Es ergibt sich kein schlüssiger, schneller Zugang, da sich der Bedeutungsgehalt
der Einzelteile nur schwer entschlüsseln läßt. Jedes Ding
hat zwar eine bestimmte Bedeutung, doch ist dieser Inhalt dem Objekt nicht
fest eingeschrieben, d.h. er variiert von Installation zu Installation.
Schaerf nutzt seinen Objekt-Fundus um die einzelnen Elemente für jede
Ausstellung neu zu arrangieren, inszenieren und zu kombinieren. Jede Anordnung
ist nur eine mögliche unter zahlreichen anderen Varianten. Nicht nur
die Zuordnung der Objekte ändert sich, sonder auch deren Sinngehalt.
Am sinnfälligsten könnte dieses Vorgehen beschrieben werden mit
dem Verhältnis von Wörtern innerhalb eines Satzes. Jedes Wort
hat eine Bedeutung für sich. In der Aneinanderreihung eines Satzes
kann jedes Wort verschiedene, jedoch nicht unendlich viele Bedeutungen annehmen.
Betrachtet man den Satz als Ganzes, ergeben sich sowohl für dessen
Einzelteile, wie auch für das Gesamte neue Inhalte und Sinnzusammenhänge.
Schaerf nutzt sein Inventar wie die Wörter einer Sprache. So können
sie als beides gesehen werden, als konkretes Material und als Metapher.
Beide sind jeweils abhängig von ihrem Kontext, d.h. von ihrem Bezug
zueinander. Indem er für die Installation im Bahnwärterhaus hauptsächlich
auf ältere Arbeiten zurückgreift, erreicht er eine situative Anbindung
der einzelnen Werke untereinander, bzw. die Verknüpfung der Einzelteile,
führt zu einer Anreicherung von Bedeutung für das einzelne Werk
im Gesamtzusammenhang. In diesem Sinne kann auch der Titel der Ausstellung
"Re-enactment", übersetzt mit Neuinszenierung oder Wiederaufführung,
verstanden werden.
Die einzelnen Räume des Bahnwärterhauses sind ausschließlich
über Paletten, die, wie oben erwähnt entweder als Laufsteg, oder
als Bühne angeordnet sind, begehbar. Der Betrachter betritt sie und
erkennt sich als Teil des Ganzen wieder, da er sich darauf und nicht davor
oder daneben befindet. Demnach muß er sich auch aus den vorgegebenen
Einzelteilen der Sinn des Stückes selbst zusammensetzen. Die Komplexität
von Schaerfs Installation läßt sich nur schwer durchdringen.
Offensichtlich spielt neben der Auseinandersetzung mit den Grundbedingungen
und dem Bedeutungsumfeld von Sprache und Begriffen der Austausch von kulturellen
Identitäten und Werten eine wichtige Rolle. So sind zwischen den Fugen
der Paletten Papierbahnen mit Strophen eines afrikanischen Volksliedes zu
finden, das Träume vom Auswandern nach Frankreich besingt. Der Bruch
zwischen Vorstellung und Wirklichkeit wird erst richtig bewußt, wenn
man sich vor Augen hält, daß die Welt für viele Afrikaner
in Frankreich die Wirklichkeit in der Fremde nicht ganz so rosig aussieht,
wie die romantische Vorstellung von einer besseren und heilen Welt, bzw.
Zukunft vorgibt.
In Schaerfs Symbolwelt kommt Stoffen insofern eine zentrale Bedeutung
zu, da sich durch sie die Verschiedenheit kultureller Lebensformen am augenfälligsten
zeigen läßt. Sie treten immer wieder und in vielfältigster
Art auf. Sei es als sorgsam mit unzähligen Falten drapierter hellblauer
Vorhang, der den Raum in Bühne, bzw. Backstage-Bereich trennt. Sei
es als fabrikneuer mit Worten bedruckte Schnittmuster-Bahnen, als do-it-yourself-Baldachin
oder als Schleier auf einem collagierten Modephoto. Beispielhaft kann von
den Besuchern anhand verschiedener Stoffe auf einem Tisch nachvollzogen
werden, wie aus dem schwarzweißen Muster eines arabischen Gebetstuches
ein modisches Muster für die Kollektion eines französischen Couturiers
wird. Symptomatisch wird hier der mögliche Wandel zwischen einem Wert
als Kulturgut einerseits und Ware andererseits deutlich.
Eran Schaerfs Installationen in ihrer multikulturellen Mischung aus Einzelteilen
umschreiben die Grenzen eines sozio-kulturellen Systems. Indem sie sich
aus der Modewelt der Haute-Couture, ebenso wie aus dem Ramschladen oder
von der Müllhalde zusammensetzen, nehmen sie Bezug auf die sozialen
Grenzbereiche einer Gesellschaft, ohne dies im Sinne einer Kritik an einem
Gesellschaftssystem verstehen zu wollen. In dieser Komplexität bleiben
sie dennoch nach vielen Seiten offen für verschiedene Interpretationsansätze.
So geben sie ein Bild der pluralistischen Welt wieder, ohne auf erzählerische
und assoziative Momente zu verzichten.
Kommentare, Anregungen, Kritik bitte an: Jan Winkelmann
First upload: 03.11.1996
Last alteration: 04.04.1997